DAS GEHEIMNIS DER SANDBANK/THE RIDDLE OF THE SANDS

Einer der ersten Spionageromane - und ein Ausblick auf das Kommende aus der Perspektive des Jahres 1903

Betrachtet man das Leben des Erskine Childers, wirkt es weitaus spannender als jeder Roman, den er oder andere sich ausdenken könnten. Im Burenkrieg schwer verletzt, Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, später bitterer Verfechter der irischen Sache gegen das britische Empire und schließlich vor einem Erschießungskommando exekutiert, nachdem er sich in den Wirren des irischen Bürgerkriegs der vermeintlich falschen Seite angeschlossen hatte.

Doch berühmt wurde Childers mit einem Roman, der als erste moderner Spionageroman gilt und zudem die ausgesprochen guten Kenntnisse des leidenschaftlichen Seglers von Nord- und Ostsee ausstellt. DAS GEHEIMNIS DER SANDBANK (THE RIDDLE OF THE SANDS/1903; Dt. 1973) weist allerdings weit über sich hinaus. Denn Childers wies auf Schwachstellen in der britischen Landesverteidigung hin, die eine Invasion durch deutsche Truppen begünstigen würden. Diese Schilderungen im Roman schreckten die britische Politik derart auf, daß an den entscheidenden Stellen nicht nur die Wehranlagen verbessert wurden, sondern auch eine Nordseeflotte gebildet wurde, die auch in flachem Wasser, im Watt und in den dadurch gebildeten Prielen manövrierfähig war.

Der Roman ist als Veröffentlichung eines Geheimberichts aufgemacht, der von dem Versuch zweier Freunde handelt, die auf eigene Faust zwischen den Nordseeinseln Frieslands segeln, einem Komplott auf die Schliche zu kommen. Das beginnt für den Ich-Erzähler Carruthers als Segeltörn, den er eigentlich nur deshalb antritt, weil ihm im sommerlichen London langweilig ist, da er keinen Urlaub von seinem Arbeitgeber, dem britischen Außenministerium, erhalten hat, seine Freunde aber bereits alle in der Sommerfrische sind. Sein Kumpel Davies, mit dem er eigentlich nur auf der Schule und dort nur wenig zu tun hatte, fragt ihn an, ob er ihn auf seiner Yacht begleiten wolle. Doch schnell wird klar, daß Davies einer größeren Sache auf der Spur ist und Carruthers´ Sprachkenntnisse des Deutschen dringend benötigt werden.

Childers beschreibt zunächst die Schönheiten der Küstenregionen Norddeutschlands und präsentiert dem Leser dabei ein wahres Gewitter an Spezialbegriffen aus der Seglersprache. Das sollte zur Warnung gesagt sein, denn es beeinträchtigt die Spannung des Romans doch ein wenig. Erst spät in dem mehr als 330 Seiten langen Roman wird deutlich, worauf Davies eigentlich hinauswill. Bis dahin kreuzen die beiden Freunde erst in der Ostsee, besuchen die Flensburger Förde und die Schlei, machen einige Erfahrungen mit norddeutschen Eigenheiten und man spürt auf jeder Seite, daß Childers sehr genau weiß, wovon er da erzählt. Er kannte die Gegenden und wird damit zu einem Kronzeugen jenes Interesses, welches viele Briten vor dem Ersten Weltkrieg für Deutschland hegten. Und in der Figur von Carruthers wird dieses Interesse gespiegelt und weitergegeben. Leider setzt sich Childers Bedürfnis, seine Kenntnisse auszustellen – und dem Roman damit natürlich eine gewisse Glaubwürdigkeit und Authentizität zu verleihen – auch in der zweiten Hälfte des Romans fort. Denn nun kommen zu den genauesten Kenntnissen des Segler-Jargons auch noch seine exakten Kenntnisse über nahezu jeden deutschen Nordseehafen hinzu. Und damit ist wirklich jeder gemeint, nicht nur die großen Überseehäfen wie Hamburg, Bremerhaven oder (damals) Cuxhaven oder Wilhelmshaven. Denn genau darum geht es Davies: Daß man durch genaue Kenntnis der Tideströmungen und der dadurch entstehenden Priele zwischen den friesischen Inseln und dem ostfriesischen Festland eine perfekte Abwehr gegen eine mögliche britische Invasion betreiben kann. Man müsse schwere britische Schiffe nur auf falsche Fährten locken und sie setzten sich automatisch in den flachen Stellen des Wattenmeeres fest.

Nun müssen die beiden Freunde also Beweise heranschaffen. Sie verfolgen einen Deutschen namens Dollmann, den Davies schon auf seinen einsamen Kreuzfahrten in den Wochen, bevor er Carruthers informierte, getroffen und kennen gelernt hatte, mehr noch – er hat sich in die Tochter des Mannes verliebt. Mit Carruthers Sprachkenntnissen wird allerdings schnell deutlich, daß Dollmann keineswegs Deutscher ist, sondern offenbar ein Brite in Diensten der deutschen Marine. Und es ist auch Carruthers Verdienst, daß den beiden Seglern schließlich klar wird, daß es keinesfalls um Defensivmaßnahmen geht, sondern viel mehr um das Üben und die Vorbereitungen einer Invasion. Um dies herauszufinden, müssen die Freunde sich trennen und Carruthers beginnt eine wahre Irrfahrt zwischen Ostfriesland und den Niederlanden und wieder zurück, wodurch dem Leser nun zu den ausgeprägten Hafenschilderungen auch noch genaueste Einblicke in die Fahrpläne nahezu aller Verbindungen der deutschen Bahn im Norddeutschen Raum mitgeliefert werden.

Das ist gelegentlich ermüdend, keine Frage. Doch so ermüdend diese Mitteilungen sein mögen, so interessant sind die geopolitischen und strategischen Erkenntnisse, die Childers dem Leser mitgibt. Denn er antizipiert einen möglichen europäischen Krieg und den verschiedenen Großmachtbestrebungen europäische Mittelmächte, wie Deutschland im Jahre 1903 noch eine gewesen ist. Genau diese Betrachtungen machen den Roman unter anderem historisch so interessant. Die politischen Implikationen und ihre konkreten Auswirkungen – und dazu tragen Childers so ausgiebige Schilderungen nicht nur der Gewässer, sondern auch der Hafenanlagen und der möglichen infrastrukturellen Verbindungen in einem ansonsten eher abseitigen Landstrich Deutschlands bei – die hier ausgebreitet werden, sind extrem realistisch. Ja, es ist eine Spionagegeschichte und einiges mutet wahrlich fiktiv an – vor allem Carruthers sehr freier Umgang mit seinem Urlaub, den er unterwegs zweimal eigenhändig verlängert – doch ist die Geschichte und ihr Setting absolut glaubwürdig und nachvollziehbar. Weshalb der Roman ja auch die eingangs dieser Besprechung beschriebene Wirkung gehabt hat. Definitiv ist er sehr viel realistischer als so mancher spätere Spionageroman, allen voran John Buchans THE THIRTYNINE STEPS (1914/15), der oftmals als der britische Spionageroman par excellence beschrieben wird.

So kann DAS GEHEIMNIS DER SANDBANK auf unterschiedlichste Art und Weise gelesen und goutiert werden. Der Segler wird hier eine Menge Fachvokabular finden und kann an spannenden Situationen teilnehmen, die die beiden Freunde auf See bestehen müssen; der Liebhaber des Landes zwischen den Meeren, wie das heutige Schleswig-Holstein ja gern betitelt wird, findet schöne Landschaftsbeschreibungen, vor allem im ersten Teil des Romans; der historisch Interessierte findet zeitgenössische Überlegungen zur Entwicklung von Marine und militärischen Perspektiven, was vor allem vor dem Hintergrund des späteren Krieges spannend ist; der Leser von Spionage- oder Abenteuerromanen wird mit spannenden Situationen auf See und an Land unterhalten und kann sogar recht lange mitraten, was es denn nun mit dem Geheimnis (besser: den Geheimnissen) auf sich hat. Eins allerdings gilt für alle Gruppen von Lesern: Sie müssen viel von dem mitlesen, was die anderen interessieren dürfte. Am geeignetsten ist also jener Leser, der als Hobbysegler mit einer Vorliebe für Nord- und Ostsee ein ausgeprägtes Interesse an historischen und detailgenauen Spionageromanen mitbringt.

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