AD HANNAH ARENDT. EICHMANN IN JERUSALEM. DIE KONTROVERSE UM DEN BERICHT „VON DER BANALITÄT DES BÖSEN“

Rück- und Überblick zu einer der heftgisten Debatten zur Shoa

Es gibt Debatten, die sind fast interessanter als ihr Gegenstand. Mancherlei Kulturdiskurse betrifft dies. Andere Debatten sind notwendig, wenn auch schmerzhaft. Und manche Debatten muten geradezu obszön an. Liest man Werner Renz´ schmalen Band AD HANNAH ARENDT. EICHMANN IN JERUSALEM. DIE KONTROVERSE UM DEN BERICHT „VON DER BANALITÄT DES BÖSEN“ (2021), dann stellt sich früher oder später genau dieses Gefühl ein.

Der Eichmann-Prozess 1961 löste schnell Debatten aus – um die Frage, ob das Vorgehen des Mossad, des israelischen Geheimdienstes, Eichmanns habhaft zu werden angemessen gewesen ist, um die Auslassungen dieses Mannes, der sich als kleines Rädchen im Getriebe des Massenmordes darzustellen versuchte, aber auch um das, was damals geschah, als die Deutschen sich aufmachten, ihre Idee der „Endlösung“ umzusetzen. Und dann kamen nach und nach – letztlich waren es fünf Artikel, die die Philosophin in der Zeitschrift The New Yorker veröffentlichte – Hannah Arendts Beobachtungen des Tribunals in Jerusalem.

EICHMANN IN JERUSALEM. EIN BERICHT VON DER BANALITÄT DES BÖSEN (1963) erschien 1963 und fasste die Eindrücke, die die Autorin während ihrer Besuche des Prozesses gewonnen hatte, noch einmal zusammen. Und sofort entbrannte eine Kontroverse um die Haltung der New Yorker Intellektuellen, die Eichmann einen „Hanswurst“ nannte und ihm eben genau das attestierte, was der Titel des Werks suggeriert: Daß das Böse eben in ausgesprochen banaler Gestalt daherkommen kann. Es gab aber auch andere Vorwürfe, einige eher den Zeitläuften geschuldet – bspw. die Vorwürfe, daß die israelische Regierung unter Ben Gurion den Prozeß nutze, um die eigenen Agenda voranzutreiben – , andere einer mangelnden (und damals sicher in diesem Maße auch noch nicht vorhandenen) historischen Kenntnis geschuldet. So wurden ihr vor allem die Vorwürfe an die sogenannten „Judenräte“ vorgehalten. Denen hatte Arendt eine Mitschuld an den Vorgängen der Shoa attestiert; ein Vorwurf, der heutzutage, bei deutlich besserer Forschungslage, nicht mehr zu halten ist.

Werner Renz nimmt sich der gesamten Kontroverse noch einmal an. Er legt in einigen kurzen Kapiteln die Voraussetzungen dar, unter denen Arendt ihre Berichte anging. So war sie nur an einigen Verhandlungstagen in Jerusalem wirklich vor Ort, sie verpasste wesentliche Zeugenaussagen, sie reiste ab, lange bevor der Prozeß beendet und mit dem Todesurteil für Eichmann abgeschlossen war. Sie hatte allerdings auch nie vor, einen „objektiven“ Bericht zu schreiben, sie war keine Reporterin oder Journalistin, sie war auch keine professionelle Prozeßberichterstatterin. Allerdings sollte es durchaus ein „Bericht“ sein, keine philosophische Abhandlung, kein rechts- oder moralphilosophisches Unterfangen. Arendt  war sie bis zu einem gewissen Grad selbst eine Betroffene, die Deutschland, trotz eigentlich hervorragender Zukunftsaussichten – Studium bei Martin Heidegger, mit dem sie auch eine stürmische Liebesbeziehung verband, Studium bei Edmund Husserl und schließlich Dissertation bei Karl Jaspers – verlassen musste, als das Naziregime die Macht übernahm und schnell seine antisemitische Ausgrenzungspolitik begann, die sich schließlich zum Massenmord an den europäischen Juden, zum Holocaust, auswachsen sollte. Ihr Interesse galt Eichmann und der Frage, welche Menschen (Männer) es waren, die Hitlers Mordphantasien in die Tat umsetzten.

Renz weist nach, daß die des Hebräischen nicht mächtigen Arendt auf die Rohübertragungen der Prozeßprotokolle zurückgriff und sich von Beginn ihres Unternehmens an bewußt war, daß sie kaum eine lückenlose Berichterstattung würde liefern können. Renz kann auch Arendts Ausgangsposition gut nachvollziehbar darlegen und ihre Prämissen herausarbeiten. Der weitaus größere Teil des Bandes nimmt allerdings die Kontroverse ein, die Arendts Bericht auslöste. Die Kritik nämlich war allumfassend, teils bösartig und gelegentlich vernichtend. Es wurde Arendts Perspektive angegriffen, es wurde ihr vorgeworfen, empathielos gegenüber den Opfern zu sein, es wurden ihr mangelnde Kenntnisse der Vorgänge vor allem in Polen und den besetzten Gebieten der Sowjetunion vorgeworfen und schließlich war es ihr Ton, der vielen Kritikern aufstieß.

Wer den Originalband kennt, kann einiges dieser Kritik nachvollziehen. Andererseits kann man es als Nachgeborener kaum wagen, diese Kritikpunkte selbst aufzugreifen. Weder ist man Beteiligter, noch hilft es, mit dem Wissen von über vierzig Jahren fortgeschrittener Holocaust-Forschung einer Autorin, die im Kern einen sachlich-distanzierten Blick (den sie nicht durchgängig halten kann) auf das Geschehen wirft, vorzuwerfen, sie habe – gerade hinsichtlich der Rolle der „Judenräte“ – Fakten außer Acht gelassen. Allein ihr Ton erregt eben gelegentlich Anstoß, ist man doch verwundert, mit welcher Aggressivität Arendt Glaubensbrüder und -schwestern angreift und manchmal auch nicht davor zurückschreckt, Opfer den Tätern zuzuschlagen. Auch ein Mangel an Empathie ist durchaus festzustellen, doch Renz weist hier mehrfach deutlich darauf hin, daß Arendt selbst sich zu so viel Objektivität wie möglich und klarer Nüchternheit verdonnert hatte und weder Empathie noch Mitgefühl in einem solchen Bericht, der sich nun einmal vornehmlich mit einem der Haupttäter beschäftigte, als angemessen betrachtete.

In seinem Schlußkapitel arbeitet Renz den Stellenwert auf, den Arendts Arbeit bei den Deutschen hatte, wo sie sehr positiv bewertet wurde. Daß sie – entgegen ihrer erklärten Absicht – auch Apologie betrieben habe, daß sie den Deutschen mit dem Begriff der „Banalität des Bösen“ eben auch eine Entlastung zukommen ließ, daß sie gar die Juden teils zu Mittätern gemacht hatte und damit ein in Deutschland in den 50er und den frühen 60er Jahren beliebtes Narrativ – die Juden seien doch auch selbst schuld an ihrem Schicksal – bedient haben soll, all diese An- und Vorwürfe griffen hier natürlich ineinander. Arendts Gegner – u.a. der Assistent des Hauptanklägers der Nürnberger Prozesse, Robert Kempner – bezeugten hier eine in Deutschland gern aufgenommene Entlastung von Schuld, erdrückender Schuld.

Bei aller eben auch berechtigten Kritik an Arendts Arbeit bleibt dennoch der Begriff der „Banalität des Bösen“, bleibt die Erkenntnis, daß die Männer, die die Shoa ins Werk setzten, eben wirklich „ganz normale“ Männer gewesen waren. Durchschnittsbürger, entfesselte Kleinbürger, die ihren Hass und ihre Ressentiments plötzlich frei ausleben durften. Es ist und bleibt eine erschreckende Erkenntnis. Und Arendts Bericht bleibt eines der wesentlichen Werke, um genau diese Zusammenhänge zu begreifen. Ihre historischen Betrachtungen, das weiß, wer sich ernsthaft mit den Vorgängen in den Gettos und schließlich den KZ auseinandersetzt, sind oftmals nicht haltbar. Ihr Urteil dafür umso mehr.

Und dennoch gibt es während der Lektüre dieses Bandes einen Moment, in dem man all das wirklich obszön zu finden beginnt. Als wäre die Kontroverse um dieses Buch das eigentliche Ereignis und nicht nur eine Fußnote in der unendlichen Geschichte jüdischen (und nicht nur jüdischen) Leidens während der zwölf Jahre Naziherrschaft in Deutschland. Natürlich wurden Prozesse wie der um Adolf Eichmann politisch mißbraucht, natürlich verfolgten Ben Gurion und andere Vertreter des jungen Staats Israel auch eine eigene Agenda, um das angefeindete Land weltweit als wehrhaft und handlungsfähig zu präsentieren. Und ja, natürlich ging es auch um Rache, Vergeltung und den Beweis, zu Härte und Bestrafung fähig zu sein. Arendt wollte einen Beitrag leisten, allerdings wollte sie nicht Israel entlasten, stand sie der Entwicklung des Landes doch zunächst kritisch gegenüber. Erst spät in ihrem Leben anerkannte sie, daß es Israels bedürfe, da die Juden in ihrer Geschichte seit der Antike eben ein verfolgtes und geschändetes Volk gewesen seien, das einen solchen Rückzugsort verdient habe.

Renz´ Buch fasst die Kontroverse um Arendts Buch gut zusammen. Vor allem jene, die sich erstmals mit diesem Teil der Geschichte befassen, werden hier die wesentlichen Punkte aufgelistet finden, unterstützt von einem guten Appendix. Für diejenigen, die sich mit der Materie schon länger auseinandersetzen, wird hier nicht allzu viel Neues zu finden sein. Aber dafür kann man eben sehr gut darüber reflektieren, was eigentlich das Wesentliche ist bei der Auseinandersetzung mit der Shoah: Der Gegenstand selbst oder die intellektuellen und politischen Eitelkeiten derjenigen, die vielleicht gar nicht unter der Verfolgung zu leiden hatten, nun aber der Ansicht waren, Urteile abgeben zu können oder zu müssen. Ein Spagat. Und ein ungutes Gefühl, das bleibt.

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