TÁR
Todd Field bietet einem erwachsenen Publikum eine erwachsene, ausgesprochen differenzierte Künstlerbiografie
Die amerikanische Star-Dirigentin Lydia Tár (Cate Blanchett) – mit bürgerlichem Namen Linda Tarr – gehört zu dem erlesenen Kreis derer, die ich als EGOTs bezeichnen dürfen: Jene, die sowohl einen Emmy, als auch einen Grammy, einen Oscar und einen Tony Award gewonnen haben. Zudem ist sie die erste Frau, die eines der großen Orchester in Deutschland – offenbar die Berliner Philharmoniker – leitet.
Während eines öffentlich geführten Interviews des New Yorker erläutert sie vor Publikum ihre Sicht auf klassische Musik, auf ihren Mentor Leonard Bernstein, sie erklärt die historische Bedeutung des Dirigenten und kündigt ihr nächstes Werk an: Sie will ein Konzert von Mahlers 5. Sinfonie mitschneiden lassen und damit ihren Mahler-Zyklus vollenden, an dem sie seit Jahren arbeitet und dessen bisherige Fertigstellung durch die Corona-Epidemie verhindert wurde. Außerdem kündigt sie ein Buch, eine Autobiografie an – Tár On Tár soll sie heißen.
Während ihres Aufenthalts in New York hält sie ein Master-Seminar an der renommierten Juilliard School, eines der besten Konversatorien der Welt. Hier kommt es zu einer zwar freundlich geführten, in der Sache aber harten Auseinandersetzung mit einem Studenten, der sich als divers bezeichnet und deshalb Bach und dessen Musik als die eines misogynen Cis-Mannes ablehnt. Tár kann das so nicht stehen lassen und verdeutlicht, was sie von der Egozentrik eines jungen Studenten hält, der die eigenen Befindlichkeiten einem Genie wie Bach entgegenstellt. Der Mann verlässt die Sitzung und beleidigt Tár dabei massiv.
Mittags trifft Tár Eliot Kaplan (Mark Strong), ein mit ihr bekannter Hobby-Dirigent, der Tár verehrt und sie immer wieder bittet, ihm Tipps und Einblicke in ihre Arbeitsweise zu geben. Seine offenbar sehr wohlhabende Familie unterstützt die Stiftung Accordion Fellowship, die Tár ins Leben gerufen hat und durch die junge Dirigentinnen in ihrer beruflichen Laufbahn unterstützt werden. Tár ist stolz darauf, dass es gelungen ist, alle Teilnehmerinnen an dem Programm an Orchester zu vermitteln, wo sie Leitungserfahrung sammeln können. Kaplan erwähnt eine Teilnehmerin namens Krista Taylor, die nicht vermittelt werden konnte. Tár weist darauf hin, dass Taylor eine schwierige Person ist, die zu vermitteln nahezu unmöglich gewesen sei. Tár erzählt Kaplan aber auch, dass sie eine neue Cellistin für ihr Orchester suche und zudem den Kapellmeister Sebastian Brix (Allan Corduner) austauschen wolle, da der zu alt werde für seinen Job. Kaplan ermutigt sie, diesen Schritt zu gehen.
Zurück in Berlin, wo Tár mit ihrer Frau Sharon (Nina Hoss) und deren Tochter Petra (Mila Bogojevic) in einer hochmodernen Wohnung zusammenlebt, setzt sich die Suche nach der Cellistin fort. Sharon ist erste Violinistin des Orchesters und damit auch die Konzertmeisterin. Eine schwierige Rolle zwischen Privatleben und Beruf. Társ Assistentin und Vertraute Francesca Lentini (Noémie Merlant) ist in alle Belange der Dirigentin involviert, so ist sie auch für die Musiker verantwortlich, die sich um die Stelle als Cellist*in bewerben.
Tár trifft sich mehrfach mit Andris Davis (Julian Glover), ihr Vorgänger am Orchester und für sie eine Art Mentor, ein väterlicher Freund. Er gibt ihr Hinweise und Ratschläge, schwelgt aber auch in Erinnerungen an die gute alte Zeit. Und er warnt sie, dass sie bspw. bei der Festlegung auf eine neue Cellistin vorsichtig sein sollte. Sie solle nichts überstürzen.
Tár hält noch ihre Altbauwohnung, die sie vor allem nutzt, um sich zum Arbeiten zurückzuziehen. Hier kann sie in Ruhe an den Partituren arbeiten, hier kompomiert sie aber auch. Und hier trifft sie sich auch mit der neu eingestellten Cellisten Olga Metkina (Sophie Kauer). Diese ist – anders als Tár es erwartet hätte – sehr selbstbewusst und macht in den gemeinsamen Gesprächen klar, dass sie einer anderen Generation entstammt, die ihre Anregungen und Informationen aus anderen Quellen – also dem Internet und den sozialen Medien – beziehen. Zudem zeigt sie keine Scheu, ihre Meinung offen zu sagen und dabei auch ihre Mentorin zu kritisieren. So betrachtet sie eine Eigenkomposition Társ, die sie umgehend verbessert.
Bei einem Willkommensessen erklärt Metkina, dass sie einst als Schülerin Edward Elgars Cellokonzert gehört und dann gespielt habe, wodurch sie einen Wettbewerb gewonnen habe. Als Tár eine Aufnahme dieses Vorspiels sieht, begreift sie, wie gut ihre junge Cellistin ist. Das Orchester – die Tage in Berlin sind erfüllt von Proben für die Aufführung von Mahlers 5. Sinfonie und Tár erarbeitet mit den Musiker*innen immer genauer ihre Vorstellungen – wartet darauf, dass ihre Dirigentin ihnen erklärt, welches Stück sie als Begleitprogramm plane. Tár schlägt nun Elgars Werk vor, verlangt dann aber von ihren Musiker*innen ein Vorspiel und übergeht dabei die natürliche Hierarchie innerhalb der Gruppe. Die Stimmführerin der Celli fühlt sich übergangen, stimmt aber auch zu, weil es die Politik innerhalb des Orchesters ihr nicht erlaubt aufzubegehren, da sie selbst Konkurrenten hat. Sharon wirkt beruhigend auf sie ein, erklärt Tár gegenüber aber auch, dass sie mit ihren manchmal einsamen Entscheidungen für Unruhe im Orchester sorge. Metkina gewinnt schließlich das Vorspiel und übernimmt damit entgegen aller Gepflogenheiten – sie ist nicht einmal festes Ensemblemitglied – das Solo.
Als Francesca die Nachricht ereilt, dass Krista Taylor sich das Leben genommen hat, kommt es zu einer sehr emotionalen Aussprache zwischen ihr und Tár. Dabei wird deutlich, dass es zwischen den Dreien wohl mehr als rein berufliche Beziehungen gegeben hat. Tár, die Francesca zwar zu trösten versucht, zugleich aber auch knallhart und professionell bleibt, verlangt von ihrer Assistentin, alle Emails, sämtliche Korrespondenz zu löschen und zu vernichten, die auf Verbindungen zwischen Tár und Taylor hinweisen. Als Tár ihr eigenes Mailkonto durchforstet, wird deutlich, dass sie wohl über Monate immer wieder aktiv an Orchesterleitungen geschrieben hatte und somit offensiv eine Anstellung Taylors verhindert hat.
Tár führt ein Gespräch mit Sebastian Brix und erklärt ihm, dass sie ihn gegen einen jüngeren Kapellmeister austauschen wolle. Sie bietet ihm an, eine andere Stelle für ihn zu suchen, doch lehnt er dies ab. Er wirft Tár vor, Francesca, die ebenfalls eine Absolventin der Stiftung gewesen ist, auf seine Stelle hieven zu wollen. Zudem unterstellt er den beiden Frauen eine sexuelle Beziehung, weshalb Francesca bevorzugt würde. Tár lässt ihn ob einer solchen Anschuldigung erbost stehen.
Zufällig findet sie Francescas Handy und kann es sich nicht verkneifen, nachzuschauen, ob diese wie gefordert die verräterischen Mails gelöscht hat. Sie sind nicht gelöscht. Als sie Francesca zur Rede stellt und fragt, ob die ihrer Anweisung gefolgt sei, erklärt diese, sie habe es womöglich vergessen.
Es kommt zu einer Aussprache zwischen Tár und Francesca, bei der die Dirigentin ihrer Assistentin erklärt, dass sie nicht als Kapellmeisterin vorgesehen sei. Sie halte sie für ungeeignet. Daraufhin kündigt Francesca und verschwindet umgehend aus Berlin. Für Tár eine Katastrophe, da sie Francesca dringend braucht. Die junge Frau war für sämtliche Termine zuständig, sie war Tár eine Art lebendes Notizbuch und auch eine Freundin, bei der sie Probleme und sie beschäftigende Gedanken, Sorgen und Zweifel abladen konnte. Ihr konnte sie auch von den sich häufenden Vorkommnissen erzählen, die sie zusehends verunsichern.
Denn Tár verfällt immer öfters in Angst-, gelegentlich gar Panikzustände. Sie wird nachts immer wieder von Geräuschen in der Wohnung geweckt, sie kann einzelne Partituren nicht mehr finden, während des Joggens im Park hört sie eine Frau um Hilfe schreien, kann diese aber nicht lokalisieren. Und wenn sie in ihrer Altbauwohnung nächtigt, weil sie arbeiten oder einfach ihre Ruhe haben will, hört sie durch die Wände die Beatmungsmaschine in der Nachbarwohnung. Eines Tages klopft es laut an der Tür und die Nachbarin fordert sie auf, ihr zu helfen, ihre Mutter sei aus dem Rollstuhl gefallen. Einige Tage später trifft Tár auf der Treppe die Männer des Begräbnisinstituts, die die Tote die Treppe hinuntertragen. Offenbar ist die alte Frau bald nachdem Tár deren Tochter geholfen hatte, verstorben.
Dafür stehen umgehend drei Leute vor ihrer Tür, die ihr erklären, sie wollten die Wohnung verkaufen. Es sind die Schwester der die Alte versorgenden Frau, ihr Mann und die Tochter. Sie bitten Tár, zu bestimmten Zeiten keine Musik zu machen, da dies potentielle Käufer abschrecken könne. Tár, nervlich immer zerrütteter, wandert nun stundenlang Akkordeon spielend und laut Schmählieder auf die Nachbarn singend durch die Wohnung.
Für Tár sind all diese Geschehnisse aber auch zusehends Omen und Symbole des Schreckens. Sie fängt an, immer wirrer und befremdlicher zu träumen.
Die Dinge spitzen sich zu: In der New York Post erscheint ein Artikel zum Selbstmord von Krista Taylor und einer möglichen Beziehungsgeschichte mit Tár, die dafür verantwortlich sein könnte, dass die junge Frau Suizid begangen habe. Zugleich taucht ein Video im Netz auf, welches die Auseinandersetzung zwischen Tár und dem Studenten während des Master-Seminars in allerdings völlig verkürzter und dadurch entstellter Version zeigt. In Berlin wird Tár von der Kulturstaatssekretärin zu einer kleinen Runde eingeladen, um sich zu rechtfertigen. Sie weist sämtliche Vorwürfe von sich. Zudem ist sie nicht einmal bereit, näher auf die Vorwürfe einzugehen. In ihren Augen war Taylor psychisch nicht in der Verfassung, ein so anspruchsvolles Amt wie das einer Kapellmeisterin oder Orchesterleiterin auszufüllen.
Tár muss nach New York, weil sie ihr Buch vorstellen soll. In Ermangelung einer Assistentin und da Sharon wegen der häuslichen Pflichten Petra gegenüber nicht mitfliegen kann, nimmt sie kurzentschlossen Olga Metkina mit. Der Trip endet anders als erwartet: Tár muss sich offener Anfeindungen erwehren, die Buchvorstellung wird durch Protestierende gestört, es kommt zu einer Anhörung, bei der sie offen mit dem Vorwurf konfrontiert wird, Krista gemobbt zu haben. Die Vorsitzende des Ausschusses schlägt Tár, die sich auf Gedächtnislücken beruft, vor, gemeinsam Mails und SMS ihrer früheren Assistentin zu betrachten, die ihr vielleicht helfen könnten, ihre Erinnerung aufzufrischen. Bei einem erneuten Mittagessen mit Eliot Kaplan teilt dieser Tár mit, dass sich seine Familie aus der Stiftung zurückziehen wolle. Offenbar ist sie toxisch geworden, niemand will mehr näher mit ihr zu tun haben. Als Tár abends wenigstens mit Olga etwas essen gehen will, weist diese das Angebot zurück und erklärt, sie sei zu müde. Später sieht Tár durch Zufall, dass Olga in Abendgarderobe das Hotel verlässt.
Zurück in Berlin kommt es zu einer harschen Auseinandersetzung zwischen Tár und Sharon. Tár, das wurde zuvor mehrfach deutlich, liebt sowohl ihre Frau als auch Petra sehr. Doch nun wird auch deutlich, dass Sharon während der ganzen Dauer der Beziehung immer wieder bereit gewesen ist, eigene Bedürfnisse hintanzustellen und einige Eskapaden ihrer Frau zu übersehen, bzw. zu erdulden. Darunter wohl auch intime Seitensprünge mit anderen Frauen, was zumindest den Verdacht nährt, an den Anschuldigungen gegen Tár könne doch etwas dran sein. Zudem werde sie, Sharon, zusehends zwischen ihrer Rolle als Ehefrau der Chefin und dem Orchester zerrieben, umso mehr, da Tár die herrschenden Probleme einfach totschweige. Es kommt zum Eklat und Tár zieht aus der Wohnung aus.
Immer stärker bekommt sie die soziale Ächtung zu spüren. Und schließlich wird sie gewahr, dass offen an ihrer Absetzung als Orchesterleiterin gearbeitet wird. Als sie Petra von der Schule abholen will, taucht Sharon auf und nimmt das Mädchen an die Hand. Tár soll keinen Umgang mehr mit ihr haben. Ihre Isolation ist nahezu komplett.
Es kommt der Tag der Aufführung, jener Tag, der zur Krönung in Társ künstlerischem Schaffen werden sollte. Sie kommt aus der Toilette und begibt sich zum Orchester, dabei passiert sie den Trompeter, der die Fanfare, mit der die Sinfonie beginnt, von der Hinterbühne aus anstimmt. Es war Társ Idee, es so zu machen, um ein Gefühl für Zeitlichkeit und Hall zu erzeugen. Tár betritt die Bühne, stürmt an das Pult und stößt den dort stehenden Dirigenten – es ist ausgerechnet Eliot Kaplan, der offensichtlich ihren Platz eingenommen hat – vom Pult. Sie tritt mehrfach auf ihn ein und brüllt ihn an, ihre Partitur entwendet zu haben. Dann fordert sie das Orchester auf, sich auf sie zu konzentrieren, bevor sie schließlich von Angehörigen des Sicherheitspersonals aus dem Saal geführt wird.
Tár flieht nach Amerika und dort in ihr Elternhaus, wo sie Erinnerungsstücke ihrer Kindheit findet. Ihr Bruder taucht auf, empfängt sie allerdings nicht gerade freundlich, nennt sie bei ihrem richtigen Namen Linda und wirft ihr nebenbei vor, durch ihren beruflichen Aufstieg vergessen zu haben, woher sie eigentlich kommt. Dann lässt er sie stehen.
Tár reist auf die Philippinen und wird dort als neue Leiterin eines Orchesters empfangen. Während des ersten Auftritts werden mehrere Leinwände im Hintergrund ausgefahren. Es wird deutlich, dass Tár und ihr Orchester Begleitmusik für Videospiele aufnehmen. Das Publikum besteht ausschließlich aus Cosplayern, die in den Kostümen ihrer Lieblingsfiguren gekleidet sind.
Künstlerbiografien – gleich ob fiktional oder an einer realen Figur orientiert – sind auch deshalb so interessant, weil mit ihnen immer das Klischee von Genie und Wahnsinn bedient werden kann. Nicht zuletzt deshalb war Vincent van Gogh mehrfach Gegenstand von literarischen wie auch filmischen Darstellungen, eignete doch gerade er sich bestens, um die These des wahnsinnigen Künstlers – immerhin: Selbstverstümmelung – zu belegen. Das andere Kriterium der (modernen) Künstlerbiografie, welches ebenfalls einem Klischee entspringt – allerdings, wie alle Klischees, eben auch mindestens ein Körnchen Wahrheit enthält -, ist die Kunstszene an sich mit ihren Eitelkeiten und kleinen Bösartigkeiten, um sich von Konkurrenten ab- und im knallharten Kunst- und Kulturbetrieb durchzusetzen. Ruben Östlunds Film THE SQUARE (2017) wusste ebenso lustig wie bösartig davon zu berichten, dabei die Klischeefallen zu umschiffen und ihren Inhalt dennoch zu bestätigen.
Beide Klischees bedient auch Autor, Produzent und Regisseur Todd Field in TÁR (2022), der fiktionalen Biografie der von Cate Blanchett zumeist brillant gespielten Star-Dirigentin Lydia Tár, die sich während der Proben zu Mahlers 5. Sinfonie, welche sie während eines Live-Konzerts mitschneiden lassen will, um ihren Mahler-Zyklus zu vollenden, in allerhand gegenwärtigen und anderen, eigentlich der Vergangenheit angehörenden Episoden ihres Privatlebens – oder vermeintlichen Privatlebens – verheddert und darob zu Fall kommt. Der Film wurde gelegentlich mit Östlunds Film verglichen, wird die klassische Musikszene seit einiger Zeit doch als der Kunstszene vergleichbares Haifischbecken betrachtet.
Field begeht freilich nicht den Fehler, einfach nur plump den Niedergang einer zugegeben oft sehr selbstgerechten, zutiefst egozentrischen Künstlerin zu bebildern, einer Frau, die ihr Umfeld tyrannisiert und möglicherweise auch aus-nutzt, indem sie ihre Machtstellung be-nutzt. Vielmehr begibt er sich auf eine sehr differenzierte Reise in das Innenleben dieser Frau, die zweifelsohne ihre Fehler hat, die aber sichtlich für ihre Kunst, also für die Musik lebt und tatsächlich bereit ist, einiges dafür zu opfern – auch eine gewisse Sympathie, die ihr weder von den meisten Menschen im Film, noch von den Betrachter*innen im Kino gewährt wird. Field wagt einen sehr erwachsenen Film, der sich auf ein ebenso erwachsenes Publikum verlässt, das keine mundgerechten Denk-Häppchen vorgesetzt bekommen will, sondern bereit ist, sich eigene Gedanken zu machen und eigene Schlüsse aus dem zu ziehen, was ihm zur Interpretation angeboten wird. Eindeutig verwehrt TÁR dem Publikum jedwede Eindeutigkeit.
Schon der Einstieg des Films – eine lange Sequenz, in der Lydia Tár vor einem Auditorium von einem Redakteur der Zeitschrift The New Yorker eingeführt und dann zu ihrer Biografie und ihren künstlerischen Plänen befragt wird – verdeutlicht Fields Anspruch an sich, sein Werk und sein Publikum.
Wir bewegen uns in einem bürgerlichen, extrem artifiziellen und kreativen Umfeld, das Expertise verlangt, Einfühlungsvermögen und Sensibilität. Für sich, für andere, vor allem aber für den Gegenstand, die Musik. Lydia Tár ist im Kontext der über zweieinhalb Filmstunden eine nahezu klassische Vertreterin dieses Milieus. Allein schon die Liste der Auszeichnungen, die diese Frau auf sich vereint, ist ellenlang und belegt ihren Status: Sie zählt zum erlesenen Kreis der EGOTs, jener Künstler, die sowohl den Emmy, als auch den Grammy, den Oscar und den Tony Award gewinnen konnten. Sie ist überhaupt die erste Frau, die ein großes deutsches Orchester leitet – es wird nicht explizit gesagt, doch die Anspielungen deuten auf die Berliner Philharmoniker. Sie gehört zum internationalen Jet-Set der Klassik-Szene; wenn sie von Berlin, wo sie lebt, nach New York reist, dann in einem Lear-Jet. Sie fährt ein teures Tesla-Modell und ist damit als Exemplar jener exquisiten und in gewisser Weise auch exklusiven Gruppe moderner Großstadtmenschen ausgewiesen, die sich ein vermeintlich kritisches Bewusstsein bei gleichzeitig hohem Lebensstandard leisten können.
In diesen durchaus fordernden zehn Minuten, die Kameramann Florian Hoffmeister in langen, ruhigen Einstellungen einfängt, meist, indem er sowohl Tár als auch den Moderator in Halbtotalen und amerikanischen Einstellungen gemeinsam ins Bild setzt, gelegentlich, indem er etwas näher an die Dirigentin heranspringt und sie allein kadriert, wird das Publikum nicht nur mit der Biografie Lydia Társ vertraut gemacht, sondern auch mit ihren Ideen von Musik, wie diese durch ihre Erlebnisse – darunter eine längere Expedition zu Ureinwohnern des Amazonas – beeinflusst wird, mit ihrer Beziehung zu ihrem Mentor Leonard Bernstein und wie sie sich von diesem absetzt, aber auch mit ihrer Bildung, ihrem Witz und ihrer unbedingten Treue und Perfektion hinsichtlich der Arbeit, die sie verrichtet. Den Zuschauer*innen werden jede Menge Namen und Titel präsentiert, die zu kennen sicherlich hilft – Liebhaber klassischer Musik sind also unbedingt im Vorteil – deren Nennung aber vor allem die Funktion hat, die ungeheure künstlerische Spannbreite dieser Frau, ihre Kenntnisse, auch hinsichtlich der Geschichte ihres Berufsstands etc., zu verdeutlichen.
Tár lebt offen in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung, weshalb ein Teil der Fragen darauf abzielt, ob sie sich als Feministin versteht, sich darüber hinaus als Teil der LGTBQ+-Gemeinde begreift und deshalb auch auf den Gebrauch bspw. der Gender-Sprache besteht. Es wird damit das später den Film bestimmende Thema – sexueller Missbrauch in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung, die vor allem hierarchisch ist, da sie einer beruflichen Beziehung entspricht – schon angedeutet, wenn nicht gar vorweggenommen, wenn auch noch in einer positiven, der Dirigentin wohlgesonnen Atmosphäre. Vor allem aber macht Field seinem Publikum klar, auf was für einen Film es sich einzustellen hat. Hier werden teils komplizierte, definitiv komplexe Themenbereiche zueinander in Bezug gesetzt, miteinander verwoben und zum Motor einer in einem sich subtil steigernden, dann Rasanz aufnehmendem Tempo präsentierten Handlung.
Hier wird also definitiv keine einfache Kost präsentiert, sondern ein Geflecht menschlicher und künstlerischer Beziehungen, die gezeigt, auch analysiert, aber objektiv nie beurteilt werden. Man muss sich auf lange Dialogpassagen einstellen, darauf, dass man den Findungsprozessen eines künstlerischen Werdens ebenso beiwohnt, wie der Zerrüttung einer Person und ihrer privaten wie beruflichen Verbindungen. Die Proben mit dem Orchester machen einen nicht unbeträchtlichen Teil der Handlung aus und kontrastieren mit den privaten Belangen der Dirigentin, die mit der Konzertmeisterin Shannon verheiratet ist. Eine Beziehung, die natürlich Spannungen mit sich bringt, denn Shannon fungiert als eine Art Scharnier zwischen dem Orchester und ihrer Frau, die zugleich ihre Chefin ist. Womit auch deutlich wird, dass sich Privates und Berufliches – in einer Künstlerbiografie eh nur schlecht voneinander abzugrenzen – hier nicht mehr trennen lässt. Ein Fakt, der später auch eine Rolle in den Anschuldigungen gegen die Dirigentin spielen wird.
Lange wirkt es so, als wolle Field uns die künstlerische Arbeit eines Orchesters, die Bearbeitung und Interpretation einer Sinfonie schildern, wolle begreiflich machen, wie sich ein Künstler – oder, wie hier, eine Künstlergruppe unter Anleitung eines kreativen Kopfes – ein Werk erschließt, sich eine Interpretation erarbeitet. Nicht zuletzt aufgrund dieses Eindrucks wurde gern und viel darüber gelästert, dass offensichtlich weder Blanchett noch Nina Hoss, die die Sharon spielt, wirklich Ahnung von ihrer jeweils dargestellten Profession hätten und darüber hinaus der Film generell keineswegs originalgetreu die Arbeit eines Orchesters wiedergebe. Ein solcher Vorwurf vergisst aber, dass es sich hier nicht um eine Dokumentation handelt, sondern um eine fiktionale Geschichte, die einer gewissen Dramatisierung unterliegt. So wirken all die Szenen, in denen Tár mit den Musikern arbeitet, wie sie ihnen ihre Ideen zu vermitteln sucht, ihren Zugriff auf Mahlers Musik, gerade diese als Großwerk geltende 5. Sinfonie, im Kontext des Films und vor allem in Bezug auf diese Figur, auf ihr Verlangen, aber auch ihr Ringen, immer echt, immer authentisch.
Das liegt vor allem an der darstellerischen Kraft von Cate Blanchett, der es gelingt, diese Frau ungeheuer lebensecht und lebensnah wirken zu lassen. Zugleich aber wird dem Publikum immer wieder in Erinnerung gerufen, dass dies ein Film ist, eine fiktive Geschichte[1]. Dies ist eben keine reelle Beschreibung der Arbeit in und an einem Orchester, es ist eine erfundene Story, ein Plot, der sich zwar grob an einer realen Künstlerbiografie anlehnt[2], dessen Konstruiertheit aber immer betont wird. Dies ist ein Film, auch wenn er sich ausgesprochen realistisch gibt. Zumindest bis zu einem gewissen Grad, denn irgendwann – aufgrund von Stress, der beruflichen wie privat/häuslichen Situation, den politischen Kontexten im Orchester hinsichtlich des Kapellmeisters, den sie austauschen will, den dann aufkommenden Anschuldigungen, sie habe eine frühere Stipendiatin sexuell missbraucht, deren Selbstmord, den Versuchen, ihre Verbindung zu dieser Frau zu vertuschen etc. – dringt eine irrationale Ebene in die Realität der Lydia Tár ein.
Sie hört nachts Geräusche, in der Zweitwohnung, die sie zum Arbeiten nutzt, stören sie die Geräusche aus der Nachbarwohnung, während ihrer Joggingläufe fühlt sie sich verfolgt, es fehlen Bände ihrer Partituren und sie träumt immer wilder und befremdlicher. Es setzt eine Zerrüttung ein, die sich exponentiell steigert, als die Leitung des Orchesters sie ob der Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs freistellt, sich ihre Assistentin Francesca von ihr abwendet, weil sie ihr nicht die Stelle als Kapellmeisterin zuschanzt, und schließlich auch Sharon sich von ihr trennt und ihr den Umgang mit ihrer Tochter Petra untersagt.
Was Field dabei grandios gelingt, sind die Übergänge, die Abstufungen der Phasen dieser seelischen Zerrüttung. Denn im Grunde merkt man lange nicht, dass hier eine zunehmende psychische Ausnahmesituation vorliegt, da auch jene Momente, in denen Lydia ihre Entfremdung extrem spürt – bspw. meint sie auf einem ihrer Joggingläufe die Hilfeschreie einer Frau zu hören, die aber nicht lokalisierbar sind – vollkommen realistisch und somit völlig in die Handlung und auch in das stilistische Konzept des Films integriert inszeniert werden. Die Übergänge sind fließend, zugleich aber oft auf unbestimmbare Art bedrückend. Bsp. wenn Tár nachts durch die Wohnung schleicht, die Quelle der sie störenden Geräusche auszumachen sucht und immer wieder vor dem Kühlschrak landet ohne je wirklich zu begreifen, was es ist, was sie weckt und beängstigt. All das ist brillant inszeniert, wirkt nie aufgesetzt oder überdramatisiert. Vielmehr entsteht der Eindruck, es einfach mit der leichten Überspanntheit eines künstlerisch-kreativ veranlagten Charakters zu tun zu haben, eines Menschen, der ob des beruflichen Stresses Marotten entwickelt.
Lediglich die Träume werden mit Verfremdungseffekten markiert. Sie sorgen momentweise für eine gewisse Orientierungslosigkeit, nicht nur bei der Hauptfigur, sondern auch beim Publikum. Auch sie sind zunächst nicht immer als Träume erkennbar, allerdings setzt Field in seiner Inszenierung dieser – spärlich eingesetzten – Traumsequenzen tatsächlich auf Effekte, die sie dann deutlich von Rest des Films absetzen. Sie sind es auch, die dem Film gelegentliche Vergleiche mit den Werken Dario Argentos beschert haben dürften. Doch bei allem Respekt, ja, aller Hochachtung vor den surrealen Meisterwerken des Italieners, TÁR ist definitiv kein Horrorfilm, nicht mal ein Psychothriller. Ein Psychodrama, ja, vielleicht, wenn es denn unbedingt ein Label braucht.
Field erzählt die Geschichte einer Frau, die sich in einem kulturellen Umfeld bewegt, in dem ganz offensichtlich vor allem Leistung zählt, aber eben auch Protektionismus, man braucht Mentoren, Fürsprecher, Beziehungen. Tár selbst war ein Protegée Leonard Bernsteins, im Film geht sie mehrfach mit einem engen, deutlich älteren Freund – ihr direkter Vorgänger als Orchesterleiter – essen, der sie ebenfalls gefördert hat. Selbst fördert sie verschiedene junge Menschen, indem sie an einer Stiftung beteiligt ist; wir erleben sie bei einem Master-Seminar, welches sie an der äußerst renommierten Juilliard School hält, einem der führenden Konservatorien weltweit. Wer daran teilnehmen darf, ist a priori schon etabliert und wird bevorzugt. Hier werden wir Zeugen, wie unbedingt, ja, gnadenlos Tár werden kann, wenn sie die Musik und die Arbeit an und mit der Musik missbilligt sieht. Ein sich als divers betrachtender Student erklärt, den Komponisten Bach nicht zu mögen, da der ein Cis-Mann war, dessen Werk darob als überholt zu betrachten sei. Ohne je laut oder offen beleidigend zu werden, stellt Tár klar, wo sie eine solche Haltung einordnet und was sie davon hält – nämlich nichts. Sie macht dem Studenten und denen, die die Szene verfolgen deutlich, dass man nie das eigene Ego über das Werk stellen dürfe. Es sei letztlich unerheblich, was oder wer Bach war, sein Werk zähle. Zudem verachtet sie den jungen Mann dafür, dass er sich zu einem Opfer erklärt – Opfer eines seit über 200 Jahren Verstorbenen.
Auch an dieser Stelle beschäftigt sich der Film also mit hochaktuellen Themen geschlechtlicher Identität, Homosexualität und Identifikation und wie in einem in jeder Hinsicht so hochsensiblen Umfeld damit umzugehen ist. Doch sowohl Tár in ihrer unbedingten Haltung, als auch der Film in seiner inszenatorischen und stilistischen Hartnäckigkeit, sich auf das Wesen der Musik einzulassen, abseits aller aktuellen gesellschaftspolitischen Einlassungen, fordern vom Publikum ebenso unbedingte und hartnäckige Differenzierung, stoßen es in einen Raum der Ambivalenz, in dem man einerseits Künstler und Werk trennen muss, zugleich aber zu spüren ist – und das ist wichtig: spüren, nicht vorgeführt oder erklärt zu bekommen – dass diese Trennung nicht ohne weiteres, wenn überhaupt möglich ist. Bernstein war homosexuell und immer wieder wird gerade klassischen Künstlern nachgesagt, schwul zu sein. TÁR fordert von seinem Publikum, dieser Tatsache eine gewisse Aufmerksamkeit zu widmen und zugleich zu begreifen, dass sich diese Fakten nicht zwangsläufig auf die Arbeit auswirken, ja, nicht einmal damit in Zusammenhang stehen müssen.
Das sich entwickelnde Drama um den Selbstmord der ehemaligen Stipendiatin Krista Taylor, die Tár offensichtlich gestalkt hat, die in irgendeinem Orchester unterzubringen Tár sich nicht nur geweigert hat, sondern deren Berufung sie sogar aktiv und offensiv entgegengewirkt hat, fordert diese Differenzierung noch einmal auf vielleicht noch intensivere und auch schwierigere Art und Weise. Wenn die gekränkte Assistentin Francesca entgegen Társ zugegeben verdächtiger Anweisung, alle Korrespondenz zu löschen, die auf eine nachhaltige Beziehung zwischen den dreien hindeutet – eine sexuelle Beziehung wird sehr vage angedeutet –, dann aber eben diese Korrespondenzen gegen einsetzt, um sich an Tár zu rächen, dann hat man es in diesem Moment nicht mit einem objektiven Beweis für deren Schuld zu tun, sondern lediglich mit einem Ausweis von Machtpolitik in einem sehr eng begrenzten Raum für künstlerische Tätigkeiten.
Das ist die hohe Kunst dieses Films: Er liefert keine Gewissheiten, an keiner Stelle. Nie können wir eindeutig sagen, dass es so oder so gewesen sei. Wir sehen Menschen – ambitioniert, sublim und zugleich kritisch in ihren Ambivalenzen, ihren Widersprüchlichkeiten, in ihren Stärken und Schwächen dargestellt -, die sich karrierebedingt in Positionen bringen und Beziehungen zu nutzen versuchen. Ganz normales Ellenbogenverhalten in allen Karrierebereichen, wo viele Anwärter sich um wenige ausgewählte Stellen bewerben und meist das berühmte Vitamin B den Ausschlag gibt.
Doch deutet schon einiges darauf hin, dass Tár sich tatsächlich schuldig gemacht hat. Sie hat definitiv verhindert, dass Krista Taylor eine Anstellung fand. Die Behauptung, dass diese junge Frau die von Tár unterstellten charakterlichen Schwächen aufwies, wird im Film weder belegt noch widerlegt. Es gibt Hinweise für beide Möglichkeiten. Und auch die Absetzung des Kapellmeisters Sebastian Brix, der Tár eine intime Beziehung mit Francesca unterstellt, als er von seiner Demission erfährt, ist eher ein karrierepolitischer Akt, bzw. aus Társ Sicht ein im künstlerischen Sinne notwendiger Schritt. Társ Bekannter Eliot Kaplan, mit dem sie in New York zum Mittagessen verabredet ist – ein Unterstützer ihrer Stiftung und zudem offensichtlich ein Verehrer ihrer Kunst, mehrfach während des Essens bittet er sie um Hinweise und Tipps zur Kunst des Dirigierens, der er selbst ebenfalls frönt – verstärkt sie in ihrer Entscheidung hinsichtlich des ältlichen Herrn Brix. Dass es eben dieser Eliot Kaplan ist, der zum Höhepunkt des Films Társ Position am Dirigentenpult einnimmt, nachdem sie aufgrund der Anschuldigungen ihres Postens enthoben wurde, verdeutlicht einmal mehr, dass es eben nicht um die Frage von Machtmissbrauch und sexueller Übergriffigkeit geht, sondern um knallharte Machtpolitik am Arbeitsplatz. Wen man eben noch hofiert hat, den stößt man gleich vom Thron. Dass Tár es so empfinden muss, gesteht der Film ihr zu.
Sicher, Tár ist keine unbedingte Sympathieträgerin, das steht außer Frage. Sie ist ein Machtmensch, sie ist, wie eingangs bereits erwähnt, eine Egozentrikerin, sie ist arrogant und kalt, wenn sie der Meinung ist, damit Erfolg zu haben. Doch sie ist eben auch ein menschliches Wesen, kein Monster in Menschengestalt, wie es die Kritik hier und da meinte anmerken zu müssen. Dafür ist sie eben zu differenziert und ambivalent dargestellt. Wenn Tár am Ende des Films verletzt und erniedrigt in ihre amerikanische Heimat zurückkehrt, im Haus der Eltern in ihrem Jugendzimmer Schutz suchend und von ihrem Bruder kalt empfangen wird, der sie mit ihrem bürgerlichen Namen Linda anspricht und ihr eher nebenbei vorwirft, mit jedem Karriereschritt mehr vergessen zu haben, woher sie kommt und wer sie eigentlich sei, dann sieht man eine entkräftete und all ihrer Hoffnung, ihrer Vitalität beraubten Frau.
Sie rappelt sich auf, sie geht auf die Philippinen, wo sie ein Orchester leitet, das die Begleitmusik zu Videospielen einspielt. Hier sucht sie einen Massagesalon auf, weil sie ihren immer verspannten Nacken massieren lassen will. Ein letzter Hinweis auf ein Leben im Luxus, das Leben einer europäischen Großstadt-Bohème, eines Künstler-Zyklus, der es sich leisten kann, neo-feudalistische Dienstbarkeiten in Anspruch zu nehmen. Feelgood- und Lifestyleinsignien. Doch in Manila ist das ein ganz anderes Konzept. Ein Konzept, das eher an Prostitution erinnert, denn an Wellness-Oasen: In einem Zimmer sitzen etliche junge Frauen, durchnummeriert, aus denen sie sich als Kundin eine aussuchen soll. Es ist – wie kann es anders sein? – die Nummer 5, die sie wählt; stellvertretend für die Sinfonie, die Tár mit ihrem Orchester einspielen wollte. Sich übergebend rennt Tár auf die Straße. Sie ist am Nullpunkt angekommen, angewidert von sich, dem Business und der Welt, wie sie sich darstellt. Aber auch das ist lediglich Spekulation. Interpretation.
Field bietet seinem Publikum einen Film, der in seiner Farbgebung und der Schärfe der Aufnahmen, in der Bildgestaltung und der Lichtsetzung, in der Auswahl der Schauplätze, der Auswahl der Kostüme, in Maske, Dekor, in allem, was die Mise en Scene definiert äußersten Realismus anmahnt. Die Vergleiche mit den Werken Michael Hanekes, die immer wieder gezogen wurden, sind zutreffend, wenn man Filme wie DIE KLAVIERSPIELERIN (2001) – eine dezidierte Künstlerbiografie, in welcher Isabelle Huppert eine ähnlich scharfe und genaue Performance abgibt, wie Cate Blanchett hier für Todd Field -, oder CACHÉ (2005), ein Drama des verunsicherten Bürgertums, heranzieht. Hier wie da bricht das zunächst Unvorstellbare in scheinbar hermetische bürgerliche Existenzen ein, hier wie da macht sich die Zerrüttung nach und nach bemerkbar, fast unmerklich, ist aber ab eines, nur schwer zu benennenden Zeitpunkts nicht mehr aufzuhalten.
Es ist Field vor allem hoch anzurechnen, dass er sein Psychodrama – zu dessen außergewöhnlichem Gelingen neben der Kunst des Schauspieler-Ensembles vor allem die Kamera von Felix Hoffmeister, der diese nur scheinbar nüchternen Bilder liefert, und der Schnitt von Monika Willi beitragen, der viel Raum für Interpretation zulässt, der überhaupt Räume öffnet und ermöglicht, dass Ambivalenz, Unsicherheit, Verunsicherung entstehen und doch auszuhalten sind – so offen gestaltet, so frei von Urteilen und Beurteilung. Alles kann sein, nichts muss. Da könnte jemand seine Machtstellung ausgenutzt und Untergebene missbraucht haben, es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Da könnten hierarchisch scheinbar Unterlegene ihre – begrenzten – Möglichkeiten genutzt haben, um zu Fall zu bringen, wer ihnen vermeintlich im Wege steht. Da könnte Rache im Spiel sein, es könnte aber auch berechtigter Zorn sein. Todd schlägt sich nicht auf Lydia Társ Seite, er macht sie aber auch nicht zu einer Heldin. Er portraitiert eine Frau, die definitiv ihre Schwachpunkte und negativen Seiten hat, er macht aus ihr aber eben kein Monster (worin er sich definitiv von Hanekes Jelinek-Verfilmung unterscheidet), sondern lässt sie als einen Menschen erscheinen, der um künstlerische Integrität ringt, völlig im Glauben an die Kunst aufgeht und obdessen sicherlich menschliche Schwächen offenbart. Die eigene Herkunft verleugnet, beispielsweise. Das deutet sich bereits in dem Künstlernamen an, der Tár lautet und von Tarr abgeleitet wurde. Und doch wird diese Lydia Tár oder Linda Tarr auch als liebevolles Wesen dargestellt, wenn sie sich bspw. um Petra, Sharons Tochter kümmert, an deren Bett sie abends sitzt, deren Füße sie drückt, weil das Kind nur so einschlafen kann. Oder wenn sie Sharon ihre Liebe versichert, die man ihr glauben kann, die man ihr im Kontext des Films und trotz ihrer offensichtlichen Seitensprünge und Abweichungen von der Hetero-Norm glauben muss. Diese Vielschichtigkeit, diese Ambivalenz und Ambiguität in einem Charakter so überzeugend auf die Leinwand zu transferieren, rechtfertigt jede Sekunde Laufzeit dieses überlangen Films.
Todd Field ist mit der Unterstützung und Dank der schauspielerischen Klasse Cate Blanchetts ein brillanter Film gelungen, der intensiv davon erzählt, wie sich Berufliches und Privates brutal miteinander vermischen können, bis alle Beteiligten sich heillos verstrickt und verheddert haben und es im Grunde keinen sauberen Ausweg aus nicht immer selbstverschuldeten Situationen mehr gibt. Man trauert um die Fähigkeiten dieser Menschen, auch um die Társ, und doch bewundert man diese Frau auch. Bewundert sie dafür, wie sie schließlich einfach weitermacht, am anderen Ende der Welt, wo sie eine Aufgabe, die weit unter ihrem Niveau anzusiedeln wäre, ebenso ernst zu nehmen scheint, wie die Arbeit an Mahlers 5. Sinfonie. Ein Film ist hier entstanden, der selbst als Kunstwerk zu betrachten ist und – gerade das amerikanische – Kino einmal mehr in Höhen führt, die es oftmals zugunsten des billigen Effekts und es schnellen kommerziellen Erfolgs allzu gern zu verlassen bereit ist.
[1] Was im Übrigen mit dem Vorspann beginnt, der tatsächlich ein Abspann ist und all jene minutiös aufzählt, deren Namen meist erst lange, nachdem der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat, über die Leinwand ziehen. Hier wird das Publikum gleichsam gezwungen, auch diesen unbekannten und in einer solchen Produktion doch so wesentlichen Mitarbeitern Aufmerksamkeit zu zollen. Zugleich wird durch diesen Kniff markiert, dass dies unbedingt ein Film ist.
[2] Der Fall des Dirigenten James Levine, dem jahrelanger sexueller Missbrauch ihm unterstellter junger Männer vorgeworfen wurde und der aufgrund dieser Anschuldigungen seinen Vertrag mit der New Yorker MET verlor, stand hier wohl Pate für die Vorwürfe, mit denen Lydia Tár im Laufe der Handlung konfrontiert wird. Doch hat man es keineswegs, wie es dem Film gelegentlich vorgeworfen wurde, mit einer plumpen Umkehr patriarchal-herrschaftlicher Verhältnisse von einem Mann zu einer Frau zu tun. Dafür ist die Handlung, die TÁR präsentiert, sind die Figuren des Films, sind die Beziehungen, die die Figuren untereinander eingehen viel zu komplex und ist dies alles viel zu eigenständig.