DAS SCHACHBRETT DES TEUFELS/THE DEVIL´S CHESSBOARD

Ein in seinen ersten beiden Abschnitten brillantes, atmosphärisch dicht beschriebenes Bild des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes in seinen entscheidenden Jahren

Jene Jahre nach dem 2. Weltkrieg, als die Welt sich langsam zu erholen begann, sich schüttelte und ihr bewußt wurde, was genau geschehen war, was auch im Namen von Zivilisation, Recht und Gerechtigkeit für unfassbare Gräueltaten begangen worden waren, mögen an der kulturellen Oberfläche eine Zeit der Besinnung, nüchterner Sachlichkeit und der Moderne als an sich selbst zweifelndem Aufklärungsbewußtsein gewesen sein, politisch und militärisch war es nicht nur die Epoche des Kalten Krieges, sondern auch der Neuordnung und Neuortung der offiziellen wie geheimen militärischen Strategien. Jene Männer, die ihre wichtige und wesentliche Arbeit während des Krieges im Geheimen verrichtet hatten, verhielten sich, als sei der Krieg nie zuende gegangen, sondern habe lediglich in einen neuen Modus gewechselt und den Feind ausgetauscht. Der britische Geheimdienst blieb sich selbst treu, aus dem amerikanischen OSS (Office of Strategic Services) hingegen wurde die ‚Central Intelligence Agency‘, kurz: die CIA, der amerikanische Auslandgeheimdienst.

Von Präsident Truman gegründet, wuchs die Macht des Dienstes im Laufe der 1950er Jahre derart an, daß bereits unter Präsident Eisenhower von einer „geheimen Regierung“ die Rede war, die das politische Washington zu betrügen, zu manipulieren und für jedwede eigene politische Agenda zu nutzen verstand. Im fast paranoiden Klima der Kommunistenhatz zu Beginn der 50er Jahre, als der Senator McCarthy eine ungeheure Machtfülle erhielt und seine Maßnahmen sich nicht sonderlich von denen eines autoritären oder gar faschistischen Staates unterschieden, war es ein Leichtes, immer wieder ‚carte blanche‘ oder gar das direkte Einverständnis höchster Stellen im Regierungsapparat zu bekommen, um Aktionen im Ausland zu starten, die heute wie schlechte Stories drittklassiger Groschenhefte anmuten. Da wurden Regierungen gestürzt, man ließ ganze Regionen in Unruhen oder Chaos versinken und ermordete skrupellos Politiker, Diplomaten oder Geistliche, wo diese eigenen Interessen im Wege standen. Ebenso war man bereit, sich die Dienste ehemaliger Nazi-Generäle und -Geheimdienstler zu bedienen, man nutzte „wissenschaftliche Erkenntnisse“, die in den Konzentrationslagern der Nazis unter grausigen Bedingungen gewonnen worden waren, man log, betrog, es wurden Wahlen manipuliert und man war bereit, medizinische Versuche an Menschen, oftmals Patienten von psychiatrischen Einrichtungen u.a. in Kanada, vollziehen zu lassen. Moralisch gab es keine Untergrenze an der man bereit gewesen wäre zu stoppen, im Kampf gegen den Kommunismus schien jedes Mittel gerade recht.

All diese Handlungen sind heute recht bekannt, die CIA und ihre Machenschaften gerade in den 50er, 60er und 70er Jahren wurde seither oftmals durchleuchtet, zuletzt unternahm Tim Weiner den Versuch, die Geschichte des Dienstes in einem Übersichtswerk darzustellen[1]. Seine und andere Darstellungen leiden immer etwas darunter, eine enorme Fülle an Material kohärent und chronologisch ausbreiten, dabei jedoch klare narrative Hierarchien bestimmen und einhalten zu müssen. Gewisse Einschränkungen, schließlich Weglassungen, gilt es zu vollziehen und manchmal fällt das Ergebnis etwas blutarm, ja seltsam steril aus. David Talbots vorliegendes Werk THE DEVIL´S CHESSBOARD. ALLEN DULLES, THE CIA AND THE RISE OF AMERICA`S SECRET GOVERNMENT umgeht diesen Fehler, indem es sich direkt und von allem Anfang an auf die Gründung des Dienstes aus den Resten des OSS konzentriert und dabei jene Figur(en) hervorhebt, die die CIA zu dem gemacht haben und werden lassen, was sie dann wurde: Eine zeitweilige Geheimregierung, die die offizielle Regierungslinie entweder zu bestimmen, zumindest stark zu beeinflussen wusste, oder aber direkt an dieser vorbei eine meist etwas gröbere eigene politische Agenda verfolgte. Die federführende Figur dabei war Allen Dulles, wie der Titel des Werkes schon nahelegt, doch wird schnell deutlich, daß er es vor allem im Doppel mit seinem Bruder John Foster Dulles, Außenminister unter Präsident Eisenhower, zu jenem Einfluß bringen konnte, der ihn zwanzig Jahre lang die Außenpolitik der U.S.A. mindestens so hat prägen lassen, wie dies für die Innenpolitik für FBI-Chef J. Edgar Hoover zutreffen dürfte. Für einige große Männer, für andere, vielleicht die meisten, amoralische Monster, mindestens aber Monster-Egos, die bereit waren, jederzeit über Leichen zu gehen.

Im ersten von drei Teilen, in die das Buch aufgegliedert ist, schildert Talbot den Werdegang des schon damals nicht mehr jungen Gentleman-Agenten Allen Dulles, der während des 2. Weltkrieges lange Zeit in Genf stationiert war und damals tatkräftig am Image der Stadt als Agentennest und Informationsbörse mitarbeitete. Dulles hatte Kontakte in alle Richtungen, ebenso nach Moskau, wie ins Deutsche Reich oder in den Vatikan. Diese halfen ihm schon ab 1945, die spätere sogenannte „Rattenlinie“ aufzubauen, auf der mit Hilfe gerade des Vatikans Hunderten, vielleicht Tausenden Naziverbrechern die Flucht in den Nahen Osten, nach Asien und vor allem nach Südamerika gelang. Die Verbindung zu einem gewissen Rainer Gehlen, Chef der Abteilung „Fremde Heere Ost“ des Auslandsgeheimdienstes unter dem Naziregime, sollte sich für diesen und für die CIA in personam Allen Dulles noch als äußerst gewinnbringend entpuppen.

Der zweite Abschnitt des Buches – der getrost der beste, weil informativste und tiefschürfendste genannt werden darf – beschäftigt sich mit den 1950er Jahren und jenen Aktionen, die die Legende von der CIA, wie sie lange, mindestens bis 1989, vielleicht noch darüber hinaus bis 2001, Bestand hatte, begründeten. Ob in den Romanen eines Norman Mailer oder denen eines James Ellroy, ob in Filmen, Comics oder Fernsehserien – die CIA ist eine ebenso gefürchtete wie heimlich bewunderte, mindestens aber fasziniert bestaunte Geheimorganisation, die sich mühelos über Regeln, Konventionen und Gesetze erhebt und ohne Moral und ethisches Gerüst einen geheimen Krieg führt. Anders als der zwar brutale, aber charmante Superagent 007, James Bond, den sein Schöpfer Ian Fleming immerhin realen Figuren nachempfunden hatte, die sich im Krieg mit waghalsigen Aktionen hatten auszeichnen können, waren die CIA-Leute dieser frühen Jahre eher durchschnittliche Männer, oft mit FBI- oder militärischer Vergangenheit, die sich aus eher psychologischen denn wirklich ideologischen Gründen dem Kampf gegen den Kommunismus verschrieben hatten. Das mag in Wirklichkeit anders gewesen sein, Talbot, der einen umfänglichen Quellenapparat angibt und auf neuere, erst Mitte der 2000er-Jahre freigegebene Akten zurückgreifen konnte, schildert zumindest Dulles als einen jeglicher Moral abholden Mann, der bar alle Empathie morgens beim Frühstück zwischen zwei Sportartikeln die Preisgabe eines ihm unliebsamen Agenten an die Russen, den Mordbefehl an einem ausländischen Staatsoberhaupt oder gleich einen Staatsstreich in Auftrag geben konnte, bevor er dann in den Club fuhr und sich zum Mittagessen mit anderen bedeutenden Männern traf.

Es gelingt Talbot sehr gut, ein Klima zu beschreiben, in dem es unter geschickter Nutzung sämtlicher zur Verfügung stehender  Informationen, aber auch herrschender Stimmungen, möglich war, eine derartige Machtfülle zu erringen und zu festigen. Der Leser begreift, wieso es für den vermeintlich Mächtigeren – in diesem Fall den Präsidenten – zunehmend schwieriger wurde, sich eines Netzwerks zu erwehren, das eben im Geheimen wirkt, dessen Maschen man nur gelegentlich zu Gesicht bekommt, dessen Ausmaß man vielleicht erahnt, doch nie zur Gänze erkennt. Eine ans Paranoide grenzende Angst vor der „roten Gefahr“, einer kommunistischen Unterwanderung, machte Vieles möglich. Denunziation als Wert an sich, Angst vor Entdeckung und die daraus resultierende Täuschung wurden in einigen Kreisen alltägliche Begleiter, die Vorgehensweise des ‚House Committee on Un-American Activities‘ in den späten 40er Jahren in Hollywood und die des Senators Joseph McCarthy, hatten einen Nährboden für eine gewisse Anfälligkeit für Verschwörungstheorien bereitet. Es nahm nicht Wunder, daß Männer wie die Dulles-Brüder, die scheinbar klare Vorstellungen davon hatten, wo der Feind stand und was es brauchte, um die Sicherheit des Landes zu gewährleisten, Konjunktur hatten. Sicherheit war vielen wertvoll, das wachsende Bewußtsein für die zerstörerische Kraft der Atombombe und dafür, was dieses Vernichtungspotential wirklich bedeutete, sorgten zugleich aber auch für einen fast hysterischen, in Filmen und Romane nur allzu gern mit psychoanalytischen Motiven kurzgeschlossenen Zustand von Unruhe und einer gewissen Lust am Untergang.

Da wird eine an der Oberfläche scheinbar moralisch gefestigte Ära beschrieben, die unter der glatten, spiegelnden Oberfläche, dem glänzenden Chrom, dem grell leuchtenden Neon Ungeheuer gebiert, die sich früher oder später Bahn brechen müssen. Sei es, indem die Methoden immer skrupelloser und die Ansprüche dabei immer maßloser werden, oder aber die Selbsteinschätzung immer mehr der Hybris verfällt, sei es, weil sich die Lage immer mehr verdichtet, ein kritisches Maß erreicht und sich schlußendlich in einer Krisis entladen muß – innen wie außen kommt es zu diesen kritischen Reaktionen. Präsident Kennedy, so vielen solch ein Symbol der Moderne als zukunftsträchtiges Projekt, ein Hoffnungsträger der liberalen Linken, ruft einen solchen Hass hervor, daß dieser ihn, viereinhalb Jahre später seinen Bruder, wenn man so will davor schon Martin Luther King, einfach hinfortbläst. Zugleich stürzte sich das Land, nachdem es in Südamerika in Guatemala, im Nahen Osten in Persien, zudem in China und Europa immer wieder erfolgreiche geheime Aktivitäten gegeben, es sich zudem vermeintlich erfolgreich am durch die UN geführten Korea-Krieg beteiligt hatte, in der kubanischen Schweinebucht in ein halboffizielles Abenteuer, das es an außenpolitischer Brisanz in sich hatte. Die Kubakrise und der sich stetig erweiternde Konflikt in Vietnam taten ihr Übriges, um die allgemeine Stimmung bis an einen kritischen Punkt gären zu lassen. Diese Entwicklung und wie Dulles sie sich zunutze zu machen wusste, um seine Macht stetig auszubauen, weiß Talbot ausgezeichnet zu beschreiben.

Teil zwei führt dann bei aller Liebe zum deskriptiven Detail, zur genauen Analyse und akribischen Recherche narrativ also recht deutlich auf die Engführung des Kennedyattentats hin. Der dritte Abschnitt ist mehr oder weniger Dulles persönlichem, von Mißbilligung bis gegenseitiger Mißachtung geprägtem Verhältnis zu Kennedy und den sich möglicherweise daraus ergebenden Motiven für ein Attentat gewidmet. Talbot hatte Teile seiner Recherche schon vor Jahren im ‚Rolling Stone‘ veröffentlicht, allerdings haben sie weder damals sonderlich viel Aufsehen erregt, noch tun sie das heute. Die Frage, warum das so ist, ist womöglich interessanter als die, was an Talbots Darlegungen nun eigentlich dran ist.

Geboten wird eine teils durchaus bekannte Theorie, die sich an etlichen Ecken und Enden mit anderen Theorien zum Attentat in Dallas stößt, überschneidet oder gar deckt. Daß die CIA drin gehangen haben könnte, ist hinlänglich bekannt; wer sich ein wenig mit der Kommandostruktur beschäftigt hat, unter der Männer wie Howard Hunt zu agieren pflegten – weitestgehend auf sich allein gestellt nämlich – und die Talbot nicht unbedingt beschreibt, konzentriert er sich doch eher auf die Führungsebene des Dienstes, weiß, daß es nicht unmöglich ist, was Don DeLillo einst zum Ausgangspunkt seines Thrillers LIBRA (1988) machte: Eine sich verselbstständigende Idee oder eine Zelle, die eine Idee weitertreibt, die lediglich wild angedacht worden ist. Daß die wildesten Ideen in Hinsicht auf die unterschiedlichsten Menschen politischer wie anderer Natur angedacht wurden, steht außer Frage. Eine Verschwörungstheorie gepaart mit der Chaostheorie, weil wir eben nie wissen können, wann sich etwas scheinbar offensichtlich Irres im Geist eines anderen festsetzt und immer realere Züge annimmt. Bedrückend. Und nimmt man Talbots Einlassungen, wahrscheinlicher, als man annehmen wollte.

Doch gerade anhand der häufigen Verweise dieses Rezensionstextes auf fiktive Referenztexte kann man vielleicht schon die Schwäche vor allem dieses letzten Abschnitts des Buches ausmachen: Es wird arg spekulativ und weiß dem Markt der Verschwörungstheorien nicht nur nichts aufregend Neues, sondern nicht mal etwas aufregend Skandalträchtiges hinzuzufügen. Aus dieser Perspektive lohnt sich die Lektüre also kaum. Vielleicht ist das ungerecht, so darüber zu schreiben, doch gehört der Spaß am Skandal mindestens so zum Thema, wie der Wunsch nach Aufklärung. Da liegt aber der Hase im Pfeffer: Denn derweil hat man so viele „Wahrheiten“ und „wahrscheinliche Wahrheiten“ gehört, daß die „wirkliche Wahrheit“, sollte sie denn je heraus kommen und als solche dann überhaupt wahrgenommen werden, wahrscheinlich alle fürchterlich enttäuschen wird. Spekulationen sind ja nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil sie nie einer Bestandsaufnahme durch die Realität Stand halten müssen.

Lässt man also Teil drei des Werkes beiseite, hat man es mit einer gut weil packend geschriebenen Historie der CIA unter ihrem prägenden Direktor Allen Dulles zu tun, die zugleich eine atmosphärisch dichte Stimmungslage Amerikas im Banne der Kommunistenangst, des Kalten Krieges und der möglichen atomaren Vernichtung malt. Geschichtsvermittlung im Gewande spannender Unterhaltung.

[1] Weiner, Tim: THE LEGACY OF ASHES: THE HISTORY OF THE CIA. New York, 2007

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