THE COMPANY YOU KEEP

Redford liefert eine ehrliche Auseinandersetzung mit seiner Generation

Dreißig Jahre, nachdem sie untergetaucht ist, will sich die ehemalige Weathermen-Aktivistin Sharon Solarz (Susan Sarandon) den Behörden stellen, wird aber vom FBI, das offenbar die Leitungen abgehört hat, abgefangen und in Gewahrsam genommen.

Der Lokalreporter Ben Shepard (Shia LaBeouf) wittert die Chance auf eine Story. In Folge seiner Recherchen stößt er auf den Anwalt Jim Grant (Robert Redford), der es abgelehnt hat, Solarz zu verteidigen. Shepard kommt schließlich dahinter, daß Grant der lang gesuchte Terrorist Nick Sloan ist, der wie Solarz damals, anfangs der 70er Jahre, an einem Banküberfall mit tödlichem Ausgang für einen Wachbeamten beteiligt gewesen sein soll.

Grant, der eine 10jährige Tochter hat, taucht mit Hilfe seines Bruders Daniel (Chris Cooper) unter und kontaktiert nach und nach alte Weggefährten aus der Bewegung, darunter den Ex-Hippie Donal Fitzgerald (Nick Nolte), da er unbedingt seine damalige Liebe Mimi Lurie (Julie Christie) treffen muß – von ihr erhofft er sich nach all den Jahren Entlastung in der Frage, wer damals eigentlich geschossen und den Wachmann getötet hat.

Doch sowohl Shepard als auch das FBI sitzen Grant im Nacken. Die Schlinge zieht sich zu und lediglich Shepard fällt auf, daß dabei vielleicht nicht alles mit rechten Dingen zugeht…

Man nehme THE COMAPNY YOU KEEP (2012) und halte ihn gegen Clint Eastwoods SPACE COWBOYS (2000), dann sieht man den Unterschied zwischen jenen, die in den wilden 60ern „dabei“ waren und jenen, die entweder in Europa Filme drehten oder sich ihrer frühen Karriere widmeten. Wo Clint Eastwood alte Haudegen und Weggefährten um sich schart, um ein letztes Mal viel Spaß zu haben, bittet Robert Redford einige alte Begleiter zum letzten Tanz der Bewegung – um Rechenschaft abzulegen, vor sich selbst, vor einander und auch vor uns, den Nachgeborenen.

Redford, über dessen Qualitäten als Regisseur oft und gern gestritten wird, der sich allerdings – wie Eastwood – als einer der wenigen Schauspieler seiner Generation (oder in Hollywood generell) als Regisseur etablieren konnte, kehrt in seinen letzten Regiearbeiten (LIONS FOR LAMBS; 2007) in jene Gefilde zurück, in denen er einst seine größten künstlerischen Erfolge erzielen konnte: gesellschaftspolitisch engagierte Filme und Politthriller. Er orientiert sich dabei ebenso an seinem Mentor Sidney Pollack, wie an Größen des Genres wie Sidney Lumet oder Alan J. Pakula, mit denen er in seiner langen Karriere zusammen gearbeitet hat. Und einmal mehr gelingt ihm hier ein ebenso spannendes wie hintergründiges Stück Politkino in einem zeitgenössischen Amerika, das die stillen, nachdenklichen und differenzierten Töne nicht unbedingt liebt. Zwar ist der reine Plot recht konventionell erzählt – Mann wird von Vergangenheit eingeholt und versucht endlich, auch weil er sich der Verantwortung stellen muß, Ordnung in seine Vergangenheit zu bringen; dazu muß er fliehen, alte Kumpel aufsuchen und sich schließlich seinen Häschern stellen – doch gelingt es dem Buch, doppelte Böden und geschickte Verbindungen einzubauen. Um eine Verbindung zur jungen Generation herzustellen, wird die Figur des Reporters genutzt – auch dies ein gängiger Kniff, um eine solche Handlung in Gang zu bringen – , den Shia LaBeouf an den jungen Dustin Hoffman angelehnt gibt. Hoffman wiederum war einst Redfords Partner in dem Watergate-Thriller ALL THE PRESIDENT`S MEN (1976).

Soweit also alles wie gehabt. Die Geschichte ist spannend, die Figuren sind gut ausgearbeitet und glaubwürdig, auch ohne daß uns das Drehbuch zwanghaft deren gesamte Geschichte auftischt. Mut zur Lücke: Allein dem von Nick Nolte gespielten Donal Fitzgerald nehmen wir sofort ab, daß er mal ein großes Tier in irgendeiner Kommune gewesen ist, jeden Joint, jedes Budweiser Beer, das dieser Mann unterwegs getrunken hat, meinen wir in Noltes verwittertem Gesicht erspähen zu können. Noch überzeugender ist Susan Sarandons Sharon Solonz. Sarandon, selbst eine Aktivistin in ihren frühen Tagen, hat hier nur wenige Minuten Leinwandpräsenz, wenn sich Shepard auf Geheiß des FBI mit ihr unterhält und sie diesem zunächst zynisch und egozentrisch erscheinenden jungen Mann zu verdeutlichen sucht, wieso sie und ihre Freunde einst der Meinung waren, nicht nur demonstrieren, sondern auch kämpfen zu müssen. Und schließlich sind da Christies Mimi und der vom immer freundlich wirkenden Sam Elliot gespielte McLeod, ebenfalls ein alter Bekannter aus den goldenen Tagen: Beide sind nur vergleichsweise kurz im Film präsent, beiden jedoch gelingt es, in diesen wenigen Minuten ihren Charakteren nicht nur gegenwärtiges Leben einzuhauchen, sondern auch bereits vergangenes.

So können wir diesem Film als reinem Thriller folgen, da das Timing stimmt, aber auch die Balance aus ruhigen Passagen und Action, bzw. Spannungsmomenten, erstaunlich gut gehalten wird. Doch unter diesem Korsett eines spannenden Plots merken wir schon früh das Anliegen des Regisseurs, sich und die seinen einer Befragung zu unterziehen, Rechenschaft abzulegen und auch Fehler einzugestehen, zugleich aber auch für diese Generation eine Lanze zu brechen, die sich in einem für die U.S.A. wirklich brisanten historischen Moment aufgemacht hat, ihre Stimme zu erheben und klar NEIN! zu sagen. Die bereit war, sich wirklich der Politik der eigenen Regierung, aber auch Teilen der Gesellschaft, vor allem der Elterngeneration, entgegenzustellen, manchmal unter Einsatz ihres Lebens, wie jene vier Studenten, die 1970 an der Kent State University, Ohio, von Angehörigen der Nationalgarde erschossen wurden. Wenn Nick und Mimi schließlich aufeinander treffen, kommt es nicht nur zur Begegnung zweier großartiger Darsteller – Redford selbst und der wunderbaren Julie Christie – , denen es gelingt, all die vertanen Chancen und verpassten Möglichkeiten eines Lebens, das unweigerlich gelebt und vergangen ist, spürbar zu machen, es kommt in einem phantastischen Dialog zwischen den beiden auch zu einer grundsätzlichen Abrechnung und Rechtfertigung einer ganzen Generation – miteinander, mit sich selbst.

Die 68er haben mittlerweile ja keinen guten Leumund mehr und eine jüngere, deutlich konservativere und konventionellere Generation scheint beschlossen zu haben, daß die Errungenschaften von 68 lediglich in der Zerstörung gültiger Werte lägen. Redford macht sich dennoch unverdrossen daran, diese Generation, damit auch sich selbst, ehrlich, was bedeutet: auch schmerzhaft, zu befragen. Wobei er – daran läßt der Film keinen Zweifel – die Errungenschaften der 68er (die in Amerika einen weitaus heftigeren und auch gefährlicheren Kampf kämpfen mussten als die meist behüteten Studenten in den deutschen Universitäten) ebenso preist und hoch hält, wie er ihre Fehler – der Wille, schließlich Gewalt anzuwenden – anprangert und deutlich als ein Scheitern ausstellt, das schließlich auch zum Scheitern dort geführt hat, wo die Belange und Forderungen der jungen Generation eben vollkommen berechtigt waren.

Wenn Mimi aufzählt, an welchen Stellen „die Bewegung“ keinen Erfolg hatte, wenn sie erklärt, daß die Ziele und die Kritik am Lebenswandel der westlichen Gesellschaft, an der Korruption und der Zerstörung der Welt und ihrer Ressourcen immer noch gültig sei und „der Kampf“ keineswegs vorbei, dann wird diese Aussage durch die Stimme Julie Christies, die auch heute noch offen zu ihren sozialistischen Idealen steht, nicht nur beglaubigt, sondern sie wird auch allen möglichen Pathos‘ entledigt und zu einer schlichten Wahrheit. Dieser Kampf ist nicht vorbei, die Anliegen sind dieselben, nur drängender, und ein mittlerweile vollkommen entfesselter Kapitalismus droht, den Menschen endgültig seiner Menschlichkeit zu berauben und ihn zu einer reinen Nummer im Konsum- und Verbraucherspiel zu degradieren. Der Film agiert da bei aller Melancholie erstaunlich selbstbewußt. Und findet damit Anschluß an seine Gegenwart. Erstaunlich modern im Look, die Verheerungen des Alters durchaus nicht leugnend, macht er schon deutlich, daß es hier nicht um die Nostalgie einer verdämmernden Generation geht.

So könnte man auch sagen, daß man es schlicht mit einer Zustandsbeschreibung oder Zwischenbilanz zu tun hat. Die Ideen bleiben, auch wenn es schwieriger ist, an sie zu glauben, die Zeiten mögen sich ändern, die Probleme hingegen nicht. Doch Redford ist natürlich Redford, also ein Liberaler, der aber im System Hollywood groß und reich geworden ist. Also weiß er, was er zu liefern hat und er liefert: Das schönste abstrakte Konstrukt ist nichts in der „Traumfabrik“ ohne die menschliche Komponente. Daß Sloan nach all den Jahren seine Unschuld beweisen will, dafür auch erstmals bereit ist, die hehren Versprechen „ der Bewegung“ – daß man sich unbedingt deckt und niemals verrät – aufzugeben, das hat mit seiner Rolle als alleinerziehender Vater zu tun. Wofür, so schwingt unterschwellig die ganze Zeit die Frage mit, wofür führen wir all diese Kämpfe, wenn nicht für die Menschen, letztlich für die Kinder, für deren Zukunft? Und es ist ja auch richtig: Weltverbesserung ohne den Menschen in zentraler Funktion würde schnell in Zynismus umschlagen. Also müssen all diese Figuren schließlich die eigenen Irrtümer einsehen und sie müssen begreifen, daß Ideologie ohne den Menschen kalt, brutal und menschenverachtend wird.

So bietet Redford dem Publikum eine Art „halbes Happy End“, wobei er aber nicht den Fehler begeht (wie so viele, viele Hollywoodproduktionen), die restaurierte Familie in Eins zu setzen mit einer restaurierten und gesundeten Gesellschaft. Redford bleibt ein Liberaler, er bleibt ein wacher Geist, der sehr genau um die Fehlleistungen der Gesellschaft weiß, die ihm eine unvergleichliche Karriere ermöglicht hat und die er, das hat er in Interviews immer wieder verdeutlicht, auch liebt. Redford wird auch im Jahr 2012 sehr genau gewußt haben, wie wichtig ein Film ist, der die alten Ideale noch einmal hervorkramt und sich ehrlich und vor allem ernsthaft mit ihnen auseinandersetzt. Vier Jahre, nachdem Barack Obama zum ersten farbigen Präsidenten des Landes gewählt worden war, mag es für den Regisseur einfacher gewesen sein als in den Jahren der Bush-Administration, das Geld für einen solchen Film aufzutreiben; doch daß ein solcher Film nicht irrelevanter wird, hatten diese vier Jahre, in denen man gesehen hatte, daß auch die Erfüllung von Träumen oftmals nicht zu traumhaften Ergebnissen führt, ebenfalls verdeutlicht. Wir sollten also froh sein, daß auch heute noch das alte Hollywood, das einmal das ‚neue Hollywood‘ gewesen ist, ab und an sein müdes Haupt erhebt.

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