AN DIE HÖLLE VERRATEN/DISPATCHES

Michael Herrs Betrachtungen des Vietnamkriegs - die Matrix für den klassischen Vietnam-Kriegsfilm

Vielleicht sollte man das Buch von heute aus gesehen in Kombination mit Denis Johnsons TREE OF SMOKE oder Viet Thanh Nguyens THE SYMPATHIZER lesen.

DISPATCHES war stilprägend für die Ikonographie der vielen Vietnamkriegsfilme – ob APOCALYPSE NOW, FULL METAL JACKET oder PLATOON und all ihrer Nachfolger. Die ihrerseits waren sehr prägend für die Sicht auf den Krieg selbst in den vergangenen vierzig Jahren.

Der Stil des Buches ist rasant, dem Gonzojournalismus eines Hunter S. Thompson nicht ganz unähnlich, wenn auch tödlicher im Zweifelsfall. Dieser seltsame und manchmal schwer verständliche Nihilismus, der viele Storys, Filme und Songs rund um das Thema „Vietnam-Krieg“ auszeichnet, findet sich ebenfalls auch schon bei Michael Herr. Er zieht gänzlich andere Schlüsse, als es das Gros der Menschen in der westlichen Welt tat; er sieht nicht das Bild der „Heimatfront“ (wenn es auftaucht, wird es meist verächtlich gemacht) mit den dortigen Auseinandersetzungen. Und in der existenziellen Situation, in der er sich befindet, ergreift er auch Partei – für den einfachen Soldaten, das heißt in seiner Sicht: Für den einfachen amerikanischen Soldaten. Inhaltlich schildert er bspw., wie er in einer Bedrohungssituation zur Waffe greift, schildert die Angst, aber auch die Befreiung des Mitmachen-Könnens, des Dabei-Seins; in Stil, Ton und Perspektive nimmt er immer Partei für die Soldaten. Das soll nicht kritisiert werden, es ist ein legitimer Standpunkt, prägte aber so schon früh die amerikanische Sichtweise auf Vietnam, die eigentlich immer Nabelschau war. Oft wird der Vietnamkrieg ja eigentlich als kollektiver amerikanischer Egotrip dargestellt. Dieser Betrachtungsweise leistet Herr enorm Vorschub. Vietnamesen kommen bei ihm – wie auch in den meisten Filmen, bei denen er als Berater tätig war (und das waren einige) nur in nichtsprechenden Rollen vor: Entweder sie sind der gesichtslose Feind per se oder aber Frauen sind Nutten und Bedienstete oder es tritt der Typus „kleines, zu beschützendes Kind“ auf – zu mißtrauen ist ihnen aus Sicht des Buches sowieso allen.

Vielleicht sollte man also über 40 Jahre nach Veröffentlichung zumindest eine kritische Haltung zur Rezeption des Krieges und zur Rezeptionsgeschichte des Themas selbst einnnehmen. Und gerade Johnsons oben erwähnter Roman bricht diese mittlerweile eingefahrenen Sichtweisen auf. Im Grunde bleibt auch er eisern der amerikanischen Perspektive verpflichtet, doch distanziert er die Figuren derart, daß neue Sichtweisen möglich sind, auch andere auf das Fremde, das Vietnam heute noch darstellt. Mehr noch gelingt dies Nguyen in seinem fabelhaften Werk jüngeren Datums.

Zwischen den Büchern könnte ein wirklich interessanter Dialog entstehen.

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