VERZEHRT/CONSUMED

David Cronenberg legt seinen ersten Roman vor: Eine Synthese seiner künstlerischen Lebensthemen

„Verzehren“ – natürlich, man kann sein Mahl verzehren. Doch gibt es nicht auch eine ganze Reihe anderer, sich davon ableitender Bedeutungen, die das Wort prägen? Krankheiten, die einen verzehren, oder die Sehnsucht, die uns verzehrt, wenn unsere Geliebten nicht in unserer Nähe sind? Der Originaltitel des ersten schriftstellerischen Werkes von David Cronenberg lautet: CONSUMED, konsumiert; ein Begriff, der allerdings weit über den rein konsumistischen Inhalt hinausweist, sind doch auch der Verbrauch, das Entleeren, ja, sogar die Zerstörung durchaus mit angesprochen. Alles Bedeutungsebenen, die Cronenberg seinem Roman eingeschrieben hat. Das ist mit dem deutschen Begriff „verzehrt“ nur unzulänglich wiedergegeben, erfasst aber die wesentlichen Punkte des Buches schon deutlich.

Nathan Math und Naomi Seberg sind Journalisten eines neuen Typs: Nicht sonderlich genau mit der Trennschärfe von Wahrheit und Fiktion, sind sie immer unterwegs, immer mit den neuesten High-End-Technikgeräten ausgestattet, die sowohl zur Aufnahme als Film, Bild, Video oder Audiodatei als auch dem Internetzugang und -gebrauch dienen, selten anders miteinander in Kontakt denn via Skype oder Smartphone, global vernetzt und ebenso global im Einsatz, begegnen sie sich als Paar nur gelegentlich in Flughafenhotels oder eben virtuell. Während Nathan, der sich als Bildjournalisten für Medizin betrachtet, in Budapest eine Operation an einer sterbenskranken Brustkrebspatientin beobachtet und dabei die Bekanntschaft eines außerordentlich abstrusen Arztes macht, hetzt Naomi – ihres Zeichens Boulevardjournalistin – von Brüssel über Amsterdam nach Paris einer wilden Geschichte über einen Philosophieprofessor hinterher, der seine ebenfalls als Philosophin reüssierende Gattin getötet und teils verspeist haben soll. Und so nimmt eine rasante Geschichte ihren Lauf, die als schnöde Inhaltsangabe wahrscheinlich banal klingt. Nach Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit sucht Nathan in Toronto den Entdecker selbiger – Dr. Roiphe – auf, welcher ihn einlädt, gemeinsam ein Buch über die Arbeit des Mediziners und Biologen zu schreiben. Dabei soll dessen Tochter das Anschauungsmaterial liefern. Chase, so ihr Name, neigt dazu, sich mit einem Klipper kleine Fleischstückchen aus dem Körper zu knipsen und diese bei eher wie Kinderspielen anmutenden Sessions zu verspeisen. Was hinter Dr. Roiphes Versuchen und Forschungen eigentlich steckt, werden wir nie erfahren. Naomi derweil trifft in Paris auf einen Schüler und Liebhaber des Philosophenpaars, der sie auf eine Spur in Tokio setzt, wo Aristide, so der Name des vermeintlichen Kannibalen, sich aufhalten soll. Und als Naomi diesem in der japanischen Megametropole endlich gegenübersteht, nehmen die Dinge derart rasant Fahrt auf, daß es schwierig ist, allen Winkelzügen noch zu folgen. Von Insektenbefall bedrohte Brüste spielen ebenso eine Rolle, wie Hightech-Hörgeräte, die möglicherweise audiell mehr Realitäten einfangen, als wir zu kennen glauben – es kann aber auch sein, daß sie in Wirklichkeit dem Nutzer in der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea ersonnene Botschaften einflüstern, die den Nutzen haben…ein Filmemacher, der sich geheimer Zeichen bedient, um seine Opfer anzulocken(…oder auch nicht) kommt ebenfalls vor…ein schrecklich gekrümmter Penis und jede Menge 3-D-Drucker…

David Cronenberg wurde einst mit Filmen wie SHIVERS (1975) oder RABID (1977) einem kleinen Kreis von Liebhabern härterer Horrorfilme bekannt, bevor er mit SCANNERS (1981) und vor allem VIDEODROME (1983) auch einem weiter gefasste Publikum ein Begriff wurde. Seither hat er mit Hardcore-Filmen wie THE FLY (1986) und psychologisch dichten Betrachtungen wie DEAD RINGERS (1988) oder dem Paranoiathriller eXistenZ (1999) ein Ouvre geschaffen, das sich fortlaufend mit Fragen von Körperlichkeit, Technologisierung, Identitäts- und Realitätsverfremdung und -wechseln beschäftigt. Dabei sind in seinen früheren Werken immer wieder Krankheiten organischer wie psychischer Natur oder fehlgeleitete Experimente für teils widerwärtige Metamorphosen des Körpers verantwortlich. Obwohl er selber den Begriff ablehnt, wurde er nicht nur zu einem führenden Vertreter dessen, was man heute gern ‚Body Horror‘ nennt, nein, für viele ist er im Grunde der Initiator dieses Subgenres des harten Horror- und Terrorfilms. Und doch merkte man bei Cronenbergs Filmen immer, daß da mehr dahinter steckte, als die reine Lust am Ekel, Gore oder Splatter. Was man in seinen Werken zu sehen (und manchmal zu erleiden) bekommt, ist immer in weiterreichende Überlegungen philosophischer Natur eingebettet. Man sah immer, daß Cronenberg – wie die meisten großen Künstler – ein gewisses Bündel von Thematiken hatte, die ihn durch sein Schaffen hindurch beschäftigten und von den unterschiedlichsten Seiten und Perspektiven beleuchtet wurden.

In CONSUMED begegnen uns nun gerade jene Thematiken wieder, die v.a. sein frühes Werk bestimmt haben. Geheimzirkel, die über enorme materielle Möglichkeiten verfügen, Krankheitsbefall und körperlicher Verfall, modernste Technik, die wirkt, als könne sie eine organische Ausweitung des Körpers in die Welt, seine Überwindung sogar bedeuten – es sind diese prägnanten Themen, die hier verarbeitet werden. Dabei nutzt der Autor eine erstaunlich altmodische Erzähltechnik, indem er uns die Geschichte auktorial in der Vergangenheitsform präsentiert, lediglich unterbrochen durch zwei längere Kapitel, die einer Tonbandaufzeichnung gleichen. Ein postmoderner Stoff, wie es postmoderner kaum geht, eingefasst in den nahezu klassischen Rahmen klassischen Erzählens. Dabei gelingt es Cronenberg, sprachlich distanziert und kühl die Atmosphären der jeweiligen Orte seiner Erzählung und die Handlungen an diesen darzustellen, so daß der Leser ebenfalls äußerst distanziert auf das teils doch bizarre Geschehen blickt, zugleich bringt der Autor seine Figuren dem Leser jedoch auch mit einem gewissen Witz näher. Wir können uns also durchaus mit diesem Pärchen aus den neuen Zeiten und dessen Cyberliebesaffäre anfreunden und identifizieren. Denn die menschlichen Regungen dieser beiden sind eben doch durchaus „heutige“ (oder gestrige?): Eifersucht und Sehnsucht, Neugier und die durch ihre Befriedigung entstehenden Ängste treiben Naomi und Nathan um die Welt, aufeinander zu und schließlich maximal (final?) voneinander weg. Cronenberg begeht nicht den Fehler, uns eine Zukunftswelt zu präsentieren, in der wir uns sowieso nicht zurecht finden würden und uns also maximal davon distanzieren könnten. Die Welt, durch die diese beiden Cyberjournalisten driften, ist die unsrige, der der Autor lediglich die maximale Technoreferenz erweist.

Allerdings ist es eine Welt, in der Fakten und Fiktionen sich längst derart durchdringen, daß man durchaus die Frage stellen darf, ob die Unterscheidung noch wesentlich ist? Es deuten sich Komplotte an, es deuten sich sogar echte Verschwörungen an und es deuten sich – gerade im Hause Roiphe – Geheimnisse an. Doch wirken weder der Autor noch seine Protagonisten sonderlich interessiert daran, die Auflösungen zu finden. Obwohl Naomi, die schließlich aus der Handlung entschwindet, wie ihre „Namensvetterin“ Jean Seberg einst aus dem Leben entschwand – mysteriös – , sich es zur Aufgabe gemacht hat, der Frage nachzugehen, ob Aristide Arosteguy seine Gattin nun getötet und verspeist hat oder nicht, schreckt auch sie – zu spät – vor dem zurück, was sich hinter den vordergründigen Geheimnissen um einen grotesken Mord aus vermeintlicher Leidenschaft andeutet.

Cronenberg läßt vieles in der Schwebe. Vieles besteht aus reiner Andeutung. Nathan, mit Nachnamen Math, was dem englischen ‚maths‘ – für Mathematik – phonetisch sehr nah kommt, steht für ein männlich-logisches Prinzip, das sich im Laufe der Handlung als vollkommen unnütz im Zugriff auf die sich darbietende Wirklichkeit erweist; Naomis Namensgebung wurde bereits erwähnt, sie ist aber auch eine Journalistin, die durchaus bereit ist, sich den Geschichten, denen sie nachspürt, einzuschreiben, ohne daß dies je zielführend wäre; sowohl Roiphes Studien als auch die als „konsumistisch“ eingestufte Philosophie des intellektuellen Starpärchens, das in seiner offenen Beziehung miteinander und zu diversen Studenten nicht nur zufällig an Beauvoir/Sartre erinnert, bleiben Andeutungen bzw. in Roiphes Fall bloße Behauptung – was uns allerdings wiederum zu denken geben sollte, deuten sich auf den letzten Seiten des Romans doch eh Zusammenhänge an, die die zuvor gelesenen 350 Seiten in ganz anderem Lichte als bis dato gedacht erstrahlen lassen.

Dieses Geflecht aus Andeutungen, falschen Fährten und fallengelassenen Spuren erinnert in seiner kühlen Distanz sowohl an die Werke eines Thomas Pynchon, als auch an jene Don DeLillos. Beiden – der Großmeister der Verschwörung Pynchon, als auch der Großmeister der Nichtverschwörung DeLillo – ist es immer wieder gelungen, in ihren Werken mit dem Wesen der Verschwörung zu spielen, wobei sie sich nie (oder, in DeLillos Fall, nur als Aufhänger) auf die Banalverschwörung a la James Bond einlassen. Vielmehr geht es in beider Werken um eine Wirklichkeit, die in ihrer Hyperkomplexität aus ökonomischen, kulturellen und oftmals technischen Einflüssen für den „normalen“ Menschen nicht mehr lesbar, nicht mehr erfassbar ist. Und auf genau dieser Ebene ist auch Cronenbergs Text anzusiedeln. Was sich hinter all dem, was der Text uns präsentiert wirklich verbirgt, ist vielleicht gar nicht wesentlich. Wesentlich scheint eher zu sein, daß sich eine Realität auftut, die keine scharfe Trennlinie zwischen „Fakten“, „Fiktionen“, „Erfindung“ und „Wahrheit“ mehr zuläßt, sondern mehr und mehr in einer alles verschlingenden Grauzone verschwindet und es letztlich, so deutet es zumindest der letzte Satz dieses Werkes an, auch für die sich in diesen Grauzonen Bewegenden gar keine Rolle mehr spielt, was wahr und was falsch ist, da jeder sowieso für sich allein driftet. Diese Menschen, die noch durchaus analog funktionieren, sind mit der Wirklichkeit, die sich ihnen präsentiert, die sie aber durchaus auch selbst zu schaffen und an die zu glauben sie unbedingt bereit sind, oftmals schlicht überfordert. So scheinen sie sich längst einfach damit abzufinden, daß ihre eigenen Annahmen nicht zutreffend, daß die – vermeintliche – Realität weitaus größer und umfassender ist, als sie zu begreifen in der Lage sind. Daß Gleichzeitigkeit, allumfassende Information und das Ausgreifen des Körpers über sich selbst hinaus auch im Cyber-Äon zunächst einmal Schimären bleiben, ist dabei nur eine der wesentlichen Aussagen dieses Buches.

Der Text war ursprünglich als Exposé für einen Film gedacht und man merkt das durchaus. Als wolle ein langsam dem Alter sich beugender David Cronenberg noch einmal die wesentlichen Teile seines Werkes, jene Teile, die sein Denken und sein künstlerisches Schaffen beherrscht haben, zusammenfassend reflektieren. Andeutungen auf die oben bereits genannten Filme finden sich zuhauf, doch auch spätere Werke wie NAKED LUNCH (1991), CRASH (1996) oder SPIDER (2002) finden durchaus Referenz. Manche Beschreibung hier könnte auch eine klare Regieanweisung sein, daß kein Film aus all dem wurde, mag sowohl an den etwas statischen Dialogen gelegen haben, als auch an der Tatsache, daß das alles auf kein filmisch befriedigendes Ende hinausläuft. Wobei man sich schon fragt, ob der David Cronenberg, der einst VIDEODROME schuf, Angst oder Skrupel gehabt hätte, auch ohne „befriedigende“ Auflösungen einen Film zu realisieren. Denn das, was der Schriftsteller Cronenberg hier teils präsentiert, kann sich der Cronenberg-affine Leser durchaus gut in dessen visueller Umsetzung vorstellen. Seien es die aseptisch reinen Kliniken und Flughäfen, seien es die Orte der Handlung, an denen die Protagonisten sich selbst oder einander Grausiges zufügen und auch die durchaus vorhandenen pornographischen Szenen würde der Filmemacher Cronenberg sicherlich in adäquaten Bildern zu präsentieren wissen.

So haben wir es also mit dem späten literarischen Erstlingswerk eines hochrenommierten Regisseurs zu tun, das nicht durchweg überzeugt, jedoch interessante Fragen aufwirft hinsichtlich unserer sich rasant verändernden Realität, zugleich aber jenen, die mit dem Werk des Mannes vertraut sind, noch einmal einen gelungenen Überblick über seine Themen und philosophischen Ansätze bietet.

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