DER DREISSIGJÄHRIGE KRIEG. EUROPÄISCHE KATASTROPHE, DEUTSCHES TRAUMA

Herfried Münkler bietet ein weites politisches und militärhistorisches Panorama dieses fürchterlichen Konflikts

Pünktlich zum 400. Jahrestag des Ausbruchs des Dreißigjährigen Krieges legt Herfried Münkler eine Gesamtschau dieses gewaltigen Konflikts vor, den er eine „europäische Katastrophe“ und ein „deutsches Trauma“ nennt. Beginnend mit einem anschaulichen Überblick, wie der Konflikt im Laufe der Jahrhunderte rezipiert wurde, über eine Übersicht der dem als Ausgangspunkt des Krieges geltenden „Prager Fenstersturz“ vorausgehenden Konflikte in Böhmen, der Konfrontation der Stände mit dem Kaiser, der Verhältnisse der Katholischen Liga zur Protestantischen Union und beider zum Kaiser, der das Projekt der Rekatholisierung mit äußerstem Druck verfolgte, eröffnet Münkler seine Studie. Mehr Politikwissenschaftler (der er von Haus aus ist) denn Historiker, interessiert er sich vor allem für die großen Linien, die politischen, ökonomischen und herrschaftlichen Konflikte, das Wesen des Westfälischen Friedens als neuzeitlichen Friedensvertrags, der konfessionelles Denken zugunsten politischen Denkens zurückdrängte, und nutzt schließlich den Krieg als Schema, als Blaupause, um moderne Konflikte zu analysieren. Vor allem den Konflikt im Nahen Osten meint er vor dem Hintergrund seines rund 850 Seiten umfassenden Fließtextes erfassen zu können.

Im Frühjahr 2018 sind aus naheliegenden Gründen etliche Werke zum Thema erschienen, unter anderem wurde nach Jahren der Übersetzungsdauer Peter H. Wilsons bisher als Standard geltendes Werk DER DREISSIFJÄHRIGE KRIEG. EINE EUROPÄISCHE TRAGÖDIE von 2009 endlich auf Deutsch veröffentlicht. Schon im Titel kann man die Differenz zu Münklers Werk erkennen. Was bei Wilson eine gesamteuropäische „Tragödie“ darstellt, differenziert Münkler in die Termini von „Katastrophe“ und „Trauma“. Nimmt man Georg Schmidts in der Sueddeutschen Zeitung vom 23.Mai 2018 hoch gelobtes DIE REITER DER APOKALYPSE hinzu, scheint Münkler in seinem Befund konsequenter zu sein.

Münkler weist klar nach, daß man es zumindest bis in die 1630er Jahre mit einer Aneinanderreihung verschiedener Kriege und eher regionaler Konflikte zu tun hatte, die erst durch die übergeordneten Interessen anderer Kräfte zu einem übergreifenden Krieg verschmolzen. Vor allem der bayrische Fürst Maximilian I., Kaiser Ferdinand II., der Dänenkönig Christian IV., der als Herzog von Holstein zugleich zu den Reichsständen gehörte, und zudem eine ganze Reihe von Partikularinteressen Frankreichs unter dem Kardinal Richelieu, Spaniens als Linie des Hauses Habsburg, dessen Wiener Seite seit Generationen den Kaiser stellte, und das sich mit seinen niederländischen Gebieten in einem kriegerischen Konflikt befand, vor allem aber Schweden unter dem König Gustav II. Adolf, der schließlich maßgeblichen Einfluß auf den Verlauf des Krieges nahm, da er, nachdem Christian von Dänemark Mitte der 1620er Jahre sich nach empfindlichen Niederlagen zurückgezogen hatte, direkt in den Krieg eingriff und zur federführenden Partei auf protestantischer Seite wurde, waren die federführenden Treiber hinter den Entwicklungen. Münkler versteht es hervorragend, die sich teils widersprechenden, teils ergänzenden Interessen etlicher Haupt-, Teil- und Kleinstkriegsherren zu veranschaulichen und infolgedessen auch zu vermitteln, daß der religiöse Aspekt, der in der Allgemeinschau auf den Dreißigjährigen Krieg gern als Hauptgrund, wenn nicht als einziger Anlaß für den Ausbruch der Kampfhandlungen betrachtet wird, wenn überhaupt, nur im ersten Jahrzehnt des Konflikts eine hervorgehobene Rolle gespielt hat, das aber spätestens mit dem Eingreifen der Schweden religiöse, territoriale und vor allem ökonomische Gründe kaum noch voneinander zu unterscheiden waren, oftmals sogar ineinander fielen. Daß man gerade auf protestantischer Seite durchaus flexibel gewesen ist, beweist das Lavieren des Sachsenfürsten Johann Georg I., dem es lange gelang, seine Ländereien aus den schlimmsten Kriegshandlungen herauszuhalten und mit wechselnden Allianzen gerade in den späten Kriegsjahren vor den allerübelsten Verwüstungen zu bewahren. Ebenso kann man anhand der Aufzeichnungen einzelner Söldner begreifen, daß die Konfession des jeweiligen Herrn vergleichsweise uninteressant, wesentlicher, ob er zahlungspotent war. Doch betrachtet man Richelieus Bündnis mit den Schweden, seine Feindschaft gegen die spanische Linie der Habsburger und auch seine Opposition zum Kaiser, merkt man, daß auch auf katholischer Seite konfessionelle Zugehörigkeit eine eher untergeordnete Rolle spielte.

Gelegentlich wurde Münkler im Feuilleton vorgeworfen, sein Hauptaugenmerk auf die erste Hälfte des Krieges zu richten, den Jahren nach Gustav Adolfs Tod hingegen nur wenig Aufmerksamkeit zu schenken. In gewissem Sinne kann man das so sehen, doch verdeutlicht der Autor nur allzu nachvollziehbar, daß der Krieg als wirklich nachvollziehbares Ereignis eben in seinen frühen und mittleren Jahren wirklich interessant und wesentlich war, gerade in den  Jahren ab 1636/37 bis weit in die 1640er Jahre hinein, entwickelte sich hingegen das, wofür der Dreißigjährige Krieg bis heute berüchtigt geblieben ist: Marodierende Horden oft vollkommen von jeglicher übergeordneten Macht losgelöster Söldnertruppen, die bald jeden Winkel, jedes Dorf, jeden Weiler und jedes Kloster geplündert hatten, die Einwohner auf fürchterliche Weise malträtierten, oft umbrachten, die Frauen vergewaltigten und sich alles Essbare unter den Nagel rissen, dessen sie habhaft werden konnten. Es war ein Krieg, der seine ureigene Dynamik entwickelt hatte und, da ihm und den Protagonisten der Macht, die ihn führten, jedwedes strategische Ziel abhanden gekommen war, wie ein sich selbst befeuerndes System immer weiter lief. Münkler aber interessiert diese Geschichte weniger, mehr interessieren ihn die „großen“ Schlachten, die tiefliegenden Motive, die Strategien und kurzzeitigen Taktiken, die angewandt wurden. Es interessieren ihn die Heere und ihre Stärke, wie sie von Feldherren wie Wallenstein bspw. unterhalten wurden, es interessieren ihn die Art der Kriegsführung und die Folgen, sowohl militärischer wie politischer Natur, die einzelne Schlachtergebnisse zeitigten.

Er versucht, die Beweggründe der Hauptbeteiligten zu verstehen und gibt manches Mal Beschreibungen von Kampfhandlungen, die den Eindruck erwecken, er sei ein direkt auf dem Schauplatz des Geschehens sitzender Kriegskorrespondent. Da werden dem Leser Flankenbewegungen, Rückzugsgefechte, Kavallerieangriffe oder Artellerieaufstellungen en détail geschildert, fast könnte man meinen, es sei Münkler gelungen, in die Köpfe der großen Heerführer wie Wallenstein, Tilly oder Mansfeld einzudringen und deren Beweggründe zu scannen. Das ist zweifelsohne interessant, auch oft mit Verve geschrieben und in diesen Teilen folgt man Münkler gern und lernt dabei vor allem die Ablösung eines ständebezogenen Krieges, wie er im Mittelalter ausgefochten wurde, durch einen ökonomisierten Krieg mit gekauften und damit quantitativ riesigen Heeren verstehen. Gerade Wallenstein und Mansfeld stehen für die sogenannten „Condottieri“, für Kriegsunternehmer, heute würde man wohl Warlords sagen, die Heere anwarben, sie unterhielten, dabei vor allem in Feindesland plündern und rauben ließen, und sie sozusagen vermieteten, wobei sie natürlich meist ihrer Seite treu blieben und nur bei Wallenstein auch die Frage aufkam, ob er möglicherweise wirklich eine eigene politische Agenda verfolgte, weshalb er schon zeitgenössisch als eine Art Diktator betrachtet und ob seiner Selbstherrlichkeit schließlich von der eigenen Seite umgebracht wurde.

Man begreift das Wesen dieses Krieges somit vor allem auf seiner technisch-militärischen und der poltischen Seite. Weniger begreift man von der reinen Machbarkeit, davon, wie bspw. ein Heerlager funktionierte. Bei Münkler zieht sich ein geschlagener Feldherr zurück und stellt dann in einigen Monaten ein neues Heer von 15.000 Mann hier oder 20.000 Mann dort auf. Woher diese Menschen kamen, ob sie freiwillig sich den ziehenden Heeren anschlossen, gedungen oder gezwungen wurden – es bleibt offen. Wohl versteht man, daß nach Niederlagen Truppen des Gegners recht problemlos den eigenen eingereiht wurden, da man es so oder so mit Söldnern zu tun hatte und die konfessionelle Zugehörigkeit wie gesagt eine immer geringere Rolle spielte. Gerade anhand dieser Beschreibungen versteht man auch die Internationalität des Krieges. Daß sich auf dem Gebiet, das heute Großteils mit dem deutschen Staatsgebiet identisch ist, über Dekaden eine Soldateska aus aller Herren Länder – Skandinavier, Engländer, Iren und Schotten, Spanier, Franzosen und Italiener, Ungarn, Siebenbürger und natürlich Deutsche aus allen Regionen des Landes – tummelten, dabei ein gutes Drittel der Bevölkerung, die geradezu als Freiwild betrachtet wurde, auslöschte und mancherorts deren Behausungen besetzte, Landstriche in Besitz nahm und selber bearbeitete, verdeutlicht nur allzu gut, weshalb man durchaus von einem „deutschen Trauma“ reden kann, wurde dieses Territorium doch zum Schauplatz eines endlosen Gemetzels, an dem halb Europa beteiligt gewesen ist. Münkler leitet daraus u.a. ab, daß sich in Deutschland deshalb über Jahrhunderte eine Opferhaltung ausbreiten konnte, die etwas selbstgefällig den Grund für das eigene Elend gern bei anderen, fremden, gern ausländischen, Kräften suchte.

Daß eine Bevölkerung, die schlichtweg keine Rolle mehr spielte, Spielball kaum mehr zu kontrollierender Kräfte wurde, oft reines Schlachtvieh, nur noch auszunutzender Plebs, zu einer solchen Haltung neigen konnte, kann man anhand Münklers Schilderungen zwar verstehen, doch bleiben die Menschen, die diesen gewaltigen Krieg ertragen, aushalten, erdulden mussten, doch seltsam fremd, gesichtslos, ohne eigene Stimme in diesem Werk. Während man fast perfekt versteht, wie „Krieg“ sich im 17. Jahrhundert darstellte – als Diversionskrieg, bei dem man dem Feind aus dem Wege ging, dessen Hinterland plünderte und nach einer günstigen Position für eine entscheidende Schlacht suchte; generell als Schlachtenkrieg, die wie Schachpartien abliefen, bei denen große Heere, bestehend aus Infanterie, Artellerie und Kavallerie, die sehr gut harmonieren mussten, wollte man das Schlachtenglück für sich entscheiden, gegeneinander auf offenem Felde antraten; als jahreszeitlich bedingter Krieg, der nur selten in den Wintermonaten geführt werden konnte (obwohl Gustav Adolf genau dies tat und dadurch in den ersten Jahren seines kontinentalen Abenteuers enorme Vorteile für sich und seine Heere generieren konnte) und somit geradezu zum erliegen kam, sobald die Heere Winterquartier bezogen hatten – , versteht man wenig über die Mentalität der Zeit, versteht kaum etwas über die Weltsicht des Barock, der ja im Laufe der Jahrzehnte, die das Gemetzel andauerte, eine ganz eigene Form des fast Hedonistischen, Verschwenderischen hervorbrachte. Eine seltsam morbide Weltsicht, die den einzelnen als Spielball höherer Kräfte betrachtete und den Krieg bald als eine Kraft eigenen Rechts, ja, als ein historisches Subjekt, zu betrachten begann. Man kann zwar, weil Münkler es explizit erwähnt, nachvollziehen, wie Bauern begannen, sich gegen die marodierenden Söldnerbanden zu wehren und teils mit ähnlicher Brutalität und Lust an der Gewalt zurückschlugen, auch, wie sich in den belagerten Städten wie Magdeburg, geradezu klassenkämpferische Revolten gegen ein Bürgertum ausbreiteten, bei denen Gildeangehörige und niedere Stände oft vollkommen andere Interessen hatten, als die gehobenen Klassen, doch klingt dies hier oft eben wie moderner Klassenkampf, was es definitiv nicht war. Die kulturellen, psychischen, sozialen Spezifika jener Dekaden zu erfassen, gelingt Münkler leider nicht.

In zwei sehr ausgreifenden Kapiteln gelingt es dem Autor allerdings, auf dem Umweg über die Kunst, bzw. die Literatur, etwas von der Geistesgeschichte und damit auch dem Leiden der einfachen Bevölkerung einzufangen. Wobei es eben bezeichnend ist, daß er dafür den Filter der Künste braucht, während ihm die politischen und die Kampfeslinien geradezu wie die schon bemühten Direktberichte von der Hand gehen und ihm Gemälde, teils aus dem Gedächtnis, teils Jahrzehnte nach den Ereignissen gemalt, zu nutzbaren Quellen und kaum hinterfragten Schlachtbeschreibungen werden. Von nahezu jeder der wesentlichen  Schlachten des Krieges – ob jene am Weißen Berg, die bei Wimpfen oder jene an der Dessauer Brücke, sowie natürlich der „großen Schlachten“ bei Breitenfeld, Lützen oder Nördlingen – sind Kupferstiche aus dem „Theatrum Europaeum“ abgebildet, die Münkler wie realistische Lagebeschreibungen zu lesen scheint. So bleibt seine Schilderung dieses gewaltigen Konflikts, der sich im Laufe der Jahre zu einem immer umfassenderen Krieg ausweitete, schließlich internationalisiert und damit zu einem Ordnungskrieg im Herzen Europas wurde, eben eine im Kern politische Schilderung. Will man mehr über Zeitgeist, Weltbetrachtung und Mentalität jener Jahre erfahren, wird man wohl zu Schmidts Werk greifen müssen. Allein auf den sechs Seiten, die das Wochenmagazin SPIEGEL in seiner Ausgabe 19/2018 zum Dreißigjährigen Krieg brachte, kommen einem die wahren Schrecken näher, als auf Münklers über 800 Seiten. Ganz bei sich und seiner Kernkompetenz ist Herfried Münkler natürlich, wenn er die Vor- und Nachteile, das Wesen und Werden und die historischen Auswirkungen des Friedensschlusses in Osnabrück und Münster, basierend auf den Beschlüssen des Prager Friedens von 1635, erläutert. Hier liegen seine Stärken und begreift auf vergleichsweise wenigen Seiten, die er dem Westfälischen Frieden vorbehält, welch enorme Auswirkung dieses Werk für die Neuzeit hatte – bis heute, da es von erneut anders funktionierenden Kräften außer Kraft gesetzt wird.

Der Versuch, schließlich unsere modernen Konflikte gerade im Nahen Osten, vor dem Hintergrund der Analyse des Dreißigjährigen Krieges zu erfassen, sind zwar durchaus interessant, doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sie auch ein wenig angepappt wurden. Trotz aller Aktualität, die der Dreißigjährige Krieg in seiner mentalen Auswirkung noch immer gerade auf uns Deutsche (der SPIEGEL sieht ihn als Ursprung der german Angst) haben mag, ist der Sprung in ein vollkommen anderes globales Gebiet, einer anderen Mentalität, in eine Zeit, die ganz andere Geschwindigkeiten kennt, doch gewagt. Es stimmt, wie im Dreißigjährigen Krieg ist es auch jetzt wieder die Religion, die wesentlich als Movens herhalten muß und wie seinerzeit merkt man, wenn man sich mit der Materie beschäftigt, schnell, daß es keine der Parteien allzu genau damit nimmt, wenn es dem eigenen Vorteil gereicht. Wie damals haben wir es mit einem Haufen regionaler und oft im Kern sehr unterschiedlicher Konflikte zu tun, in denen „Warlords“ wie regionale Fürsten auftreten und – wie Wallenstein – z.T. dann auch reell dazu werden. Doch sind dies äußere Bedingungen, weniger ist das eigentliche Wirken miteinander vergleichbar. So bleibt von Münklers Schlußkapitel im Grunde vor allem eine methodische Betrachtung, was die Geschichtswissenschaft, die Politologie und selbst die historische Soziologie leisten können im Hinblick auf gegenwärtige Entwicklungen und Konflikte, genauso aber auch, wo sie scheitern und lediglich Differenzen und Abstände markieren können.

Angesichts der Fülle des Materials und des Umfangs des Gegenstandes, wäre es wahrscheinlich vollkommen vermessen, von einem einzigen Autor, einem einzigen Werk, zu verlangen, umfassend alle Aspekte des Themas abzudecken und erfassbar zu machen. Will man sich eines Sujets wie des Dreißigjährigen Kriegs umfassend nähern, wird man wohl nicht umhin kommen, sich verschiedene Werke vorzunehmen, die ihre jeweiligen Schwerpunkte unterschiedlich setzen. Im Kanon der aktuellen Werke nimmt Münklers bei aller Kritik, die man ihm entgegenbringen kann, einen durchaus zentralen und wichtigen Platz ein. Es gelingt ihm hervorragend, die großen Linien, die Bewegungen der führenden politischen und militärischen Köpfe und auch, die der Heere, nachvollziehbar zu machen und den Leser so auf eine eindringliche politische und militärhistorische Reise mitzunehmen.

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