DER LÜSTER/O LUSTRE

Clarice Lispector entführt wie kaum ein/e Autor/in vor ihr ins Innenleben ihrer Hauptfigur

Wenn eine Autorin über das eigene Werk sagt, man müsse es langsam lesen, bestenfalls gleich mehrfach, da sonst die Feinheiten verloren gingen, vielleicht sollte man dann vorsichtig sein. Eigenlob stinkt bekanntlich und Autoren, die vom eigenen Schaffen derart eingenommen sind, sind vielleicht so oder so nicht unbedingt daran interessiert, verständlich zu sein.

Clarice Lispector gehört zu dieser Spezies von Autoren, die recht eingenommen sind vom eigenen Können. Liest man sich jedoch in die ersten Seiten ihres großen Romans DER LÜSTER (O LUSTRE/1946; Dt. 2016) ein, bleibt nicht viel anderes, als zuzustimmen: Das ist derart dicht, sprachlich so verwoben und fein gesponnen, so nah zumindest an der Hauptfigur, daß es dem Roman wirklich nicht gerecht würde, ihn zu überfliegen oder auch nur eine einzige Zeile mit nachlassender Aufmerksamkeit zu lesen. Was die Lektüre natürlich dementsprechend anstrengend macht. So sei also gewarnt, wer sich überlegt, Lispector im Vorübergehen zu lesen oder irgendwo einzuschieben. Das gelingt nicht und versucht man es, wird die Lektüre schlichtweg enervierend.

Erzählt wird die Geschichte von Virgínia, die mit ihren Eltern und zwei Geschwistern – der sehr viel älteren Esmeralda und dem nur wenig älteren Daniel – in einer der nördlichen Provinzen Brasiliens aufwächst. Behütet könnte man dies wohl nennen. Zwischen ihr und Daniel entwickelt sich zusehends eine Gemeinschaft, die immer hermetischer, immer abgeschotteter gegen das Außen wird, eine Art Geheimbund, in dem Virgínia ihrem allzeit cholerischen Bruder verfallen zu sein scheint und seinen oft furchtbaren Ideen unhinterfragt folgt. Später gehen die beiden gemeinsam in eine größere Stadt, wo Daniel sich verliebt, dann heiratet und bald mit seiner Angetrauten wieder in die alte Heimat entschwindet, während Virgínia durch ihre Tage gleitet, sich beobachtend, die Diskrepanz zwischen ihrer Innen- und der Außenwelt durchdringend und wieder und wieder reflektierend, später unterhält sie eine Art lose Beziehung zu einem Mann namens Vicente, doch findet sie hier weder Erfüllung, noch Befriedigung. Als die Großmutter stirbt, kehrt Virgínia ins Elternhaus zurück, macht dort eine tiefgreifende Entfremdungserfahrung durch und kehrt dann in die Stadt zurück – entschlossen, ihr bisheriges Leben aufzulösen und endgültig in das Haus des Vaters zurückzukehren. Während ihres Besuchs in der Stadt erfüllt sich jedoch ihr Schicksal, final.

Von Spoilern braucht man hier nicht zu reden, denn in der äußeren Handlung passiert nahezu nichts. Lispector führt ihre Heldin, um sie einmal – fast despektierlich – so zu nennen, durch eine Reihe von Alltagssituationen – Treffen im Park, ein Abendessen, eine Nacht mit Vicente, eine Fahrt in einem furchtbar überfüllten Bus usw. Dabei passiert zumeist nichts Bemerkenswertes. Außer vielleicht, daß der Leser vermehrt feststellt, daß Virgínia nicht sonderlich beliebt zu sein scheint, selbst allerdings auch oft schroff auf ihre Umwelt reagiert, vor allem aber, daß die Interaktion mit dieser Umwelt nicht annähernd dem Innenleben entspricht, daß Lispector Virgínia angedeihen lässt.

Denn das ist die eigentliche Sensation dieses Romans: Selten wurde das Innenleben, wurde die Verfasstheit einer literarischen Figur derart unter die Lupe genommen, seziert, wie es hier der Fall ist. Seitenlang folgen wir einer Sprache, die zwar nicht ganz so hermetisch ist, wie es das Verhältnis der kindlichen Geschwister einst war, die es dem Leser allerdings durch eine Reihe von Eigenarten, schrägen Bildern und Metaphern und immer wieder verunsichernden Satzkonstruktionen, die auch erfahrene Leser ins Leere laufen lassen, enorm schwer macht, einzudringen, sich hier umzuschauen und einzurichten. Wagt man es dennoch, wird man mit einer Weltbetrachtung belohnt, die aufs Ganze geht, die sich nicht scheut, immer auf letzte Fragen zu schielen und dort Antworten zu suchen, wo die allermeisten sich scheuten, überhaupt nachzuschauen, lauern dort doch meist die wahren Ungeheuer. Virgínia hat keine Angst vor den Monstren ihres Lebens, im Gegenteil, immer wieder führt sie sich und damit den Leser in Bereiche ihrer selbst, an denen angekommen der reine, nackte Mensch steht, das Individuum in all seinen Facetten, Farben, Ängsten und Widersprüchen, von denen es nicht einmal ein Viertel je wird seiner Umwelt mitteilen können. Und wo sich das Individuum der Wirklichkeit des eigenen Ungeheuerlichen stellen muß, mit dem Monster in sich Frieden schließt oder für immer und ewig in den Kampf mit dem Ungetüm zieht – und untergeht.

Zweimal unterbricht Lispector diese Introspektion und lässt anderen Figuren eine ähnliche, wenn auch nahezu ausschließlich auf Virgínia bezogene Innenansicht zuteilwerden. Es sind Vicente und Esmeralda, deren Reflektion auf die Geliebte, respektive die Schwester, das Bild von Virgínia vervollständigen und zugleich für weitere Verwirrung hinsichtlich deren Charakters sorgen. Denn genau das ist Lispecors Anliegen, scheint es: Ihren Lesern das ganze Spektrum der menschlichen Seele, ihrer Psyche, in all dem darzulegen, was sie ausmacht und auch gefährlich macht. So entstehen hier zwei Welten. Eine ist die schier unendliche in Virgínias Kopf und Herzen, die andere jenes Außen, jene Alltagswelt, in der die Protagonistin sich zwar zurecht-, jedoch keinen Halt findet. Ihre Versuche scheitern oft kläglich. Sie lädt den Hausmeister des Hauses, in dem sie wohnt, zum Abendessen ein und will nicht begreifen, daß dies in einer so religiös und von engen Vorstellungen und Konventionen geprägten Gesellschaft wie der brasilianischen, zwangsläufig zu Mißverständnissen und auch Vorwürfen führen wird. Einmal mehr eckt sie also an und scheitert an einer Wirklichkeit, die sie zwar versteht, nicht aber akzeptiert.

Die beiden Ausflüge in die Innenwelten von Geliebtem und der Schwester zeigen allerdings auch, daß Virgínia eben nur ein Wesen ist, das kaum etwas Besonderes auf andere ausstrahlt. Vicente denkt fast zwangsläufig über andere Frauen nach und beginnt, Virgínia mit denen zu vergleichen, wobei sie nicht sonderlich gut abschneidet. Esmeralda bezeugt in ihrem Nachdenken über die so viel jüngere Schwester, die ihr einst mit einer unbedachten Äußerung möglicherweise alle Zukunftschancen als Gattin oder Geliebter verbaut hat, was wiederum der Mutter zupasskam, denn die will und wollte die älteste Tochter am liebsten immer bei sich behalten, daß auch sie vor allem um sich selbst, das eigene Schicksal kreist und wenig wahrnimmt von dem inneren Reichtum, der ihre Schwester ausmacht.

Lispector scheint geradezu zu erschauern vor dieser Diskrepanz und dem Mißverhältnis, vor dem Unerkannt-Bleiben in einer Welt, in der die oder der einzelne eigentlich nur noch sich selbst genügen kann, wenn er oder sie nicht verloren gehen will, ertrinken in einem Fluß aus Banalität und Gleichgültigkeit. Für genau diese Gleichgültigkeit steht der Bruder, Daniel. Von dessen Charisma, das im Buch durch Virgínia immer wieder behauptet wird, spüren wir nichts, im Gegenteil. Daniel, wenn er denn einmal auftritt, entpuppt sich als ewig geifernder, offenbar immer schlecht gelaunter kleiner Diktator, der gern über andere herrscht, am liebsten über die kleine Schwester, die ihm so verfallen scheint. Seine spätere Abwesenheit im Buch, die erst wieder auf den letzten Seiten, wenn Virgínia sich zuhause einfindet, nachdem die Großmutter gestorben ist, durchbrochen wird und darin lediglich bestätigt, daß dieser Kerl offenbar keine sonderliche Wandlung durchlaufen hat, diese Abwesenheit exemplifiziert die Distanz zwischen den Menschen – oder den Welten/Planeten, die sie darstellen – aufs Grausamste. Niemand, nicht der Geliebte, nicht einmal die Familie, niemand, auch nicht jene, die wir zu unseren Führern auserkoren haben (die vielleicht am allerwenigsten) werden uns wahrnehmen, werden wir sein wollen. Wir sind allein, immer; erst recht aber in jenen Momenten, in denen wir unsere vielleicht einprägsamsten Erfahrungen machen.

Clarice Lispector kann vielleicht als Solitär betrachtet werden. Als Frau zur Mitte des 20. Jahrhunderts, in einem stark konservativ geprägten Land, schreibt sie offenbar aus einer enorm reichen Innenwelt heraus und in eine Außenwelt hinein, die ihr fremd blieb und die ihr, vielleicht, auch Angst machte. Geschult an Virginia Woolf – manches Mal denkt man bei der Lektüre von DER LÜSTER an MRS. DALLOWAY (1925), gelegentlich auch an TO THE LIGHTHOUSE (1927) – und anderen Autoren und Autorinnen der Moderne, scheint hier eine Autorin einen sehr einsamen Kampf gekämpft zu haben. Einen Kampf mit der Sprache, den Bildern und sich selbst. Entstanden ist dabei ein wahrlich großer Roman, auf den sich Leserinnen und Leser, letztere vielleicht sogar noch etwas mehr, wirklich einlassen müssen. Einen Roman, den man möglichst langsam, vielleicht sogar mehrfach lesen sollte.

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