DIE ANGSTMACHER. 1968 UND DIE NEUEN RECHTEN

Thomas Wagner spürt Kontinuitäten deutschen Denkens nach

Der Historiker Götz Aly untersuchte in seinem Großessay UNSER KAMPF 1968 – EIN IRRITIERTER BLICK ZURÜCK[1] Kontinuitäten, die er zwischen der Vätergeneration, also der der Täter, und den Söhnen und Töchtern, die sich anschickten, die Eltern zu befragen, was deren Anteil an der Schuld dessen gewesen sei, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland und von Deutschland aus passierte, ausgemacht zu haben meinte. Ohne im einzelnen auf seine Thesen eingehen zu wollen, kann man festhalten, daß damals zumindest eine Frage aufkam, die bisher so nicht gestellt worden war – nämlich die, inwiefern das, was unter der Chiffre „1968“ gefasst wird, auch Auswirkungen im Lager des vermeintlichen Gegners, also der Rechten und Rechtsextremen, hatte. Andere Studien haben in den letzten Jahren untersucht, inwiefern sich Teile der Rechten, namentlich die sogenannten AN (Autonome Nationalisten), sich explizit Protestformen und sogar teils ihren Stil bei den linken Autonomen abgeschaut haben. In den diversen Publikationen zur „Neuen Rechten“ wird mittlerweile generell darauf verwiesen, daß sich gerade mit dem Aufbruch der Studenten in den späten 60er Jahren auch auf der Rechten etwas veränderte und man sich einerseits von überkommenen, meist antisemitischen und imperialistischen Ansichten befreite und stattdessen begann, sich selbst in eine Moderne hineinzudenken.

Thomas Wagner unternimmt in DIE ANGSTMACHER. 1968 UND DIE NEUEN RECHTEN den Versuch, noch genauer, noch tiefer in die Zusammenhänge zwischen den jetzt wieder erstarkenden Rechten und dem Erbe von 68 einzudringen und diese zu verstehen. Er studiert die zentralen Werke, er verfolgt den Weg einiger der damaligen Protagonisten nach rechts – namentlich Bernd Rabehl und Frank Bökelmann – , er unterhält sich mit diesen und einer ganzen Reihe von Vertretern der Neuen Rechten wie Götz Kubitschek, Ellen Kositza, dem Identitären Martin Sellner, aber auch alten Recken wie Alain de Benoist, der wesentlich für das Erstarken der ‚Nouvelle Droite‘ in Frankreich mitverantwortlich zeichnete, und mit Leuten, die in den 60ern, auf die Studentenunruhen reagierend, die Rechte wieder stärken wollten, sich später aber distanzierten, wie bspw. Henning Eichberg. Ob es Wagner dadurch gelingt, sich, wie er im Schlußwort schreibt, „ernsthaft mit ihren Argumenten“ auseinanderzusetzen, man mag es bezweifeln. Allzu oft wirkt der Text rein deskriptiv und entspricht einer Fleißarbeit. Wir können die Entwicklung der ‚Neuen Rechten‘ seit den 1970er Jahren nachvollziehen, einige der Brüche verstehen, die sich aufgetan haben. Wir können begreifen, wann und warum es zu Absetzbewegungen gekommen ist und nach und nach schält sich auch eine theoretische Basisanalyse modernen (oder gar postmodernen?) rechten Denkens heraus, aber ob der Leser wirklich eine Tiefenanalyse erhält? Zumindest verstehen wir, inwiefern sich rechte Denker marxistische und leninistische Analysen zueigen gemacht haben, wo sie von ihren linken Zeitgenossen gelernt, wo sie lediglich abgekupfert haben und wie – vielleicht der interessanteste Aspekt des Buches – linkes Denken nach 68 rechtes Denken beeinflusst und auch verändert hat. Die Loslösung von antisemitischen Einstellungen, das Verdammen der Holocaust-Leugnung (die dennoch gerade wieder fröhliche Urständ´ feiert, man vergleiche entsprechende einschlägige Facebookseiten) und die Befreiung von der Denkweise alter Nazis, die dem „tausendjährigen Reich“ und seinen „Errungenschaften“ nachtrauerten, aber auch die Weiterentwicklung hin zu modernem Gedankengut, das sich löst von Untergangsphantasien und rassischer Einstellung, mögen Bewegungen wie die der „Identitären“ für  junge Leute interessant und anziehend machen, ihnen gar popkulturellen Anstrich verpassen. Diese Entwicklungen aufzuzeigen und zu veranschaulichen ist ein wahres Verdienst von Wagners Text.

In dem wirklich lesenswerten Band ANGRIFF DER ANTIDEMOKRATEN[2] bekennt sich der Autor Samuel Salzborn dazu, Extremisten eher von der öffentlichen Bühne auszuschließen. Sie nicht in TV-Studios zu laden, sich nicht auf Podien zu setzen und mit ihnen zu diskutieren. Damit stellt er sich gegen einen mittlerweile mühsam errungenen Konsens, daß man die Neuen Rechten stellen und mit Argumenten überführen und desavouieren müsse. Er weist nach, daß diese aber an einem wirklichen Austausch von Argumenten, an einer Diskussion, gar einem Diskurs, nicht interessiert sind und letztendlich diejenigen, die sich die Mühe machen, mit ihnen zu sprechen, den Kürzeren ziehen werden. Seine Analyse, die wirklich eine tiefgehende ist, zielt eher darauf ab, Unentschlossene von den hinter dem rechten Neusprech verborgenen Anliegen zu überzeugen. Wagner geht exakt den anderen Weg und sucht sie auf, die Vertreter der Neuen Rechten und spricht  mit ihnen. Was dabei herauskommt, ist teils schwer einzuordnen, teils grenzwertig. Spätestens wenn man sich als Leser dabei erwischt, die Argumente eines Martin Sellner für ausgewogen zu halten, fragt man sich, ob dieser Text nicht entweder ein Schaf im Wolfspelz ist, oder ob hier einer schlicht der eigenen Analyse aufgesessen ist und sich hat einlullen lassen.

Wagners Buch ist stark, wo es Entwicklungen, Abzweigungen und auch die Wechselwirkung extrem linker und extrem rechter Haltungen thematisiert, es ist stark, wenn es erläuternd die Entwicklung rechten Denkens aus der reinen „Nazifalle“ heraus in eine vermeintlich „konservative“ Denkschule beschreibt, die sich bemüht, an die Konservative Schule der Zwischenkriegszeit und ihrer Vertreter von Ernst Jünger bis Carl Schmitt, von Spengler über Moeller van den Bruck bis zu Stewart Chamberlain anzuknüpfen. Doch wenn man dann Kubitscheks Einlassungen liest, wie harmlos das doch eigentlich alles sei und wie man sich doch eigentlich nur in Metapolitik übe – also in einer den Zeitgeist beeinflussenden Art und Weise, die keine direkten politischen Ziele verfolge – und an offenem Diskurs zu Identität und „Ethnopluralismus“ interessiert sei, dabei das leicht larmoyante „mit uns will keiner reden“ immer im Ohr, und dann an die Tiraden denkt, die ein Björn Höcke bei seinen Wahlkampfauftritten und Reden vor Gleichgesinnten in bester Joseph-Goebbels-Manier und eben diesem Duktus absondert, fragt man sich durchaus, ob Wagner da nicht als Türöffner einer Bewegung dient, die letztlich eben doch nur demokratisch redet, solange sie das muß, um im erstbesten Moment anderen genau das zu verbieten, was sie für sich ununterbrochen in Anspruch nimmt: Meinungsfreiheit. Daß der Autor dann auf den letzten Seiten seine Leser beschwört, sie, als Linke, hätten die besseren Analyseinstrumente und damit im Grunde Diskurshoheit, wenn sich die Linke nur endlich wieder auf ihre Kernkompetenzen besinne, wirkt pflichtschuldig, bestenfalls wie das Pfeifen im Walde.

 

[1] Aly, Götz: UNSER KAMPF. 1968-EIN IRRITIERTER BLICK ZURÜCK. Frankfurt a.M.; 2008.

[2] Salzborn, Samuel: ANGRIFF DER ANTIDEMOKRATEN.DIE VÖLKISCHE REBELLION DER NEUEN RECHTEN. Weinheim – Basel; 2017.

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