THE SECRET MAN/MARK FELT: THE MAN WHO BROUGHT DOWN THE WHITE HOUSE

Peter Landesman blickt auf einen entscheidenden politischen Wendepunkt der USA

Mark Felt (Liam Neeson), bisheriger Assistent des Stellvertreters von FBI-Chef J. Edgar Hoover, Clyde Tolson, wird ins Weiße Haus einbestellt. Präsident Nixon und seine Berater, darunter John Dean (Michael C. Hall), der für Rechtsfragen zuständig ist, wollen von Felt wissen, wie man Hoover am besten nahelegt, von seinem Posten zurückzutreten. Hoover ist zu diesem Zeitpunkt – April 1972 – nahezu 48 Jahre im Amt. Felt verdeutlicht, dass der FBI-Chef in all den Jahren enormes Geheimwissen über nahezu jeden Politiker und etliche andere Personen der Gesellschaft angehäuft und archiviert habe. Wissen, das immer auch über seinen, Felts, Schreibtisch gegangen sei.

Einige Tage darauf stirbt Hoover plötzlich. Felt ordnet an, dass das Geheimarchiv vernichtet, bzw. anderweitig entsorgt wird, es dürfe um keinen Preis dem Weißen Haus in die Hände fallen. In Person von Patrick Gray (Marton Csokas) versucht der Präsident genau das: Er schickt den hohen Beamten des Justizministeriums vor, um die Akten zu sichern. Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen Felt und ihm, in der Felt bedingungslos erklärt, dass das FBI unabhängig und nicht weisungsgebunden sei. Dies gelte sogar für die Regeln für Hoovers Begräbnis.

Für Felt ist es umso härter, dass schließlich nicht er, dem seiner und der Meinung seiner Mitarbeiter nach, der Posten eigentlich zugestanden hätte, sondern Gray zum neuen Direktor des FBI ernannt wird. Dass dies ein immens politischer Schachzug des Weißen Hauses ist, um Kontrolle über die Behörde zu erlangen, versteht Felt sofort. Auch das Auftauchen von Bill Sullivan (Tom Sizemore), einem alten Haudegen des FBI, der für jene Zeiten steht, die eigentlich vorbei sind, die harten Zeiten, in denen man auch schon mal zu illegalen Mitteln griff, signalisiert Felt, dass sich etwas Grundlegendes ändert und er auf der Hut sein muss.

Für Felt ist es eine Demütigung übergangen zu werden, die er im Sinne des Amts zu ertragen bereit ist. Anders sein Frau Audrey (Diane Lane): Sie erklärt ihm verbittert, dass sie ihr ganzes Leben nach seiner Karriere ausgerichtet habe, all die Umzüge mitgemacht, jede je geschlossene Freundschaft aufgegeben habe – alles im Dienst des FBI. Und dass natürlich dieser letzte Schritt, der Direktionsposten, das Ziel gewesen sei. Felt erklärt ihr, wie zuvor auch schon seinem Mitarbeiter Ed Miller (Tony Goldwyn), einem seiner engsten Vertrauten, dass es im FBI keine zwangsläufige Reihenfolge gäbe.

Die häusliche Situation der Felts ist zusätzlich dadurch angespannt, dass ihre Tochter Joan verschwunden ist und Felt sich entgegen der Bitten seiner Frau weigert, die Ressourcen des FBI zu nutzen, um sie zu suchen. Er recherchiert allerdings privat, wo sie sein könnte, da er die Befürchtung hegt, sie könne im Umfeld der sogenannten Weather People gelandet sein, einer linksradikalen Untergrundorganisation, die Bombenanschläge auf öffentliche Einrichtungen verübt. Die Plakate und Zeichen in ihrem Zimmer zeugen davon, dass sie, wie viele Jugendliche ihrer Zeit, weit links steht und mit der Gegenkultur und der Bürgerrechtsbewegung sympathisiert.

Kurz nachdem Gray seinen Posten angetreten hat, kommt es im Watergate-Hotel, wo die Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei untergebracht wurde, zu einem Einbruch. Die Einbrecher werden recht schnell gestellt, doch verwirren die Angaben Felt und seine Mitarbeiter: Offenbar sind all diese Männer ehemalige CIA-Mitarbeiter, einige haben auch für das FBI gearbeitet. Für zwei von ihnen hatte das FBI erst kürzlich noch Sicherheitsabfragen gestartet, da sie im Umfeld des Weißen Hauses tätig werden sollten.

In den nun folgenden Tagen und Wochen kommt es zu immer mehr Ungereimtheiten. Offenbar wurde Gray aufgetragen, die Ermittlungen möglichst flach zu halten und dann auch aufzugeben. Felt verwahrt sich dagegen und gerät somit immer wieder in Konflikt mit seinem direkten Vorgesetzten.

Als Gray ihm ein Ultimatum für den Abbruch der Ermittlungen setzt, trifft Felt sich nachts in einem abgelegenen Diner mit Sandy Smith (Bruce Greenwood), der für das Time Magazine arbeitet. Felt ist noch nicht bereit, Informationen preis zu geben, doch Smith, der Felt lange kennt, spürt, dass da etwas in seinem alten Bekannten brodelt. Felt gibt ihm den Hinweis, dass an der ganzen Watergate-Sache etwas faul sei.

Währenddessen erscheinen in der Washington Post erste Artikel zweier junger Journalisten – Carl Bernstein und Bob Woodward (Julian Morris), die sich mit dem Fall intensiv beschäftigen und auf die Felt aufmerksam wird.

Nixon gewinnt die Wahl im November 1972 und wähnt sich nun unangreifbar. Bill Sullivan, so erfährt Felt, sei nun ebenfalls Berater im Weißen Haus und Verbindungsmann zum FBI.

Zwischen Felt und Gray wird das Verhältnis immer schwieriger, plötzlich wird Felt mit alten Verfehlungen konfrontiert – er hatte Ende der 60er Jahre illegale Abhöraktionen gegen Bürgerrechtler initiiert – und er merkt, dass er innerhalb des FBI nicht mehr viel ausrichten kann. Zudem fällt nicht nur Felt auf, dass das Weiße Haus oftmals über Ermittlungsschritte unterrichtet ist, die tatsächlich nur ein kleiner Kreis um Felt kennt. Zunächst verdächtigt er einen seiner Mitarbeiter, doch durch einen Trick wird deutlich, dass es letztlich nur er selbst, Ed Miller, dem er unbedingt vertraut, und Pat Gray sind, die gewisse Informationen kennen. So wird klar, dass Gray mehr oder weniger offen für den Präsidenten arbeitet.

Offiziell vertritt Felt die FBI-Linie, dass die Untersuchungen keine Verbindung zu Nixons Wahlkampfteam ergeben hätten, insgeheim nimmt er Kontakt zu Bob Woodward auf und trifft sich mit ihm in Arlington in einer Tiefgarage. Er gibt Woodward erste Informationen, welchen Personen der sich an die Fersen heften sollte und welche Zusammenhänge er untersuchen müsse.

Die Senatsanhörungen, in denen Pat Gray als Direktor des FBI bestätigt werden soll, verlaufen nicht unbedingt zu dessen Zufriedenheit, da er zugeben muss, als geheim eingestufte Akten an das Weiße Haus weitergegeben zu haben. Ein harter Regelverstoß, da das FBI, wie Felt es immer wieder betont hatte, eine unbedingt unabhängige Behörde sei, die frei von politischem Einfluss bleiben müsse.

1973, die Washington Post kommt der Wahrheit in Sachen Watergate-Skandal immer näher, auch, weil Felt Woodward regelmäßig mit Informationen füttert, nimmt Mark Felt seinen Abschied vom FBI. Über 30 Jahre Dienstzugehörigkeit enden nun mit dem – offiziell wohlverdienten – Ruhestand.

Allerdings ist Felt sich schlussendlich einmal untreu geworden: Seine Privatrecherchen, die er nach einem Anschlag der Weather People auf das Pentagon intensiviert hatte, da seine Befürchtung Joan könnte involviert sein zunahm, haben ergeben, dass sie in einer Hippiekommune namens Genisis untergekommen sein könnte. Felt bittet Ed Miller, der Sache nachzugehen und auch herauszufinden, ob sie wirklich eine Terroristin sei. Ersteres stimmt, zweiteres nicht.

So können Audrey und Mark Felt ihre Tochter schließlich nachhause holen.

Stützt man sich bei der Behandlung eines durchaus kritischen Themas ausschließlich – oder zumindest zu großen Teilen – auf die Aussagen eines der Beteiligten – oder gar auf die Aussagen des Hauptbeteiligten – läuft man möglicherweise Gefahr, die Dinge etwas einseitig zu betrachten und darzustellen. Peter Landesman, Journalist beim renommierten New York Magazine, aber auch Drehbuchautor und Regisseur, stützt sich bei seinem Polit-Thriller THE SECRET MAN (2017) weitestgehend auf die Autobiographie von Mark Felt[1] – und damit auf die Aussagen der zentralen Figur seiner Geschichte. Dementsprechend edel, loyal und aufrecht kommt die von Liam Neeson eher zurückhaltend gespielte Figur auch daher. Doch trotz dieser vermeintlichen Schwäche ist Landesman ein guter Film gelungen, der ein Schlaglicht auf einen der größten Skandale der amerikanischen Politik der vergangenen hundert Jahre wirft.

Nicht erst nachdem Richard Nixon im Jahr 1974 vom Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zurückgetreten war, sondern schon während der zwei Jahre, die die Recherche der Washington Post-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward andauerte und mit regelmäßigen Artikeln unterfüttert wurde, deren erster bereits kurz nach dem Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei im Watergate-Hotel erschien, fragte sich die Öffentlichkeit, wer der Informant der beiden sein könnte. Der bekam, da anonym, bald den etwas despektierlichen Namen „Deep Throat[2] verpasst. Erst im Jahr 2005 deckte Felt selbst seine Identität auf und erklärte, dass er der Mann gewesen sei, der sich regelmäßig mit Bob Woodward in einer Tiefgarage traf und Informationen preisgab, die nur direkt vom ermittelnden – bzw. auf Anweisung des Weißen Hauses bald nicht mehr ermittelnden – FBI stammen konnten.

Felt, der auf eine jahrzehntelange Karriere bei der Behörde zurückblickte und sich vom einfachen Special Agent bis in führende Positionen in der Zentrale in Washington, D.C., hinaufgearbeitet hatte, war zum Zeitpunkt der Watergate-Affäre zweiter Mann des FBI, der Associate Director, nachdem er jahrelang als Assistent von J. Edgar Hoovers Stellvertreter Clyde Tolson gewirkt hatte. Als Hoover, der das FBI in seiner damaligen – und immer noch bestehenden – Form überhaupt erst aufgebaut und dann fast 50 Jahre geleitet hatte, verstarb, wurde allgemein angenommen, dass Felt nun die Leitung der Behörde übernehmen würde. Dass ihm mit Patrick Gray ein externer Beamter vor die Nase gesetzt wurde, galt als politischer Winkelzug des Präsidenten, der dem FBI nicht traute. Nicht ganz zu Unrecht, hatte sich Hoover mit einer nahezu obsessiven Fakten- und Informationsbeschaffung – man kann auch von Schnüffelei sprechen, deren Ergebnisse er in einem immensen Privatarchiv sammelte – doch eine enorme Machstellung erarbeitet. Das FBI zu „knacken“ war sicher nicht die schlechteste Idee, doch darf man nicht unterschätzen, dass hier ein Psychopath die Machtbasis des anderen Psychopathen aufbrechen wollte, um es einmal etwas salopp zu formulieren.

Felt jedenfalls stieg nun zum zweiten Mann auf, was ihn hinsichtlich der Untersuchungen zu Watergate in die Position brachte, die Ergebnisse als erster zu Gesicht zu bekommen und damit einen Informationsvorsprung gegenüber Gray zu behalten, dem wiederum Felt nicht traute. Ebenfalls nicht zu Unrecht, war er doch explizit auf den Posten gehoben worden, um dem Präsidenten Einfluss auf das FBI zu sichern – verfassungsrechtlich bedenklich, da es eine vollkommen unabhängige Behörde sein soll. So entwickelte sich in der Spitze des FBI ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Direktor und seinem Stellvertreter, welches letzterer, da weisungsgebunden, auf Dauer nicht gewinnen konnte. Als Gray die Watergate-Ermittlungen kurzerhand für beendet erklärte, entschloss sich Felt, etwas zu tun, das er sich als eingefleischter FBIler niemals hätte vorstellen können: Die Behörde zu hintergehen und den – anonymen – Schulterschluss mit den Medien zu suchen. Er kontaktierte Bob Woodward, den er aus einem früheren Zusammenhang bereits kannte und dessen Arbeit bei der Washington Post er lose verfolgte.

Im Grunde ist damit die Handlung des Films bereits umfänglich geschildert. Recht akribisch verfolgt Landesman, der auch das Drehbuch geschrieben hatte, die Entwicklungen unmittelbar um den Einbruch im Watergate-Hotel, er strukturiert die Handlung, indem er regelmäßig die bis zur Wahl des Präsidenten verbleibenden Tage einblendet, später, nachdem Nixon wiedergewählt wurde, werden die Tage eingeblendet, um die seit der Wahl vergangene Zeit zu vermitteln. So bekommt das Publikum ein Gefühl für die zeitlichen Abläufe, auch dafür, dass diese Geschichte sich übereinen längeren Zeitraum erstreckt. Entsprechend dem Tempo des Films soll das Publikum ein Gefühl dafür entwickeln, dass diese Vorgänge Zeit brauchten und nicht ad hoc geschahen, Entscheidungen reifen mussten, dass der Schritt, sich an die Presse zu wenden, einem Mann wie Felt zuwider war, dies für ihn auch eine Illoyalität gegenüber sich selbst und dem eigenen Lebenswerk bedeutete.

THE SECRET MAN steigt mit einem Besuch Felts im Weißen Haus in die Geschichte ein. Hier werden gleich die Fronten geklärt, wird die Ruchlosigkeit von Nixon und seinen Beratern ebenso markiert, wie Felts Unbedingtheit in Bezug auf die Behörde, die er vertritt. Ebenso wird verdeutlicht, dass dieser Mann bereit ist, mit allen Mitteln zu kämpfen. Felt ist, daran lässt die Szene keinen Zweifel, gefährlich. Nixon und seine Berater wollen wissen, wie man Hoover am besten aus dem Amt entfernen könnte. Und Felt erklärt ihnen, dass es schwierig ist, gegen einen Mann vorzugehen, der über derart viele Informationen über so ziemlich jeden verfügt, der in Washington auch nur ein kleines bisschen zu sagen hat. Nach Hoovers plötzlichem Tod wird anhand der Akribie, mit der Felt dafür sorgt, dass die Unterlagen und geheimen Akten aus Hoovers Archiv nicht in die Hände Dritter – sprich: das Weiße Haus – gelangen, noch einmal klar, wie die Prioritäten gelagert sind: Was im FBI geschieht, das bleibt im FBI. Der Film-Felt ist ein beinharter Beamter, der die Unabhängigkeit der Behörde quasi über alles stellt, letztlich auch über die eigene Integrität, wenn er Geheimnisse an die Presse gibt, um die Unabhängigkeit des FBI zu schützen. Ein Paradoxon, in gewisser Weise. Diese Haltung wird in den Dialogen – und dies ist zwangsläufig ein sehr dialoglastiger Film – immer und immer wieder betont. Manchmal schon etwas überdeutlich, wenn Felt ins Deklamieren verfällt, damit auch die letzten im Publikum begreifen, wo er steht und was das FBI ihm bedeutet.

Welche Rolle er im Machtgefüge der Behörde einnimmt, wird vor allem in einer Szene in einem nächtlichen Diner geschildert, in der Felt seinen alten Freund Sandy Smith trifft, der beim Time Magazine arbeitet, und dem gegenüber er Andeutungen hinsichtlich der Watergate-Affäre macht, ohne dabei wirklich in die Details zu gehen. Mehrfach fragt Smith nach, was Felt eigentlich wirklich wolle – Rache, weil er nicht zum Direktor ernannt wurde? – und erklärt, dass Felt nie ein Geheimnis verraten habe, nie illoyal gegenüber dem FBI gewesen sei. Er stellt aber auch fest, dass die Tatsache, dass niemand im FBI wirklich gegen Felt vorginge, davon zeuge, wie mächtig er sei, ja, dass da eine Menge Leute wohl mächtig Angst vor ihm hätten. Eine Einschätzung, die in einer anderen Szene durch Felts Frau Audrey gestützt wird, die ihn daran erinnert, dass Hoover ihn immer mochte, weil sie „die gleichen Feinde“ hätten.

Damit dieser Mann aber nicht einfach nur eindimensional als Hüter des heiligen FBI erscheint, baut das Drehbuch eine zweite Ebene ein, die geschickt mit der ersten, dem Watergate-Skandal, vermischt wird und in gewissem Sinne sogar korrespondiert. Denn in jenen Jahren – 1972/73/74 – war eine der speziellen Aufgaben des FBI, die Weathermen/Weather People zu stellen und aufzureiben, eine linksradikale Untergrund- und Terrororganisation. Felt hatte die wohl nicht ganz unberechtigte Sorge, seine Tochter Joan könne sich der Gruppe angeschlossen haben. Er betreibt auf eigene Faust systematische Recherchen, um sie zu finden, nutzt dafür aber eben nicht den Apparat des FBI, was seine Frau ihm übelnimmt. Nach und nach wird aber deutlich, dass es Audrey war, die Joan aus dem Haus getrieben hat. Es ist dem Drehbuch hoch anzurechnen – und den Schauspielern Neeson und Diane Lane zu verdanken -, dass aus diesem Nebenstrang kein Melodrama wird, er nicht einmal breit ausgewalzt wird, sondern dass sich Buch und Regie auf ein erwachsenes Publikum verlassen können, welches – auch ohne in die Einzelheiten eingeweiht zu werden – begreift, wie die emotionale (Schief)Lage in einer Ehe ist, die offensichtlich vor allem durch die Karriere des Mannes geprägt war. So enthält sich der Film eines Urteils und wird damit den Figuren gerecht. Es wird lediglich veranschaulicht, welche Narben ein solches Leben bei allen Beteiligten hinterlässt: Eine einsame Frau, die ihre Drinks nachts allein am Pool einnimmt, eine Tochter, die das Elternhaus geflohen ist und ein Mann, der die Home-Front, um es einmal etwas despektierlich zu benennen, wohl immer falsch eingeschätzt hat. Wenn sich Mark und Audrey Felt da im Garten sitzend eine Zigarette teilen und die Entwicklungen um ihre Tochter Revue passieren lassen, wird damit auch das Resümee eines Lebens geschildert und bebildert, dessen Entscheidungen eben nicht mehr zu revidieren sind. Im Halbschatten verschwinden die Konturen dieser beiden Eheleute und mit den Konturen auch die Eindeutigkeit ihrer Beziehung zueinander.

Wenn es Felt schließlich gelingt, seine Tochter in einer Hippiekommune aufzutreiben (und zumindest zur Überprüfung der Mitglieder dieser Kommune dann eben doch auf die Mittel des FBI zurückgreift) und sie, gemeinsam mit seiner Frau, heimzuholen, zeigt dies nicht nur eine zutiefst emotionale Seite dieses offensichtlich so beherrschten Mannes, sondern es symbolisiert eben auch, dass es ihm gelungen ist, die Familie zusammen zu halten. Und zwar nicht nur die eigene, private, sondern eben auch das FBI, dem gegenüber er sich wie ein milder Patriarch verhalten hat: Mit Härte geführt, wo dies notwendig war, streng aber gerecht zu seinen Leuten, die er nach außen immer verteidigt hat, einsame Entscheidungen treffend, als dies geboten schien um den Laden zu retten, und schließlich zum rechten Zeitpunkt – 1973, also noch vor Nixons endgültiger Niederlage, die mit seinem Rücktritt besiegelt wurde – der Abschied in den Ruhestand. Subtextuell führt THE SECRET MAN also eine konservative Tradition Hollywoods ungebrochen fort: Die Familie als Kernzelle der amerikanischen Gesellschaft muss erhalten und verteidigt werden. „Familie“ allerdings ist ein dehnbarer Begriff, der Vieles umfassen kann – die tatsächliche Familie, die Institutionen, die Gesellschaft, die Nation.

Zunächst aber führt Landesman diesen Mann, seine unumwundene Hauptfigur, wortlos ein.  Während des Vorspanns sehen wir Felt zu, wie er sich morgens auf den Arbeitstag vorbereitet, seinen Kaffee im Garten trinkt und dabei den Blick schweifen lässt. Er wird durch Adam Kimmels Kamera wie ein Monument inszeniert. In einer langsamen Fahrt nähert sich die Kamera auf Taillenhöhe seinem Rücken, gleitet dann vorsichtig um den großgewachsenen, grauhaarigen Mann, den wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht näher kennen, steigt zugleich langsam auf, bis wir auf Augenhöhe sind. Diese Einführung der Hauptfigur lässt wenig Zweifel daran aufkommen, dass wir es hier mit einem distinguierten, ehrwürdigen Herrn zu tun haben, einem Idealisten, der für die Integrität der amerikanischen Institution an sich steht. Damit steht er in der Reihe all jener aufrichtigen Amerikaner, wie sie im Laufe der Jahre durch Henry Fonda, Spencer Tracy, Gregory Peck, aber auch durch Robert Redford und immer wieder durch Kevin Costner dargestellt wurden.

Eben ein Monument. Ein Monument, dass trotz der subtilen Entwicklungen, und trotz aller Schwächen, die sich dieser Mann erlaubt oder zu erlauben meint, nicht wirklich angekratzt wird. So stoisch er anfangs da steht, so selbstsicher tritt er den ganzen Film hindurch auf. Er weiß genau, was er sich und dem FBI schuldig ist. Er ist erschüttert, wie ruchlos der Präsident und seine Schergen vorgehen und kann sein eigenes Vorgehen genau damit rechtfertigen: Solch üble Praktiken, wie Nixon sie anwendet, können nur mit ebenso üblen Mitteln bekämpft werden. Fight Fire with Fire.

Die Bildgestaltung des Films wird schon in dieser Eingangssequenz vorweggenommen: In einem langsamen, man könnte auch sagen: gemächlichen Tempo und Rhythmus bettet Landesman seine Story in gediegene, monochrome, manchmal ein wenig dunkel geratene, teils in tiefen Schatten liegende Bilder, die den Rahmen einer Geschichte bestimmen, die genau davon handelt: Diffuses, halb Sichtbares, halb Undurchdringliches, Geheimes und Geheimnisse. Dabei steht die Kamera aber ganz im Dienst des Films und seiner Geschichte. Sie unterstützt, ohne sich aufzudrängen, sie setzt ein hervorragendes Ensemble in Szene und hebt dabei subtil die jeweils Sprechenden hervor, ebenso subtil setzt sie aber auch die Akzente, richtet den Fokus auf die Figuren, die das Publikum favorisieren soll.

Neben Liam Neeson, der Mark Felt bei aller Zurückhaltung in jeder Faser seines Auftritts die Größe jener oben erwähnten großen Amerikaner in Gestalt großer Schauspieler verleiht, steht Landesman eine wirklich hervorragende Schauspielerriege zur Verfügung: Diane Lane spielt Felts verbitterte Frau Audrey; Tom Sizemore den ebenfalls verbitterten und zutiefst zynischen William C. Sullivan, der Felt in den Rücken fällt; Marton Csokas gibt den unsicheren, zugleich aber auftrumpfenden Pat Gray; Michael C. „Dexter“ Hall spielt John Dean, einen der wesentlichen Berater von Präsident Nixon; Bruce Greenwood Felts alten Freund Sandy Smith, der mittlerweile einer der führenden Journalisten des Landes ist; Tony Goldwyn gibt Ed Miller, einen von Felts wenigen wirklichen Vertrauten. Bis in kleinere Nebenrollen hinein ist THE SECRET MAN hervorragend besetzt, was seinem eher ruhigen Setting und den vielen kammerspielartigen Szenen in abgedunkelten Räumen gut bekommt. Denn diese Schauspieler sind in der Lage, Dialoge so mit Bedeutung und den Spezifika unterschiedlicher Ebenen aufzuladen, dass der Film eine grundlegende Spannung erhält, welche die Geschichte – nicht zuletzt, weil sie eben längst bekannt ist – eigentlich gar nicht hergibt.

Es schadet dennoch nicht, wenn die Zuschauer*innen Vorwissen mitbringen. Allerdings kann Landesman sich darauf verlassen, dass, wer sich einen Film wie diesen anschaut, weiß, was der Watergate-Skandal, was Nixons Demission, was die Washington Post, was die Namen Bob Woodward und Carl Bernstein etc. im Kontext der amerikanischen Geschichte bedeuten. Dennoch muss das Drehbuch ungeheuer Vieles erklären, weshalb andauernd geredet wird. Man kann das als Schwäche auslegen. Doch im Klassiker zum Thema schlechthin – Alan J. Pakulas ALL THE PRESIDENT´S MEN (1976) – wird ebenfalls ununterbrochen geredet; dort verlässt sich das Drehbuch von William Goldman ebenfalls darauf, dass die Hauptdarsteller Dustin Hoffman und Robert Redford in der Lage sind, Dialoge spannend zu präsentieren. Und die beiden lieferten dann ja auch genau diese Leistung. Ähnliches gelingt, wie oben erwähnt, auch hier.

Pakulas Film ist in vielerlei Hinsicht ein Bezugspunkt für Landesman; gelegentlich fragt man sich gar, ob er eher an der tatsächlichen Geschichte des Mark Felt oder aber an einer Hommage an den früheren Film interessiert ist. Zumindest verhält sich THE SECRET MAN zu ALL THE PRESIDENT´S MEN wie eine Ergänzung: Erzählte Pakula von zwei heldenhaften Journalisten, die sich gegen einen undurchsichtigen Staatsapparat durchsetzen, eine Mauer des Schweigens durchbrechen, erzählt Landesman von der anderen Seite aus, der des FBI, bzw. eines ihrer führenden Vertreter, ohne dessen Zutun die Recherchen von Woodward und Bernstein letztlich zu nichts geführt hätten. So wird der jüngere Film zu einer Art Negativ, einer Gegenform von Pakulas Meisterwerk.

Allerdings setzt Landesman sich auch vom Vorbild ab: Wo Gordon Willis brillante, grobkörnige Bilder lieferte, die immer einen dokumentarischen Eindruck vermitteln, bevorzugen Landesman und Kimmel wie oben bereits angemerkt, gediegene, dunkle, in den Innenaufnahmen geradezu elegante Aufnahmen. In jenen Szenen, in denen Felt sich – in einem Diner, später in der berühmten Tiefgarage – mit Vertretern der Presse trifft, und wenn er eine öffentliche Telefonzelle an einem Waschsalon nutzt, um Kontakt mit Woodward aufzunehmen, wirken die Bilder allerdings genauso grobkörnig wie die von Willis, was durchaus als Reminiszenz an Pakulas Film gelesen werden sollte.

So entsteht im Zusammenspiel mit dem Klassiker ein Bild jenes Skandals, der die USA lange, mindestens die 70er Jahre hindurch, geprägt hat. Und der – ein Film wie dieser, veröffentlicht im Jahr 2017, ist der beste Beweis dafür – das Land immer noch beschäftigt. Es waren die Entwicklungen der 60er und 70er Jahre – der Vietnamkrieg, Watergate, das Benehmen der CIA im Ausland, namentlich in Chile 1973, die Öl- und die daraus resultierende Wirtschaftskrise und die Erkenntnis, dass selbst die höchste Institution des Landes, das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten, in die Hände eines Hasardeurs fallen kann – die zu einem tiefen moralischen Verfall, einer regelrechten gesellschaftlichen Depression führten, die sich nicht zuletzt in den damals entstandenen Filmen spiegelte. Der Paranoia-Thriller, ein Sub-Genre des Polit-Thrillers (den es in dieser Form zuvor allerdings so auch noch nicht gegeben hatte), stand in voller Blüte. Allein Alan J. Pakula steuerte mit drei Filmen – dem bereits behandelten ALL THE PRESIDENT´S MEN, zuvor aber schon mit KLUTE (1971) und THE PARALLAX VIEW (1974) – heute als Klassiker betrachtete Werke bei. Peter Landesman hat mit THE SECRET MAN eine Art Fußnote hinzugefügt, eine Ergänzung und Erweiterung, die sich auf dokumentarisches Material stützt und trotz kleinerer Schwächen Glaubwürdigkeit und Authentizität vermittelt. Ein eher kleiner, bescheidener Film, der aber jene, die sich für die jüngere Geschichte der USA interessieren, durchaus packen und fesseln kann.

 

[1] Felt, Mark; O´Connor, John: A G-MAN´S LIFE: THE FBI, BEING ‚DEEP THROAT‘, AND THE STRUGGLE FOR HONOR IN WASHINGTON, 2007.

[2] DEEP THROAT war der Titel eines erstaunlich erfolgreichen Pornofilms, der 1972 erschien und zu einem popkulturellen Phänomen avancierte, da es bald auch in bürgerlichen Kreisen als schick galt, sich den Film in einem möglichst schmuddeligen Kino anzuschauen, um später auf Partys eingeweiht mitreden zu können. Eine deutliche Folge des liberalen Zeitgeistes und der sogenannten „sexuellen Revolution“ der späten 60er und frühen 70er Jahre.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.