DER RECHTSRUCK. SKIZZEN ZU EINER THEORIE DES POLITISCHEN KULTURWANDELS

Eine Tiefenanalyse des aktuellen populistischen Rechtstrends, seiner Protagonisten, der Motivlage und der Aussichten, wohin das alles führt

Die Frage, was rechts sei, was links, wird mittlerweile – vor allem von Rechten – gern dahingehend beantwortet, daß diese Kategorien überholt, geradezu obsolet seien. Björn Höcke stellt in einer Rede im Frühjahr 2018 fest: Es geht nicht mehr um die Frage von links und rechts, sondern um die Frage, ob man für oder gegen Deutschland sei. Womit man einige der Kernthesen aus dem vorliegenden Band von Markus Metz und Georg Seeßlen schon beispielhaft präsentiert bekommt. Die Okkupation gegnerischer Positionen, um in extrem vereinfachter Form einen kernlosen Nationalismus zu re-inventieren, gehört zum Kerngeschäft der „Neuen Rechten“. Und zwar, so unterschiedlich sie im Einzelnen zu beurteilen sind, in Deutschland bei der AfD, in Österreich bei der FPÖ. Die gerade ihre Wirklichkeitsprüfung zu bestehen hat, in Frankreich beim Front National, der sich soeben in Rassemblement National umbenannt hat, in Italien in der Lega Nord und natürlich in den U.S.A. beim aktuellen Präsidenten Donald Trump.

Dabei kann man das Buch selbst gut als Beleg anführen, um einen Unterschied zwischen Rechten und Linken zu markieren. Man könnte bspw. sagen, daß Linke sich grundlegend in Frage stellen: Ihr Sprechen, die maßgeblichen Termini ihres Sprechens, ihre Positionen. Neben etlichen anderen Gründen – Lebenszugewandtheit kontra Lebensfeindlichkeit; tendenziell pazifistische Positionen kontra tendenziell kriegerische Positionen; Gewaltablehnung kontra prinzipieller Gewaltbereitschaft; Humanismus kontra Nationalismus/Rassismus – ist es eben genau das: Den eigenen Standort zu hinterfragen, auch, wenn er scheinbar vollkommen überzeugend wirkt. Metz und Seeßlen tun dies in nahezu jedem Kapitel ihres Buches, wenn sie bspw. liebgewonnene du scheinbar sichere Termini wie die „demokratische Zivilgesellschaft“ auf den Prüfstand stellen und darin durchaus schon Einfallbreschen rechtsnationalen Denkens erkennen können, weil Begriffe wie diese eben auch immer eine Leerstelle bezeichnen, die sowohl von links, wie von rechts zu besetzen ist. Ebenso wirkt es, wenn die moderne Medienlandschaft und der popkulturelle Diskurs hinterfragt werden und gerade dort, wo man vermeintlich die Wächter der demokratischen Vielfalt vermutet, in den abendlichen Talkshows zum Beispiel, die Verwässerung und den vorauseilenden Gehorsam gegenüber autoritären Bewegungen ausmachen kann.

In elf Kapiteln und einer kurzen Einführung erläutern die Autoren – geschult an philosophischen, psychoanalytischen und soziologischen Schulen und Denkern wie Michel Foucault, Jacques Lacan oder Jürgen Habermas – wesentliche Merkmale dessen, was gemeinhin als „gesellschaftlicher Rechtsruck“ bezeichnet wird. Manches ist brillant, wie bspw. ein Streifzug durch die Erklärungsversuche zum Rechtspopulismus, die Dekonstruktion des „Kreuzritters“ als das Phantasma des zu schützenden Männerkörpers, basierend auf Klaus Theweleits bahnbrechendem Buch MÄNNERFANTASIEN, oder der Erklärung, wie die Wahrnehmung des Einzelnen mit den „Narrativen“ des Neoliberalismus korrespondieren. Andere Kapitel wiederum scheinen zu kurz zu greifen, vor allem jenes über die „verblödete Sprache“ befleißigt sich – wohl bewusst – eben selbiger und kann doch nicht wirklich in die linguistischen und semantischen Tiefen des Themas eintauchen, weil es schlicht zu weit führen würde. Doch bleibt auch in einem solchen Kapitel Wesentliches hängen – nicht zuletzt, daß auch da, wo man es nicht vermuten wollte, wie in einem doch so unschuldig anmutenden Filmtitel wie FACK JU GÖTHE (2013), der Nährboden bereitet wird, Bildung verächtlich zu machen, sich abzuwenden und die eigene Unkenntnis, die Unbildung zu einem Wert an sich zu machen. Dies wiederum korrespondiert mit der Erkenntnis, daß ein Mann wie Donald Trump nicht trotz, sondern wegen seiner offensiv ausgestellten Nicht-Bildung, seines mangelnden Interesses an Detailfragen und Fakten gewählt wurde. So konnte er sich als einer von „uns“ – jenen, die sich prekär und zurückgelassen fühlen, vergessen vom „Establishment“ und „denen da oben“ – inszenieren.

Metz/Seeßlen kommen zu einigen Metaerklärungen, die immer wieder, in allen Kapiteln, aufscheinen. Einiges ist bereits hinlänglich bekannt – die Okkupation der Strategien und des Vokabulars des linken Gegners; die Umwertung von Werten; das Erheben von Lüge und Falschmeldungen zu „alternativen“ Wahrheiten – anderes greift klassische Erklärungsmuster auf und erstaunt doch in einer bestechenden Klarheit. So analysieren Metz/Seeßlen die neuen Rechtbewegungen als eine natürliche Folge des Neoliberalismus der letzten 20 Jahre. Auffällig ist, daß im rechtspopulistischen Narrativ von Familie, Nation und Ökonomie immer wieder Patriarchen, die eigentlich exakt erfüllen, was sie angreifen, die Macht erringen können. Vorreiter dieser Entwicklung war zweifelsohne Silvio Berlusconi. Die Engführung jener Triangel läuft wie zwangsläufig auf den wirtschaftlich erfolgreichen (manchmal auch nur scheinbar erfolgreichen) Patriarchen hinaus, der die Familie – wie es Jean-Marie Le Pen mit seinem damaligen Front National in Frankreich exemplarisch vorgemacht hat; Trump folgt ihm in seinem Beharren darauf, nur Familienmitgliedern, wie seiner Tochter Ivanka. wirklich zu trauen – mit dem Staat, ergo: der Nation, gleichsetzt, ja, zu verschmelzen sucht. L´etat c´est moi. Es ist eine brillante Analyse, in der die Autoren begreifbar machen, wie sich der Kapitalismus rechtsnationale Bewegungen zunutze macht, wie sie Räume eröffnen, die einer kapitalistischen Ausweitung von Markträumen strategisch entgegen kommen. Hinzu kommt die Tatsache, daß die neuen Rechtsbewegungen eben genau jenes Unwohlsein am neoliberalen Vollkapitalismus aufgreifen, in denen der einzelne sich nicht mehr gesehen fühlt. Doch weisen die Autoren auch klar darauf hin, daß die neuen Rechtsbewegungen in vielerlei Hinsicht erst das Unwohlsein befördern, gegen das sie dann die Medizin zu haben vorgeben. Auch hier kommt das eben beschriebene Phänomen des Wirtschaftspatriarchen wieder zum Tragen.

Ganz besonders dankbar muß man Metz und Seeßlen dafür sein, einige Bereiche offen an- und auszusprechen, wie es sich das Feuilleton bspw. nicht traut sie auszusprechen, ist man doch der Meinung, niemandem etwas „unterstellen“ zu dürfen. Mehr noch als bei den deutschen Rechtsparteien, gilt es vor allem für Trump und seine Wähler, daß am Grunde ihres Redens immer Gewalt schlummert. Seeßlen und Metz analysieren und definieren das exakt: Rechtes Reden, rechtes Denken, letztlich rechtes Handeln hat immer den Fluchtpunkt der Gewalt. Und sei es die Gewalt des Nichthandelns. Menschen ertrinken lassen, an Grenzen abweisen, auf Flüchtlinge schießen – alles bereits zur Sprache gekommene Maßnahmen – oder gar Aufrufe zur Gewalt, wie Trump es tat, als er die „Leute vom zweiten Verfassungszusatz“ ansprach, denen im Falle eines Sieges seiner Gegnerin Hillary Clinton schon „etwas einfiele“. Rechts strebt strukturell immer zur Gewalt. Und die, die dann etliche Gulags und maoistische Vernichtungslager und -maßnahmen anführen, um „links“ eben deren Gewaltbereitschaft vor Augen zu führen, beweisen, daß sie das Thema eben nicht durchdrungen haben. Daß linke Politik und vor allem Ideologie genau die Monster hervorgebracht hat, die sie bannen wollten, steht vollkommen außer Frage. Doch anders, als die Rechte es tat und tut, haben sich Linke spätestens seit den 1950er Jahren genau damit auseinandergesetzt. Sie haben sich ihren Lebenslügen gestellt. Die „Neue Rechte“ versucht schlicht, das 3. Reich als „Irrweg“ darzustellen und an einem Nationalkonservatismus der 1920er Jahre anzuschließen, die Tatsache ausblendend, daß es den „Irrweg“ ohne die intellektuelle Vorarbeit all der Spenglers, Chamberlains, Schmitts und, ja, leider auch eines Ernst Jünger, nicht gegeben hätte. Sie schufen jenen „metapolitischen“, „vorpolitischen“ Raum, den ein Götz Kubitschek heute eröffnen will, wo kulturelle Hegemonie im Sinne Gramscis hergestellt werden soll, in dem die Gedanken, die dann schließlich in Auschwitz zu ihrer fürchterlichen Erfüllung kamen, sich ausbilden und formen konnten. Da ist der strukturelle Unterschied von links zu rechts: Die Gewalt ist rechts immer schon Kernbestandteil des Redens.

Es hat in den vergangenen Jahren und Monaten etliche Veröffentlichungen zum Thema gegeben. Einige waren sehr gut, einige wohlfeil, alle meinten es gut. Unter den besseren sticht diese Studie, Analyse, Untersuchung allerdings noch einmal besonders hervor, da Metz und Seeßlen eben nicht nur den soziologischen, historischen und ökonomischen Rahmen der Entwicklungen ins Auge nehmen, sondern eben auch den ästhetischen und damit mythischen und damit letztlich psychischen Raum, in dem und aus dem heraus die neuen Rechtsbewegungen sich legitimieren. Auch, wie sehr Populismus de facto mit Pop zu tun hat, kommt ausführlich zu Sprache. Metz und Seeßlen nehmen sich der Frage an, wieso es so viele Renegaten, Überläufer aus dem einst linken Lager gegeben hat – Horst Mahler, Jürgen Elsässer, Bernd Rabehl – denen sie klug eine politische Neurose unterstellen. Verloren in der Liebe zur Avantgarde, haben diese Männer (meist Männer, fast immer Männer) den „Schritt der Linken von der Ideologie zur Philosophie“ (S.47) nicht nachvollzogen, sondern sind lieber dort geblieben, wo Politik Rebellentum, Aktion, Revolution verspricht. Einst war dies – klassische mit „68“ verbunden – die Linke, nun scheint es die Rechte zu sein, wenn auch unter verkehrten Vorzeichen. Und auch mit einigen anderen liebgewonnenen Topoi räumen die Autoren auf: Die scheinbar unpolitische Szene der Esoteriker, auch daß die Grünen den (linken) Bürgerbewegungen der 1970er Jahr entstammten sind nur zwei solcher Gewißheiten. Daß der Pop als Lebensform immer einen avantgardistischen Raum besetzt, eine Raum der Gegenwärtigkeit, der von so rückwärtsgewandten Vorstellungen, wie sie Rechte hegen, nahezu automatisch geschützt ist, wird anhand solcher Beispiele wie der Band Frei.Wild untersucht. Doch gerade in diesen Kapiteln könne Metz und Seeßlen eben auch aufzeigen, wo die „Neue Rechte“ auf ihrem Weg auch stolpern kann. Denn so geschickt sie sich anstellt im Okkupieren einst linker Strategien, sie wird weder den letzten Kern dessen, was Pop ist, noch den Kapitalismus übernehmen, erobern oder gar beherrschen können. Auch die Rechte ist nicht stärker, als es die Strukturen der Wirklichkeit,, wie wir sie seit den 1950er Jahren geschaffen haben (wie sie, die Strukturen, SICH geschaffen haben), sind. Auch, wenn sie sich gerade so gebiert, als sei sie es.

Gerade diese „Fronten“ wurden bisher viel zu wenig betrachtet, was hier nun erschöpfend (?) nachgeholt wurde. Die Autoren weisen explizit schon im Untertitel des Buches darauf hin, daß wir es mit „Skizzen zu einer Theorie des politischen Kulturwandels“ zu tun haben. Man muß ihnen für Tiefe und Genauigkeit dieser Skizzen außerordentlichen Dank zollen. Man muß allerdings auch wach bleiben und die vorgefundenen Skizzen dringend mit eigene erweitern und ergänzen. Denn das Bild dieses Kulturwandels wird nie zur Gänze ausgefüllt und somit fertig gestellt sein.

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