72 STUNDEN – THE NEXT THREE DAYS/THE NEXT THREE DAYS

Ein Thrillerdrama von Paul Haggis

Die Familie Brennan lebt ein durchschnittliches Leben in Pittsburgh. Nach einem aufregenden Tag treffen sie sich mit Freunden zum Abendessen. Lara Brennan (Elizabeth Banks) hatte Streit mit ihrer Chefin, ihr Mann John (Russell Crowe) müht sich, sie zu beruhigen, seine Schwägerin Erit (Moran Atias) erklärt, weshalb Frauen nicht gut mit weiblichen Chefs zurechtkommen. Das Essen endet im Streit zwischen Lara und Erit.

Am folgenden Morgen steht die Polizei vor der Tür der Brennans und verhaftet Lara wegen Mordes an ihrer Chefin. Obwohl sie beteuert, daß sie den Mord nicht begangen habe, daß auf dem Parkplatz, auf dem die Leiche gefunden wurde, eine Frau an ihr vorbei gegangen sei und sie gespürt habe, wie ein Knopf von ihrem Mantel gerissen wurde, ist die Beweiskette erdrückend: An ihrem Mantel sind die Blutspuren der Getöteten, auf dem Feuerlöscher, mit dem sie erschlagen wurde, finden sich Laras Fingerabdrücke und ein Kollege hat sie vom Parkplatz fahren sehen, auf dem die Tat geschah.

Lara wird verurteilt. Solange die Revision läuft, bleibt sie in einem Gefängnis in der Stadt. Doch der Anwalt Meyer Fisk (Daniel Stern) hat wenig Hoffnung, daß weitere rechtliche Schritte helfen. John will vor den obersten Gerichtshof gehen, doch davon rät der Anwalt ab, da es seit über 20 Jahren nicht mehr gelungen sei, dort eine Aufhebung eines einmal gefällten Urteils zu erwirken.

John verzweifelt zusehends. Sein Sohn Luke (Toby und Tyler Green, später Ty Simpkins) vermisst seine Mutter fürchterlich, kann ihr bei Besuchen im Gefängnis aber nicht mehr in die Augen schauen. In der Schule und auf dem Spielplatz findet er keinen Anschluß mehr.

John beginnt, Pläne zu schmieden, um Lara aus dem Gefängnis zu befreien. Er sucht sich einschlägige Informationen aus dem Internet zusammen – darunter eine Anleitung, wie man einen Universalschlüssel bastelt – und nimmt sogar Kontakt zu dem Ausbrecherkönig Damon Pennington (Liam Neeson) auf, der ein Buch über seine diversen Ausbrüche und Fluchtversuche geschrieben hat. Bei einem Treffen in New York macht Pennington John aber klar, daß es einiges an Skrupellosigkeit und möglicherweise auch Gewaltbereitschaft braucht, solch einen Plan durchzuziehen. Und Geld. Vor allem Geld.

John denkt sich immer wildere Pläne aus, die er in seinem Schlafzimmer an einer Pinnwand festhält. Bei einem Besuch im Gefängnis probiert er den selbst gefertigten Allzweckschlüssel aus, der aber abbricht. Bei der folgenden Untersuchung durch das Gefängnispersonal kann er zwar nicht belastet werden, doch verdächtigen ihn die Beamten.

Bei diversen Besuchen verschlechtert sich das Verhältnis zwischen John und Lara. Sie macht sogar Andeutungen, wirklich die Mörderin zu sein, für die sie alle halten – alle außer John. Der weigert sich weiterhin, anzunehmen, daß seine Frau schuldig sein könnte. Die verspottet ihn, ein viel zu guter Mensch, ein Naivling zu sein.

Auch mit seiner eigenen Familie hat John zusehends Ärger. Seine Mutter Grace (Helen Carey) stellt die Möglichkeit in den Raum, daß Lara womöglich nicht unschuldig sei, was John zutiefst verletzt, mit seinem Vater George (Brian Dennehy) verbindet ihn seit langem eine Hassliebe. Zwar kümmern sich die beiden fürsorglich um Luke, doch zwischen ihnen und John herrscht ein immer tieferes Schweigen.

John lernt auf einem Spielplatz Nicole (Olivia Wilde) kennen, die dort ihre Tochter beaufsichtigt. Sie zeigt deutliches Interesse an ihm, doch schnell macht er klar, daß er nicht an Intimitäten interessiert ist. Als er ihr erklärt, seine Frau säße im Knast, spürt er ihr instinktives Zurückweichen. Dennoch gibt sie ihm bei späterer Gelegenheit eine Einladung zur Geburtstagsparty ihrer Tochter, die Luke gern dabeihätte.

John kümmert sich um falsche Ausweispapiere, falsche Führerscheine und gefälschte Sozialversicherungsnummern. Dabei trifft er zufällig auf Detective Quinn (Jason Beghe), der gegen Lara ermittelt hat. John bleibt aber dennoch an seinem Vorhaben dran, auch, als er zunächst fürchterliche Prügel bezieht bei einem Versuch, zu einem Fälscher Kontakt aufzunehmen.

Abends steht plötzlich ein junger Mann vor seiner Tür, der Johns Versuch der Kontaktaufnahme mitbekommen hat. Er bietet ihm an, die Papiere zu besorgen. Bei der Übergabe warnt er John: Der wolle, was immer er vorhabe, zu sehr, deshalb werde er scheitern.

John hat die Idee, Lara, die Diabetikerin ist, durch einen gefälschten Laborbericht in ein Krankenhaus überstellen zu lassen, wo er sie befreien kann. Er spioniert den Lieferwagen aus, der die Laborberichte, aber unter anderem auch Medikamente ins Gefängnis bringt.

Dann überlegt er sich, wie er an Geld kommen kann. Er lauert einem der Dealer auf, die er zuvor wegen der falschen Papiere angesprochen hatte und die ihn verprügelt haben. Dadurch gelangt er an ein Labor für Crystal Meth, in das er eindringt. Er bedroht sowohl den Dealer, David (Jonathan Tucker), als auch den Lieferanten und Hersteller der Droge, von dem er dessen gesamtes Bargeld haben will. Es kommt zu einer Schießerei, bei der John zunächst David schwer verletzt, dann das Haus anzündet und schließlich den anderen Mann tötet. Während das Haus Feuer fängt, bittet ihn David, ihn zu retten. John schleppt ihn aus dem Haus und legt ihn in seinen Wagen. Blindlings rast er durch die Nacht, der sterbende David auf dem Rücksitz. Als John sicher ist, daß der andere nicht mehr lebt, legt er ihn an einer Bushaltestelle ab.

Am folgenden Tag holt er Luke bei seinen Eltern ab, wo der Junge die Nacht verbracht hat. George findet dabei nicht nur das Geld in Johns Rucksack, sondern auch die falschen Papiere und Tickets für Flüge außer Landes. Er begreift, was John vorhat, lässt sich aber weder gegenüber seinem Sohn, noch gegenüber seiner Frau etwas anmerken.

Lieutenant Nabulsi (Lennie James) werden die Ermittlungen im Fall des getöteten Dealers übertragen. Er arbeitet dabei auch mit den Detectives Quinn und Collero (Aisha Hinds) zusammen, die seinerzeit gemeinsam die Ermittlungen gegen Lara geführt haben. Relativ schnell ermitteln sie anhand von Scherben von Johns Wagen, der bei der Flucht vom Tatort ein Rücklicht zerschlagen hatte, wer der Halter des Wagens ist. Denn das ist immer noch Lara.

Lara wiederum erfährt, daß sie in ein anderes Gefängnis verlegt werden soll. Da alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft seien, werde sie in die für Fälle wie ihren festgelegte Anstalt überstellt. Nun bleiben John lediglich drei Tage – 72 Stunden – um seinen irrwitzigen Plan auszuführen. Er improvisiert, bringt Luke viel zu früh zu der Party, tauscht die Laborberichte aus und wartet dann im Krankenhaus mit frischer Kleidung und als Arzt versteckt darauf, daß Lara eingeliefert wird.

Nabulsi und seine Leute haben mittlerweile kapiert, worum es sich hier dreht und rasen mit mehreren Einsatzkräften zur Unterstützung ebenfalls zu der Klinik. Dort bringt John zwei Ärzte in seine Gewalt und zwingt Lara, die seinen Plan für Wahnsinn hält, dazu sich umzuziehen. Seine ganzen Zeitberechnungen beruhen lediglich auf den Angaben von Pennington und so geht er davon aus, daß er lediglich fünfzehn Minuten hat, um die Innenstadt zu verlassen, maximal dreißig, um aus der Stadt zu kommen. Mit Nabulsi und seinen Leuten im Nacken rast er zu Nicoles Haus, um Luke von der Party abzuholen. Doch sind die Kinder mit Nicole im Zoo.

John fährt weiter, nun in einem Konflikt, ob er Luke abholen oder erst einmal den Erfolg ihrer Flucht sichern soll. Er hat Nicole gesagt, daß Luke die Telefonnummer seiner Eltern in der Brusttasche mit sich führt und sie, sollte er es nicht schaffen, seinen Sohn rechtzeitig abzuholen, diese doch bitte informieren solle. Deshalb entschließt er sich, seinen Zeitplan einzuhalten und Luke später zu holen. Doch Lara weigert sich und droht, sich aus dem fahrenden Wagen zu werfen. Es kommt beinahe zu einem Unfall auf dem Freeway. Entsetzt und vollkommen fertig von den Ereignissen, sitzen John und Lara schließlich am Straßenrand. Dann steigen beide wieder in den Wagen und John fährt zum Zoo.

Nabulsi hat derweil sowohl die Bahnhöfe, als auch den Flughafen und die Brücken sperren lassen. Doch bekommt er für diese Maßnahmen Ärger mit seinem Chef, da auch der Bürgermeister gefilzt wurde. Seine Anweisungen lauten aber, nur Wagen mit zwei Erwachsenen und einem Kind anzuhalten.

Während die Detectives rätseln, wohin John mit der Familie fliehen will und bei einer erneuten Durchsuchung der seine Wohnung umgebenden Straßen auf die Müllsäcke stoßen, in denen John seine gesamten Unterlagen zu seinem Plan entsorgt hat, findet John im Zoo Nicole und die Kinder. Er nimmt Luke mit und bedankt sich bei Nicole. Die folgt ihm bis auf den Parkplatz und sieht Lara. Sie begreift, was vor sich geht.

John fährt zum Bahnhof, begreift vor Ort jedoch, daß sie keine Chance haben, so zu entkommen. Er fragt ein älteres Ehepaar, ob die eine Mitfahrgelegenheit suchten, er führe gen Norden. So sitzen schließlich fünf Personen im Wagen, wodurch sie die Straßensperren passieren können.

Schließlich erreichen sie den Flughafen und in einer letzten Spannungssituation glauben sie sich ertappt, weil Nabulsi einen Hinweis hatte. Doch dann gelingt es der Familie Brennan, an Bord einer Maschine zu gelangen. Sie fliegen nach Caracas. Dort mieten sie sich in ein kleines Hotel ein. Lara legt sich neben den schlafenden Luke. Der erwacht und gibt ihr einen Kuß. Dann schlafen beide ein, während John dasitzt und über sie wacht.

George sitzt derweil daheim. In einem Atlas schaut er nach, wo genau Caracas liegt.

Die Detectives Quinn und Collero stehen auf dem Parkplatz, wo einst die Kollegin von Lara getötet wurde. Quinn ist sich nicht mehr so sicher, ob sie nicht doch etwas übersehen haben könnten. Er erinnert sich an den Knopf, der angeblich von Laras Mantel gerissen wurde. Da es damals – wie jetzt – geregnet hatte, könnte der in einen Gulli gespült worden sein. Die beiden Polizisten heben den Gullideckel an und sehen nach, ob sie etwas finden. Doch dort ist nichts. Collero fragt Quinn, ob der wirklich geglaubt habe, nach all der Zeit noch etwas zu finden? Während die Detectives sich entfernen, sieht man, wie der Schlamm am Gullirand weggewaschen wird und der Knopf sich löst und in den Abfluß fällt….

Paul Haggis machte mit dem L.A.-Episodendrama CRASH (2004) erstmals ein breiteres Publikum auf sich aufmerksam. Mit gleich drei wichtigen Oscars ausgezeichnet, darunter jenem als „bester Film“, galt Haggis als neues Wunderkind in Hollywood. Mit seiner nächsten Regiearbeit – zwischenzeitlich schrieb Haggis die Drehbücher zu Clint Eastwoods FLAGS OF OUR FATHERS (2006) und Daniel Craigs erstem Bond-Film CASINO ROYALE (2006) – widmete er sich dann einem diffizilen Thema: Amerikanische Verbrechen während des Irak-Kriegs in Folge des 11. September. Mit IN THE VALLEY OF ELAH (2007) machte er sich keine Freunde, da er sehr kritisch mit der Haltung der USA in diesem Konflikt ins Gericht ging und einen zwar äußerst spannenden, aber eben auch für ein Land im Krieg schwer erträglichen Thriller vorlegte. Es mag dieser Erfahrung geschuldet sein, daß sein nächster Film ein eher unpolitisches Drama mit Thriller-Elementen wurde, bei dem er sowohl seine Befähigung zu differenzierter Betrachtung fast tragischer Momente im Leben einer Familie, aber auch seine Fähigkeiten als Regisseur wirklich spannender Action-Unterhaltung beweisen konnte.

THE NEXT THREE DAYS (2010) wechselt ziemlich zur Mitte der immerhin 133 Minuten Laufzeit seine Ausrichtung. Wurde der Zuschauer bis dahin Zeuge eines Familiendramas um einen von Russell Crowe gespielten Vater, dessen Frau wahrscheinlich unschuldig des Mordes verdächtigt und schließlich zu einer langen Haftstrafe verurteilt wird, taucht er nun in einen Thriller ein, in dem eben jener Mann in seiner Verzweiflung beginnt, einen wirren und wilden Plan zu entwerfen, um seine Frau aus dem Gefängnis zu befreien. Er holt sich Hilfe bei ehemaligen Knastbrüdern, sucht sich technisches Know-How im Internet zusammen, besorgt sich das nötige Geld, um den Plan umzusetzen, sich falsche Papiere zu besorgen und ein Kapital für einen Start außerhalb der USA zur Verfügung zu haben, indem er sich mit Dealern in seiner Heimatstadt Pittsburgh anlegt und dabei zu drastischen Maßnahmen greift, und muß schließlich doch improvisieren, weil plötzlich der Bescheid eintrifft, daß seine Gattin in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt werden soll. Aus diesem Bescheid leitet sich der Titel des Films ab – auf einmal stehen John Brennan nur noch diese drei Tage (die 72 Stunden des deutschen Titels) zur Verfügung, seine Pläne umzusetzen.

Haggis gelingen zunächst – seinen Stärken als Drehbuchautor gemäß – eindringliche und oft sehr sensible Szenen der familiären Zerrissenheit. Brennan glaubt bedingungslos an die Unschuld seiner Frau, muß sich mit dieser Meinung aber gegen die Zweifel seiner eigenen Familie behaupten. Mit seinem Vater spricht er seit Jahren kaum noch, seinem Bruder geht er aus dem Weg, die Mutter ist hilflos im Angesicht des Leids, daß die Entwicklungen für John und dessen Sohn Luke bedeuten. Luke, der zuhause seine Mutter vermisst, ist bei Besuchen im Gefängnis nicht in der Lage, sich ihr zu nähern. Haggis findet mit Hilfe seiner sehr guten Schauspieler immer wieder hervorragende Momente, kleine Gesten, eine manchmal wie erstarrt wirkende Mimik, um die Verletzungen der unterschiedlichen Protagonisten auszudrücken. John, der immer verzweifelter wird und dementsprechend agiert, einsam und ohne irgendeine Hilfe, verliert sich in einem immer irrsinnigeren Plan und entwickelt sich dabei von einem liebenden, zugewandten Familienvater zu einem immer kälteren Täter, der schließlich bereit ist, zu töten. Luke, ein aufgeweckter Junge, wird immer verschlossener, ernster und ruhiger, findet keinen Anschluß mehr bei seinen Spielkameraden und scheint sich nur noch in der Obhut seiner Großeltern wirklich wohl zu fühlen. Sein Großvater George, gespielt vom großartigen Brian Dennehy, kann seinem Enkel gegenüber jene Gefühle zulassen und zeigen, die er seinem Sohn gegenüber immer verschlossen hatte. Und Lara Brennan, die wohl wirklich unschuldig ist, entwickelt eine immer größere Wut auf ihren Mann, der sich nicht in das Schicksal fügen will, das ihnen beschieden scheint. Obwohl sie ihn liebt, beginnt sie, ihn zu provozieren, seinen Glauben an sie in Frage und auf die Probe zu stellen, wenn sie andeutet, die Tat doch begangen haben zu können.

In dieser Melange aus Angst, Liebe, Zweifel und Verzweiflung, Einsamkeit und Verlorenheit, wirken Johns Überlegungen zunächst wie der etwas abseitige Spleen eines ganz normalen Mannes – er ist Lehrer für Literatur an einem College – der sich nicht mehr zu helfen weiß. Sein Anwalt teilt ihm irgendwann mit, daß alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, daß eine Revision beim obersten Gericht kaum Chancen hat, überhaupt angenommen zu werden, da die Beweislage gegen Lara erdrückend ist. Als John sich in New York in einer schmuddeligen Bar mit einem für einen Kurzauftritt engagierten Liam Neeson in der Rolle eines Ausbrecherkönigs trifft, um sich Tipps zu holen, macht dieser ihm schnell klar, was es auch an Skrupellosigkeit braucht, um einen Ausbruchs- oder Befreiungsplan umzusetzen, vom finanziellen und logistischen Aufwand ganz zu schweigen. Haggis schafft es geschickt, den Übergang vom vielleicht wirklich nur als letzten Ausweg aus der eigenen Hilflosigkeit gedachten Spleen in einen ernsthaft angedachten Plan für den Zuschauer kaum merklich zu gestalten. Doch wenn John schließlich einem Drogendealer folgt, um bei dessen Lieferanten das nötige Geld abzugreifen, begreifen wir, daß er es entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Einwände ernst meint. Was dann folgt, ist ein Akt des Wahnwitzes, ein nahezu unmöglicher Plan, bei dem sich John schließlich über die Gefühle und Bedürfnisse nahezu aller seiner Bekannter und Freunde, sowie die seiner Familie hinwegsetzt. Er nutzt Menschen, die ihm wohlgesonnen sind, gnadenlos aus, ohne daß diese wissen, daß sie sich mitschuldig machen, er verletzt seine Eltern und auch seinen Sohn und zwingt Lara schließlich nahezu, seinem Plan zu folgen. Ohne Rücksicht auf Verluste treibt er sie über den berühmten point of no return.

Diese letzte Entwicklung erscheint letztlich nur aufgrund der darstellerischen Fähigkeiten von Russell Crowe glaubwürdig. Bedenkt man, wozu dieser eher biedere Familienvater plötzlich fähig sein soll – er erschießt den Dealer relativ kaltblütig, schleppt einen anderen Mann, der bei dem Schußwechsel ebenfalls verletzt wurde, mit sich, legt ihn dann aber, nachdem der in seinem Wagen stirbt, einfach an einer Bushaltestelle ab, er bricht ein, klaut und fälscht Unterlagen usw. – strotzt der Film ab dem Moment nur so von Logiklöchern, da John dazu übergeht, seinen Plan, den er in unendlich vielen Notizen an der Wand seines Schlafzimmers entworfen hat und der als Schaubild vollkommen unübersichtlich wirkt, in die Tat umzusetzen. Das betrifft den Plan selbst, bspw. die zeitlichen Abläufe, bei denen sich John lediglich auf die Angaben jenes Ausbrecherkönigs stützt, aber auch die psychische Disposition der Beteiligten. Die Gewalt, zu der John plötzlich fähig ist, die Eiseskälte, die sich seiner bemächtigt, die zuvor angemahnte Skrupellosigkeit nimmt man Russel Crowe ab, nicht aber einem schöngeistigen Collegelehrer. Es tut sich eine Diskrepanz zwischen Darsteller und Dargestelltem auf, die der Zuschauer einfach hinnehmen muß. Crowes Leistung macht es einfacher, sie zu akzeptieren. Zudem entwickelt sich der Film in seinem letzten Drittel zu einem einzigen Wettlauf zwischen John, Lara und Luke einerseits, den ermittelnden Beamten der Polizei andererseits. John muß ununterbrochen improvisieren, blitzschnell neue Ideen entwickeln, getroffene Entscheidungen revidieren und sehr schnell auf sich ständig ändernde Situationen reagieren, um der Polizei immer einen Schritt voraus zu bleiben. Das mag man einem Berufsverbrecher im Film zutrauen, einem College-Lehrer ohne jegliche einschlägige Erfahrung eher nicht.

Haggis und sein Team verstehen es allerdings, dieses Katz-und-Maus-Spiel derart rasant und dynamisch zu inszenieren, daß der Zuschauer nicht viel Zeit und Raum hat, zu hinterfragen, was er da sieht. Schnitt und Montage tun ihr Übriges, um das Tempo so hoch zu halten und zugleich ein solches Bildgewitter zu erzeugen, daß das Publikum völlig gefangen mit den Protagonisten mitfiebert. Interessanterweise fiebert man zugleich mit John und den Seinen und den sie verfolgenden Polizisten. Das ist vielleicht die größte Leistung des Films: Den Zuschauer dazu zu bekommen, John und Lara, die sich zunächst weigert, ihm in die Freiheit zu folgen, ein gelungenes Entkommen zu wünschen, daß er zugleich aber auch den Polizisten einen Fahndungserfolg gönnt. Es ist die Ambivalenz, die von der Figur John Brennan ausgeht, die den Film über herkömmliches Thriller-Niveau hebt. Was dieser Mann veranstaltet, mag von wahrer Liebe zu seiner Familie zeugen, von Vernunft zeugt es nicht. Als Zuschauer weiß man natürlich, daß es für diese Familie letztlich besser gewesen wäre, sich zu stellen, anstatt in einer Absteige in Caracas zu sitzen und einem unsicheren Leben, einer unsicheren Zukunft entgegen zu blicken – vor allem für Luke dürfte dies besser gewesen sein. So endet der Film in einer offenen Situation: Die Familie Brennan auf der Flucht, die Eltern von John Brennan allein, die ermittelnden Polizisten ernüchtert, von einem Anfänger ausgetrickst worden zu sein, und die Detectives, die einst Lara Brennan hinter Gitter brachten, zweifelnd, ob man nicht doch bei den damaligen Ermittlungen im Fall Lara Brennan einen Fehler gemacht hat.

Lediglich die Familie, dieser Kleinstverbund als Keimzelle dessen, was das konservative Amerika für seine Gesellschaft hält, ist wiederhergestellt. Und zwar um jeden Preis. Haggis läßt offen, ob dies zu begrüßen ist, oder nicht. Im herkömmlichen Hollywoodfilm ist die Herstellung oder Heilung der Familie ein wahres Gebot, ob im Drama, in Thrillern oder gar Horrorfilmen – die Einheit der Familie wird immer gern gefeiert. Mal als ernsthaftes Anliegen, mal ironisiert. Wie die Brennans hier am Ende erschöpft und fremd in ihrem Hotel sitzen, bleiben zu viele Fragen offen, als daß der Zuschauer sich einfach darüber freuen könnte, daß John es geschafft hat, seinen Plan umzusetzen.

THE NEXT TREE DAYS ist ein gut gemachtes, geschickt konstruiertes und gut gespieltes Thriller-Drama, das hohen Unterhaltungswert besitzt, jedoch keinen Mehrwert generiert. Dafür ist die Handlung doch zu konstruiert und die Entwicklung des John Brennan zu sprunghaft und unglaubwürdig. Das ist insofern schade, weil Haggis an sich etwas zu sagen hat und es gut versteht, seinen Geschichten einen politischen oder gesellschaftskritischen Mehrwert zu verpassen. Hier verzichtet er darauf und liefert damit zwar spannende und formal hochwertige, letztlich aber eben nur der Unterhaltung dienende Kost.

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