DEATHDREAM/DEAD OF NIGHT

Ein nahezu vergessenes Kleinod des frühen Zombiefilms

Während einer Patrouille in Vietnam wird Andy Brooks (Richard Backus) erschossen. Während er mitten im Dschungel dahinsinkt und stirbt, hört er die Stimme seiner Mutter Christine Brooks (Lynn Carlin), die ihm zuruft, er dürfe nicht sterben, sondern müsse nachhause kommen, er habe es ihr versprochen.

Nachts auf einem Highway hält ein Lastwagen an, um einen Soldaten mitzunehmen. Unterwegs stoppt der Laster an einer Raststätte, wo man den Fahrer kennt. Er berichtet der Kellnerin und dem Koch, daß er einen sehr schweigsamen Soldaten im Wagen habe. Er kauft für sich und seinen Passagier einen Kaffee, den der andere jedoch ablehnt.

Morgens findet die Polizei den Laster und im Führerhaus den toten Fahrer. Offenbar wurde ihm die Kehle aufgeschlitzt. Darüber hinaus hat ihm aber auch jemand semi-professionell Blut aus dem Arm abgezapft. Polizei und der als Pathologe diensttuende Arzt, Doc Allman (Henderson Forsythe), stehen vor einem Rätsel.

Die Familie Brooks – Mutter Christine, Vater Charles (John MArley) und die gemeinsame Tochter Cathy (Anya Ormsby), Andys Schwester – sitzt am Frühstückstisch, als sie durch einen Armeeangehörigen unterrichtet werden, daß Andy wahrscheinlich im Gefecht gefallen sei und vermisst werde.

Während Charles und Cathy tief getroffen sind, ist sich Christine sicher, daß Andy wieder heimkommen und bald vor ihrer Tür stehen wird. Und so kommt es auch: In der folgenden Nacht wird Charles von Cathy geweckt, die unten im Haus etwas gehört zu haben glaubt. Nachdem er sich bewaffnet hat, geht Charles die Treppen hinunter in den Salon und ist zunächst überrascht, den Hund der Familie vorzufinden, der eigentlich außerhalb des Hauses schläft. Dann sieht er Andy, der in seiner Uniform hinter der Tür steht und ihn anlächelt.

Die Freude in der Familie ist groß, Christine beginnt sogleich, Andy zu päppeln und will ihn verwöhnen. Charles sucht das Gespräch mit seinem Sohn, Cathy will ihn bald mitnehmen, ihre alten Freunde besuchen. Doch Andy benimmt sich seltsam. Er wirkt abwesend, sitzt die meiste Zeit in seinem Zimmer und schaukelt im Schaukelstuhl. Er spricht nicht viel und wenn, dann eher in oft unverständlichen Sätzen, deren Inhalt geheimnisvoll wirkt.

Es kommt zu einigen unschönen Szenen, so zum Beispiel als der Postbote sich gegenüber Andy über seine Zeit in der Armee auslässt und Andy einfach aufsteht und geht. Bei anderer Gelegenheit kommen die Kinder der Nachbarschaft, mit denen Andy früher Fußball gespielt hat, und wollen sich mit ihm unterhalten. Einer der Jungen will Andy seine Karatekünste vorführen, was der nicht zulässt, indem er den Jungen attackiert. Dann schnappt er sich den Familienhund der Brooks´ und erwürgt ihn vor den versammelten Kindern.

Abends geht Charles, der spätestens jetzt den Eindruck hat, daß mit Andy etwas nicht stimmt und darüber in Streit mit Christine geraten ist, in eine Bar und betrinkt sich. Hier trifft ihn sein Freund, Doc Allman. Charles erzählt ihm in groben Zügen von Andy und davon was vorgefallen ist. Gemeinsam gehen sie zum Haus der Brooks´.

Der Arzt besucht Andy in seinem Zimmer und fragt ihn darüber aus, wie er in die Stadt gekommen ist. Andy macht nur vage Andeutungen, erklärt dann dem Doc auf dessen Einlassungen, daß er sich keine Sorgen mehr über gar nichts mache. Er habe weder Hunger, noch Durst, Schlaf brauche er nicht, auch die vergehende Zeit beträfe ihn nicht mehr, das habe er alles hinter sich gelassen. Den Doc muten diese Aussagen seltsam an und er bietet Andy an. Jederzeit zu ihm in die Praxis zu kommen, um ihn zu untersuchen, auch könnten sie immer miteinander reden.

Bevor er geht, erklärt er Charles, was ihn so stutzig mache und erzählt von dem Mord an dem Lastwagenfahrer und daß die zeitlichen Abläufe des Mordes erstaunlich eng mit Andys Erzählung, wann er heimgekommen sei, übereinstimmen. Er, der Doc, müsse dies dem Sheriff melden. Charles bittet ihn, erst mit Andy reden zu dürfen.

Als Doc Allman in seine Praxis zurückkehrt, bemerkt er bald, daß jemand um sein Haus schleicht. Schließlich sieht er nach und findet Andy, der vor der Tür seiner Praxis steht. Er habe ihm doch angeboten, ihm jederzeit zur Verfügung zu stehen, sagt Andy, dem man ansieht, daß etwas nicht stimmt: Seine Haut ist runzlig, seine Augen sind blutunterlaufen. Doc Allman bittet ihn in die Praxis. Andy fordert ihn auf, seinen Puls zu fühlen und seinen Herzschlag abzuhorchen. Beides ist ausgesprochen schwach, wie der Arzt konstatiert. Andy erklärt, daß er für den Doc und alle andern gestorben sei, also könne der ihm nun denselben Gefallen erweisen, und für ihn, Andy, sterben. Andy tötet den Arzt mit einer großen Spritze, die er ihm mehrfach in den Leib rammt. Dann zapft er ihm Blut ab und injiziert sich dieses. Sein Zustand bessert sich augenblicklich.

Charles kommt morgens zur Arztpraxis, er will mit dem Doc reden. Nachdem er versucht hat, noch einmal in Andy zu dringen, ist er selbst mehr und mehr überzeugt, daß sein Sohn möglicherweise mit dem Mord an dem Lastwagenfahrer zu tun hat. Umso schockierender, als er erfährt, daß der Doc tot ist und auch ihm Blut abgezapft wurde.

Zurück im Haus, kommt es zwischen Charles und Christine zu einer schrecklichen Szene, bei der sie sich gegenseitig vorwerfen, für Andys Zustand verantwortlich zu sein. Er, Charles, habe Andy nie geliebt und ihn geradezu in die Armee getrieben, Christine, so der Vorwurf ihres Mannes, habe Andy immer verwöhnt und damit sozusagen zu einem Gefangenen ihrer Liebe gemacht.

Derweil hat Cathy Andy überredet, mit ihr, ihrem Freund Bob (Michael Mazés) und ihrer besten Freundin Joanne (Jane Daly) auszugehen. Andy und Joanne waren früher ein Paar. Cathy will, daß sie alle vier ins Autokino fahren und einen Abend wie früher verbringen. Bevor sie losfuhren, musste Andy feststellen, daß sein Verfallsprozeß offenbar immer schneller voranschreitet und das Blut immer weniger wirkt: Vor dem Spiegel wird er gewahr, daß seine Haut reißt und bereits ein gewisser Verwesungsprozeß eingesetzt hat. Deshalb zieht er eine große, dunkle Sonnenbrille auf und schwarze Handschuhe an, bevor er sich den anderen anschließt.

Charles ist außer sich, als er hört, was vor sich geht. Er nimmt seinen Revolver zur Hand macht sich auf, um Andy zu stoppen. Der ist derweil im Wagen über Joanne hergefallen und versucht, ihr Blut zu trinken, als Bob ihn stört. Andy tötet auch Bob und greift auch seine Schwester an, bevor er fliehen muß, weil Besucher des Autokinos Zeugen der Taten wurden.

Andy flieht nachhause, wo seine Mutter ihm beteuert, immer für ihn da zu sein. Charles kommt ebenfalls hinzu und sieht nun, was aus seinem Sohn geworden ist. Im Schlafzimmer erschießt er sich aus Scham und Trauer. Als die Polizei sich dem Haus nähert, flieht Christine mit Andy im Auto, verfolgt von mehreren Streifenwagen.

Andy führt sie zum städtischen Friedhof, wo er zuvor nachts mehrere Male umhergestrichen ist. Er stolpert zu einem Grab, das mit einem verwitterten Grabstein, darauf seine Geburts- und Sterbedaten, geschmückt ist und sinkt hier geschwächt in eine frisch ausgehobene Senke. Mehrmals wurde er von Kugeln der Polizei getroffen, was ihn zusätzlich geschwächt hat. Weinend kniet Christine neben ihm. Sie bittet ihn flehentlich, nicht zu sterben und bei ihr zu bleiben, während er sterbend beginnt, Erde über sich zu verteilen. Die Polizisten kommen hinzu und finden Christine vor, wie auch sie verzweifelt versucht, Andy mit Erde zu bedecken.

Der Zombie kann ja für alles Mögliche herhalten, allerdings hat sich seit George A. Romeros Reihe um die „Living Dead“, die er 1968 mit NIGHT OF THE LIVING DEAD (1968) startete, die Lesart eingebürgert, daß der Untote oder lebende Tote als Symbol für die anonyme Masse der Bürger steht, mal als reine Bedrohung betrachtet, mal als Konsummasse, mal als Prekariat oder Proletariat, mal als Migrant oder den Rest der Welt bedrohendes Pandemie-Opfer. Willenlos und immer hungrig sucht der Zombie nichts als frisches (oder weniger frisches) Fleisch. Anders als der Vampir oder der Werwolf, selbst als die Mumie, ist der Zombie zwar eine Bedrohung, doch geht von ihm nichts grundlegend Bösartiges aus. Er folgt einfach seinen niedrigsten Instinkten. Seit Romeros Werken hat die Figur zwar eine steile Karriere hingelegt – nicht zuletzt durch die Serie THE WALKING DEAD (seit 2010) – und vertritt mittlerweile sogar selbstbewußt Gender-Fragen. Umso erstaunlicher, daß die Zombie-Figur eher selten bis gar nicht dort zur Anwendung kam, wo ihr symbolischer Wert sich geradezu aufdrängt: In Bezug auf das Militär, bzw. den Soldaten als Kanonenfutter. Doch Halt! Es gab diese Lesart der Figur…

Bob Clark legte zu Beginn der 70er Jahre mit DEATHDREAM (aka DEAD OF NIGHT/1974) genau einen solchen Film vor. Nur hat sein Zombie nicht mehr viel gemein mit den Romero´schen Hirntoten, die sich scheinbar ziellos durch die Straßen schleppen. Im Gegenteil – Andy Brooks, der aus dem Vietnamkrieg heimkehrt, ist sich seines Zustands scheinbar sehr bewußt, bedenkt man, daß er von sich behauptet, längst über solch profane Dinge wie Hunger, Durst, Schlaf, überhaupt alle menschlichen Bedürfnisse und die Zeit selbst hinweg zu sein, ja, sie geradezu hinter sich gelassen zu haben. Dieser junge Mann, der den Großteil seiner Zeit (wenn man das dann denn noch so nennen will) damit verbringt, in seinem alten Zimmer in seinem Elternhaus in einem Schaukelstuhl sitzend vor und zurück zu wippen, weiß genau, was es braucht – Blut – und wie er es bekommt, bzw. sich zuzuführen hat – per Injektion – um seinen fortschreitenden Verfall aufzuhalten. Und er versteht genau, wer ihm gefährlich werden kann und wer nicht. Nur gelegentliche Anfälle von schier grenzenloser Wut stören das Bild eines vollkommen sich selbst Beherrschenden. In solchen Momenten neigt der gute Andy zu Dummheiten und bringt Dads Hund mit bloßen Händen um oder gleich den Doc, der ihm auf die Schliche gekommen ist. Und schließlich macht er auch nicht vor seiner früheren Freundin oder seiner Schwester und ihrem Liebhaber Halt.

Clarks Zombie, soviel dürfte bis hierhin klar geworden sein, verfügt also nicht nur über ein Bewußtsein, sondern auch über sprachliche Fähigkeiten, diesem Ausdruck zu verleihen. Er macht davon allerdings nur selten Gebrauch.

So erzählt, mag das alles fast komisch klingen und wirklich bietet Clark durchaus grimmigen Humor, aber keinesfalls ist dies als Komödie einzuordnen. Eher als ein Drama, wenn nicht gar als Tragödie. Verglichen mit den Splatter- und Gore-Epen neueren Datums bietet DEATHDREAM auch nur wenig von dem, was Zombiefilme gemeinhin ausmacht. Es gibt nur wenig Blut, schon gleich kein Gedärm oder abgerissene Gliedmaßen zu sehen, Clark verzichtet nahezu auf alle genretypischen Schocks und bietet nicht einmal wirkliche Spannung. Allerdings erschafft er eine bedrückende Atmosphäre und entfaltet vor den Augen seines Publikums ein Familiendrama, das es in sich hat. DEATHDREAM ist der schlagende Beweis dafür, wie gut es das amerikanische Kino immer verstanden hat, tiefgreifende gesellschaftliche, soziale und kulturelle Umwälzungen gerade im Genre-Kino zu reflektieren und zu verhandeln. Er greift jenes Thema auf, daß wie kaum ein anderes, nimmt man den Watergate-Skandal vielleicht einmal aus, die amerikanische Öffentlichkeit seit Mitte der 60er Jahre beschäftigt hatte – den Vietnamkrieg – und handelt seine Verheerungen und Folgen anhand eines kleinen, billig produzierten Horrorstreifens ab. Und dabei gelingen Drehbuchautor Alan Ormsby und Regisseur Clark erstaunlich reife Beobachtungen und Darstellungen zu der Frage, wie tief die Traumata, die dieser Krieg hinterließ, in die amerikanische Gesellschaft und ihre Keimzelle, die Familie, eingedrungen sind.

Andy wird im Urwald von einer feindlichen Kugel getroffen. Während seines Todeskampfes hört er wie aus der Ferne die Stimme seiner Mutter, die ihn anfleht heimzukommen und nicht zu sterben, er habe es ihr versprochen. Das nimmt der gute Andy, den der Film uns ausschließlich als Untoten präsentiert, sieht man einmal von dieser Anfangsszene, die kaum zwei Minuten dauert, ab, sehr ernst. Nach allem, was wir später erfahren, ist Andy immer ein guter Sohn gewesen, kein Hippie und auch kein verlotterter Student aus Berkeley, sondern ein ordentlicher junger Mann, den jeder in der Nachbarschaft mochte und der allseits anerkannt war. Er sieht gut aus, er spielte Fußball mit den jüngeren Kindern aus der Siedlung, in der seine Eltern ein gutbürgerliches Haus bewohnen, er ging mit Joanne aus und nach allem, was wir von Andys Schwester Cathy erfahren, waren diese Dates züchtig und brav. Zudem hat er sich freiwillig gemeldet, als sein Land ihn rief. Es ist also kaum verwunderlich, daß dieser Mustersohn dem Befehl seiner Mutter gehorcht und heimkehrt. Nur eben in einem radikal anderen Aggregatzustand, als jenem, in dem er einst auszog, amerikanische Werte zu verteidigen.

Die Verhaltensweisen, die Andy daheim an den Tag legt, stehen metaphorisch für all jene Auffälligkeiten, die man mittlerweile unter der Bezeichnung einer ‚Posttraumatischen Belastungsstörung‘, kurz PTBS, subsumiert. Obwohl schon jahrhundertelang bekannt – manche gehen soweit, Homers Beschreibung des Zorns des Achill als solche zu lesen[1] – und seit mindestens Einhundert Jahren wissenschaftlich erforscht, wurde sie in den USA erst mit den Erkenntnissen durch den Vietnamkrieg – und zunächst unter dem Begriff des ‚Post Vietnam Syndrome‘ (PVS) – in das Manual der American Psychiatric Association (APA) aufgenommen und damit wissenschaftlich als Diagnose erfasst. Entfremdungsgefühle, stark verändertes Verhalten bis hin zu kompletter Persönlichkeitsveränderung, unkontrollierbare Wutausbrüche – oft gekoppelt an Gewalt – und nicht zuletzt Konsum harter Drogen – auch, um den Belastungen zu entkommen – kennzeichnen u.a. das PTBS. Andy bringt schon auf der Heimfahrt den LKW-Fahrer um, der ihn mitnimmt, er ist für seine Familie und auch seine Freunde kaum wieder zu erkennen und zudem gewalttätig, wie die Episode mit dem Hund beweist. Und er braucht Blut – so, wie der Junkie seinen Stoff braucht. Dieses zapft Andy seinen Opfern – so auch dem LKW-Fahrer – ab und injiziert es sich selbst. Daraufhin erfährt er eine Art Verjüngung, seine Haut strafft sich, seine Augen sind weniger blutunterlaufen und sein Allgemeinzustand bessert sich. Kriegt er seine Injektion nicht, verfällt er zusehends, verliert an Kraft und wird hinfällig.

Nun bewegen wir uns in den Grenzen eines Genrefilms, was eben auch bedeutet, daß wir Erklärungen bekommen, wo es in der Wirklichkeit keine einfachen Erklärungen gibt. Und dies ist zweifellos ein Horrorfilm. So tötet Andy, um an das Blut – den Stoff – zu gelangen, das er braucht, um leben zu können und die Erinnerungen an den Krieg zu bändigen. Anders als die Erinnerungen eines herkömmlichen Veteranen, die vor allem dessen Psyche fluten, sind Andys Erinnerungen sehr sichtbar im zunehmenden Verfall seines Körpers. Daß er den Doc tötet, verbindet also das Notwendige mit dem Nützlichen, droht der ihm doch auf die Schliche zu kommen. Daß Andy überhaupt noch lebt, wird uns lediglich mit der Beschwörung seiner Mutter erklärt und stellt damit – neben der Tatsache, daß ein toter Soldat durch seine Heimatstadt wandelt – die einzige übernatürliche Begebenheit des Films dar. Wobei auch dies metaphorisch zu betrachten ist. Ormsby und Clark spielen ein fast schon zynisches Spiel mit dem Topos der Mutterliebe, die stärker ist als alles andere zwischen Himmel und Erde, sogar stärker als der Tod; zugleich erinnern sie an Berichte aus beiden Weltkriegen, aber auch anderen bewaffneten Konflikten, wie sterbende Soldaten, die im Niemandsland zwischen den Fronten oder Gräben lagen, nach ihren Müttern riefen. So implementieren sie ihrer Geschichte auch einen ödipalen Aspekt, der sich später bestätigen wird, wenn Andy wieder daheim ist und seine Mutter auch gegen den Widerstand ihres Gatten und der Tochter bis zum bitteren Ende die einzige und letzte ist, die zu ihm hält.

Für seine Umwelt hingegen wirken Andys Wutausbrüche und die daraus resultierende Gewalt unmotiviert, erratisch und unvermittelt. Wie auch Andys übriges Verhalten. Seine Sprachlosigkeit, seine Manierismen, die er sich zugelegt zu haben scheint, die Unfreundlichkeit, mit der er nicht nur seinen Familienangehörigen, sondern auch allen andern begegnet. Als der Postbote Bob, auf ein Glas Limonade und ein Eisandwich eingeladen, nicht aufhört von seinen Erfahrungen nach dem 2. Weltkrieg zu schwadronieren, steht Andy wortlos auf und geht grußlos davon. Auch dies die typische Verhaltensweise eines Traumatisierten. Es ist dieser schmale Grat zwischen übernatürlicher Bewandtnis und genauer Beobachtung sehr realistischer Verhaltensweisen jener, die der „grünen Hölle“ entronnen waren, die dem Film seine Grundierung geben und ihn hervorheben. Wirklich herausragend aber machen ihn die Beobachtungen des Drehbuchs und damit des Films, wie sich diese Verheerungen eben auch auf das Umfeld, die Familie und die Freunde auswirken.

Zunächst wird die Familie davon unterrichtet, Andy werde seit einem Gefecht im Dschungel vermisst und Vater Charles und Cathy sind sich sicher, daß er nicht mehr lebt. Nur Mutter Christine ist davon überzeugt, daß ihr Andy wieder nachhause kommen wird. Als er dann da ist – mitten in der Nacht steht er in der Diele – brechen schnell innerfamiliäre Konflikte auf. So groß die Freude bei allen Familienmitgliedern auch sein mag, Vater und Schwester ahnen schnell, daß mit dem verlorenen Sohn und Bruder etwas nicht stimmt. Zudem wird schnell deutlich, daß für die Mutter Andy weitaus wichtiger ist, als Cathy. Die, so Christine beim Decken des Frühstückstisches zu ihrer Tochter, habe sich doch mit fünf das letzte Mal an sie gewandt, sei stattdessen immer nur zum Vater gerannt, wenn etwas gewesen wäre. Und außerdem verstünde nur sie, seine Mutter, Andy wirklich, begreife, was dieser durchgemacht habe, wie es in ihm aussehe. Es sind nur angerissene Dialoge, die uns Einblicke in das Innenleben dieser scheinbar so normalen, glücklichen Familie geben, doch die sind genau und treffend. Da Clark zudem mit John Marley als Vater Charles, Lynn Carlin als Mutter Christine und Anya Ormsby als Schwester Cathy auf vergleichsweise gute Schauspieler zurückgreifen konnte, werden diese Gespräche glaubhaft vermittelt. Sie verdeutlichen, wie die Risse, die der Vietnamkrieg riss, nicht nur quer durch die Gesellschaft verlief, nicht nur die Generationen voneinander trennte, sondern auch Familien zerreißen und spalten konnte. Und dabei blenden Clark und Ormsby die politische Ebene nahezu aus, was ein kluger Schachzug ist, um das Drehbuch und damit den Film nicht zu überlasten.

So gelingt Bob Clark hinter der Fassade eines Horror-Zombie-Films ein Familiendrama, ein Veteranendrama und schließlich und endlich sogar eine echte Tragödie. Denn Andy ist bei aller Süffisanz, die sein dauerndes Lächeln andeutet und die sich vor allem in jenen bereits zitierten Sätzen, er habe all das Weltliche längst hinter sich gelassen, ausdrückt, keineswegs glücklich über seinen Zustand. Bei einem nächtlichen Besuch auf dem Friedhof ritzt er etwas in einen alten, verwitterten Grabstein. Als er, bereits deutlich durch körperlichen Zerfall gezeichnet, seine Mutter bei der Auto-Verfolgungsjagd am Ende des Films auf den Friedhof lotst und sich dann zu eben jenem Grab schleppt, sehen wir, daß er dort seinen Namen sowie sein Geburts- und Sterbedatum eingeritzt hatte. Er legt sich gleichsam freiwillig in das Grab, das andeutungsweise vor dem Stein gegraben wurde (vermutlich ebenfalls von ihm) und stirbt dort – ob an den Kugeln, die ihm einige Polizisten verpasst haben oder schlicht an mangelndem Nachschub an frischem Blut, wird uns nicht näher erläutert. Immerhin ist der Mann ja eigentlich bereits verstorben. So, wie er die Erde zu krallen scheint, wirkt es allerdings, als wolle er endlich seine Ruhe finden. Nur Christine, verzweifelt um den Sohn weinend, bittet ihn wieder und wieder, bei ihr zu bleiben, sie nicht zu verlassen. Und sie ist wahrlich verlassen, hat Vater Charles zu diesem Zeitpunkt doch bereits Selbstmord begangen, weil er wusste, daß sein Sohn gefährlich ist und er nichts deswegen unternommen hat – was seinen Freund, den Doc, das Leben gekostet hat. Und Tochter Cathy? Die ist nun selbst traumatisiert, musste sie beim abendlichen Besuch des lokalen Autokinos doch miterleben, wie ihr Bruder sowohl ihren Freund, als auch ihre beste Freundin umgebracht hat. Der Krieg hat – exemplarisch – eine ganze Familie ausgelöscht, bzw. nachhaltig zerstört.

DEATHDREAM, der durchaus eine entfernte Verwandtschaft mit W.W. Jacobs´ Short Story THE MONKEY`S PAW (1902) aufweist und einmal mehr die Richtigkeit des Satzes „Protect me from what I want“ belegt, wurde veröffentlicht, während der Vietnamkrieg in seinen letzten Zügen lag. Er ist trotz all seiner Qualitäten definitiv ein Produkt für die Autokinos gewesen, für die Mitternachtsvorstellungen und die Double-Bills. Und dort konfrontierte er ein Publikum, das Entspannung und Zerstreuung suchte, mit einem drängenden Thema, was grundlegend als mutige Entscheidung der Filmemacher betrachtet werden sollte. Er hatte mit gerade einmal 235.000 Dollar kein sonderlich hohes Budget und sollte sicherlich schnelle Rendite erwirtschaften, ohne je als großer Erfolg geplant gewesen zu sein.

Doch ist er eben auch ein perfektes Beispiel dafür, wie sich gesellschaftliche Strömungen und Entwicklungen gerade im Genrekino abbilden lassen. Die Zerstörung, die die Familie Brooks ereilt, steht stellvertretend für die Zerstörung einer Gesellschaft durch Kräfte, die sie zwar heraufbeschworen haben mag, die sie aber längst nicht mehr kontrollieren kann. Das bringt Clarks Film auf bedrückende Art auf den Punkt – und erfüllt zugleich alle Merkmale eines Horrorfilms. Denn sowohl Clarks Inszenierung als auch die Kameraarbeit von Jack McGowan erfüllen alle Erfordernisse des Genres. Die subjektive Kamera lässt uns gelegentlich durch die Augen des zombifizierten Andy blicken, sie nähert sich schleichend dem Haus der Familie Brooks bei Nacht, Andys erratisches Verhalten wirkt zunehmend befremdlich auf uns, bis es anfängt, uns zu beunruhigen. Wenn er den Doc tötet, ist dies zwar noch weit entfernt von jeglichem Splatter entfernt, dennoch aber angemessen schockierend und brutal, um eines Horrorfilms würdig zu sein. Die Maske des zusehends zerfallenden Andy wurde vom späteren Großmeister der Zombie-Fratzen, Tom Savini, gestaltet und kann überzeugen. So funktioniert DEATHDREAM eben auch als reiner Horrorfilm, wobei er auch auf dieser Ebene aus der Masse der Produktionen heraussticht, weil Clark auf Atmosphäre und eher schleichendes Grauen setzt, denn auf Schockeffekte und einen überstrapazierenden Showdown.

Daß Bob Clark das Metier beherrscht, bewies er einige Jahre später auch mit der britisch-kanadischen Produktion MURDER BY DECREE (1979), bei der ihm ein weitaus größeres Budget und mit Christopher Plummer, James Mason, David Hemmings, Susan Clark, Geneviève Bujold, Donald Sutherland und John Gielgud ein ganzes Ensemble an Stars zur Verfügung stand. Und auch in dieser Mixtur aus Sherlock-Holmes-Geschichte und dem Fall von Jack the Ripper setzte er auf Atmosphäre, Verfremdungseffekte und eine creepy Kamera, anstatt den Zuschauer mit Ekeleffekten und Schocks zu malträtieren, was Ende der 70er Jahre, nach Romeros DAWN OF THE DEAD (1978) und etlichen italienischen Ablegern dieses Gore-Meisterwerks schon etwas heißen wollte. Danach kaprizierte er sich auf Komödien und konnte auch da reüssieren – mit dem Familienfilm A CHRISTMAS STORY (1983) und vor allem dem eher vulgären Pennälerspaß PORKY`S (1981). Mit Letzterem trat Clark eine ganze Welle ähnlicher Filme los, die die Kinoleinwände in den 80er Jahre fluten sollten. Aber das ist eine andere Geschichte.

DEATHDREAM aber bleibt ein Frühwerk, das als vergessener Meilenstein des Genres betrachtet werden kann. Es besteht als Horrorfilm, wie als Metapher auf die drängenden zeitgenössischen Probleme und beweist, daß gerade jene Werke, die mit wenig Geld aber viel Kreativität hergestellt wurden, oftmals die besten sind.

 

[1] Vgl. Shay, Jonathan: ACHILL IN VIETNAM. KAMPFTRAUMA UND PERSÖNLICHKEITSVERLUST. Hamburg, 1998.

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