DIE WEITE LEERE/THE FAR EMPTY

J. Todd Scott erzählt ein Drama an der mexikanischen Grenze

DIE WEITE LEERE (THE FAR EMPTY; Original erschienen 2016; Dt. 2021), das sind jene Prärien und Steppen im Westen Texas´, in denen der Mensch verloren gehen kann – sich und anderen. Und manchmal findet jemand die Überreste eines solchen Verlorenen und fragt sich: Wer war dieser Mensch?

So geschieht es Chris Cherry, einst umschwärmter Football-Held an seiner Highschool in Murfee, einem Kaff irgendwo in dieser weiten Leere. Chris ist seit seiner Rückkehr in den Ort Deputy unter dem „Judge“, dem Sheriff von Big Bend County. Der wiederum ist ein extrem gewalttätiger Despot, der einige Männer getötet hat, drei Frauen heiratete und verlor und dessen Sohn sich sicher ist, daß sein Vater seine Mutter – die letzte dieser Frauen – umgebracht hat. In einem weit verzweigten Gefüge aus Beziehungen, mal mehr, mal weniger gewollten Bekanntschaften und Verwandtschaften, entwickelt Autor J. Todd Scott ein Panorama und Portrait dieser Kleinstadt und einiger seiner Bewohner, die teils schicksalhaft miteinander verbunden sind.

Da gibt es den zweiten Deputy Duane, der ein Meth-Freak ist und langsam aber sicher den Verstand verliert, viel Unheil und Leid über viele Menschen bringt und vielleicht doch im allerletzten Moment begreift, wer seine wirklichen Feinde sind. Es gibt die Lehrerin Anne, die nach Murfee gekommen ist, um der eigenen Vergangenheit zu entkommen, und lernen muß, das wenig im Leben aus Zufall geschieht. Es gibt Melissa, die ihren Freund Chris in dessen Heimatstadt gefolgt ist und nun feststellt, daß sie in der Falle sitzt. Es gibt América, die, hispanischer Herkunft und deshalb für einige Freiwild, von Duane bedroht wird und deren Bruder, einst bei der Border Police, verschwunden ist – nachdem er sich mit den falschen Leuten auf der falschen Seite der nahegelegenen Grenze zu Mexiko eingelassen hat. Und schließlich gibt es Caleb, den Sohn des “Judge“, der seine Gedanken und Gefühle in sein Tagebuch überträgt, der sich mit Anne und Chris zu verbünden sucht und hofft, auf Umwegen das Verschwinden seiner Mutter aufklären und seinen Vater dessen gerechter Strafe zuführen zu können.

Sie alle und einige mehr beschreibt Todd in manchmal sehr kurzen Kapiteln, in denen er die Sichtweise der Figur wiedergibt, die dem jeweiligen Abschnitt seinen Namen gibt. Lediglich Caleb spricht zum Leser aus der ersten Person Singular und es dauert, bis man begreift, daß dies alles bereits die Aufzeichnungen eines tief verstörten Jungen sind, der seine Empörung, seine Wut, seine Angst und seine Hoffnungen nicht anders zu kanalisieren vermag, als auf diesen Seiten. Es entsteht ein dichtes Geflecht aus Perspektiven und immer mehr Mosaiksteinchen, die schließlich viele – wenn auch nicht alle – Geheimnisse in Murfee zusammensetzen und schließlich auflösen.

Todd arbeitet selbst seit nahezu zwanzig Jahren bei der DEA (Drug Enforcement Administration), der amerikanischen Drogenbehörde, und bekämpft den Drogenhandel an der Grenze, aber auch in den USA selbst. Er weiß also, wovon er erzählt, wenn er sich eines Stoffes wie dieses annimmt. Sollte man zumindest meinen. Leider aber beschränkt er sich nicht darauf, entweder authentisch und lebensnah die Arbeit der DEA zu beschreiben oder einen Spannungsroman über das Leben derer Agenten zu erzählen – was er sicher besser könnte als Don Winslow, dessen Drogen-Trilogie mittlerweile gern als Garant für authentische Berichte aus dem amerikanischen War on Drugs der vergangenen vierzig Jahre und mehr gehalten wird – , stattdessen will Todd den großen Roman, das Drama, ein Epos. Und dazu ist er, um es direkt und brutal ehrlich zu sagen, der falsche Mann. Denn er mag ein guter Cop sein, vielleicht sogar ein recht guter Autor, ein großer Schriftsteller ist er nicht.

Die Figuren, die er präsentiert, allen voran die des „Judges“, wirken allesamt wie dem herkömmlichen Personal vergleichbarer Romane und Filme entnommen. Auch die Ausgangslage – eine Leiche wird in der Wüste gefunden und führt zu Nachforschungen, die nicht jedem gefallen – ist so schon Hundertfach da gewesen und erinnert konkret an die Ausgangssituation in John Sayles´ Film LONE STAR (1996), der es allerdings versteht, in 135 Minuten mehr Wahrheit zu verpacken, als es Todd auf 432 Seiten gelingt. So begegnen dem Leser in DIE WEITE LEERE vor allem Klischeefiguren mit Klischeeproblemen und Klischeevorstellungen davon, wie man diese Probleme löst. Helden sind Helden, die Schurken recht eindimensional und wenn denn mal eine Figure – Duane bspw. – ein wenig ambivalent angelegt ist und das eigene Verhalten zumindest irgendwann nicht mehr vor sich selbst rechtfertigen kann, muß sie dies natürlich bezahlen. Erlösung ist nicht ohne einen hohen Preis zu haben.

Dabei ist gerade diese Figure, Duane, eine der schillerndsten und in seinem Verhalten wahrscheinlich am nächsten an der Wirklichkeit entlang beschrieben. Ein Meth-Junkie, der jedwedes Gefühl für sich selbst oder die Verhältnismäßigkeit des eigenen Tuns verliert, der zusehends sein Körpergefühl und sein Gedächtnis verliert und den erst ein Schock noch einmal in das eigene Bewußtsein zurückbefördern kann. Typen wie diesen wird Todd etliche in seiner Laufbahn erlebt haben. Hingegen ist die heimliche Hauptfigur, der „Judge“, dem Leser aus etlichen Vorläufern bekannt: Ein despotischer Patriarch, der – offenbar aus reinem Sadismus, der nie näher erklärt oder erläutert wird – Menschen quält, alle voran die Mitglieder der eigenen Familie, der korrupt ist und natürlich auf beiden Seiten des Gesetzes agiert und zudem wie mit dem Auge Gottes ausgestattet nahezu alles über alle in seiner Stadt weiß. Ein Monster. Aber weil wir alle die Monstergeschichten kennen, wissen wir natürlich, daß sie auch ihre Schwachstellen haben und müssen uns deshalb nicht fürchten. Nur abwarten, bis die Helden der Geschichte selbst daraufkommen, wie das Ungeheuer zu besiegen ist.

Was Todd allerdings gelingt – dies sei zu seiner Ehrenrettung gesagt – ist Atmosphäre. Er kann die bedrückende Angst vermitteln, die über Murfee liegt, das Gefühl des Ausgeliefertseins. Mehr aber noch kann er ein Gefühl für die titelgebende weite Leere spürbar machen, in der sich dies alles abspielt. Die Wüste, die Prärie, die Bergketten der Sierra am Horizont, die Hitze, die hier brütend über der Fläche liegt und die Kälte bei Nacht, das Gefühl in der absoluten Weite eingesperrt zu sein, hoffnungslos verloren unter einem nie endenden Himmel – all das kann der Leser hier gut nachvollziehen. Auch, was ein Leben in dieser Einöde ausmacht, wie es beeinflusst wird, ist sehr verständlich. Vielleicht wäre dies alles viel, viel besser geworden, wenn der Autor den Krimiplot einfach wegelassen und dafür mehr Wert auf ein authentisches Personal gelegt hätte.

DIE WEITE LEERE funktioniert hervorragend als Zweitlektüre, wenn die Hauptlektüre anstrengend ist und immer nur in kleinen Happen genossen werden kann; es funktioniert auch recht gut als Bettlektüre, weil man, auch wenn man die letzten fünf Seiten bereits im Halbdämmer gelesen hat, immer wieder in die Handlung hineinfindet. Es ist leidlich spannend und nie fordernd, weil man ja Personal und den groben Handlungsablauf eh schon kennt. Ein authentischer Bericht vom Kampf gegen die Drogen an der Grenze zu Mexiko ist es aber eher nicht.

 

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