DER AUSFLUG

Dirk Kurbjuweit entführt seine Leser in den allerwildesten Osten, der sich denken lässt

Einfach mal eine kühne These vorweg, wohl wissend, daß sich deren Prämisse gerade in den vergangenen Jahren durchaus geändert hat: Abgesehen von Krimis können Deutsche keine Genre-Literatur. Rumms, einfach mal so hingeknallt. Stimmt nicht!, ruft da einer. Lies doch den neuen Roman von Dirk Kurbjuweit – das ist feinste Thriller-Literatur mit Anteilen von Horror und Psycho!

DER AUSFLUG (2022) heißt also dieser neue Roman des Journalisten, Publizisten und Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros Dirk Kurbjuweit. Eine Gruppe von vier Freunden, alle Anfangs ihrer Dreißiger, macht einen gemeinsamen, jährlich stattfindenden Ausflug. Sie kennen sich seit Schultagen, sind einander eng verbunden, obwohl es in der Vergangenheit Tändeleien und Trennungen zwischen ihnen gab. Amelia und ihr Bruder Bodo, Gero, den eine Freundin seiner Frau angefragt hat, ob er bereit sei, ihr Samen zu spenden, da ihr Gatte nicht zeugungsfähig ist, und Josef, einst mit Amelia liiert, die dann schwanger von ihm wurde und das Kind ohne sein Wissen abtreiben ließ. Josef ist schwarz. Das führt seinerseits dazu, daß er – zu viel, wie Amelia findet – Bemerkungen, Blicke und Andeutungen gern auf seine Hautfarbe bezieht.

Nun also fahren sie in eine Gegend, die im Roman nie näher benannt wird, die aber anhand ihrer Spezifika recht gut als jenes Gebiet gekennzeichnet ist, das gern unter „Spreewald“ subsumiert wird. Eine wilde Gegend, dichter Wald, die Flüsse und Fließe, das Moorige, ein Dschungel. Herrlich, um sich ein paar Tage von der Zivilisation und den nervigen Alltagsproblemen loszusagen. Wenn da nicht die Einheimischen wären. Die nämlich, das machen sie in ihrer ganzen Haltung deutlich, mögen offenbar keine Fremden und schwarz Fremde schon mal gar nicht. Wie das so ist im wilden, rassistischen Osten Deutschlands. Kennt man ja, weiß man alles. Und so kommt es nach einem abendlichen Schlagabtausch in einer Kneipe dazu, daß die vier Freunde plötzlich Freiwild sind und von einem unsichtbaren Gegner durch die Kanäle und die Wasserwege verfolgt, im Grunde gejagt und gehetzt werden. Bis es plötzlich einen Ausweg gibt: Es wird ihnen eine Pistole zugespielt, mit einer einzigen Patrone. Sie müssten einfach innerhalb von 24 Stunden Josef erschießen, dann könnten sie gehen. Folgten sie der Anweisung nicht, würden sie alle sterben.

Wie verhält man sich nun in einer solchen Situation? Steht man für denn Freund ein, notfalls mit dem eigenen Leben? Oder ergibt man sich den Regeln eines perfiden Spiels und folgt der Anweisung? Wie viel von dem von Josef so oder so vermuteten Rassismus steckt auch in den Freunden? Hat Amelia ihr und Josefs Kind wirklich nur abtreiben lassen, weil sie sich zu jung fühlte, der Verantwortung nicht gewachsen? Oder wollte sie eben kein „schwarzes“ Kind, wie Josef es ihr seit jeher unterstellt? Und Geros schweigende Ablehnung von Josefs halb spaßig gemeinten Angebot, der ihm unbekannten Freundin von Geros Frau seinen höchst eigenen Samen zu spenden? Wirklich nur ein freundschaftlich ignorierendes Schweigen oder dich tiefer sitzende Vorurteile?

Diese Fragen drängen sich im Laufe der Stunden, die den Freunden bleiben, vor allem Amalia auf, aus deren Perspektive der Großteil der Handlung erzählt wird. Es ist vor allem ihre Geschichte, die sich nach und nach entblättert, wenn sie sich in ihre Erinnerungen einerseits, ihren Studienobjekten – sie ist Historikerin und schreibt eine Dissertation über Aaron Burr, jenen US-Vizepräsidenten, der in einem Duell Alexander Hamilton tötete und dafür durch die Geschichtsschreibung abgestraft wurde – andererseits verliert, um der harschen Realität zu entkommen. Da entsteht das Bild einer vollkommen normalen, durchschnittlichen bundesrepublikanischen Frau, aufgewachsen irgendwo in der Provinz, Klassenbeste und Klassensprecherin, Aufenthalt in den USA, Abi, Studium, Rallye-Fahrten mit ihrem Freund, der schließlich bei einem Unfall ums Leben kam, an dem sie, als Beifahrerin, wahrscheinlich nicht ganz unschuldig gewesen ist. Und immer wieder zweifelnde Reflektionen darüber, wer und wie sie wirklich ist, wirklich war: Offenbar durchaus eine machtbewußte junge Frau, die bereit war, hier und da auch Terror auszuüben, um ihre Bedürfnisse und Belange durchzusetzen. Bei einem Treffen mit einem ehemaligen Klassenkameraden musste sie sich einst anhören, wie sehr der unter ihr und ihren Freunden gelitten hatte, weil er, ein Geck, nicht in deren Bild passte.

Kurbjuweit reißt da Vieles an, öffnet Räume für Reflektionen und das Hinterfragen eigener Positionen, lässt innere und äußere Wirklichkeit aufeinandertreffen und einander bedingen. Und irgendwann kommt da ein etwas fatalistischer Schlag in das Ganze. Ja, man war selbst auch nicht immer ein Engelchen, hat durchaus seine dunklen Seiten, hat eine Geschichte, in der auch nicht immer alles so glatt gelaufen ist, wie man sich das vorgestellt hatte, irgendwann mal. Und dann müssen wir irgendwann für unsere Handlungen, unsere Taten und unser Unterlassen bezahlen. Dann wird der Preis aufgerufen und er wird – Hallo, Genreliteratur! – tödlich sein.

Genau an diesem Punkt kommt sich Kurbjuweits Roman selbst ins Gehege. Denn wie es Genreliteratur so zu eigen ist, bedient sie häufig Klischees und zementiert damit Feindbilder und Ressentiments. Es droht ihr häufig der Schwenk ins Reaktionäre. Kurbjuweit mag eine Allegorie vorgeschwebt haben, eine Parabel auf das Unverständnis zwischen Ost und West. Vielleicht hat er aber auch einfach nur schlechte Erfahrungen bei seinem letzten Urlaub gemacht und wollte es denen mal richtig zeigen. Denen? Ja, denen. Denen da drüben, die hohe Hotelrechnungen einfordern, aber nicht bereit sind, die dafür nötige (oder erwartete) Leistung zu erbringen. Denen, die zwar auf Tourismus setzen, aber ihre eigene Unfreundlichkeit nicht überwinden können. Denen, die unser Geld gern nehmen, uns dafür aber ununterbrochen beschimpfen und beleidigen. Alles Erfahrungen, die man schon mal machen kann, wenn man sich in die ostdeutsche Provinz aufmacht. Ach so, das kann einem auch in Baden-Württemberg, im Niederbayrischen oder in Ostwestfalen passieren? Okay…

Kurbjuweit enthält dem Leser also nicht nur vor, wo genau sich seine Story – und genau das ist es: eine Story, eine Räuberpistole, letztlich Kolportage, also reiner Genrestoff – zuträgt, sondern er verweigert dem Leser auch jedweden Hinweis auf die Verfolger, ihre Motivation, die Begründung und Bedingung ihres Hasses. Das macht die Sache umso unheimlicher. Und umso klischeehafter. Wollte der Autor eine Versuchsanordnung herbeiführen, bei der eine Gruppe sich unter Maximalstress bewähren muß, bzw. ihr „wahres“ Gesicht entblößt? Da hätte es möglicherwiese andere Szenarien gegeben, die der bundesdeutschen Realität dann doch etwas näherkommen. Aber so ist spannender und auch mit mehr Action, ne.

Und so wird diese Freundesgruppe in ein Setting geführt, daß an Filme und Erzählungen erinnert, die schon dutzendfach abgenudelt wurden. John Boormans DELIVERANCE (BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE/1972) stand da ebenso Pate, wie Richard Connells Story THE MOST DANGEROUS GAME (DAS GEFÄHRLICHSTE SPIEL/1924), vielfach zitiert, paraphrasiert und mehrfach für die Leinwand adaptiert, die berühmteste (und beste) Verfilmung dürfte jene von 1932 unter der Regie von Ernest B. Schoedsack sein. Und mit dem Element der Pistole und der sadistischen Aufforderung, die Weißen der Gruppe könnten überleben, wenn sie den Schwarzen töteten, kommt sogar ein wenig jenes Gefühl der Ausweglosigkeit und hemmungslosen Gewaltbereitschaft, ja, des Atavismus auf, den James Wan in seinem Gewalt-Porno SAW (2004) verbreitete und damit eine bisher auf neun Filme angewachsene Reihe von Folgefilmen auslöste. Und diese Vorbilder drängen sich geradezu auf in diesem Roman, andere, verstecktere Hinweise mögen da noch gar nicht bemerkt worden sein.

Nun ist es ja so, daß man seinerzeit gerade in einem Film wie DELIVERANCE viel Aussage zum modernen Leben vermutete, der Entfremdung und der damit einhergehenden Umwelt- und Naturzerstörung. Da trafen Großstädter, für die es ein Survival-Wochenende zwecks Rückbesinnung auf männliche Tugenden geben sollte, auf Rednecks in den Appalachen, die der Film sehr bewußt als rückständig, teils sogar als offen zurückgeblieben inszeniert und damit mit dem Klischee vom inzestuösen Verhalten der Bergbewohner spielte. Doch nichts davon in Kurbjuweits Roman. In den wenigen Momenten, in denen Einheimische überhaupt auftauchen – in einer Kneipe, wo Josef der Toilettengang verwehrt wird; die Kanuverleiher; ein seltsamer Prediger, der mit einem Harem irgendwo in den Wäldern lebt und einer selbstgeschaffenen Naturreligion frönt; ein (wahrscheinlich) sorbisches Wildererpärchen; der Besitzer einer Straußenfarm – sind sie eindimensional gezeichnet, wird ihre Motivation bestenfalls angedeutet und sie verbreiten grundlegend eine unangenehme bis feindliche Atmosphäre. Es wirkt, als seien diese Gegenden ausnahmslos mit Aussteigern fragwürdigen Hintergrunds, Spinnern oder Minderbemittelten bevölkert.

Und so hat dies weitaus weniger von einer Parabel, sondern eben von einem astreinen Genre-Roman, der sich keine weiteren Beweggründe seiner Antagonisten überlegen muß, es reicht, ein überzeugendes Bedrohungsszenario zu entwerfen, dann fluppt das schon. Fast hat man den Eindruck, daß der Autor sich geradezu freut, daß es nun auch in Deutschland Gegenden gibt, in die man solche Gefahren und Bedrohungen zumindest hineininterpretieren kann. Unheimlich, gewalttätig, rätselhaft. Wie ein Motel am Wegesrand, mitten in der Nacht, im strömenden Regen, irgendwo in der Mojave-Wüste. Nur stellt sich die Realität in Deutschland eben immer noch derart dar, daß es eine Menge unfreundlicher Menschen gibt, auch im Dienstleistungsgewerbe, daß es immer noch große Unterschiede zwischen Ost und West gibt (und die wahrscheinlich in den kommenden 50 Jahren auch nicht glattzubügeln oder auszumerzen sind), daß es auch immer wieder (und, wie viele fürchten, immer mehr) Gewalt gibt.

Doch in Deutschland denkt sich kaum mal Einer perverse Spielchen aus – in Deutschland hat man die Schnauze voll, geht spät abends an die Tankstelle und ballert einen jungen Menschen weg, weil der sich für die Durchsetzung gewisser, gerade geltender Regeln stark macht. Impulsiv, rachedurstig und vor allem wehleidig. Schließlich fühlt man sich ja unterdrückt, gar in einer Diktatur, da die Regierung vorschreibt, eine Maske zum Schutz der anderen zu tragen. Und diese Haltung ist weitaus grusliger, als es ein düsterer Wald voller dunkler Bedrohungen letztlich je sein kann. Der Horror, zumindest in Deutschland, der schleicht sich durch die Hintertür in den Alltag ein. Oder kommt direkt durch den Vordereingang. Vielleicht lieben die Deutschen nicht zuletzt deshalb die Genre-Romane eines Stephen King? Dirk Kurbjuweit, der sehr kluge und weitschauende Leitartikel schreiben kann, sollte sich vielleicht einmal dieses Horrors annehmen.

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