I AM LOVE

Eine Hochglanzschmonzette - edel, erlesen und langweilig

Emma Recchi ist die Gattin eines Mailänder Tuchindustriellen, deren Leben sich allein um Diners, Empfänge, Feiern und Feierlichkeiten zu drehen scheint. Alles ist schön, alles ist vollendete Ästhetik in ihrem Leben.

Die Familie wird bestimmt vom Patriarchen Eduardo Recchi sr. (Gabriele Ferzetti), der sowohl seinem Sohn Tancredi (Pippo Delbono) – Emmas Ehemann – als auch dessen Sohn Edoardo jr. (Flavio Parenti), das Erbe und damit die Verantwortung für das Familienunternehmen überträgt. Dabei übergeht er seinen zweiten Sohn.

Das Unternehmen soll möglicherweise verkauft werden, was vor allem den jungen Edoardo in Gewissensnöte treibt, denn er würde die Firma gern im Sinne des Großvaters als Familienunternehmen erhalten, während sein Vater und dessen Bruder es verkaufen wollen.

Durch Edoardos Heimkehr kommt auch der junge Koch Antonio (Edoardo Gabbriellini) in das Haus der Familie Recchi. Sein Genie, seine Kreationen, verführen Emma zunächst kulinarisch, doch da Edoardo Geld aus seinem Familienbesitz nehmen will, um Antonio ein Restaurant außerhalb San Remos zu finanzieren, begegnen sich Antonio und Emma auch privat häufiger. Sie verlieben sich ineinander und die sonst so kühle und distanzierte Emma wird unter Antonios Anleitung zu einer heißblütig liebenden Frau.

Doch ist diese Liebe auch eine unangebrachte, da Emma schließlich verheiratet ist. Und so führt die Liaison zwischen Edoardos Freund und seiner Mutter schließlich in eine Katastrophe, die die ganze Familie berühren und für immer verändern wird…

Die großartige schottische Schauspielerin Tilda Swinton hat diesen Film mitproduziert, sie war wohl nach allem, was man liest, auch an der Entwicklung der Story und des Drehbuchs beteiligt. Vielleicht ist dies der Grund, daß es ein Film ist, der fast vollständig um die Figur der Emma Recchi, Swintons Rolle, kreist.

Schlecht ließe sich dieser Film kritisieren, denn er ist filmästhetisch ein Hochgenuß. Die Bilder – ob die monochromen von Mailand im Winter, ob die wunderschönen Aufnahmen eines Sommers an der Cote d’Azur, ob die Feinaufnahmen von Genüssen, die gleich den Gaumen der Protagonisten verwöhnen werden oder gar jene Bilder, die einfach nur die Webstühle der familieneigenen Fabriken bei der Arbeit zeigen – die Bilder, die Regisseur Luca Guadagnino und sein Kameramann Yorick Le Saux finden, um dieses Upper-Class-Drama zu erzählen, sind durchweg schön – schön, ästhetisch, hochwertig. Es ist eine Hochglanzwelt, die in ihrer Perfektion eben auch ein Gefängnis für die Insassen sein könnte. Zumindest behauptet der Film das…

Denn genau das, was den Film hochwertig, ästhetisch und schön macht, macht ihn auch fragwürdig. Hochglanz, ganz genau. Doch gelingen dem Regisseur und seinem Kameramann eben auch keine anderen Bilder. Wenn also der Klappentext der DVD oder das Begleitheft der Kinopremiere behauptet, Antonio zeige Emma praktisch eine „neue Welt“, dann stimmt das schlichtweg nicht. Es ist diesselbe schöne Welt, die er ihr zeigt, es sind lediglich andere Dinge in ihr vorhanden: Wo ihre Welt aus Innenräumen und Decors besteht, besteht die Welt, die Antonio ihr zeigt, aus Natur, Pflanzen und organischem Leben, das in Essen verwandelt wird.

Das Problem ist die durchgehende Behauptung in diesem Film, die selten bis nie mit Leben erfüllt wird. Es wird behauptet, Emma sei in dieser Hochglanzbilderwelt gefangen, doch da der Film uns nie eine andere Welt zeigt als eine hochglanzschöne, kann man diese Behauptung nicht verifizieren. Wir wissen nicht, ob Emma in und an ihrer Welt wirklich leidet, gezeigt wird dieses Leiden nämlich nicht, wir wissen auch nicht, ob sie in ihrer Ehe sonderlich unglücklich ist, denn der Ehemann ist zwar nie da, doch scheint diese Frau auch nicht sonderlich darunter zu leiden, allein zu sein. Und wir wissen erst recht nicht, ob und wie sich Emma in einer anderen Welt, einer, die ihr zuvor unzugänglich gewesen ist, zurecht finden würde. Wir wissen nicht, ob sie in den stinkenden Außenbezirken Mailands zurecht käme, wir wissen nicht, ob sie sich in einen Mann mit Schmerbauch (wie ihn viele Köche haben) verlieben würde, wir wissen nicht, ob sich diese Frau in einer Umwelt behaupten könnte, die nicht aus der Werbung stammt, da in diesem Film ALLES in der Ästhtik der Werbung gezeigt wird, Städte, Pflanzen, Essen, Menschen.

Und auch Antonio selbst ist zwar gekennzeichnet als „einfacher Mann aus dem Volke“, zum Glück ist er aber dennoch ebenso schön und wohlgeformt, ästhetisch rein, sozusagen, wie die Welt, der Emma entstammt. Auch er könnte direkt einem Spot für ein kerniges Männerparfum entstiegen sein. Dadurch bleibt der Film eindimensional: Diese, DIE Welt ist schlichtweg schön. Ist sie nicht auf den ersten Blick schön, ist sie zumindest elegant. Und ebenso eindimensional bleiben jene, die diese Welt bevölkern. Da werden am laufenden Band düsterste Familienzerwürfnisse angedeutet – der Sohn, der übergangen wurde bei der Verteilung des Erbes, die lesbische Tochter (Emmas), die sich aus einer längst laufenden Verlobung lösen muß, Edoardos Verlobte Eva, die schwanger ist, und bei der sich alle in der Familie Recchi fragen, ob sie zu heiraten standesgemäß sei etc. – jeder einzelne dieser angedeuteten Konflikte wäre einem Chabrol, einem Visconti oder einem Bergman genug Stoff, daraus ein Drama der Extraklasse zu machen.

Doch hier verkommen alle diese Familienstreitigkeiten zu nichts weiter als Hintergrundskizzen für ein Liebesdrama, wie es sie schon Tausende gegeben hat: Reife Dame aus besserem Hause verliebt sich in den gesellschaftlich niedrig stehenden Freund des Sohnes; dieser Sohn wiederum kommt als Dandy daher und entpuppt sich schließlich doch nur als eifersüchtiges Muttersöhnchen. Zu dieser Art Drama hat der Film schlichtweg nichts Neues hinzuzufügen. Und das macht ihn dann spätestens ab der Hälfte der Filmzeit von immerhin 120 Minuten schlicht langweilig. Und wie es oft bei Dramen so ist, deren Autoren keinen Ausgang finden: Dann muß das MELOdrama her. Schickslasschläge, die allen Beteiligten (oder, wie hier, Mutter und Freund) die Augen dafür öffnen, was sie eigentlich wollen, wer sie eigentlich sind. Und natürlich ist danach nichts mehr wie zuvor.

Was also bleibt? Ein handwerklich und technisch vorzüglich umgesetzter Film, der sich auf inhaltlicher Ebene nicht genug zutraut (wohlwollend gesagt) oder dessen Machern inhaltlich (weniger wohlwollend formuliert) nicht viel einfällt zum Thema. Eine Schmonzette in Hochglanzbildern, die eine Zeit lang übertünchen, daß man es eben auch nur mit einer Schmonzette zu tun hat.

Schade um Swinton, wollte man meinen, denn dieses Ausnahemtalent der europäischen Schauspielkunst ist in diesem Film (und sei es auch ihr „eigener“) einfach verschenkt.

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