DUNKELBLUM

Eva Menasse führt den Leser in ein dunkles Kapitel der österreichischen Geschichte zurück - und legt bloß, was Tabuisierung und Verdrängung für fatale Folgen haben können

Das Dorf, ergo die Provinz, hat seit einiger Zeit Hochkonjunktur in der deutschsprachigen Literatur. Entweder es gilt als Fixpunkt der Kindheit, wird also sentimental aufgeladen, manchmal verklärt, manchmal als Hölle dargestellt, oder es dient als Projektionsfläche moderner Gesellschaftsprobleme – wenn müde Städter auf Alteingesessene treffen, Progression auf Konservatismus, enges Denken auf vermeintlich weites – , gelegentlich ist es auch der Hort historischen Schreckens. Immer aber muß es ein Geheimnis geben.

Eva Menasse nutzt ebenfalls das Dorf DUNKELBLUM (2021) als Projektionsfläche und Ort des Geheimnisses, einmal mehr ist das Geheimnis historisch bedingt, letztlich ist es auch kein wirkliches Geheimnis, sondern etwas Totgeschwiegenes, und dieses kleine vergessene Kaff an der österreichisch-ungarischen Grenze wird zu einem Symbol all des Verdrängten, das irgendwann doch ans Tageslicht, an die Oberfläche drängt. Zudem beruht Menasses Geschichte auf einer sehr genauen Recherche eines historisch verbürgten Ereignisses, eines der schrecklichsten der letzten Kriegstage in Österreich – dem Massaker von Rechnitz.

Als einige Studenten aus Wien, in Dunkelblum nur „die Hauptstadt“ genannt, beginnen, den jüdischen Friedhof freizulegen, der Jahrzehnte im wahrsten Sinne des Wortes in einem Dornröschenschlaf lag, von Ranken überzogen die Grabsteine und Mausoleen, kaum zugänglich der Eingang, werden einige der älteren Bewohner des Ortes aufmerksam – und unruhig. Daß einige Dunkelblumer neuerdings an der Aufarbeitung der Historie des Dorfes interessiert sind und eine „Stadtchronik“ erstellen wollen, stört die Alteingesessenen sowieso. Einer der Winzer des Ortes beginnt, auf einem Acker, nah der Grenze gelegen, die Erde umzugraben, keiner weiß genau warum. Im Dorf herrscht Uneinigkeit über die zukünftige Wasserversorgung: Soll man sich den Wasservertrieben anschließen und zukünftig mehr zahlen oder soll Dunkelblum weiterhin auf seine eigene Versorgung setzen, wozu man die Wasseradern unter dem Dorf genauestens bestimmen muß? Gleich, ob der Nachbar also aus diesem Grunde die Wiese umpflügt oder aus einem ganz anderen – auch sein Wirken stört vor allem ältere Bewohner Dunkelblums auf. Erst recht, als da ein Skelett freigelegt wird. Und als dann auch noch am gleichen Tag ein fremder älterer Herr und ein verlorener Sohn des Orts auftauchen, werden die Dinge erst recht kompliziert. Und es ist das Jahr 1989, ein schöner Sommer, der jenen, die sehen können und wollen, einige Zeichen dessen gibt, was da im Herbst aus dem Osten kommen wird…

Menasse unterteilt diesen über 500 Seiten langen Text in drei große Abschnitte. Im ersten wird dem Leser zunächst das Personal näher- und der Leser wird nahezu um den Verstand gebracht, bis es ihm halbwegs gelingt, diesen Haufen an Personal halbwegs zu ordnen und in Bezug zueinander zu setzen. Das mag den Effekt erzielen wollen, den Leser wie einen Fremden in einem kleinen Ort ankommen zu lassen, wo er die Beziehungen, die Verhältnisse und erst recht nicht die Menschen kennt, nicht weiß, wer mit wem was zu tun hat und wer welchen Spitznamen trägt. So gesehen eine gute Idee, denn die Wirrnis ist groß. Unter Aspekten der Lesefreundlichkeit allerdings eine mittlere Katastrophe, die sich in der folgenden Rezeption des Romans eher hinderlich auswirkt.

Im zweiten Teil erfährt der Leser langsam mehr über die Hintergründe all des Raunens des ersten Teils, Menasse führt ihn tief in die Geschichte des Dorfes zurück, teils bis in die Ausläufer des 19. Jahrhunderts, und spürt tiefliegenden, sozusagen subkutanen Erinnerungen an dunkle Zeiten vorm, während und nach dem Krieg nach. Wie sehr das Dorf beherrscht wurde von einer Adelsfamilie und deren Schloß, welches in den letzten Kriegstagen in Grund und Boden gemörsert wurde, wie abhängig die Menschen in dieser Region – das namentlich nie genannte, aber durchaus gemeinte Burgenland, nicht die schönste Gegend des Landes, wie mehrfach im Text herausgestellt wird – waren, wie eindeutig die sozialen Gefälle und wie hinterwäldlerisch teils der Umgang miteinander. Eine Gegend, die gern mitmachte, als Hitler einmarschierte und Österreich „wieder“ anschloß an das Deutsche Reich. Und wo vielleicht noch etwas schneller als anderswo die Opportunisten, die besonders Brutalen und Verschlagenen, die Skrupellosen und Gnadenlosen ihr Spiel spielen konnten unter dem Deckmantel der neuen Ordnung und ihrer Organe.

Der dritte und abschließende Teil des Buchs führt zurück in die Gegenwart (eine Bewegung – ein kleiner formaler Bruch – die das letzte Drittel des zweiten Teils bereits vollführt) und berichtet von den Auswirkungen des plötzlichen Interesses an den Toten, die man hier so gern vergessen und verdrängen will. Was die vergangenen vierzig Jahre ja schon ganz gut gelungen war. Es ist letztlich dieser dritte Teil, der den Leser verstört zurücklässt. Denn hier kulminiert vergangene Schuld mit solcher, die nicht vergehen will und nicht vergehen wird, hier spürt man die Eiseskälte, die es braucht, um Geschehnisse – Verbrechen, um genauer zu sein – von denen alle wissen, zu tabuisieren und in Geheimnisse zu verwandeln. Und der Leser spürt (und lernt), wie sich die Verkrustungen, die dabei in der Gemeinschaft und den meisten Menschen vor Ort entstehen, festsetzen, immer mehr verhärten, manchmal von Generation zu Generation weitergegeben werden und vielleicht nicht weiteres Unrecht generieren (worüber zu streiten wäre), aber das Schweigen verfestigen, vertiefen und das Erinnern – vielleicht auch das heilsame Erinnern, das für Schuld, Scham und Reue und letztlich auch zur Gesundung der Täter so bitter notwendig ist – nahezu unmöglich machen.

Die Geschichte hinter jener des Romans gehört zu den dunkelsten der österreichischen Geschichte des 2. Weltkriegs. Als längst bekannt war, daß der Krieg verloren wird, als den Menschen längst bewusst war, daß es zuende geht und sie wahrscheinlich demnächst unter fremder Besatzung leben werden, begann die Wehrmacht auf Hitlers Befehl, den Südostwall zu bauen – ein Projekt, welches die Rote Armee aufhalten sollte und dem Westwall nachempfunden war, den man entlang der westlichen Grenzen des Reichs schon Jahre zuvor zumindest in Teilen erbaut hatte. Wie meist wurden für den Bau Zwangsarbeiter – KZ-Häftlinge ebenso wie sowjetische Kriegsgefangene – herangezogen, die die Arbeit verrichten sollten. Rechnitz lag unmittelbar an der Grenze und wurde damit zu einer Art Frontstadt. Von den hier zusammengezogenen Kräften befanden sich Ende März 200 in Rechnitz selbst, da sie krankheitsbedingt nicht mehr an den Bauarbeiten teilnehmen konnten. Während eines Festes auf dem Schloß der Familie von Batthyány in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 wurden ca. 180 dieser Menschen von Gästen erschossen, die letzten 18 Überlebenden mussten die Leichen verscharren und wurden später ihrerseits hingerichtet.

Festbelustigung? Töten als Sport? Kollektiver Blutrausch? Ist es wirklich von Belang, was die Mörder zu ihrer Tat getrieben haben mag? Die achtzehn letzten Opfer wurden schließlich entdeckt und auf dem jüdischen Friedhof bestattet, die von ihnen begrabenen 180 restlichen Opfer konnten bis heute nicht gefunden werden.

Das also ist der Ausgangspunkt für Menasses Geschichte. Und in ihrer – natürlich fiktionalisierten – Erzählung spürt sie den oben beschriebenen Deformationen nach, die das Wissen – oder auch die Mittäterschaft – im Einzelnen und in der Gemeinschaft anrichten. Verheerend. Die innere Kälte, die Sprachlosigkeit, die Sprachtabus, die Angst vor denen, die das Sagen im Dorf haben, teils seit Jahrzehnten, und die Angst davor, daß alles, vielleicht nur durch Zufall, doch noch ans Licht kommt und es dann unbequem werden kann. Denn auch das spielt hier eine Rolle: Selbstgerechtigkeit und Selbstverleugnung, Opportunismus und Kaltschnäuzigkeit. Viele in Dunkelblum haben seinerzeit profitiert. Und viele hatten auch schon zuvor am System partizipiert. Hatten es zu nutzen gewusst, daß Juden den Ort, den Kreis, die Region, verlassen mussten, während andere, vormalige Außenseiter, plötzlich die Berechtigung hatten, ihren dunkelsten Trieben – dunklen Blumen – nachzugeben. Machtgeile, Sadisten und Opportunisten – ein gefährliches Gebräu. Und doch auch allzu menschlich.

Das ist das Erschreckende an Menasses Roman. Durch die Fiktionalisierung und den Verzicht auf jedwede Kolportage, nicht verifizierte und nicht verifizierbare Darstellung und eine Sprache, die Distanz übt auf vielerlei Art, wird diese Geschichte zur Parabel. Auch dies kein unübliches Verfahren, um sich dem Schrecken des Unfassbaren und doch Geschehenen, den Schrecken der Shoah und des 2. Weltkriegs, anzunähern. Hermann Broch bedient sich in seinem Roman DIE VERZAUBERUNG/BERGROMAN (1967) der Metapher des Dorfes als Spiegel der Gesellschaft en miniature, Max Frisch gleich eines ganzen Kleinstaates in dem Drama ANDORRA (1961), um der Verführbarkeit und dem Wahn, dem ihrer Meinung nach erliegen muß, wer den großen Verführern folgt, nachzuspüren. Menasse, deren Roman man da durchaus in eine Reihe stellen darf, gibt jedoch andere Antworten, als einst die alten Meister – die näher an und enger mit dem, was sie beschrieben, verflochten und selbst davon betroffen waren.

Menasse bedient sich eines komplizierten Stils, sie windet Sätze und erschafft einen Kunstdialekt, der es ihr ermöglicht, die Figuren zu entfremden. Wir verstehen sie gelegentlich einfach nicht und müssen uns des Glossars am Ende des Buchs bedienen. Das unterbricht den Lesefluß und zwingt uns, das eben Aufgenommene zu rekapitulieren. Auch dies eine Distanzierung. Durch die Wirrnis des ersten Teils des Romans, kommt dem Leser aber kaum eine Figur nah, weder im Positiven noch im Negativen. Wir sehen ein Personentableau, das für uns teils fremd, teils funktional bleibt. Nur in den Heimkehrer Lowetz gewährt die Autorin tiefere Einblicke, dringt in das Innenleben anderer Figuren ein, bleiben die Beschreibungen seltsam standardisiert. Und all dem liegt eine böse Ironie zugrunde, ein Schmäh´ gelegentlich, der, wie Eva Menasse ihn anwendet, den Abwehrreflex offenlegt und desavouiert, der in dieser Art Humor immer auch angelegt ist. Was trivialisiert wird, kann so schlimm nicht sein. Auch auf dieser Ebene geht DUNKELBLUM auf, funktioniert die Konstruktion, das Spiel zwischen Form und Inhalt. Das ist, literarisch betrachtet, große Kunst, die allerdings ein wenig die emotionale Betroffenheit des Lesers abstumpft. Ein schmaler Grat, den die Autorin Eva Menasse da betritt. Aber sie hält ihn und man kann ihrer Herangehensweise ebenso folgen, wie man sie kritisieren könnte. Fakt ist: Es gelingt ihr, uns ein historisches Geschehen so darzulegen, daß wir eben begreifen, daß dies wahrscheinlich immer und überall möglich ist, wenn die äußeren Prämissen stimmen.

Es wurde Menasse vereinzelt vorgeworfen, das Massaker auszusparen, es nicht zu beschreiben, dadurch entstünde eine Leerstelle genau im Mittelpunkt der Erzählung. Man kann das so sehen. Doch zum einen wäre eine Beschreibung des Unbeschreiblichen, vor allem, wenn man Vergleichbares nicht kennt, nie erlebt hat, eben reine Kolportage, es hätte etwas Sensationslüsternes. Zum andern aber geht es Menasse offenkundig gar nicht darum, hier historische Tatsachen akkurat aufzubereiten. Vielmehr ist es ihr Anliegen, zu untersuchen, was kollektives Wissen, kollektiv unterdrücktes Wissen zumal, mit einer Gemeinschaft anrichtet, wie es das Weiter-Leben dieser Gemeinschaft und jedes Einzelnen darin bestimmt und beherrscht. Und genau das gelingt hier großartig.

DUNKELBLUM ist sicher einer der Romane der Saison. Welchen Wert ein Buch wie dieses wirklich hat, wird wahrscheinlich erst die Zukunft zeigen. So oder so hat der Leser es hier aber mit einem ebenso brillanten wie abgründigen Stück Literatur zu tun, das lange nachhallt und nachwirkt.

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