SANDITZ

Lukas Rietzschel bietet ein episches Gesellschaftsportrait - von den späten Tagen der DDR bis in die Corona-Zeiten

Seit er im Jahr 2018 mit seinem Roman MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN debütiert hat, gilt Lukas Rietzschel als Chronist einer Jugend und des allgemeinen Befindens in der ehemaligen DDR, des Zustands der neuen Bundesländer, allgemein des „Ostens“ in der Nachwendezeit. Dabei – das muss der Fairness halber doch gesondert erwähnt sein – wurde Rietzschel erst 1994 in Räckelwitz, einer kleinen Gemeinde in der Oberlausitz geboren. So kann er sicher beglaubigt davon erzählen, wie das so gewesen ist, als Jugendlicher in den 00er und den 10er Jahren des neuen Jahrtausends, doch jene „Baseballschlägerjahre“, von denen bspw. ein Clemens Meyer oder auch Manja Präkels einst in ihren Geschichten und Romanen berichteten, hat er nur als sehr kleines Kind erlebt. Das vorneweg, denn in seinem neuen Roman SANDITZ (2026) berichtet Rietzschel in einer weitaus ausgreifenden Erzählung, nahezu episch, gleich aus zwei Zeiten, bzw. Situationen, die er selbst nicht kennt. Und im Laufe der Lektüre stellen sich den Rezipient*innen Fragen zu Authentizität, Erzählerposition und hinsichtlich der Zeitgenossenschaft.

SANDITZ – Name des Örtchens, in welchem die Geschichte angesiedelt ist – erzählt von der Familie Wenzel, hier schon lange ansässig, erzählt von dem Ehepaar Marion und Roland und ihrem Leben in der DDR, davon, wie man sich zurechtzufinden, zu arrangieren suchte, erzählt von den bleiernen 80er Jahren, als das Land im Stillstand zu erstarren drohte, von den Momenten des Aufbruchs, aber auch der Angst jener Tage im Herbst 89, als man nicht wusste, wie sich alles entwickeln würde, ob der Staat die Demonstrationen, die überall im Land stattfanden, wie die Chinesen am Platz des Himmlischen Friedens mit Gewalt niederschlagen oder ob er sich zurückhalten würde. In einer zeitlichen Doppelbewegung berichtet Rietzschel zugleich von den Pandemiejahren – 2020, 2021, 2022 -, als es die Gesellschaft schier zu zerreißen drohte, je mehr Einschränkungen der Staat erließ. Auf dieser Zeitebene ist das Geschwisterpaar Maria und Tom im Fokus der Erzählung. Maria, die nach einem Studienaufenthalt in Kassel in ihre Heimat zurückgekehrt ist, wo sie nun versucht, als freie Journalistin Fuß zu fassen; Tom, der während der Pandemie zu jenen gehörte, die gegen die staatlichen Vorgaben rebellierten und nun, 2022, nach Monaten, Jahren des Stillstands in seinem Leben, einen Hilfskonvoi in die Ukraine organisiert, von dem er nicht mehr zurückkehren wird.

Stehen in den DDR-Jahren vor allem das Ehepaar Marion Wenzel und Roland Moschnik, sowie Marions Bruder Dirk im Mittelpunkt des Geschehens, ist es im gegenwärtigen Teil schließlich Tom, auf den sich Rietzschel konzentriert. Leider. Denn – und damit ist man erneut beim Hinweis aus Rietzschels Erzählerposition – aus jenen Jahren, in denen Dirk zur Volksarmee eingezogen wird und Roland sich schließlich aufmacht, als einer der Helden der friedlichen Revolution seinen Teil zur Wende beizutragen, erzählt ein Autor, der sie nicht erlebt hat. Und von Toms Reise an die Front, die sich schließlich nicht als Hilfslieferung, sondern als Kampfeinsatz entpuppt, erzählt ein Autor, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nie an einer Front, in einem Kampfeinsatz, in einem Erdloch unter Beschuss ausharren musste. Nun soll hier nicht die ewige Diskussion aufgemacht werden, ob nur berichten und erzählen darf, wer erlebt hat, wovon sie oder er berichtet und erzählt. Natürlich darf und soll ein jeder und eine jede erzählen und berichten, wonach der Sinn gerade steht. Es stellt sich aber die Frage, ob es literarisch sinnvoll ist, gerade wenn man von extremen Begebenheiten, wie einem Krieg erzählt. Und wenn aus Zeiten oder von Situationen berichtet wird, zu denen es noch jede Menge Zeitzeugen gibt, Menschen also, die bspw. bei einem Sturm auf eine der Stasi-Zentralen dabei gewesen ist, oder jemanden, der wirklich Fronterfahrung hat, dann wird man als Nachgeborener oder Abwesender nicht verbergen können, dass man sich lediglich angelesen hat, wovon man da berichtet.

Rietzschel gelingt aber dennoch ein oft berührendes Familienportrait. Es sind lebhafte Figuren, mit denen man mitfiebert, die man auch als glaubwürdig empfindet. Roland, der Marion heiratet und die Zwillinge Maria und Tom an Vaters Statt annimmt, ist tatsächlich schwul und verliebt in Achim, eine interessante, ein bisschen abwegige, tief- und ein wenig abgründige Figur. Ein Verweigerer, der sich aber weder politisch noch kulturell eindeutig ein- oder zuordnen lässt. Wie Rietzschel diese Freundschaft beschreibt, eine Freundschaft, die immer am Rande der Intimität entlangbalanciert, sich nie offen bekennen darf, erst recht nicht in der DDR, später vielleicht den Mut nicht aufbringt, auch, weil das Leben – Heirat, Vaterschaft, Familie – dazwischengekommen ist, eine Freundschaft, die sich entwickelt und die zerbricht und gerade noch, im letzten Moment sozusagen, wieder zueinanderfindet, wie Rietzschel dies beschreibt – liebevoll, zart, differenziert und voller Verständnis für die Beschädigungen durch die Zeitläufte -, das hat eine unvergleichliche Art und ist wahrscheinlich das Beste, was dieser Roman zu bieten hat.

Manches – wie der schon zu Beginn des Romans bestehende Bruch zwischen Roland und den Kindern – erschließt sich nicht wirklich, anderes versandet, leider. Marias Werdegang steht eine Zeitlang im Mittelpunkt, dann lässt Rietzschel die Figur zwar nicht gänzlich fallen, wendet sich aber deutlich Tom zu, gibt Marias Leben gleichsam auf. Dirk, Marions Bruder, gönnt er dafür eine späte Liebe, die in ihrer Stille und der Vorsicht, mit der sie sich einstellt, auch berührend beschrieben ist. Und ein Prolog, der sehr eindeutig Bezug auf die Sage von Krabat und den Zauberlehrlingen nimmt, die hier ein Bismarck-Denkmal zum Einsturz bringen, bleibt etwas unzusammenhängend und ohne wirklichen Bezug zur dann folgenden Romanerzählung. So schlägt Rietzschel also das ganz große Rad, zeigt unterschiedliche Lebensläufe auf, führt vor, wie sich Leben erfüllt und wie es manchmal versiegt, wie wir wenig Einfluss darauf haben, wo und wann wir geboren werden und wie die Bedingungen sind, unter denen wir uns entwickeln, dass wir aber durchaus Einfluss darauf haben, wie wir mit diesen Bedingungen umgehen. Ob wir sie annehmen, akzeptieren, unter ihnen zusammenbrechen oder eben aufstehen und unser Schicksal – um es einmal pathetisch zu sagen – selbst in die Hand zu nehmen bereit sind.

Ob dies nun der ganz große DDR-Roman ist, zu dem das Feuilleton ihn teils erhoben hat, sei einmal dahingestellt. Es ist eine Familiengeschichte, die sich im Osten erfüllt, unter den spezifischen Bedingungen des Ostens, der Diktatur, den Umbrüchen der Wende und der Nachwendejahre. Es ist eine deutsche Familiengeschichte, wie es eben Millionen deutsche Familiengeschichten gibt. Was allerdings lediglich Behauptung bleibt – allerdings kann man dem Roman hier auch keinen Determinismus vorwerfen, er erhebt nicht den Anspruch, Zwangsläufigkeit herzustellen, auch wenn er sie immer wieder andeutet -, ist die Ableitung, dass Tom sich entwickeln musste, wie er es tut. Dass sich sein Schicksal, sein Leben auf den Schlachtfeldern der Ukraine erfüllt, dass er, der den Halt in den Corona-Jahren verloren zu haben scheint, der nicht wieder zurückgefunden hat in die Spur bürgerlichen Lebens, sich im existenziellen Überlebenskampf eines konventionellen Kriegs noch einmal zu er-finden hofft, mutet doch ein wenig aufgesetzt an. Hätte es nicht auch eine Nummer kleiner sein können?, möchte man dem Autor zurufen. Man erinnert sich an Jonathan Littell, der einst, um halbwegs lebensecht für seinen Roman DIE WOHLGESINNTEN zu recherchieren, auf den Schlachtfeldern Tschetscheniens für eine NGO arbeitete und tatsächlich verletzt wurde. Nein, man will das nicht verlangen von einem Autor. Aber man fragt sich eben, warum man aus einer zeitgenössischen Situation erzählen muss, die man definitiv nur aus dem Fernsehen kennt? Man will Rietzschel aber auch nichts unterstellen. Vielleicht ist der Krieg der ebenso grauenerregende wie – dann doch – zwangsläufige Fluchtpunkt, auf den unsere Gesellschaften zulaufen. Vielleicht ist dies Rietzschels Diagnose. Es wäre eine grässliche, aber keine gänzlich zu verwerfende.

Lukas Rietzschel ist und bleibt definitiv einer der jungen Autoren, die große literarische Kraft haben und immer wieder Geschichten finden, die zu erzählen sich lohnt oder aber durch den Stil, den er wählt, beglaubigt und somit erzählenswert werden. Vielleicht sollte sich die Kritik einmal überlegen, ob es Sinn macht, diese Romane immer zum Größten, Besten oder Definitiven auszurufen, ob es nicht besser wäre, sie einfach für sich stehen und sprechen zu lassen. Denn dann kann ein Roman wie SANDITZ ganz sicher seine ganze Kraft entfalten, ohne schon zu Beginn der Lektüre an einem Anspruch gemessen zu werden, den er vielleicht gar nicht stellt. So aber muss er sich messen – und verliert auf die Dauer seiner knapp 500 Seiten, weil er eben nicht groß, bestens und definitiv ist. Er fügt dem Bild der DDR eine Ebene hinzu, nicht zuletzt jene der Fiktion, der Imagination eines Nachgeborenen, kann dabei aber nicht mit den Zeitzeugen konkurrieren, gleich ob sie Heym, Loest, Hein, Meyer oder gar Tellkamp heißen.

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