DAS GEHEIMNIS DER MARY CELESTE/THE MYSTERY OF THE MARY CELESTE
Ein vergessenes Werk aus dem unüberschaubaren Fundus der Bela-Lugosi-Filme
Kapitän Briggs (Arthur Margetson) soll die Mary Celeste von New York nach Europa führen.
Doch bevor er sich daran macht, eine Mannschaft zusammenzustellen, sucht er Sarah (Shirley Grey) auf, die er liebt. Diese Liebe teilt er mit seinem Kollegen und Freund Kapitän Jim Morehead (Clifford McLaglen), der außer sich ist, fühlt er sich vom Freund doch hintergangen. Er schwört Briggs und Sarah Rache, bevor er sie wutentbrannt verlässt.
Briggs will seine Braut mitnehmen auf die Fahrt auf der Mary Celeste. Obwohl ihr unwohl ist bei dem Gedanken an das Meer, willigt sie ein.
Briggs sucht Morehead auf und bittet diesen nicht nur um Hilfe bei der Suche nach Männern, sondern auch darum, ihm zu vergeben. Er wolle ihn nicht als Freund verlieren. Morehead zeigt sich einsichtig.
Auf Moreheads Anraten sucht Briggs eine Spelunke auf, wo er genügend Männer zu finden hofft. Hier hilft ihm der Wirt, der die Männer ein- und zuteilt. Unter ihnen ist der einarmige Seemann Anton Lorenzen (Bela Lugosi).
Morehead beauftragt seinen Vertrauten Volkerk Grot (Herbert Cameron), der Mary Celeste Schaden zuzufügen, denn er will seine Rache. Grot soll das Schiff beschädigen.
Unter Briggs Kommando und der harten Hand des Ersten Maats Toby Bilson (Edmund Willard) sticht die Mary Celeste in See. Doch dauert es nicht lang, bis es zu ersten Problemen kommt.
So hat Lorenzen eine schwarze Katze an Bord gebracht – unter Seeleuten eine Katastrophe, sind sie doch extrem abergläubig. Deshalb ist einigen schon unwohl bei dem Gedanken, eine Frau an Bord zu haben. Dementsprechend kennt Bilson kein Pardon und will das Tier über Bord schmeißen, was zu einer harten körperlichen Auseinandersetzung mit Lorenzen führt, die dieser trotz seines fehlenden Arms sogar für sich entscheiden kann.
Bald stirbt einer der Matrosen. Dann versucht ein Mann, Sarah zu vergewaltigen, wobei Lorenzen ihr zu Hilfe kommt und den Angreifer mit einem Messer tötet. Anschließend bricht er zusammen, da er einen Menschen getötet hat. Auch für Sarah ist die Vorstellung, am Tod eines Menschen beteiligt gewesen zu sein, schrecklich.
Ein Sturm zieht auf und wirft das Schiff in eine stürmische See, doch alle Mann überleben das Unwetter und auch das Schiff bleibt weitestgehend unbeschadet.
Immer wieder muss sich Briggs auch damit auseinandersetzen, dass seine Frau unglücklich an Bord ist. Sie versucht, ihre Gefühle zu überspielen, indem sie viel singt und näht, dennoch bleibt ihr Gemütszustand vor ihrem Gatten nicht verborgen.
Es sterben immer mehr Matrosen und schließlich sind auch der Kapitän und seine Frau verschwunden. Lediglich Lorenzen, Bilson und der Seemann Ponta Katz (Gunnar Moir) sind noch am Leben. Die drei belauern einander und ein jeder verdächtigt die anderen, der Mörder zu sein.
Schließlich ist Katz überzeugt, dass Bilson der Mörder sein muss, da Lorenzen zu weich sei, um zu töten. Als Katz Bilson stellen will, schießt dieser ihn über den Haufen und wirft den Leichnam über Bord.
Bilson und Lorenzen treffen sich in Briggs Kapitänskabine. Bilson will nun neuer Kapitän sein und erläutert Lorenzen, wie er sich das vorstellt: Sie sollen gemeinsam das Schiff in einen sicheren Hafen segeln und dann eine neue Mannschaft anheuern und ihr eigenes Unternehmen aufmachen.
Während die beiden essen, wird Lorenzen zusehends wütender und erklärt schließlich, wer er wirklich sei: Ein Mann, der sechs Jahre zuvor an Bord dieses Schiffes gepresst – shanghai´d – wurde und auf der Fahrt damals seinen Arm verlor. Er habe Rache geschworen und deshalb angeheuert und einen Mann nach dem andern getötet.
Dann erschießt Lorenzen Bilson und wirft ihn über Bord. Doch eine Windbö lässt den Quermast ausschlagen, Lorenzen wird getroffen und ist zusehends verwirrter. Schließlich springt er in der Annahme, Bilson sei immer noch an Bord und trachte ihm nach dem Leben, ins Meer.
Die Mary Celeste treibt nun ohne Mannschaft im Ozean als sie von einem anderen Schiff aufgetan wird. Die Männer gehen an Bord und finden alles so vor, als sei eben noch jemand hier gewesen.
In der Schlussszene händigt Morehead Grot dessen Lohn aus, in der Annahme der sei für das Schicksal der Mary Celeste verantwortlich. „Ich denke an Briggs und an sie – tot!“ sind Moreheads und die letzten Worte des Films.
Sprechen sie von Geisterschiffen, sprechen die meisten, ohne es zu wissen, von der Mary Celeste. Denn die Schonerbrigg, die im Jahr 1872 im Atlantik treibend, offenbar unter Segeln, aber ohne einen Mann Besatzung an Bord vorgefunden wurde, ist der Prototyp dessen, was gemeinhin als ‚Geisterschiff‘ bezeichnet wird. Bis heute ist nicht geklärt, was mit den neun Mann Besatzung und den beiden Passagieren – Frau und Tochter des Kapitäns Benjamin Briggs – geschah. Theorien gab und gibt es viele, die meisten davon (Außerirdische, Geister und Dämonen) eher unwahrscheinlich, andere (das als Ladung mitgefühlte Ethanol könnte zu einer Verpuffung geführt haben; ein Seebeben) durchaus denkbar. Geisterschiffe waren und sind seither Gegenstand unterschiedlichster Geschichten in der einschlägigen Literatur. Erstaunlicherweise waren sie, obwohl sie thematisch ja viel hergeben, eher selten Gegenstand einschlägiger Filme.
Doch schon im Jahr 1935 entstand als eines der wenigen, die Geschehnisse um das Schiff direkt behandelnden Werke THE MYSTERY OF THE MARY CELESTE (1935). In einer führenden Rolle präsentierte der britische Film unter der Regie von Denison Clift den damals sehr beliebten Bela Lugosi, der durch seine Rolle als Graf Dracula im gleichnamigen Film von 1931 zum Star aufgestiegen war. Interessanterweise ist der Part des die Besatzung nach und nach mordenden Anton Lorenzen nicht zwingend die Hauptrolle des Films, sondern vielmehr eine führende Nebenrolle, wenn man der Leinwandpräsenz und den Redeanteilen der Protagonisten folgt. Das ist recht typisch für Lugosis Karriere, denn so viele Filme er in den 30er und 40er Jahren auch drehte – er war nur selten der alleinige Hauptdarsteller. Meist wurde er mit einem anderen Star zusammengespannt (meist Boris Karloff, der als Frankensteins Ungeheuer zu Ruhm gelangt war) oder er spielte lediglich Nebenrollen (wie bspw. in Robert Wise´ Klassiker THE BODY SNATCHER/1945), wenn auch meist herausgehobene.
Hier ist Lugosi in der Rolle eines dem Wahnsinn verfallenen Seemanns zu sehen, der einst für den Dienst auf der Mary Celeste entführt wurde und sich nun rächen will. Der gebräuchliche Begriff war „to be shanghai´d“ und spielt im Film eine große Rolle. Denn der Kapitän Briggs – wie auch bei Lorenzen hält sich das Drehbuch, das ebenfalls Denison Clift verfasst hatte, an die historischen Vorbilder der Besatzung – muss schnell eine Mannschaft für sein Schiff zusammenstellen und wendet sich dafür an den Betreiber einer einschlägigen Spelunke, der kurzerhand jene Männer rekrutiert, die er für eine solche Fahrt wie die der Mary Celeste für geeignet hält. Das ist zwar kein Pressen, wie es der Begriff „Shanghaien“ eigentlich umschreibt, doch lässt der Wirt wenig Zweifel daran aufkommen, was denen blüht, die seinen Anweisungen nicht folgen. Lorenzen erklärt am Ende des Films dem letzten verbliebenen Seemann, weshalb er auf dem Schiff als einer der wenigen Freiwilligen angeheuert und was es mit seiner Rache auf sich hat.
Damit liefert der Film eine erstaunlich unspektakuläre Erklärung für die Vorgänge an Bord des Schiffes. Dementsprechend unspektakulär ist auch Clifts Inszenierung. Viel der gerade einmal – damals aber für B-Filme typischen – 62 Minuten Laufzeit verwenden Drehbuch und Regie auf die Vorbereitungen der Reise und mehr noch auf die Etablierung eines Konflikts zwischen dem Kapitän und seinem besten Freund Jim Morehead, der der Ansicht ist, Briggs habe ihm die Braut ausgespannt. Mit – der ebenfalls historisch verbürgten – Anwesenheit von Sarah Briggs an Bord des Schiffes kommt ein weibliches Element in den Film. Ein Matrose wird im Laufe der Überfahrt versuchen, sie zu vergewaltigen, was Lorenzen verhindert, den Mann dabei aber tötet, was ihm scheinbar zu schaffen macht. Und auch Sarah leidet sichtlich darunter, an dem Tod des Mannes beteiligt gewesen zu sein, wenn auch nur als Opfer.
So verbringt sie ihre Zeit fast ausschließlich in der Kapitänskajüte, wo sie sich die Zeit vertreibt, indem sie singt, näht und ihrem Gatten ihre Sorgen, Nöte und Ängste mitteilt, die dieser mit weitausholenden Gesten und viel Mannesmut zu beschwichtigen sucht.
An Bord geht es erwartungsgemäß rau zu, die Männer arbeiten hart, essen und trinken gemeinschaftlich, hänseln sich, geraten dabei gelegentlich aneinander und schlagen sich auch schon mal, doch immer wieder wird auch gesungen und gefeiert. Für Sarah Briggs eine schwer zu ertragende Männergemeinschaft. Dieses Leben scheint der Film recht authentisch widerzuspiegeln. So spielt realistisch dargestellt auch der Aberglaube eine wesentliche Rolle auf dem Schiff. Eine Frau an Bord bringt ebenso Unglück, wie die schwarze Katze, die Lorenzen an Deck geschmuggelt hat.
Während Briggs bemüht ist, die Befürchtungen seiner Leute hinsichtlich seiner Gemahlin zu zerstreuen, ist davon auszugehen, dass Lorenzen die Katze sehr bewusst und willentlich an Bord gebracht hat, um genau die Reaktionen hervorzurufen, die die Anwesenheit des Tieres dann auslöst. Denn der Erste Maat Toby Bilson will die Katze über Bord schmeißen, was zwischen ihm und Lorenzen zu einer körperlichen Auseinandersetzung führt, die der einarmige Lorenzen für sich entscheidet – ein erster Hinweis darauf, dass der Mann keineswegs so harmlos ist, wie er scheint.
Für einen vergleichsweise billigen Film weist THE MYSTERY OF THE MARY CELESTE erstaunlich actionreiche Momente auf See auf. Ein Sturm rast über das Schiff hinweg, Männer klettern in die Wanten, setzen Segel und holen sie ein, mehrfach fängt die Kamera, geführt von Eric Cross und Geoffrey Faithfull, das Schiff aus der Distanz in rasender Fahrt durch die wogenden Wellen ein. Die Rückprojektionen allerdings wirken billig, wenn wir in amerikanischen Einstellungen Diskussionen der Seeleute am Steuer betrachten, und sie sind schlecht gemacht, merkt man doch sehr schnell, dass das Schiff zu der gezeigten Laufrichtung des Wassers quer laufen müsste. Und für den im Hintergrund gezeigten Seegang bewegt sich das Deck und mit ihm die Figuren doch erstaunlich wenig. Doch sind dies Kritteleien an einem Film, der bald einhundert Jahre alt ist und offensichtlich schon damals als reines Unterhaltungs- und Kommerzprodukt gedacht war. Schnell entworfen und schnell gedreht (Lugosi war allein 1935 an sechs Filmen beteiligt).
Dafür ist er dann immer noch erstaunlich rasant und temporeich, weist viele Schnitte auf und bietet filmische Lösungen und nicht, wie gerade in einschlägigen Produktionen des unheimlichen Genres, Bühnenauftritte und stehende, starre Kameraeinstellungen. Auch das Personal ist interessant, sind die Protagonisten doch wirkliche Typen, man nimmt den Männern die Seeleute sofort ab. Sowohl ihre Visagen als auch die über und über tätowierten Körper, die tiefen Falten in den Gesichtern und die rauen Hände und wirren Frisuren sind perfekt für diese Charaktere. Zudem sind die Schauspieler allesamt gute Charakterdarsteller, man nimmt ihnen die Furcht sofort ab, die sie nach und nach im Laufe der Überfahrt und mit jedem weiteren Toten befällt. Dass der Film die Morde selten bis nie zeigt, ist sicherlich den moralischen Möglichkeiten seiner Zeit geschuldet, dass das Verschwinden des Kapitäns und seiner Braut dann aber lediglich erwähnt wird, ist doch eine dramaturgische Schwäche. Und derer weist der Film dann leider einige auf. So bleibt dem Publikum bspw. Lorenzens Motivation verborgen, Sarah Briggs bei der Vergewaltigung beizustehen, nur um sie später offenbar selbst zu meucheln.
Natürlich sind Filme wie diese heute nur noch für Aficionados, für eingefleischte Fans der entsprechenden Darsteller, und für Filmwissenschaftler oder Filmhistoriker interessant. Die allerdings können hier einiges entdecken. Vor allem einen Beleg dafür, dass Bela Lugosi ein erstaunlich differenzierter Schauspieler gewesen ist, der durch die Festlegung auf den vampirischen Grafen aus Transsilvanien zu stark eingeschränkt wurde, auch, wenn er die Rolle gern und häufig ausgefüllt hat. Anhand einer Figur wie Anton Lorenzen konnte er aber zeigen, dass mehr in ihm steckte, dass er durchaus zu anderen Leistungen fähig war. Denn aus den wenigen Momenten, die er tatsächlich auf der Leinwand hat, macht er viel. Dieser Mann wirkt lange wie einer der wenigen vernünftigen unter der Mannschaft, wenn er schließlich in der Konfrontation mit dem letzten Lebenden seinen Wahnsinn offenbart, ist diese Wandlung glaubwürdig und sogar schreckenerregend.
Doch schreckenerregend oder nicht – man sollte nicht den Fehler begehen und THE MYSTERY OF THE MARY CELESTE als Horrorfilm einordnen, nur weil Lugosi mitspielt, der auch auf den Plakaten als Star des Films angepriesen wurde, und der nun einmal mit dem Horrorfilmgenre verbunden wurde. Eher ist dies ein Abenteuerfilm, bestenfalls – und auch das macht ihn dann allerdings interessant – ein sehr früher Beitrag zum damals noch lange nicht existenten Sub-Genre des Serienmörderfilms. Denn der Serienkiller trat in seiner heute bekannten Form im Grunde erst mit Norman Bates in Alfred Hitchcocks PSYCHO (1960) aus der Kulisse hervor. Zuvor gab es sicher schon vereinzelt Männer auf der Leinwand, die dem Typus entsprechen – natürlich in Fritz Langs M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER (1931) oder auch in Robert Siodmaks THE SPIRAL STAIRCASE (1946) – doch gab es kein spezifisches filmisches Themenfeld, das sich dieses Typus annahm und spezifische Merkmale und Konzepte ausformulierte, die ihn definiert hätten.
THE MYSTERY OF THE MARY CELESTE ist ein kleiner, längst vergessener, dennoch durchaus einer Neuentdeckung würdiger Film, der den einschlägig Interessierten ein wenig Spaß bereiten dürfte. Mehr nicht, aber eben auch nicht weniger. In der Riege der unendlich vielen Bela-Lugosi-Filme ist er vielleicht sogar noch einer der besseren; zudem bietet er eine unaufgeregte und sogar schlüssige Lösung für das bis heute bestehende Rätsel um dieses Geisterschiff. Was mehr sollte der geneigte Betrachter wollen oder erwarten?