ABGERECHNET WIRD ZUM SCHLUSS/THE BALLAD OF CABLE HOGUE

Sam Peckinpahs vielleicht schönster Film: Die leise Elegie auf eine vergangene Zeit

Der Goldsucher Cable Hogue (Jason Robards) zieht mit seinen Kompagnons Bowen (Strother Martin) und Taggart (L.Q. Jones) durch die Wüste. Als sich die Gelegenheit bietet, entwaffnen die beiden Cable und lassen ihn ohne Verpflegung und ohne Pferd zurück.

Cable irrt tagelang durch die Einöde, zumeist zuversichtlich, daß ihn irgendetwas retten wird. Doch schließlich schwinden seine Kräfte, Sandstürme nagen an ihm, er kann kaum mehr gehen. Er ruft den lieben Gott an, daß er wahrlich nie ein guter Glaubensmensch und zudem auch noch ein Sünder gewesen sei, nun aber um des Herrn Beistand bitte. Zu seiner größten Erleichterung stößt er auf eine Quelle.

Einige Zeit später hat Cable die Quelle freigelegt und eine echte Wasserstelle in der Wüste geschaffen. Er schleppt alles herbei, was er bei seinen Rundgängen in der Umgebung auftreiben kann: Holz, Steine, alte Sättel, Knochen, alles, was die Wüste hergibt. Er trifft unterwegs auch auf die Postkutsche, deren Strecke nicht weit von seiner Wasserstelle entfernt vorbeiführt und freundet sich mit den Fahrern an.

Vor allem aber begreift er, daß er mit der Quelle letztlich auf eben die Goldader gestoßen ist, die er immer gesucht hat. Für einen Schluck Wasser will er fortan 10 Cent einnehmen. Das Prinzip setzt er das erste Mal durch, als der vor Durst halb wahnsinnige Reverend Joshua Duncan Sloane (David Warner) in das Loch stürzen will.

Joshua erkennt ebenfalls sofort, was für einen Wert Cable da sein Eigen nennt. Da der Reverend, der recht flexibel im Glauben ist, bereits mal dieser, mal jener Konfession, manchmal auch einer ganz anderen Religion angehört hat, eine Kirche seines eigenen Glaubens vertritt und Cable mag, weist er ihn daraufhin, daß er den Grund und Boden anmelden und somit als sein eigenes Land eintragen lassen sollte.

Cable reitet mit Joshuas Pferd umgehend nach Dead Dog, der nächstgelegenen Stadt. Dort wird er von jedem ausgelacht, dem er von seinem Fund und dem Plan, dort Land zu kaufen, erzählt. Selbst der Mann am Schalter im Büro für Landvergabe lacht ihn aus. Für sehr kleines Geld kauft Cable so ein Stück Land rum um seine Quelle.

Um dort eine echte Station zu bauen, an der die Postkutsche hält und die Pferde ausreichend Wasser saufen können, braucht Cable 100 Dollar. Dem Bankdirektor, bei dem er vorspricht, bietet er das Land als Sicherheit, doch auch dieser Mann glaubt nicht an Cables Idee. Wie die meisten ist er sich sicher, daß die Quelle eine Totgeburt ist. Nie hat jemand trotz intensiver Suche dort Wasser gefunden.

Cable, der all den Spott bisher recht stoisch ertragen hat, wird sauer. Er sei kein Spinner und wisse, was er tue. Er hält eine glühende Rede auf das freie Unternehmertum, dem sich eine Bank nicht in den Weg stellen dürfe. Dem Bankdirektor imponiert Cables Pioniergeist und er leiht ihm schließlich die 100 Dollar.

Cable gönnt sich ein Bad und macht die Bekanntschaft von Hildy (Stella Stevens), einer Prostituierten. Er überlegt eine Weile, bevor er sich entschließt, sie aufzusuchen. Auch ihr erzählt er von seinen Ideen hinsichtlich seiner Quelle. Hildy ist angetan von dem ebenso entspannten wie von seinen Plänen begeisterten Mann. Und Cable sieht in Hildy eine Frau, wie er sie mag – patent, eigen und auf Abenteuer vorbereitet.

Doch Cable weiß, was er sich schuldig ist. Er erinnert sich, daß er sein Land abstecken und deutlich markieren muß, damit der Kauf gültig ist. Hildy ist ernsthaft erbost, als Cable, anstatt mit ihr zu turteln, die Hosen hochzieht und sich aufmachen will zu seiner Quelle. Sie jagt ihn regelrecht aus dem Saloon, über dem sie ihr Geschäft betreibt.

Mit Joshuas Hilfe baut Cable sein wildes Lager zu einer halbwegs ansehnlichen Poststation um. Sie wollen ihren Erfolg mit einem Besuch in der Stadt feiern, sind allerdings schon bei Ankunft in Dead Dog sturzbetrunken. Das hält Joshua jedoch nicht davon ab, seiner obsessiven Bestimmung – der Beglückung emotional instabiler Damen – nachzugehen. Cable nutzt die Zeit, um Hildy aufzusuchen. Die beiden vertragen sich und verbringen die Nacht miteinander.

Zurück auf Cables Land entwickelt sich das Geschäft immer besser. Cable wird ein wohlhabender Mann. Natürlich reizt sein Erfolg auch andere Glücksritter, einige Stadtbewohner schlagen direkt neben Cables Land ihre Lager auf und bohren nach Wasser. Doch sie alle bleiben erfolglos. Währenddessen beobachtet der Bankdirektor wohlwollend, wie sein Investment Früchte abwirft.

Cable weitet das Geschäft aus und beginnt, die Reisenden zu bewirtschaften, während die Pferde getränkt werden. Zwar schmeckt es den meisten Gästen, die das Eigentümliche und Raue des Westens preisen, doch spätestens wenn Cable seine Rezepte auf Nachfrage preisgibt, vergeht den meisten doch der Appetit.

Cable und Joshua ficht das nicht an. Sie genießen ihr Leben an der Quelle, reparieren hier, bessern dort aus, schwärmen von den Vorzügen der Frauen, vor allem der weiblichen Anatomie, und bemerken gelegentlich die Zeichen der Moderne – u.a. als ein Automobil vorfährt. Ein Gefährt, von dem einige – u.a. die Postkutscher – bereits gehört haben, von dem Joshua sogar behauptet, bereits einmal ein Exemplar gesehen zu haben.

Der Vorfall verdeutlicht den beiden Männern, daß ihre Zeit langsam abläuft. Gewisse Freiheiten, die sie sich – gelegentlich auch wider besseres Wissen und meist frei von moralischen Implikationen – immer mal wieder herausgenommen haben, gehören nun unweigerlich der Vergangenheit an. Joshua findet sogar zu seiner eigentlichen Berufung, also der religiösen, zurück. Er beschließt, in die Stadt zurückzukehren.

Derweil wurde Hildy von den Stadtoberen aufgefordert, Dead Dog zu verlassen. Da die Siedlung prosperiert, will sie die alten Gewohnheiten – Prostitution bspw. – ablegen und sich den Gepflogenheiten derer anpassen, die nun in den Westen kommen und das Geld mitbringen. Hildy flieht zu Cable.

Entgegen ihrer Ankündigung, gleich am nächsten Morgen gen San Francisco aufzubrechen, bleibt Hildy drei Wochen bei Cable. Eine romantische Zeit für beide, die sich ernsthaft ineinander verlieben. Doch Hildy will weiter, will im Westen ihr Glück suchen. Bevor sie aufbricht, taucht auch Joshua wieder auf, der in Dead Dog Schwierigkeiten wegen einer Flirterei mit einer verheirateten Frau hatte.

Bald muß Cable feststellen, daß er wohl allein zurückbleiben wird – Hildy macht ihre Ankündigung wahr und entschwindet gen Westen, allerdings bittet sie Cable mehrfach, sich ihr anzuschließen, was dieser nicht will, da er ja immer noch auf seine Rache wartet. Auch Joshua verdrückt sich.

Cable betreibt sein Geschäft weiterhin, bis eines Tages tatsächlich Taggart und Bowen in einer Postkutsche vorfahren. Cable erzählt ihnen von seinem Glück und daß er hinter dem Haus eine riesige Menge Geld vergraben habe. Ein Trick, weiß er doch, daß seine alten Feinde wiederkehren werden, um das Geld zu stehlen.

Genau so kommt es auch. Die beiden schleichen sich an und graben nach dem Geld. Cable wirft einige Klapperschlangen, die er zuvor gefangen hatte, in die Grube, woraufhin die beiden sich ergeben. Nun fordert Cable sie auf, sich bis auf die Unterhosen auszuziehen und dann in die Wüste zu marschieren – so wie sie es einst mit ihm gemacht hatten.

Taggart, der sich erinnert, daß Cable nicht gern Gewalt anwendet und sich schon damals in der Wüste geweigert hatte, zuerst zu schießen, greift Cable an, der ihn nun aber kurzerhand erschießt. Bowen ist entsetzt, hatte doch er seinem Widersacher eine solche Tat nicht zugetraut. Cable beruft sich auf Notwehr.

Doch macht ihn die ganze Angelegenheit nachdenklich. Er merkt, daß es sein Gewissen belastet, einen Menschen getötet zu haben. Und er merkt, daß Rache kein Gefühl ist, welches ihn sonderlich befriedigt.

Als ein Automobil auftaucht und einfach weiterfährt, ohne anzuhalten und Wasser zu tanken, wird Cable trotz vorheriger Annahmen klar, daß seine Zeit endgültig abgelaufen ist. Ein anderer solle sich darum kümmern, ihn ginge das nichts mehr an.

Cable erklärt Bowen, daß er ihm verzeihe, mehr noch: Er schenke ihm Cable Spings, wie er seine Quelle und die Station einst genannt hatte. Er selbst will nach San Francisco, um Hildy zu finden. Doch gerade als die Postkutsche ankommt und Cable seine Siebensachen aufladen will, taucht ein weiteres Automobil auf.

Es ist Hildy selbst, die auf dem Weg nach New Orleans ist. Sie hat in San Francisco einen reichen Mann geheiratet, ist nun verwitwet und wollte Cable erneut bitten, sie zu begleiten. Der ist darob höchst erfreut. Während Cable seine Sachen in den Wagen packt, löst er versehentlich die Handbremse, wodurch der Wagen sich in Bewegung setzt und Bowen zu überrollen droht. Cable springt herbei, um seinen alten Feind zu retten, wird dabei aber unglücklicherweise selbst überfahren.

Einige Tage später trifft Joshua auf einem Motorrad ein, inklusive eines Seitenwagens. Er findet Cable guter Laune, doch leider sterbend in dessen Bett vor. Die beiden tauschen ein paar ihrer typischen Liebenswürdigkeiten aus. Dann stirbt Cable. Joshua hält eine Totenrede, in der er seinen Freund preist, während Hildy, die Postkutschenfahrer und auch Bowen ergriffen lauschen. Joshua beklagt nicht nur den Tod des Freundes, sondern verdeutlicht auch noch einmal, daß mit ihm eine gewisse Ära zu Ende gehe, eine Zeit, die so nie wieder komme.

Dann verabschieden sich alle voneinander und während die Postkutsche noch einmal ihren Weg gen Westen nimmt, fahren Hildy und Joshua auf ihren motorisierten Gefährten gen Osten, der Zukunft entgegen. Ein Kojote mit einem Halsband durchstreift das nun verlassenen Cable Springs.

Sam Peckinpah galt 1969/70 kurzzeitig als einer der ganz heißen Tipps am Kinomarkt. Am Ende einer Dekade, in der der Regisseur, der sich als natürlichen Nachfolger des großen John Ford sah, zwar zwei wesentliche Western und immerhin ein verstümmeltes Meisterwerk vorgelegt, ansonsten aber eine Menge Ärger mit den Studios und Produzenten gehabt hatte und zwischenzeitig nahezu kaltgestellt worden war, legte er mit THE WILD BUNCH (1969) einen der damals härtesten Filme, die je das Licht der Leinwände erblickt hatten, und einen äußerst kontrovers besprochenen Western vor, der allerdings zukünftig als Klassiker gelten sollte. Peckinpahs „Todesballette“ – die schier endlosen Gewaltorgien, die oftmals in Zeitlupe und scheinbar wirren Schnitten dargeboten wurden, wodurch das Chaos auf der Leinwand und im Kopf des Zuschauers noch gesteigert wurde – galten nun als Markenzeichen eines gewaltverliebten Künstlers, der den amerikanischen Western zwar extrem brutalisiert, zugleich aber auch überhaupt erst wieder zu einem ernstzunehmenden Genre gemacht hatte. Der Spätwestern war geboren und Peckinpah wurde der Hohepriester der Melancholie einer untergehenden oder bereits untergegangenen Zeit. Und er zelebrierte den Verlust von Freiheit als einen Potenzverlust. Er war ein Männerregisseur, der seine Geschlechtsgenossen sehr ernst nahm, sie zugleich aber auch der Lächerlichkeit preisgeben konnte. Er wusste um ihre Schwächen und vor allem um ihre Ängste. Sie suchen lieber den Tod, als den Verlust ihrer Freiheit, ihrer Würde und eben ihrer Potenz hinzunehmen. Genau so verhalten sich Pike Bishop und sein „wilder Haufen“ in THE WILD BUNCH.

Nun erwartete man mehr davon von Peckinpah und fieberte also seinem kommenden Film entgegen. Wie überrascht müssen die Jünger gewesen sein, als er ihnen THE BALLAD OF CABLE HOGUE (1970) vorsetzte. Ein Western, das schon, auch einer, der die Standards des Spätwestern erfüllt, doch eben auch ein Western, der nahezu komplett auf Gewalt verzichtet, der sich eines ausgesprochen konventionellen Erzählstils bedient, keine wilden Montage-Monster und auch keine Zeitlupen bietet. Vielmehr ist er durch lyrische Ruhe, einen ausgesprochen entspannten Helden, der alles sein will, nur eben kein Held, und eine sehr selbstbewusste und ebenfalls entspannte weibliche Hauptfigur geprägt, mit der der titelgebende Cable Hogue eine ruhige, erwachsene, gleichberechtigte späte Liebe erfahren darf.

Jason Robards spielt diesen etwas verkommenen aber immer freundlichen Goldsucher mit all der warmherzigen Freundlichkeit, zu der er so oft in seinen Rollen fähig war. Er spielt ihn mit der Lässigkeit – und ebenfalls Freundlichkeit – die auch den Banditen Cheyenne in Sergio Leones Jahrhundertfilm C´ERA UNA VOLTA IL WEST (SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD; 1968) ausgezeichnet hatte und die so wesentlich für den Film ist. Robards scheint die Rollen nicht sonderlich variiert zu haben, denn auch äußerlich wirkt dieser Cable Hogue, als sei der Schauspieler direkt vom Set von Leones an das von Peckinpahs Film gewechselt zu sein, selbst wenn zwei Jahre zwischen den beiden Werken gelegen haben mögen. Es ist wesentlich Robards Spiel zu verdanken, daß Peckinpahs Film den Charme hat, der ihn auszeichnet. Und daß er wahrscheinlich eines von Peckinpahs persönlichsten, ganz sicher aber sein schönstes Werk geworden ist.

Peckinpah hatte in THE WILD BUNCH dem Mythos die entstellende und immer das Unrecht beschönigende Maske vom Gesicht gerissen und darunter die noch hässlichere Fratze der Realität hervorgezerrt. Nun setzte er der Wucht, der Gewalt, der Überwältigung des früheren Films eine leise Romanze entgegen, die zwar im Kern eine ähnliche Geschichte erzählt, doch nicht, wie der Vorgänger, aufs Ganze geht, nicht den Showdown sucht, nicht das ganz große Rad dreht, die finalen Fragen stellt und verhandelt, sondern auf leisen Sohlen daherkommt, Zwischentöne zulässt, auf eher sublime Mittel und Methoden und nicht zuletzt auf Humor setzt. Einen Humor übrigens, der trotz gelegentlicher Zotenhaftigkeit nicht von den Machoplattitüden geprägt ist, die auch bei Peckinpah allzu oft vorkommen und seine Filme manchmal etwas schwer bekömmlich wirken lassen. Vielmehr ist es ein meist leiser Humor, der lächelnd, nicht grinsend, nie hämisch oder gar grölend daherkommt. Dafür ist alles hier zu behäbig, zu warm, zu entspannt eben.

Die Ausgangslage des Films entspricht dabei grundlegend den konventionellen Regeln des Western. Ein Mann – eben der besagte Goldgräber Cable Hogue – wird von seinen Kompagnons dem Tod in der Wüste überlassen und als der ansonsten wenig gottesgläubige und noch weniger gottesfürchtige Mann sich dann schließlich am Ende wähnt und doch einmal ein Stoßgebet zum Himmel schickt, da scheint der Herr ein Erbarmen zu haben und lässt ihn eine Wasserquelle mitten in der Einöde finden. Das ist gut, denn so kann Cable nicht nur überleben, sondern auch – er war offenbar immer ein Glückssucher und weiß eine Chance zu ergreifen, wenn sie sich ihm bietet – ein veritables Geschäft eröffnen. Denn seine Quelle liegt just an jenem Abschnitt einer Postkutschenroute, die als besonders schwierig gilt, eben weil kein Wasser vorhanden ist. Cable ergreift die Gelegenheit und erweist sich sofort als gelehriges Kind des Kapitalismus, als er schon seinem ersten Kunden, einem verdurstenden Priester sehr zweifelhaften Charakters, erst mal die Gebühr fürs Wassertrinken abnimmt, bevor der sein brennendes Verlangen stillen darf. Aber eigentlich sinnt Cable auf Rache. Er will bleiben, wo er ist, weil er sich sehr sicher wähnt, daß die Verräter eines Tages an den Ort ihres Verbrechens zurückkehren werden. Womit Cable – auch das klare Konvention im Western – zuletzt auch recht behält. Die Zeit bis dahin vertreibt sich Cable mit Hildy, einer Prostituierten, in die er sich verliebt. Während sie an ihm stellvertretend jenen Domestizierungsprozess durchführt, für den Frauen im klassischen Western schon immer zuständig waren, diskutiert Cable die Zeitläufte mit jenem Priester, den er einst ausgenommen hat, der inzwischen aber zu einem Freund geworden ist. Und als seine beiden Feinde schließlich auftauchen, ihren Clou von einst wiederholen und ihn ausrauben wollen, erschießt Cable einen von ihnen, lässt den andern jedoch laufen.

Cable Hogue ist kein gewalttätiger Mann. Das Töten gefällt ihm nicht nur nicht, es widert ihn sogar an und macht ihn so nachdenklich, daß er seiner geliebten Hildy, die ihn bat, sie zu begleiten, als sie an die Westküste reiste und die er nicht erhörte, weil er sich noch für einen Rächer hielt, nun endlich folgen will. Cable Hogue ist auch nicht der Draufgänger, für den er sich hält. Sicher, er mag ein Glücksritter sein, doch weiß er das Leben zu schätzen, niemals verachtet er es. Und er will es behalten. Er will Hildy finden und mit ihr gemeinsam alt werden. Er ist der Peckinpah´sche Gegenentwurf zu Pike Bishop. Der sieht keinen Sinn mehr in einem Leben, das er nicht in Freiheit, ungebunden, führen kann. Lieber stirbt er im Kugelhagel für eine prekäre Würde, als daß er sich den Gesetzen und damit abstrakten Mächten beugen würde. Cable hängt die Trauben etwas niedriger und ist dadurch auch kein neurotischer Mann, wie nahezu alle männlichen Figuren bei Peckinpah. Sie alle sind Getriebene, die weder gegen, noch mit der neuen Zeit leben können oder, wenn sie sich, wie Pat Garrett in Peckinpahs späterem Meisterwerk PAT GARRETT AND BILLY THE KID (1973), aber auch Deke Thornton in THE WILD BUNCH, an jene abstrakte Macht binden, die die Politik, die Gesetze und die Regeln der Zivilisation darstellen, erst recht nicht mehr glücklich werden können, weil sie symbolisch ihre Söhne töten und darüber hinaus zu Renegaten werden und ihr eigenes Leben verraten. Sie sind – nicht nur in den Augen ihrer Widersacher, sondern meist auch in denen des Regisseurs – würdelos.

Cable fühlt sich (zurecht) verraten und hält sich infolgedessen ebenfalls für einen Getriebenen, einen Neurotiker, der von Rachegelüsten aufgefressen wird. Er muß aber lernen, daß er diesem Bild gar nicht entspricht. Bei all seiner scheinbar naiven bis plumpen Weltsicht – die sich in gelegentlichen Zoten am deutlichsten ausdrückt und dem Film bei einigen Kritikern den Ruf eintrug, eben doch flachen Humor zu präsentieren – ist er ein Optimist, der sich und sein Dasein nicht sonderlich wichtig nimmt. Das zeigt sich spätestens in seinem Umgang mit dem eigenen nahenden Ende, nachdem er von einem Automobil – tragischerweise Hildys Automobil, mit dem sie ihn abholen und nach New Orleans mitnehmen wollte – überrollt wurde. Als der Priester sein Sterbebett erreicht und ihn zutiefst besorgt nach seinem Befinden fragt, antwortet er lakonisch, daß es ihm bis auf die Tatsache, daß er sterbe, ganz gut ginge. Robards kann das so vermitteln, daß man es der Figur hundertprozentig glaubt. Es entspricht der Art und Weise, in der Cable in den vorausgegangenen 120 Minuten allen Problemen begegnet ist, sieht man von seinem befürchteten Tod in der Wüste zu Beginn des Films einmal ab. Aber selbst da ist er sehr optimistisch, bis es ihm wirklich dreckig geht.

Cable Hogue ist sicherlich die entspannteste Figur im Kosmos des Sam Peckinpah. Dieser Mann ist wohl einfacher Natur, dumm ist er aber nicht. Er lernt. Praktisch, wie er sich sein Land sichert und wie man sich als Kapitalist zu verhalten hat. Dazu legt er sich sogar eine schroffe Seite zu, die er allerdings selten lange durchhalten kann, eben auch, weil sein Mittel der Kommunikation kein Colt, nicht die Gewalt ist. Dessen allerdings scheint er sich immer schon bewusst gewesen zu sein, weigert er sich doch zu Beginn des Films, seine Kompagnons auszuschalten, als er die Gelegenheit dazu noch hätte. Zugleich lernt er aber auch sich selbst besser kennen und einzuschätzen. Er begreift, wie unwichtig Rache ist, er verzeiht und er bekennt sich schließlich zur Liebe, auch wenn es da schon zu spät ist.

Darin, in diesem zu-spät-Sein, trifft er sich mit all den anderen Helden und Anti-Helden in Peckinpahs Filmen. Nur sucht er den Tod nicht; anders als Bishop und seine Männer, sieht er in ihm auch weder einen Freund und Gefährten, noch den großen, finalen Gegner, der am Ende sowieso immer gewinnt, dem man aber so und so häufig entgegentreten kann, um sich seines Lebens zu versichern. Cable weiß das Leben von allem Anfang an zu schätzen und zu genießen. Dennoch ist es auch für ihn zu spät. In seinem Fall sind es ganz konkret eben jene neue Zeit und seine Unfähigkeit sie zu begreifen und zu verstehen, die ihn schließlich umbringen. Bevor Hildy am Ende des Films mit ihrem Automobil auftaucht, werden Cable und einige seiner Bekannten – darunter die Fahrer der Postkutsche, die hier die Rationalisierung sehen, ohne sie zu begreifen – bereits einmal eines solchen Gefährts ansichtig. Sie verstehen es nicht, erkennen aber ein gewisses Potential. Und die Tatsache, daß auch ein Automobil Wasser braucht, beruhigt Cable zunächst ungemein. Bis der nächste Wagen einfach durchfährt, da kein Wasser benötigt wird.

Daß Cable dann Opfer eines der wahrscheinlich frühesten Verkehrsunfälle ohne Fremdeinwirkung der amerikanischen Geschichte wird, ist in Peckinpahs Augen natürlich nur folgerichtig. Seine Helden können einfach nicht mit der neuen Zeit gehen – auch Cable nicht. Er will es nicht, er sucht es nicht, er wird nicht einmal Opfer von Gewalt. Er wird Opfer eines profanen Versehens. Dessen Ursache er selbst ist. Der Wagen überrollt ihn, weil er versehentlich die Handbremse löst und zerquetscht ihm die Innereien als er versucht einen seiner früheren Widersacher aus dem Weg zu schubsen. Anders als ironisch kann man das nicht betrachten. Zugleich ist es aber auch eine Abmilderung, die Peckinpah gerade in Hinsicht auf das Ende von THE WILD BUNCH wohl auch bewusst profan und unaufgeregt inszenierte. So gleicht dieser Film wahrlich einer Ballade, die mit Lakonie und in einem gleichbleibenden Rhythmus ihre Geschichte erzählt und schließlich leise verklingt. Eine Elegie auf eine untergegangene Epoche, der einzelne Männer nachtrauern mögen. Die besten unter ihnen, wissen, daß sie anachronistisch sind, bekennen sich zum eigenen Untergang und die allerbesten unter ihnen – Cable Hogue zum Beispiel – können das ganz gelassen hinnehmen und dem eigenen Ende ruhig ins Auge blicken. Nutzt ja eh nichts, sich aufzuregen. Immerhin hat er die Liebe gefunden.

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