IM NETZ DER LEIDENSCHAFT/DIE RECHNUNG OHNE DEN WIRT/THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE

Es war einmal...

…ein junger Mann, dem juckten immer wieder die Füße und deshalb war er häufig unterwegs. Wo es ihm gefiel, da blieb er, bis das Jucken wieder anfing. So kam er herum und eines Tages nahm ihn einer mit in seinem Auto, der war freundlich zu ihm und entpuppte sich dann doch als seine Nemesis. Und so kam der junge Mann namens Frank (John Garfield) zur Tankstelle von Nick (Cecil Kellaway) und dessen Frau Cora (Lana Turner), die ihn mit ihrem reinen Erscheinen für alle Zeit verzauberte. Und so nahm Nick Frank in seine Dienste und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Verhängnis? Sollte man lieber Schicksal sagen? Denn so sehr sich Cora und Frank gegen das, was sie füreinander empfanden sträubten, widerstehen konnten sie einander nicht. Sie kosteten die verbotene Frucht und je stärker sie sich zueinander hingezogen fühlten, desto gefährlicher wurden ihre Gedanken. So brachen sie aus, rannten fort in die Wüste, nur um fezuststellen, daß die Bande, die Cora hielten, sie nicht freigeben würden. Sie hatte sich einst ein Leben erschaffen wollen, in dem sie sicher und geborgen an der Seite ihres nicht geliebten, doch – naiv und optimistisch, wie er war – durchaus liebenswerten Nick dahingleiten könnte, etwas eigenes aufzubauen. Und je stärker die Bande sie hielten, desto gefährlicher wurden ihre Gedanken. Und so wagen sie einen Versuch, sich des ungeliebten Gatten zu entledigen, was scheitert und doch nicht unbemerkt bleibt. Es entpuppt sich der Freundliche zu Beginn dieser kleinen Mär als ein mächtiger Mann, ein Mann der Gesetze. Und dieser Mann, Franks Nemesis, blieb ab nun wachsam und behielt den Rumtreiber und die schöne Frau im Auge. Da der naive Nick keine Erinnerung an seinen vermeintlichen Unfall zu haben schien, entschied sich Frank, Cora zu verlassen, diesen Ort zu verlassen, dem Jucken in den Füßen ein weiteres Mal nachzugeben. Er ging gen Süden, in die große Stadt. Doch Cora konnte er nicht vergessen. So kehrte er also zurück, sogar heimgebracht von Nick, der ihn aufgetrieben hatte in der großen Stadt, der ihn vermisste, wie ein Vater den Sohn, ein Onkel den Neffen vermissen würde. Und nun war auch er gefesselt an diesen Ort, wo Cora war. Und als er zurückkehrte, sie ihn erblickte, da war das Schicksal besiegelt. Der nächste Versuch, sich von Nick zu befreien, lief erneut nicht nach Plan, doch überlebte Nick diesen nicht. Nun hielt der freundliche Mann den Moment für gekommen, die Schlingen, die er ausgelegt hatte auch zuzuziehen. Und so bekam er Frank, den Mann, dazu, gegen Cora, die Frau, die Verführerin, auszusagen. Und nur Coras Beistand, Keats (Arthur Cronyn), konnte das Unheil abwenden, welches der freundliche Mann, der Ankläger, Sackett (Leon Ames), über die Liebenden zu bringen sich anschickte. Und es gelang Keats, die Liebenden nicht nur aus einer tödlichen Falle zu befreien, sondern sie auch aneinander zu binden, bis daß der Tod…und wie es so oft ist im Leben, jetzt, da das Glück endlich zum Greifen nah scheint, nun, wo die Liebenden vereint sind, nun beginnen sie, einander mit anderen, neuen Augen zu betrachten. Und was sie sehen, gefällt ihnen nicht. So lebten sie nebeneinander dahin, bis Cora eines Tages ihre kranke Mutter besuchte und Frank eine junge Frau zu sich nahm, für volle sieben Tage. Als Cora zurückkam, konnten die Liebenden endlich miteinander sprechen und noch einmal zusammenkommen. Doch das Schicksal weiß seine Wege und so ließ es den Wagen in einem der glücklichsten Momente in diesen Leben vom Wege abkommen und der Sturz tötete Cora. Der Mann des Gesetzes, Sackett, wusste nun dies zu nutzen und Frank endlich habhaft zu werden. Und Frank wurde verurteilt zum Tode. Und er wollte auch gehen, denn er wusste, es war an der Zeit. Er bat den Priester, sich seiner im Gebete anzunehmen und hoffte auf ein Wiedersehen mit Cora. Bis daß der Tod…sie einander nahe bringen möge…

…und wenn sie nicht wiederauferstanden sind, so werden sie glücklich sein, wo immer sie sich aufhalten mögen. Tay Garnett setzt seine Verfilmung dieses Stoffs in die Form eines Märchens. Er enthält sich aller sozialer Kontexte, nimmt der Vorlage im Grunde jeglichen Kontext und stellt seine Figuren in eine Landschaft und darin in eine Handlung, die immergültig ist und somit Modellcharakter erhält. Es gibt kein davor und es gibt kein danach, und dennoch erlaubt er diesen Figuren Erkenntnis und Entwicklung. Psychologie. Erzähltechnisch bekommen wir durch Franks Over-Voice zwar zeitliche Abstände mitgeteilt, doch sprechen die Bilder eine eigene, andere Sprache: Hier geschieht alles sofort, ohne zeitliche Abstände oder chronologische Fügungen. Hermetisch. Jede Figur steht für…die Verführung…das Recht…das Gesetz…den Verfall usw. Wie die zuvor festgeschriebenen Charaktere der commedia dell’arte oder die von allem Anfang an in ihrem Schicksal gefangene Protagonisten der antiken Mythen oder eben die Figuren im Märchen, können diese Figuren nur handeln, wie sie es tun, selbst wider besseren Wissens, wider aller Erkenntnis und Einsicht in die Falschheit der Tat. Sackett, der Frank am Anfang im Auto mitnimmt, ist der Staatsanwalt, der sofort Lunte riecht, als er zum Schauplatz des ersten Mordversuchs kommt. Und dort kommt er „zufällig“ hin. Als er meint, das Liebespaar überführt zu haben, klagt er sie sofort an; wie in einem Kasperlspiel finden wir uns umgehend im Gerichtssaal wieder; wenn Anwalt Keats seine Trickkiste öffnet und Sackett merkt, daß er geschlagen ist, ist der Richter sofort bereit, auf die Anmerkungen und Bitten der Anwälte einzugehen. Keinen Moment hat man hier den Eindruck, es mit einer der Realität verpflichteten Story zu tun zu haben. Hier ist fast alles Symbol oder Allegorie.

Frank wird Coras ansichtig und ist sofort gefangen im Glanze dieser Erscheinung. Lana Turner wird hier von allem Anfang an ikonographisch in Szene gesetzt. Sie ist das Weib als solches, die Idee des Sexus. Oberflächlich unschuldig – symbolisiert in den weißen Kleidern, die sie trägt, dem blütenweißen Badeanzug, wenn sie und Frank zum Ozean fahren, um sich dort in die Wellen zu stürzen – doch darunter in jeder Faser Verführung ebenso wie Begehren. Sie erzählt ihm, wie sie sich nie der Jungs erwehren konnte und Nick geradezu heiraten musste, um etwas aus ihrem Leben machen zu können. Sie ist die Verführung, und sie weiß, daß sie diesem Schicksal nicht wird entkommen können, so sehr sie sich auch mühen mag. In einem der ersten Bilder des Films sehen wir das Schild an der Burgerbude „MAN WANTED“ und was natürlich eine Aushilfskraft anspricht, meint…einen Kerl wie Frank, zum Beispiel, eine ehrliche Haut, jemanden von der Straße, einen Kerl. John Garfield, der Frank mit seiner Visage als Mann der Straße ausweist und dennoch die nötige Unsicherheit und auch Sensibilität verschafft, die ihn für Cora interessant machen, wirkt vollkommen realistisch. Er wird als Durchschnittsamerikaner in Szene gesetzt, sehr bewußt in großem Abstand zur Künstlichkeit der Cora-Figur. Garfield, ein an sich schon hervorragender Schauspieler, gelingt hier eine wirklich mehrdimensionale Darstellung.

Franks Wanderungen sind – anders als in der Vorlage, die zu Zeiten der ‚Great Depression‘ spielt – nicht einer Notlage entsprungen, sondern seinem inneren Drang, einem Trieb. Es sind die Triebe, die hier Motiv und Antreiber der Handlung sind. ‚Triebe‘ in einem durchaus freudianischen Sinne gemeint. Garnett und seine Autoren legen dies alles als Tragödie an. Doch wie der Weise aus Wien wissen auch sie die Verbindung vom Mythos zum modernen Menschen zu ziehen. So ist es also schon im Moment ihrer ersten Begegnung um Cora und Frank geschehen. Es gibt kein Entkommen. Der Film muß keine komplizierten Umwege gehen, denn alles ist genau darauf ausgelegt. Diese Haltung erlaubt es, in der eigentlichen Handlung eng an der Vorlage zu bleiben und somit auch die Erotik voll auszuspielen, die solch eine wesentliche Rolle in dieser Geschichte spielt, wird sie doch fast mythisch als ewige Kraft inszeniert, der sich ein Mann nicht entziehen kann. Da zugleich aber alles im Rahmen einer allegorischen Geschichte bleibt, die uns scheinbar etwas über die immergültige Verfasstheit des Menschen in Sünde berichtet, konnten auch die Wächter der MPPDA, jenes Lobbyverbands der Filmproduzenten, die den Hays Code erlassen hatten, nichts ausrichten, nicht einmal verdammen konnten sie eine solch moralische Geschichte.

Als James M. Cain seinen Roman – eher eine Novelle – THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE, 1934 veröffentlichte, galt sie aufgrund der expliziten Laszivität und moralischen Uneindeutigkeit, die die Erzählung gegenüber dem Geschehen einnahm, lange Zeit als unverfilmbar. Hollywoods Hays Code ließ solch gewagte Konstruktionen, wie Cain sie bot, nicht zu. Nachdem mit Luchino Viscontis erstem Langfilm OSSESSIONE Cains Werk 1943 in Europa bereits zum zweiten Mal verfilmt worden war, traute sich 1946 schließlich auch MGM, das Studio, das sich die Rechte am Buch bereits ein Jahr nach dessen Erscheinen gesichert hatte, endlich an eine Umsetzung des Stoffes. Für viele wurde daraus nicht nur die gültige Verfilmung, sondern auch einer der definitiven Beiträge zum Film Noir. Doch gerade die Inszenierung als eine Art Märchen, zwar zeitlich in der filmischen Gegenwart verankert, doch aller realen Bezüge enthoben, läßt den Betrachter daran zweifeln, es hier wirklich mit einem Film Noir zu tun zu haben. Denn es sind eben nicht Gier, Hab- oder Eifersucht, es ist wahrhaftig die Liebe, die dieses Paar töten und sich dann gegenseitig hassen läßt. Auch entspricht Cora nicht den eiskalten Engeln, wie es eine Barbara Stanwyck in Wilders DOUBLE INDEMNITY (1944) oder Jane Greer in OUT OF THE PAST (1947) waren. Cora und Frank sind vollkommen durchschnittliche Menschen, die versuchen, ihrem Leben ein Leben abzugewinnen und denen die Liebe dazwischen kommt. Die Realität bricht hier nicht in Form einer düsteren Vergangenheit, nicht mit Racheengeln, Mördern oder Vertretern des Gesetzes, gar als höhere Macht über sie herein. Selbst Coras Gatte Nick, den Cecil Kellaway mit einer naiven, onkelhaften Freundlichkeit ausstattet, wirkt nie so, als wolle er dem jungen Glück je wirklich im Wege stehen. Er fordert Frank auf, mit Cora zu tanzen, während er dazu Gitarre spielt, er wünscht den beiden viel Spaß, wann immer sie davonbrausen, im Ozean zu schwimmen. Nichts, so scheint es, was er den „jungen Leuten“ nicht gönnte. Sein Schicksal ist in jenem Moment entschieden, als er mit Cora weggehen will. Das kann Frank nicht zulassen, das will er nicht zulassen, ist er doch extra zurück gekehrt, fast gegen seinen Willen, sicherlich gegen ihren, nachdem er sich schon fortgerissen hatte von Cora und der Tankstelle und dem Hamburger Joint, den Nick und seine Frau betreiben. Der Film stellt diese Abläufe als Zwangsläufigkeit dar. Und anders als im herkömmlichen Film Noir verfangen sich diese Liebenden auch nicht in den Fallstricken ihrer eigenen Komplotte – daß Sackett überhaupt Verdacht schöpft, ist dem, was der Zuschauer sieht, nicht zu entnehmen, er schöpft Verdacht, weil er Verdacht schöpfen muß, die Handlung nur so weiterkommen kann – sondern eher in den Unbilden der Liebe. Der Film Noir wird gern in der Nähe des Melodramas verortet, und selten war es so richtig wie hier. Denn die Liebe kann gewissen Wahrheiten, die Liebende übereinander erfahren – zum Beispiel, wie nah der Verrat der Liebe immer ist – nur schwer standhalten.

Es überrascht, daß THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE (1946) trotz seines manchmal pathetischen Ansatzes heute noch modern wirkt. Dies hat neben den stimmungsvollen Bildern, die Sidney Wagner lieferte, einmal mehr mit den Darstellern zu tun, die beide „modern“ spielen. John Garfield wurde dahingehend schon gewürdigt, doch auch Lana Turner sticht heraus. Die Rolle gibt es natürlich auch her: Cora ist einerseits das verführerische Weib, sie ist aber zugleich eine moderne Frau, die durchaus ihren Weg geht. Und Turner unterstreicht das mit einer auffällig beweglichen Mimik, die manchmal fast kommentierend wirkt. Das Aufreizende ist kokett, es ist aber der Künstlichkeit der Figur entsprechend auch immer etwas übertrieben. Diesen schmalen Grat beherrscht Turner schon recht gut. Oft bewältigen gerade Melos den Schritt über die Kluft der Zeit hinweg nur mühsam, sind die Vorrausetzungen, die die verhandelten Konflikte bedingen, uns doch zu fern, als Konvention längst gelöst, im Zeitalter der Ironie in ihrer Ernsthaftigkeit schwer zu ertragen. Hier ist das anders, und das liegt nicht daran, daß ein Mord verübt wird. Dies alles ist unvermeidlich im Raum dieser Handlung. Es sind die menschlichen Konflikte, die sowohl zwischen den Protagonisten als auch in den einzelnen Figuren wirken. Dies ist kaum eine herkömmliche Krimispannung, wir spüren, daß momentweise wirklich die Seele berührt wird. Das läßt den Film dann zeitlos wirken. So sind Klassiker.

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