HELLBOY
Guillermo del Toros kongeniale Verfilmung von Mike Mignolas Kult-Comic
1944, der 2. Weltkrieg neigt sich seinem Ende entgegen, unternehmen die Nazis mit der Hilfe des russischen Magiers Rasputin (Karel Roden) einen letzten Versuch, das Kriegsglück in ihre Richtung zu zwingen: Sie wollen ein Tor in eine andere Dimension öffnen und die Kräfte der Hölle entfesseln. Eine Einheit alliierter Kräfte kann das Ritual, das auf einer schottischen Insel stattfinden soll, in letzter Sekunde stoppen, doch das Tor ist bereits geöffnet. Während es Rasputin verschluckt, speit es einen kleinen roten Kerl mit Hörnern, Hufen und einem Schwanz aus. Dr. Trevor Bruttenholm (Kevin Trainor als junger Mann; später John Hurt), der die Soldaten als Berater begleitet gelingt es, das Wesen mit einem Schokoriegel anzulocken. Offensichtlich hat man es mit einem Dämon zu tun, der aber gutmütig zu sein scheint. Bruttenholm und die Soldaten taufen den Knirps „Hellboy“ und machen ein Foto mit ihm.
Sechzig Jahre später – Bruttenholm ist nun ein älterer Herr, der Hellboy (Ron Perlman) unter seine Fittiche genommen hat und von diesem als Vaterersatz betrachtet wird – arbeitet der Dämon gemeinsam mit dem Amphibienmenschen Abe Sapien (Doug Jones) und einigen menschlichen Agenten, darunter Agent Clay (Corey Johnson) und dem neu eingestellten Agenten John Myers (Rupert Evans) beim Amt zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen.
Hellboy, dessen rechter Arm aus Stein besteht, lebt in einem Raum in der Zentrale des Amts, wo er sich liebevoll um eine ganze Armee von Kätzchen kümmert und ansonsten seine außergewöhnlichen Kräfte trainiert, sich regelmäßig die nachwachsenden Hörner abfeilt und ansonsten Unmengen an Fast Food und Pancakes verspeist. Und ab und an ausbüxt, um ein wenig die Welt zu betrachten. Seine Existenz wird vor der Öffentlichkeit geheim gehalten, doch tauchen immer mal wieder Fotos von ihm auf, ähnlich wie solche von dem Monster von Loch Ness, dem Bigfoot oder dem Yeti. Der Leiter der dem FBI nachgeordneten Behörde, Tom Manning (Jeffrey Tambor), hat alle Hände voll zu tun, die Existenz Hellboys zu leugnen.
Die Einheit wird zu einem Einsatz in einem Museum gerufen, wo ein Dämon, eine schreckenerregende Kreatur, nachts die Wachmannschaft getötet und etliche Artefakte zerstört hat. Zwar gelingt es Hellboy, das Wesen mittels seiner Kraft und seiner Waffe – ein Revolver, dessen Munition aus Weihwasser, weißer Eiche, Knoblauch und Silberspänen besteht – zu töten, doch wird ihm und seinen Begleitern schnell klar, dass sie es hier mit etwas Größerem zu tun haben.
Dennoch setzt Hellboy sich nach seinem Einsatz unerlaubter Weise ab und besucht Liz Sherman (Selma Blair) in der Psychiatrie, in welche sie sich selbst hat einweisen lassen. Liz ist schwermütig. Sie verfügt über Feuerkräfte die sie allerdings nicht zu kontrollieren versteht. Als Kind hat sie, als sie mutierte, über dreißig Menschen bei einem Brand getötet. Dieses Ereignis hängt ihr nach. Hellboy will sie überreden, zur Behörde, für die auch sie gearbeitet hat, zurückzukehren, doch Liz weigert sich. Sie weiß allerdings, dass Hellboy in sie verliebt ist und versucht, ihn zu trösten. Als Myers Hellboy abholt, trifft er erstmals auf Liz und verliebt sich ebenfalls ein wenig in sie.
Bei einem weiteren Einsatz, bei dem die Behörde sicherstellen will, dass die fremde Kreatur aus dem Museum, keine Eier gelegt hat, stellen Hellboy und Abe fest, dass sie sich offenbar teilen kann. Dennoch gelingt es den beiden, weitere der Wesen auszuschalten. Doch nun weiß man in der Behörde, dass da offenbar eine größere Sache die Menschheit bedroht.
Hellboy ahnt, dass zwischen Liz und Myers etwas im Gange ist und verfolgt die beiden, als diese abends miteinander ausgehen. Von einem Posten auf den Dächern der Stadt beobachtet er die beiden bei ihrem Date, sicher, dass Liz sich in den jungen und gutaussehenden Mann verlieben wird.
In der folgenden Nacht dringt eine unbekannte Macht in die Psychiatrie ein und löst bei Liz einen erneuten unkontrollierten Schub ihrer Feuerfertigkeiten aus, dem das gesamte Gebäude der Psychiatrie zum Opfer fällt. Liz kehrt zum Amt zurück.
Es wird deutlich, dass Rasputin mit Hilfe seiner alten Weggenossen Ilsa (Biddy Hodson) und Karl Ruprecht Koenen (Ladislav Beran), der in einer eisernen Maske und Rüstung steckt, die er regelmäßig aufziehen muss und die mit scharfen, tödlichen Messern ausgestattet ist, vom Tode auferstanden ist. Rasputin lässt Koenen den Professor töten und hinterlässt Spuren, die Hellboy und seine Gefährten nach Moskau locken. Auch Tom Manning ist dabei, der sich als Leiter dieses Spezialkommandos versteht und an Hellboys Nonchalance und seinem Unwillen, anderen Autoritäten als Bruttenholm zu gehorchen, zu verzweifeln droht.
Mit Hilfe einer Leiche, die Hellboy zum Reden bringt, findet die Gruppe auf einem Moskauer Friedhof den Einstieg in eine Unterwelt. Durch Rasputins Mausoleum gelangen sie hinein. Dort treffen sie auf Ilsa und Koenen, die sie besiegen, werden voneinander getrennt, müssen sich je eigens gegen weitere Monster, die Rasputin heraufbeschworen hat, wehren.
Schließlich will der Magier Hellboy, den er als seinen rechtmäßigen Besitz betrachtet, da er ihn einst in die Welt geholt hatte und ihn braucht, da dessen Steinhand der Schlüssel ist, um erneut das Tor zur Hölle zu öffnen, dadurch zur Mitarbeit zwingen, dass er Liz´ Seele stiehlt und droht, sie für ewig zu vernichten.
Hellboy gibt nach, doch Myers, der anwesend ist, bittet ihn inständig, sich zu erinnern, dass er ein Mensch sein wolle und Liz niemals wollen könne, dass er tut, was er nun – mittlerweile in seiner eigentlichen Gestalt mit voll ausgebildeten Hörner – zu tun gedenke. In letzter Sekunde gibt Hellboy nach und hört auf Myers. Er bricht sich die Hörner ab und bricht damit auch den Bann, unter dem er zu stehen scheint.
Hellboy tötet erst Rasputin, danach das von ihm aus einer anderen Dimension befreite Höllenwesen und anschließend gelingt es ihm sogar, Liz wieder zu beleben. Erstmals gestehen die beiden sich ihre Liebe ein und als sie sich küssen, geht Liz in Flammen auf, was Hellboy, der u.a. auch feuerfest ist, nicht weiter schadet. Myers begreift, dass die beiden füreinander geschaffen sind und er seine Ambitionen hinsichtlich Liz´ wohl wird aufgeben müssen.
Gemeinsam kehren sie in die Vereinigten Staaten zurück.
Nur Manning wurde vergessen. Allein und verängstigt sieht man ihn während des Abspanns in den Tiefen unter Moskau um Hilfe rufen.
Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro, ein Meister des poetischen, manchmal subtilen, immer hintergründigen Horror-, Fantasy- und Märchenfilms, konnte einige seiner Herzensprojekte dadurch finanzieren, dass er bereit war in Hollywood Mainstream-Projekte zu verwirklichen. MIMIC (1997) und BLADE II (2002) müssen als solche Arbeiten aufgefasst werden. Mit dem Erlös des ersten konnte del Toro EL ESPINAZO DEL DIABLO (2001) realisieren, das spätere Marvel-Franchise um den vampirischen Vampirjäger erlaubte ihm, ein langgehegtes Wunschprojekt zu verwirklichen, das erstmals die Grenze zwischen Mainstream-, zumindest Kommerzkino, und einem sehr persönlichen Film verwischte: HELLBOY (2004).
Der Dämon, der in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs durch ein spirituelles Experiment der Nazis in die Welt kommt und sich unter der Führung von Professor Trevor „Broom“ Bruttenholm zu einem die Menschen liebenden Wesen wandelt, sogar begehrt, selbst ein Mensch zu werden, ansonsten aber ganz gut damit lebt mit roter Haut, einem Schwanz und den Stümpfen seiner Hörner, die er sich regelmäßig abschleift, und zudem allerlei Superkräften ausgestattet zu sein, wurde von seinem Schöpfer Mike Mignola erstmals 1993 zur Comicmesse in San Diego auf den Seiten eines Hefts auf die Menschheit losgelassen.
Im Laufe der Jahre hat Mignola einen regelrechten Hellboy-Kosmos erschaffen, inklusive etlicher Nebenfiguren – Freunden wie Feinden – und bestehend aus unendlich vielen, äußerst kenntnisreichen Verweisen auf Mythen, Märchen, Legenden und Sagen aus aller Herren Länder und Kontinente, immer vermischt mit den Topoi des klassischen Gothic Horrors, Fantasy-Versatzstücken und vor allem immer gesättigt mit einer gehörigen Portion Humor. Denn die Titelfigur wird zwar vom Magier Rasputin, der Hexe Baba Jagar, über etliche Wesen der Hölle und Kreaturen aus der Mythenwelt bis hin zu König Artus mit so ziemlich allem konfrontiert, was man sich als Aficionado nur wünschen kann, behält aber meist einen klaren Kopf und begegnet diesem Sammelsurium fabel-hafter Wesen immer mit einem trockenen Spruch. Außer er wird wütend – dann kann es auch mal derber werden.
So gehört Hellboy zwar nominell ins Horror-Metier, kann aber ebenso als Superheld der etwas anderen Art gelesen werden. Vor allem aber ist die Reihe ein Solitär im Comic-Universum, denn etwas Vergleichbares gibt es schlicht nicht. Das hat nicht nur mit Mignolas einzigartigem Storytelling zu tun, sondern vor allem mit seinem höchst eigenen Zeichenstil. Hellboy-Comics sind Studien in Licht und Schatten, sie sind Meisterwerke der Reduktion und des Kontrasts und manchmal derart abstrakt, dass man kaum mehr den visuellen Eindrücken gewahr wird, sondern sich nur noch an der durch diesen Stil entstehenden Atmosphäre weiden kann. Beeinflusst von Vorbildern wie dem Comic-Weirdo Jack Kirby, der einst die Fantastischen Vier und etliche andere Helden aus dem Marvel-Universum erfand und zeichnerisch prägte, und ganz offensichtlich auch Hugo Pratt, dessen Corto Maltese-Comics Mignolas eigene nicht nur das Spiel mit extremer Schwärze, sondern ein wenig auch den lyrischen und melancholischen Grundton entliehen haben dürften, hat Mignola eine einzigartige Mischung aus Action, Mystik und Mythen, Philosophie und Witz erschaffen.
Del Toro hatte gute zehn Jahre ein Originaldrehbuch in der Tasche, um den Comic auf die Leinwand zu bringen, doch es dauerte, bis es ihm gelang, die Rechte zu erstehen, die Finanzierung zu stellen und vor allem, Mignola mit an Bord zu holen. Denn ein Liebhaber wie Guillermo del Toro wird natürlich nicht ohne Weiteres drauflosdrehen, es wird diesem Meister der Mise en Scene (was er in allen seinen Filmen wieder und wieder beweist) immer darauf angekommen sein, das Spezifische an Mignolas Stil und dessen Stories in einen Film zu transferieren, gleichsam zu integrieren.
Doch obwohl Mignola sowohl beim Konzept des Films als auch beim Design mit einbezogen wurde, gab es zwischen ihm und dem Regisseur auch immer wieder Meinungsverschiedenheiten. Del Toro wollte eine eigene Welt erschaffen, angelehnt an die Comics, doch letztlich erkennbar als eigenständiges Werk eines eigenständigen Künstlers angelegt. Vor allem wollte er eine Film-Version schaffen, die Differenz zwischen dem gezeichneten, also stehenden, und dem bewegten Bild immer mit bedenkend. Mignola arbeitete trotz aller unterschiedlichen Auffassungen auch vier Jahre später an der erneut von del Toro inszenierten Fortsetzung HELLBOY II – THE GOLDEN ARMY (2008) mit, diesmal als Co-Autor des Drehbuchs. Dennoch gab er 2019 zu Protokoll, dass er erst mit dem Re-Boot der Serie HELLBOY – CALL OF DARKNESS (2019) wirklich zufrieden sei und seinen Comic kongenial umgesetzt sähe.
Wie dem auch sei, del Toros Film hat seine Fans gefunden, er wurde ein großer kommerzieller Erfolg und allgemein als adäquat umgesetzte Version von Mignolas Artwork angesehen. Del Toro stützte sein Drehbuch in erster Linie auf das Debut unter den Hellboy-Mini-Serien Hellboy: Seed of Destruction (1994), wandelte diese allerdings eklatant ab und arbeitete sie so um, dass die Geschichte und Figuren leinwandkompatibel wurden. Zudem nutzte er zahlreiche Versatzstücke anderer Stories um den rothäutigen Dämon, um seinen Plot anzureichern. Anders als Mignola, der seine Leser recht unvermittelt in sein Universum versetzt und Vieles erst nach und nach erklärt (wenn überhaupt), der sich also darauf verlässt, dass er diesen unkonventionellen Stil bringen kann, ohne sein Publikum zu verlieren, weiß del Toro, dass ein Film – zumal ein auf kommerziellen Erfolg angelegter Film – so nicht funktioniert. So führt er gleich zu Beginn, nachdem wir im Prolog gesehen haben, wie Hellboy in die Welt kam, einen neuen Agenten in der Behörde ein, für die Hellboy arbeitet. So kann er diesem und dem Publikum erklären lassen, was es mit Hellboy, dessen Kollegen, ja dem ganzen Amt auf sich hat.
Die wesentlichen Figuren neben Hellboy, dessen Besetzung mit Ron Perlman del Toro gegen die Wünsche des Studios durchsetzen konnte, welches Vin Diesel in der Rolle sehen wollte, blieben erhalten: Natürlich Dr. Bruttenholm, Abe Sapien und Liz Sherman, Hellboys Kollegen und Freunde beim Amt zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen (im Original kurz: BPRD), aber auch die Antagonisten Rasputin, Karl Ruprecht Kroenen und Ilsa kommen alle im Film vor und spielen wesentliche Rollen.
Der Plot erzählt relativ redundant von der Verfolgung und Vernichtung seltsamer Horrormonster, die der wiederbelebte Rasputin erweckt und als eine Art Armee nutzt, bis es ihm gelingt, Hellboy und seine Entourage nach Moskau zu locken, wo er Hellboy nutzen will, um die Alten, die seit Äonen in einer anderen Dimension gefangen sind – und nicht von ungefähr an die von H.P. Lovecraft beschriebenen Wesen in seinen Geschichten von Chtulhu erinnern, die er dort die „Großen Alten“ nennt – auf die Erde loszulassen. Mit Hilfe des Agenten John Myers gelingt es Hellboy natürlich in letzter Sekunde, sich daran zu erinnern, dass er ja menschlich sein und sich nicht seiner angeblichen Bestimmung hingeben wollte. Er rettet die Menschheit und vernichtet Rasputin.
So weit, so vorhersehbar. Nun ist in einer Story wie dieser und in der Art und Weise, wie del Toro sie anlegt, kein sonderlicher Tiefgang zu erwarten. Da sind ihm Mignolas manchmal geradezu bedächtig und dialogbasierte Comicabenteuer voraus. Del Toros Film bietet vor allem satte Action und einige wirklich gelungene Kreaturen, gegen die Hellboy antreten und die er vernichten muss. Zudem hat der Film aufregende Schauplätze, Kulissen, Bauten und einige wirklich überwältigende Bilder gerade zum Ende hin zu bieten, wenn Hellboy sich in sein Schicksal zu ergeben scheint, da Rasputin Liz´ Seele gestohlen hat und er die Frau, die er heimlich liebt, nur so glaubt retten zu können. Wenn er die Welt sieht, wie sie aussehen wird, nachdem die „Alten“ durch das Höllentor, welches mit Hilfe von Hellboys rechter, steinerner Hand geöffnet werden soll, in unsere Welt gekommen sind, dann sehen wir tatsächlich atemberaubende Bilder der Apokalypse nach Guillermo del Toro.
Getreu seinem Credo, dass so viel Maske, Modelle, Puppen und analoge Tricks einzusetzen seien, wie irgend möglich, schickte del Toro seinen Hauptdarsteller Ron Perlman Drehtag für Drehtag in eine ellenlange Prozedur, bei der er sich in den Dämon verwandelte. Auch die Kulissen – vor allem jene seltsam mechanische Welt, in die die Gruppe um Hellboy am Ende des Films hinabsteigt, um Rasputin zu stellen und auszuschalten, nachdem man durch sein Mausoleum in die Tiefe geklettert ist – sind handgemacht.
Und doch strotzt der Film vor CGI, vor allem die diversen Kreaturen, mit denen Hellboy es im Laufe der Handlung zu tun bekommt, wurden an Computern erstellt. Sie sind von all den wunderlichen Dingen, Wesen und Welten, die dieses Fantasyspektakel seinem Publikum bietet, tatsächlich am schlechtesten gealtert. Natürlich entwickeln sich die technischen Möglichkeiten derart rasant, dass es geradezu unfair ist, einem Film von 2004 seine veraltete Technik vorzuwerfen und alles in allem funktionieren auch die Kampf- und Actionszenen immer noch gut, dennoch ist HELLBOY ein recht gutes Beispiel dafür, wie schnell heutzutage überholt ist, was eben noch State of the Art war.
Doch wesentlicher für das Gelingen des Films ist so oder so etwas ganz anderes. Guillermo del Toro ist ein Regisseur, der sein Metier, seine Figuren und auch die Stories, selbst wenn sie redundant und etwas albern wirken, wie bspw. in dem Monster-und-Endzeit-Spektakel PACIFIC RIM (2013) ausgesprochen ernst nimmt. Es wäre ein Leichtes gewesen, eine Geschichte wie diese um einen Dämon, der wie ein Mensch aufwächst, der sich seine Hörner abschleift, um nicht jenem Wesen allzu sehr zu ähneln, von dem er nun einmal abzustammen scheint, der Kätzchen liebt und ansonsten Berge von Pancakes und Nachos und sonstigem ungesunden Zeug vertilgt und gern mal ausbüxt und damit Bilder produziert, die neben denen von Nessie, Bigfoot oder dem Yeti als umstritten gelten – es wäre sehr einfach gewesen, solch eine Geschichte als überdrehten Witz zu erzählen.
Dazu sei angemerkt, dass, was auf Papier in einem Heft oder in sechs Panels in Sonntagsbeilagen funktioniert, nicht zwingend auch auf der Leinwand funktionieren muss – die wirkliche Superheldenschwemme auf der Leinwand setzte trotz Sam Raimis meisterhafter SPIDER-MAN-Adaption (2002) erst in den Jahren nach HELLBOY mit den Marvel-Verfilmungen ein. Comicverfilmungen können übelst scheitern. Und die Filmgeschichte ist voll von solchen Versuchen.
Doch del Toro nimmt seine Figuren und deren Geschichten eben sehr, sehr ernst. Und auch, wenn der Hellboy des Films nicht die Tiefe und Dichter erlangt, wie sein Vorbild in den Comics (die ja auch irgendwann einmal angefangen haben), ist er doch glaubwürdig über seine reine Superhelden-Persona hinaus. Seine Liebe zu Liz und sein Unvermögen, ihr diese Liebe zu gestehen; Liz selbst mit ihren suizidalen Tendenzen, weil sie – ein Feuerkind – einst über 30 Menschen getötet hat, als sie unkontrolliert in Flammen aufging; Abe Sapien (der noch am wenigsten), der an einem Tag mehrere Bücher gleichzeitig und nebenbei die Gedanken seiner Mitmenschen liest, und auch der von John Hurt gespielte Professor Bruttenhom – sie alle werden in ihren jeweiligen spezifischen Daseinsformen ernst genommen. Und so bekommt HELLBOY eine emotionale Ebene. Wir glauben dieser Truppe – im Grunde Außenseiter, Freaks, wie del Toro sie in vielen seiner Filme portraitiert – ihre Freundchaft und Loyalität zueinander. Und wir glauben Hellboy seine Gefühle Liz gegenüber. Und erst recht nehmen wir ihm seine Eifersucht ab, wenn er spürt, dass sein neuer Kontaktagent John Myers sie ebenfalls attraktiv findet.
In einer der schönsten Szenen des Films besucht Hellboy Liz in der psychiatrischen Einrichtung, in der sie derzeit lebt und die beiden sitzen im Park und trinken ein Bier und unterhalten sich und in jedem Moment ist spürbar, wie es in diesem großen roten Kerl rumort und brodelt und wie gern er diese Frau berühren, dass er sie an sich binden möchte. Umgeben sind sie von in Zellophan eingewickelten Bäumen und Sträuchern und wie so häufig in der Welt, die Del Toro seinem Publikum bietet, ist auch hier das Natürliche, sind die Gefühle abgetrennt und nicht unmittelbar erreichbar. Es ist nicht zuletzt an Hellboy, die Welt, gerät sie aus den Fugen, wieder einzurichten. Und seine eigene Menschwerdung erreicht er eben auch dadurch, zu seinen Gefühlen vorzudringen, ihnen Ausdruck zu verleihen, zu ihnen zu stehen.
Die Szene verweist auf del Toros allerersten Langfilm LA INVENCIÓN DE CRONOS (1993), in welchem man mehrfach in Plastik eingewickelte Engelstatuen sieht. Auch dort findet eine Abtrennung statt: Die der spirituellen von der profanen Welt. In HELLBOY ist es die Trennung der natürlichen von einer durch Mechanik bestimmten Welt. Rasputin entführt Hellboy und dessen Freunde in eine Unterwelt, die wie ein riesiges Uhrwerk zu funktionieren scheint; Rasputins Helfer Kroenen lebt in einer Art mechanischem Anzug, den er regelmäßig aufzieht, wie man eine Spieluhr aufziehen würde. Beides sind wiederkehrende Motive in Filmen del Toros: In EL LABERINTO DEL FAUNO (2006) scheint man es gar mit einem Menschen, dem faschistischen Hauptmann Vidal, zu tun zu haben, der innerlich wie ein Uhrwerk funktioniert – Sinnbild für das faschistische System, dem er angehört, das er repräsentiert und das ihn am Leben erhält. Und hier, in HELLBOY, entspricht dieses mechanische Weltbild jenem Rasputins und der Welt, die er heraufbeschwören will: Beherrschbar mit den richtigen Formeln, Berechenbar, wenn man die Codes kennt, un-emotional (nicht umsonst ist es eine steinerne Hand, also etwas Totes, die gebraucht wird, um das Tor zur Hölle zu öffnen), brutal. Das Gegenteil dessen, wofür die menschliche Welt steht, zu der Hellboy gehören will – und, wie seine Liebe zu Liz ja zeigt, längst gehört.
Konterkariert wird diese Szene durch eine spätere, bei der Hellboy Liz und Myers folgt, als die beiden ein Date haben. Hellboy sitzt auf einem Dach und beobachtet die beiden, die auf einer Parkbank sitzen. Ihm wird von einem Jungen Gesellschaft geleistet, der sich hier oben um seine Tauben kümmert, die er züchtet. Und so entspinnt sich zwischen dem roten Dämon, der geistig irgendwo im Teenageralter steckt und dem Jungen, eigentlich noch ein Kind, ein herrlicher Dialog über die Liebe und wie man sie äußert und sie festhält.
Es sind Momente wie diese, die einen Film wie HELLBOY zu mehr machen, als einem herkömmlichen Superhelden- oder einem Monsterfilm oder einem Fantasymärchen. Denn wie in den besten Comic-Vorlagen, ist auch dieser Kerl am Ende des Tages einfach – menschlich. Verletzlich in seinen Gefühlen, unsicher, weil er natürlich nicht unbedingt den konventionellen Schönheitsidealen entspricht. Und er ist ein Romantiker, womit er die Herzen des Publikums erst recht erobert.
Guillermo del Toro hat den Comics von Mike Mignola eine kongeniale Film-Version angedeihen lassen und doch eine ganz eigene Interpretation von HELLBOY geliefert. So kann sein Film sowohl als Comic-Verfilmung bestehen, als auch in einer Reihe der hervorragenden Werke des Regisseurs, der in seinen persönlicheren Filmen so viel Wert auf die Mise en Scene, auf jedes im Bild sichtbare Detail legt, der immer einen ganz eigenen Look kreiert und so – wie Mike Mignola – einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil geschaffen hat. Diesem Anspruch wird er auch in HELLBOY gerecht. Und es gelingt ihm sogar, einige seiner ganz spezifischen Themen und Fetische unterzubringen – und Abe Sapien, gespielt von Doug Jones, verweist bereits auf del Toros späteres Meisterwerk THE SHAPE OF WATER (2017), in welchem ein Amphibienwesen eine der Hauptrollen spielen wird. Und ebenfalls von Doug Jones verkörpert werden sollte. HELLBOY passt sich also perfekt in den Kosmos ein, den Guillermo del Toro in seiner nunmehr auch schon über 30 Jahre währenden Karriere erschaffen hat.