DER SÄNGER

Lukas Hartmann spürt den letzten Wochen im Leben des Sängers Joseph Schmidt nach

Der Schweizer Autor Lukas Hartmann hat – neben etlichen Kinder- und Jugendbüchern –mittlerweile ein großes literarisches Werk vorgelegt. Immer wieder hat er sich dabei historischen Stoffen zugewandt, manche ferner Vergangenheit entnommen, manche jüngeren Datums. Auch sein letzter Roman, DER SÄNGER (2019), befasst sich mit einer wahren Geschichte. Hartmann erzählt aus den letzten Wochen im Leben des als lyrischer Tenor, aber auch als Interpret populärer Operetten- und Volkslieder berühmt gewordenen Sängers Joseph Schmidt.

Schmidt stammte aus der Bukowina, wurde in Dawydeny geboren, einer kleinen Stadt südwestlich von Czernowitz, wo er einen Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte. Er sang schon als Kind in der dortigen Synagoge, studierte in Berlin in den 20er Jahren Gesang, wurde dort, nachdem ihm aufgrund seiner geringen Körpergröße eine Bühnenkarriere verwehrt blieb, zu einem Radiostar, der das Medium popularisierte und zugleich von ihm profitierte. Er nahm etliche Schallplatten auf, drehte einige Filme, darunter der enorm erfolgreiche EIN LIED GEHT UM DIE WELT (1933), ging auf weltweite Tourneen und wurde so auch ein international gefeierter Star. Nach der Machergreifung der Nationalsozialisten 1933 griffen auch für ihn die bald erlassenen Gesetze, die es Juden verboten, ihren Berufen nachzugehen. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels bot ihm gönnerhaft an, „Ehrenarier“ zu werden, was Schmidt ablehnte. Er emigrierte zunächst nach Österreich, ging auch von hier aus auf Tourneen, u.a. in die Vereinigten Staaten, musste dann, nach dem Anschluß des Landes ans Deutsche Reich im März 1938, erneut fliehen. Wie so viele Exilanten begann auch für ihn die Wirrnis der Flucht durch Europa, immer auf der Suche nach einem Asyl, einem Ort, an dem er bleiben konnte. So strandete er, wie viele andere auch, in Südfrankreich, jenem Teil des Landes, das zwar nicht besetzt, dessen Vichy-Regierung jedoch ein den Deutschen gewogenes Regime war. Wie für viele Intellektuelle, Schauspieler, Künstler und Musiker wurde Frankreich auch für Schmidt ein immer gefährlicheres Pflaster.

Er wollte in die Schweiz fliehen, was ihm nach mehreren Versuchen auch gelang. Hier wurde er, geschwächt von den Strapazen der Flucht und bereits von einer starken Erkältung gezeichnet, in das Internierungslager Girenbad verbracht. Nachdem er vorübergehend in ein Zürcher Krankenhaus verlegt worden war, wo zwar die Entzündung des Halses und die Erkältungs- und Grippesymptome behandelt wurden, man eine weitergehende Untersuchung wegen starker Schmerzen im Brustbereich jedoch verweigerte, kehrte er Mitte November 1942 nach Girenbad zurück. Sein Zustand verschlechterte sich weiterhin, die Lagerleitung erbarmte sich seiner und ließ ihn ein Zimmer im Restaurant Waldegg beziehen, wo Schmidt am 16. November entkräftet starb.

Hartmanns Erzählung setzt auf der letzten Etappe der Flucht in Südfrankreich ein, als sich Schmidt gemeinsam mit Selma Wolkenheim, deren Bruder seit Jahren in der Schweiz lebt, und zwei weiteren jüdischen Flüchtlingen auf den Weg zur Schweizer Grenze macht. Dabei wechselt er zwischen dem sehr direkt, unaufgeregt, fast nüchtern wiedergegebenen Bericht dieser Tage und Wochen und Schmidts inneren Monologen. Immer wieder schweift der schon deutlich von der Erschöpfung und der Krankheit gezeichnete Sänger in seine Vergangenheit ab, erinnert sich an die Kindheit, den gestrengen Vater, die Mutter, die als einzige an das fast kleinwüchsige, schwache Kind und seine Begabung glaubte, denkt an die Geschwister, daran, wie sein Aufstieg einst begann, legt aber auch immer wieder Rechenschaft vor sich selbst an.

Hartmann scheut sich nicht, den Sänger Schmidt mit allzu menschlichen Makeln und Versäumnissen auszustatten. Der Schmidt, den uns dieser Roman offenbart, ist ein begnadeter Künstler, der sich hinter seinem Talent auch verschanzt, der sich die Unbilden des Alltagslebens vom Hals hält, der sich umschmeicheln und umhegen lässt. Immer wieder in Liebschaften verstrickt, die er meist beendet, bevor sie zu ernsthaft werden und also auch Verantwortung für den andern verlangten, seinem Charme und seiner Stimme vertrauend, das vornehme Leben eines Stars genießend, die Annehmlichkeiten auskostend, schiebt er nicht nur reell, sondern auch innerlich, psychisch, emotional alle Unliebsamkeiten des Lebens von sich. Dazu gehört unter anderem ein Sohn, Otto, den er zwar anerkennt, den er aber ablehnt, weniger, weil er das Kind nicht mag, sondern weil ein Kind nicht in sein Lebenskonzept passt.

Hartmann gelingt es also, ein sehr persönliches, differenziertes, keinesfalls unkritisches Portrait dieses Mannes zu zeichnen, zugleich verdeutlicht er aber anhand dieser exemplarischen Geschichte eines Künstlers, der sich wenig um Politik schert, durch die historische Situation aber dazu gezwungen wird, das Schicksal Tausender und Abertausender Emigranten, die vor den Nazis fliehen mussten. Die Not, als möglicherweise Staatenloser keine Grenze mehr passieren zu dürfen, ungültige Papiere, Hunger und die Strapazen stehen hier einem Charakter gegenüber, der es gewohnt war, umsorgt zu werden, für den Frauen immer auch ein Mutterersatz waren, der aber zugleich auch loslässt, wenn es ihm zupasskommt. Man versteht also Joseph Schmidt sowohl als Individuum, wie auch als Beispiel für gerade jene, die bis dato ein sorgenfreies Leben gelebt hatten. Ein Leben in diesem Fall, das sich im Grunde nur um die Musik drehte, ein kulturell definiertes und geprägtes Leben, das der zunehmenden Barbarei entgegensteht. Und man muß – leider – begreifen, daß die Barbarei letztlich die Kultur, das Schöngeistige, bezwingt. Joseph Schmidt wird, trotz all seines Ruhms, keine besondere Behandlung, kein Erbarmen zuteil. Die Schweizer Behörden, ängstlich, fast devot, immer darum bemüht, den Nazis um keinen Preis eine Angriffsfläche zu bieten, wollen gerade eine Persönlichkeit wie Schmidt keine Extrawünsche erlauben.

Unterbrochen wird die Erzählung Hartmanns immer wieder von – wahrscheinlich authentischen – Berichten aus den diversen Ämtern, von Erzählungen derer, die in der Nähe des Internierungslagers lebten, die das Elend der Geflüchteten, die dort mehr oder weniger gefangen gehalten wurden, hautnah erleben konnten. Deutlich wird so eben auch, wie man sich innerlich – wider besseren Wissens – verhärten konnte, wie man die Not anderer für sich hinter der „normativen Kraft des Faktischen“, hinter Erlassen, behördlichen Anweisungen und anonymen Befehlen verbergen konnte. Und dennoch leise sein Gewissen pochen spürte. Schmidt wird in Hartmanns Erzählung immer wieder auch Mitleid zuteil, er trifft auf Menschen, die ihn erkennen und ihm helfen wollen, dennoch ist er letztlich Opfer eines Systems, das sich heraushält, sich hinter der Neutralität versteckt und – ebenfalls durchaus antisemitisch geprägt – sogar erste Hilfe verweigert.

DER SÄNGER ist ein eindringliches Buch, getragen von einem stillen, gleichbleibend melancholischen Grundton, bei dem der (interessierte) Leser eh weiß, worauf es hinausläuft. So wird die Brutalität jener Jahre, so wird die Ausweglosigkeit derer, die fliehen mussten, einmal mehr verdeutlicht, was in Zeiten wie unseren unbedingt gelesen werden sollte. Wenn man die Möglichkeit hat, ein Leben – und sei es nur eins, denn mit einem Leben stirbt die Welt – zu retten, so muß man dies tun, und sei es nur, um das eigene Seelenheil zu erretten. Wer zusieht, wer geschehen lässt, wer sich raushält, wird mitschuldig.

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