DER MANN, DER HERRSCHEN WOLLTE/ALL THE KING`S MEN

Robert Rossens Verfilmung von Robert Penn Warrens berühmten Schlüsselroman über einen Populisten

In den frühen 1920er Jahren wird der Reporter Jack Burden (John Ireland) auf Willie Stark (Broderick Crawford) aufmerksam. Der agitiert an Straßenecken gegen die Politik der herrschenden Politik, verlangt soziale Reformen und hat ganz konkrete Anliegen, wie bspw. bessere Verarbeitung und Materialien bei öffentlichen Bauten. Er prangert Korruption und Vetternwirtschaft an.

Doch Erfolg hat er zunächst nicht, auch, weil er auf keinen Apparat zurückgreifen kann, desweiteren fehlen ihm die finanziellen Möglichkeiten, um einen professionellen Wahlkampf zu initiieren. Burden verfolgt Starks Werdegang und Karriere eine Weile für seine Zeitung. Er mag Stark, der eine ehrliche Haut ist, ein Mann des Volkes, ein Farmer, der harte Arbeit kennt und sich zugleich um Fortbildung bemüht. Doch als Stark merkt, daß er keine Chance hat, zieht er sich zurück und studiert mit Hilfe seiner Frau Lucy (Anne Seymour) Jura. Er eröffnet ein Anwaltsbüro in einer Kleinstadt.

Burden verliert Stark einige Zeit aus den Augen, bis es zu einem Unglück in einer Schule kommt, bei dem mehrere Kinder sterben. Stark hatte genau auf die dem Unglück zugrundeliegenden Baumängel hingewiesen. Er beginnt erneut, zu agitieren und diesmal droht er den Mächtigen auch ernsthaft gefährlich zu werden. Deshalb stellt der amtierende Gouverneur Stark mit Sadie Burke (Mercedes McCambridge) eine Wahlkampfhelferin zur Seite. Die Idee dahinter ist einfach: Wenn Stark einen Achtungserfolg erzielt und dem Hauptgegner des Gouverneurs Stimmen klaut, ist das Amt für den Inhaber gesichert.

Burden selbst stammt aus Burden´s Landing, dem Stammsitz seiner wohlhabenden Familie, mit der er sich allerdings nicht versteht. Er steht in Daueropposition zu seinem Stiefvater Floyd McEvoy (Grandon Rhodes), der selbst ein Konservativer ist. Burdens Mutter (Katherine Warren) ist eng mit den Nachbarn, allen voran Richter Monte Stanton (Raymond Greenleaf) befreundet, in dessen Nichte Anne (Joanne Dru) Jack verliebt ist. Zudem ist er eng mit Annes Bruder Adam (Shepperd Strudwick) befreundet.

Burden schließt sich der Kampagne wieder an, zunächst als Beobachter, doch ist er auch immer mehr von Starks Zielen überzeugt. Er sieht allerdings auch genau, daß Stark sich – ohne es zu merken – zu einer Strohpuppe der Mächtigen entwickelt hat. Burden vermittelt Stark einen Besuch bei seiner Familie, wo der Kandidat auf McEvoy, aber auch auf Anne, Adam und Richter Stanton trifft. Mit seinem Charme weiß Stark diese Vertreter des Establishments zwar nicht von seinen fast sozialistisch anmutenden Ideen, durchaus aber von sich zu überzeugen.

Trotz aller Versuche verliert Stark die Wahl. Doch merkt er nun, daß er sich von den Einflüsterungen seiner eigentlichen politischen Gegner befreien muß. Bei einem Auftritt lässt er das vorgefertigte Manuskript weg und hält eine flammende Rede, bei der er einige seiner Zuhörer direkt anspricht. Obwohl er – eigentlich ein gestandener Abstinenzler – stark angetrunken ist, gelingt es Willie Stark, die Leute nun wirklich für sich zu gewinnen.

In den folgenden Jahren wächst seine Popularität. Und Stark entwickelt sich zu einem regelrechten Populisten. Sadie und Burden, der mittlerweile seinen Job bei der Zeitung aufgegeben hat, nachdem sein Chefredakteur ihn angewiesen hatte, keine positiven Artikel über Stark mehr zu schreiben, arbeiten nun mit voller Kraft für den Politiker. Sadie, das ist Burden mittlerweile klar, ist in Stark verliebt.

Was Burden hingegen nicht klar ist – oder was er nicht sehen will – ist die Tatsache, daß auch Anne, zu der er während seiner Arbeit für die Kampagne ein wenig den Kontakt verloren hatte, mittlerweile eine Affäre mit Willie eingegangen ist.

Stark gewinnt die Wahl und beginnt nun, seine Programme umzusetzen. Er lässt Schulen, Krankenhäuser, Highways bauen und sorgt dafür, daß der nie näher genannte Staat, in dem all dies sich zuträgt, Anschluß an die moderne Zeit findet. Allerdings bereichert Stark sich auch an all diesen Projekten und lässt sich wie ein König – oder ein Diktator – feiern, indem nahezu jedes öffentliche Gebäude, jede Brücke und jeder Straßenabschnitt seinen Namen trägt. Zudem entwickelt sich Stark immer mehr zu einem Autokraten. Kritische Stimmen bügelt er ab und mit dem einstigen Laufburschen Sugar Boy (Walter Burke) hat er einen Helfer, der ihm die Drecksarbeit abnimmt.

Starks Sohn Tommy (John Derek), ein Footballspieler, der seinen Vater nicht sonderlich leiden kann und der sehr genau wahrnimmt, daß der seine Frau, Tommys Mutter, betrügt und hintergeht, verfällt zusehends dem Alkohol. Bei einer betrunkenen Autofahrt versucht er, einer Polizeikontrolle zu entgehen, baut dabei einen Unfall und tötet damit seine junge Beifahrerin. Er selbst bleibt weitestgehend unverletzt.

Stark will eine Untersuchung des Autounfalls verhindern und unterschlägt die Berichte. Als der Vater des toten Mädchens bei Stark auftaucht, versucht dieser, den Mann zu umschmeicheln. Doch Tommy kommt hinzu und gesteht seine Schuld ein, wofür Stark ihn verachtet.

Bei einem Footballmatch, zu dem Stark Tommy mehr oder weniger zwingt, kann er doch keinen Feigling oder Drückeberger als Sohn für seine Zwecke gebrauchen, kommt es zu einem schweren Foul an Tommy. Der sitzt von nun an im Rollstuhl.

Jack Burden beobachtet all diese Begebenheiten und seine Zweifel an Willie Stark wachsen. Eine Reihe von Ereignissen bestärken diese Zweifel. Zum einen ist da eine Auseinandersetzung zwischen Stark und Adam. Der soll in einem neu gebauten Krankenhaus Chefarzt werden, steht Stark aber kritisch gegenüber, nimmt den Posten schließlich jedoch auch aufgrund von Burdens Intervention an. Dann verschwindet der Vater des toten Mädchens, später wird seine Leiche in einem Straßengraben gefunden. Burden hat keine Beweise, befürchtet aber, daß Stark den Mann hat verschwinden lassen. Und dann kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Stark und Richter Stanton.

Stanton hat – entgegen seiner eigenen Vorbehalte gegen Stark und dessen Methoden – das Amt des Staatsanwalts angenommen, das dieser ihm angeboten hatte. Er tritt von diesem Amt aber zurück, da er sein Vertrauen in Stark restlos verloren hat. Stark setzt Stanton unter Druck und setzt Burden, als Stanton sich nicht gefügig zeigt, darauf an, irgendwelche dunklen Punkte in dessen Vergangenheit zu finden. Obwohl Burden überzeugt ist, gerade in Richter Stantons Vita nichts zu finden, tut er, wie es ihm befohlen wurde und stößt wirklich auf einen Vorfall in dessen frühen Jahren als Jurist.

Zwischen Burden und Anne kommt es zu einem Zerwürfnis, als Anne ihm ihre Liebe zu Willie Stark gesteht und ihm offenbart, daß sie darauf hofft, Willie bald heiraten zu dürfen. Burden weiß, daß auch Sadie in Stark verliebt ist und ihrerseits seit langem hofft, der würde Lucy verlassen. Doch mittlerweile werden die diversen Affären für Stark gefährlich, weshalb er sich eine Scheidung nicht leisten kann. Stattdessen lässt er sich bei einem seiner wenigen Besuche daheim auf seiner alten Farm mit Lucy und Tom von der Presse fotografieren.

Burden wird von Stark unter Zugzwang gesetzt, was die Vergangenheit von Stanton betrifft, da dieser nach seinem Rücktritt als Staatsanwalt Oppositionsführer wird und ernsthafte Chancen hat, in den anstehenden Wahlen gegen Stark zu gewinnen. Burden bedingt sich aus, daß er zunächst selber mit Stanton reden will. Anne ihrerseits hat Stark Burdens Ergebnisse zukommen lassen und so platzt Stark in Burdens Unterredung mit Stanton und setzt diesen unter Druck. Um der Schande zu entgehen, erschießt Stanton sich.

Im Parlament kommt es derweil zu einem Absetzungsverfahren gegen den Gouverneur. Stark kann dieses mit allen legalen und illegalen Mitteln abwenden, doch als er sich vor dem Parlamentsgebäude feiern lassen will, tritt Adam aus der Menge hervor und schießt auf Willie Stark. Starks Leibwächter – allen voran Sugar Boy – schießen daraufhin Adam nieder. Während Adam fast unbemerkt auf den Stufen des Parlaments stirbt, haucht Stark ebenfalls sein Leben aus und murmelt mit letzter Kraft, daß die ganze Welt wie Willie Stark hätte sein können.

Jack Burden und Anne Stanton beschließen, die Wahrheit über Stark und seine Methoden ans Licht zu bringen und damit seine Reputation zu zerstören. Sie wollen zukünftige Willie Starks verhindern.

1946 erschien Robert Penn Warrens Roman ALL THE KING`S MEN (Dt. überarbeitet und ergänzt 2007), für den der Autor im darauffolgenden Jahr den Pulitzer Preis gewann. Drei Jahre später brachte Robert Rossen seinen gleichnamigen Film in die Kinos. Er wurde enorm erfolgreich und gewann im Jahr seines Erscheinens unter anderem den Oscar als bester Film.

Lose basieren die Geschehnisse des Romans und des Films auf der Geschichte von Huey Pierce Long Jr., der in den Jahren 1928 bis 1932 Gouverneur des Staates Louisiana war. Long war das, was man heute einen Populisten nennen würde: Er schwang Volksreden, vertrat die Haltung des „kleinen Mannes“ und gab sich als Kämpfer gegen das Establishment aus. Neben der Tatsache, daß er, obwohl dem Süden entstammend, dezidiert kein Rassist war (soweit man dies beurteilen kann), wird die Figur Huey Long vor allem durch sein Bemühen interessant, seine Forderungen auch wirklich durchzusetzen, sobald er an die Macht gelangte. Er war Demokrat und unterstützte einige Zeit Franklin Delano Roosevelt, der 1932 der 32. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde. Long unterstützte zunächst auch Roosevelts ‚New Deal‘-Programm, das ihm allerdings nicht radikal genug schien. 1936 wollte er selbst für die Präsidentschaft kandidieren und dabei Programme verwirklichen, die eine echte Umverteilung des Wohlstands in den USA zur Folge gehabt hätten. Doch all die Wohltaten, die Long Louisiana bescherte, waren mit zweifelhaften Maßnahmen erkauft. Long praktizierte einen schon erpresserisch zu nennenden Politikstil, er wurde zusehends autokratischer, einige Historiker gingen so weit, ihm ein faschistoides Muster zu unterstellen. Zudem neigte er zu kriminellen Methoden, wenn es darum ging, Gegner einzuschüchtern, und ließ sich selber gern als Wohltäter feiern, was sich in der Benennung etlicher mit seinen Programmen gebauter Hospitäler, Schulen, Brücken oder Highways niederschlug, die seinen Namen trugen. 1935 wurde er Opfer eines Attentats, dem er schließlich erlag. Sein Mörder, ein Arzt, war Schwiegersohn eines erwiesenen Long-Widersachers, den der Gouverneur aus dessen Amt drängen wollte.

Warren hatte in den Jahren der Amtszeit Huey Longs die wiederholte Möglichkeit, den Gouverneur aus der Nähe zu beobachten, er hatte Kontakt zu ihm und erlebte ihn wohl auch hinter den Kulissen. Die Hauptfigur seines Romans, Willie Stark, ist recht eng an Long angelehnt, allerdings modifizierte Warren die Person Willie Stark und ließ ihn all das sein, was Long gern zu sein behauptete, auch wenn er dafür gelegentlich die Wahrheit zurechtbiegen musste. So kommt Willie wirklich aus einfachsten Verhältnissen, kennt das Leben auf einer Farm, er ist gottesfürchtig, eiserner Abstinenzler und ungebildet. Ein „einfacher Mann“, der zunächst aufwieglerische Reden an Straßenecken hält und recht aussichtslos für kommunale Ämter kandidiert. Die gleichen Leute, die ihn zunächst lächerlich machen und seine Reden auch zu unterdrücken versuchen, nehmen sich schließlich seiner an, da sie ein gewisses populistisches Talent bei ihm entdecken. So nutzen sie ihn als eine Art Strohmann, der den Erfolg, das Bad in der Menge ruhig genießen soll, solange er bereit ist, ihre Agenda durchzusetzen. Doch Willie Stark befreit sich eines Tages, er legt sein vorgefertigtes Redemanuskript zur Seite und redet frei. Nun erreicht er die Menschen wirklich und sein scheinbar unaufhaltsamer Aufstieg beginnt.

Rossens Film weicht von Warrens Vorlage spätestens an diesem Punkt deutlich ab. Das mag den Ansprüchen und Bedingungen filmischer Dramaturgie geschuldet gewesen sein, doch kann man festhalten, daß es dem Drehbuchautor Rossen gelang, dem Regisseur Rossen ein hervorragendes Script zu schreiben. Das Grundkonstrukt behält Rossen bei, er strafft aber die Handlung und muß zwangsläufig die langen politisch-philosophischen Reflektionen wegfallen lassen, die die eigentliche Hauptfigur sowohl des Romans als auch des Films – der Reporter Jack Burden, der aus einem Konflikt mit dem eigenen reichen Elternhaus eine Karriere eingeschlagen hat, die sein Vater kaum goutieren kann, und der nach mehreren, über einige Jahre verteilte Begegnungen mit Stark dessen rechte Hand, sein Berater und Wahlkampfhelfer wird – im Roman immer wieder anstellt und die lange Passagen des Texts einnehmen. Allerdings, auch das muß man Rossen zugutehalten, bemüht er sich – und es gelingt ihm auch – diese philosophischen Seiten des Romans zumindest in den Dialogen immer wieder anklingen zu lassen. Burden sieht sich selbst als reinen Beobachter und muß doch im Verlauf der über eine lange zeitliche Strecke sich hinziehende Handlung begreifen, daß man als politischer, gesellschaftlicher oder kultureller Beobachter niemals „objektiv“ sein kann, wie es ein Naturwissenschaftler ist, der im Labor seine Versuchsreihen beobachtet. Burden muß begreifen, daß er beteiligt war und ist – sowohl an Starks Aufstieg, an all den Wohltaten und seinen Liberalisierungen, als auch an Starks Veränderung, seinen Machenschaften und seinen kriminellen Machenschaften, auch wenn diese im Film eher an Burden vorbei in Gang gesetzt werden.

Das eigentliche Meisterstück in der Figurenzeichnung des Films ist allerdings Willie Stark selbst. Das liegt ganz sicher nicht nur an Rossens Drehbuch, sondern zu mindestens gleichen Teilen an Broderick Crawfords Darstellung dieses Charismatikers, für die er ebenfalls mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Die Wandlung vom ernsthaft empörten Mann aus dem Volk zum selbstgefälligen, durchaus brutalen, mit diktatorischen Zügen ausgestatteten Alleinherrscher ist mehr als glaubhaft, sie wirkt fast zwangsläufig. Crawford zeigt einen Mann, der an sich arbeitet, der lernen will, mit Hilfe seiner Frau in Fernkursen ein Jura-Studium absolviert, einen Mann, der einen wachen Blick für Ungerechtigkeiten, Korruption, Unterdrückung und politische Fehlentwicklungen hat; aber auch einen Mann, der durch seinen Erfolg – vor allem im direkten Kontakt mit den Menschen, die ihn wählen und zu denen er von Lastwagen herunter in Dörfern und Weilern, in Kleinstädten an Straßenecken und auf Volksfesten spricht – nach und nach selbst korrumpiert wird. Dieser Willie Stark ist loyal – so stellt er den stotternden Laufburschen, der ihm zu Beginn des Films begegnet, ein und lässt ihn die Drecksarbeit erledigen – aber er erwartet auch bedingungslose Loyalität. Dieser Willie Stark tut Gutes, aber er verlangt dafür Dankbarkeit und wiederum unbedingte Loyalität, wenn nicht gar Unterwerfung. Er führt dreckige Wahlkämpfe, er sucht geradezu nach Dreck im Leben seiner Widersacher und ist letzten Endes bereit, nahezu jeden über die Klinge springen zu lassen, der ihm gefährlich wird, bzw. auch Getreue dann zu opfern, wenn dies politisch opportun erscheint.

Indem Rossen die Verbindung der Familie Burdens sowie jene seiner Verlobten Anne, die sich von ihm abwenden und Willie Stark zuwenden wird, mit Stark und seinem Team eng führt, kann er aber auch den Opportunismus selbst kritischer oder zumindest skeptischer Geister ausstellen. Staatsanwalt Stanton, Annes Onkel, tritt zwar später zurück und geht zu Stark in Opposition – was schließlich seinen Neffen dazu veranlassen wird, auf Stark zu schießen – , doch zunächst lässt er sich sowohl von dessen Charme beeindrucken, als auch von seiner rohen Art einschüchtern. Das Wechselspiel, das aus solchen Doppelstrategien entsteht, analysiert und zeigt Rossen auf brillante Art und Weise. Das Hin und Her, das Vor und Zurück, die Anziehung und das Abstoßende eines Mannes wie Stark, die Dynamik, die daraus entsteht und darin begründet liegt, definiert und dominiert das Tempo, die Rhythmik und die Dynamik des Films. Es gibt lauter kleine Drehbuchdetails, die im Film nie explizit thematisiert werden, die aber wesentlich sind, um ein solch stimmiges Bild dieses Mannes zu zeichnen. Der Abstinenzler wird nach und nach zum Dauertrinker, Stark und seine engsten Mitarbeiter kleiden sich wie Gangster in den einschlägigen Hollywoodfilmen der 30er und 40er Jahre, Starks Anziehung auf Frauen, seine nie wirklich ausgesprochene und doch immer spürbare Affäre mit Anne, die Anziehung, die er auf seine enge Mitarbeiterin Sadie Burke ausübt und die sie in einer Hassliebe zu ihm nahezu erstarren lässt – all dies sind kleine Hinweise, Andeutungen, die die Wandlung des Mannes glaubwürdig und folgerichtig erscheinen lassen. Für die Darstellung der Sadie Burke erhielt Mercedes McCambridge den dritten Oscar, den der Film gewann – als beste Nebendarstellerin.

Robert Rossen selbst kam aus einfachsten Verhältnissen, er war an der Lower East Side in New York aufgewachsen und verstand das Elend, das sein Film zeigt, aus eigener Anschauung. Nahezu zehn Jahre war er Mitglied der Kommunistischen Partei in den USA und war, wie so viele, vehement für Roosevelts „New Deal“ eingetreten. Nach dem Krieg verließ er die Partei, nicht zuletzt unter den Eindrücken dessen, was nach und nach über Stalins Gewaltherrschaft in der Sowjetunion bekannt wurde. Doch ist zumindest ALL THE KINGS`S MEN anzumerken, daß Rossen nicht nur ein klares Bewußtsein für gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Ungerechtigkeiten hatte, sondern auch sehr genau bei seinen sowjetischen Kollegen zugeschaut hatte. Er und Kameramann Burnett Guffey suchten Kamerawinkel und Perspektiven, die man im Sinne Eisensteins als dialektisch bezeichnen könnte. Wenn Wille Stark zum Volke spricht, betrachtet die Kamera ihn spätestens ab seiner Wandlung von einer manipulierten Sprechpuppe in einen engagierten Redner aus der Froschperspektive. Das lässt seine an sich schon bullige Gestalt noch mächtiger wirken. Doch anstatt dann die Zuhörer, Starks Publikum von der Bühne herab zu filmen – obwohl es natürlich Einstellungen gibt, in denen wir von erhobener Position den Redner und sein Publikum sehen – zeigen Rossen und Guffey sowohl Menschenansammlungen als auch einzelne aus der Masse ebenfalls aus Untersicht. So distanziert sich Rossens Film von seinem Hauptprotagonisten. Das Volk, der Souverän, das Individuum als Teil der Menge wird nicht nur gleich behandelt, sondern auch gleich gesetzt. Der Souverän ist es, der Willie überhaupt erst ermächtigt, zu werden, was er schließlich ist – und genau das zeigt Rossen, genau darauf legt er Wert. Wenn wir später kaum mehr Massen- und Publikumsszenen sehen, sondern viel mehr Innenaufnahmen von Willie Starks mittlerweile alles andere als ärmlichen Heim, wenn die Kamera in diesen Räumen, die sie meist zunächst in Establishing Shots erfasst, den Protagonisten oft fast unangenehm nah rückt, wird der Verrat deutlich, den dieser Mann trotz all seiner Wohltaten, die er der Bevölkerung des Staates, den er regiert, hat zukommen lassen, begangen hat. Wo er zunächst ein Mann der Straße war, ein Mann, der unter seinesgleichen um jede Stimme gekämpft hat, wird seine Macht nun konsolidiert, indem man in Hinterzimmern heimliche Absprachen trifft, vor allem aber, indem man zu immer kriminelleren, immer dreckigeren Mitteln greift und vor allem Kompromittierendes über politische Gegner sucht.

Rossen und Guffey gelingen atemberaubende Massenszenen, sie fangen die ländlichen Gegenden ebenso authentisch ein, wie die kleinstädtischen und auch die größeren Ortschaften. Wenn Starks Errungenschaften verdeutlicht werden sollen, schneidet Rossen reale Aufnahmen von großen staatlichen Investitionsunternehmungen des ‚New Deal‘ in seinen Film. Wir sehen Bilder vom Bau neuer Autobahnen und Krankenhäuser, aber auch des Hoover-Damms und anderer Prestigeprojekte. Die Story ist in keinem spezifischen Staat der USA angesiedelt, betrachtet man die oft platten Landstriche, durch die Burden, Stark und ihre Entourage fahren, meint man, im Mittelwesten zu sein, sieht man Burden die Flüsse überqueren, um auf das elterliche Anwesen zu gelangen, könnte man sich durchaus in Louisiana oder einem anderen der klassischen Südstaaten wähnen. Damit wird das Universelle der Geschichte betont. Robert Penn Warren wollte explizit keinen politischen Roman geschrieben haben – ihm sei es an der Darstellung menschlicher Schwächen, aber auch um die Frage der individuellen Verstrickung, gar Schuld, gelegen gewesen – , ob Rossen keinen politischen Film machen wollte, darüber ist nichts bekannt, doch mag man es kaum glauben.

ALL THE KING`S MEN ist ein hochpolitischer Film. Und seine Relevanz ist gerade heute umso besser zu erspüren, wo sich Populisten weltweit daran machen, die Macht in starken, wirtschaftlich starken, Ländern zu übernehmen – oder sie bereits übernommen haben. Sei es Donald Trump in den USA, sei es Boris Johnson in Großbritannien, sei es Victor Orbán in Ungarn oder seien es die ganzen Möchtegerns wie die Politiker der AfD in Deutschland oder Marine Le Pen in Frankreich – sie alle nutzen Worte und Argumente, Parolen und Sprüche wie Willie Stark. Allerdings setzen die wenigsten von ihnen Programme um, wie Willie Stark sie umsetzt – oder Huey Long es tat. Das Spiel der Macht, wie auch der deutsche Titel des Romans und der Neuverfilmung von 2006 lautet, ist aber letztlich das gleiche geblieben. Was Rossen darstellt und auch bloßstellt, wäre nahezu eins zu eins in unsere Zeit übertragbar.

ALL THE KING`S MEN ist also ein dezidiert politischer Film. Es ist aber auch ein spannender, unterhaltsamer Film, der durch die Präsenz und Genauigkeit seiner Schauspieler lebt, von seiner Dynamik, einem Mid-Tempo, das dennoch die Handlung vorantreibt, und welcher den Zuschauer ununterbrochen mit neuen Entwicklungen und Wendungen konfrontiert. Doch Rossen gelingen auch Pausen, Momente der Ruhe, in denen die Protagonisten die eigene Position in diesem Spiel, die eigene Verstrickung, reflektieren. So entsteht ein oft wirklich spannungsgeladener Film, der aber auch nachdenklich ist, dem es gelingt, eben nicht schwarz-weiße Muster zu bedienen, sondern der sich im Graubereich menschlicher Eitelkeit, Verführbarkeit und Fehlbarkeit bewegt. Das ist für einen Hollywoodfilm der Nachkriegszeit vielleicht nicht vollkommen untypisch, denkt man an die Anti-Helden und Themen des ‚Film Noir‘, doch als wirklich politische Parabel ist es zumindest ungewöhnlich.

Robert Rossen bekam massiv Probleme mit Joe McCarthys ‚Komitee für unamerikanische Umtriebe‘ (HUAC), verweigerte dort zunächst jegliche Zeugenaussage, wurde auf die berüchtigten schwarzen Listen Hollywoods gesetzt und war 1953 schließlich bereit, doch auszusagen und Namen von ehemaligen Parteikollegen und Freunden zu nennen. Dadurch wurde er ebenso zum Paria in Hollywood, wie zuvor durch seine vorherige Weigerung. Er durfte zwar wieder arbeiten, hatte jedoch lange keine größeren Erfolge mehr, bis er 1961 THE HUSTLER (1961) mit Paul Newman verwirklichte und damit einen Vorreiter zu jenen Filmen drehte, die ab Mitte der 60er Jahre unter dem Label ‚New Hollywood Cinema‘ subsumiert wurden. Mit ALL THE KING`S MEN bewies Robert Rossen allerdings, daß er ein wacher politischer Geist war, ein genauer Beobachter nicht nur politischer Vorgänge, sondern auch jener Menschen, die sich im politischen Betrieb tummeln. Und er bewies, im Grunde bis heute, daß auch in Hollywood differenzierte politische Filme möglich waren, in diesem Fall durch die Columbia Pictures realisiert. Vielleicht musste es ein Studio wie Columbia oder Warner Bros. sein, die beide einen Ruf als liberale Produktionsfirmen hatten, Firmen, die auch heiße Eisen angingen, die sozialkritische Filme drehten und bereit waren, sich kritisch mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Die Kollaboration zwischen Columbia und Robert Rossen scheint so gesehen konsequent und mindestens mit diesem Film hat sie ein wahres Meisterwerk hervorgebracht.

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