DER WILDE DETEKTIV/THE FERAL DETECTIVE

Jonathan Lethem legt eine seltsam enthobene Analyse einer harten, gespaltenen und brutalisierten Gesellschaft vor

Jonathan Lethems THE FERAL DETECTIVE (DER WILDE DETEKTIV; Original erschienen 2018) erinnert ein wenig an jene frühen Filme, die mit der CG-TechnikI – Computer Generated Imagery – arbeiteten. Hatte man es nicht gerade mit einem Werk von Steven Spielberg zu tun, fiel oftmals auf, daß die Wesen, die da künstlich in das Material kopiert wurden, kein spezifisches Gewicht hatten. Sie wirkten nicht mit ihrer Umgebung verbunden, sie wirkten losgelöst von Boden, Gravitation und jenen, mit denen sie interagierten. Dennoch schaute man einigen dieser Werke gern zu, denn obwohl diese CGI-Wesen völlig aus dem Film herausfielen, war es manchmal ganz interessant, oft auch ungewollt komisch, zu beobachten, was sich die IT-Künstler da so hatten einfallen lassen. So ähnlich verhält es sich also mit Lethems Roman. Der wirkt ebenso losgelöst von gesellschaftlicher Realität, historischer Bedingung und gegenwärtigen Entwicklungen, obwohl er genau diese drei Themen behandelt.

Uneinheitlich und auf seltsame, schwer erfassbare Weise zerfasert wirkt diese wilde Geschichte um eine junge Frau, die sich – schamgebeugt, weil sie sich als Teil der Medienmeute für mitverantwortlich für den Sieg Donald Trumps bei der Präsidentschaftswahl 2016 fühlt – auf die Suche nach der verschwundenen Tochter einer guten Freundin begibt, dabei auf den titelgebenden wilden Detektiv trifft, der sie in eine seltsame Welt einführt. Eine Welt, die sich abseits der Zivilisation in der kalifornischen Mojavewüste etabliert hat; eine Welt, die aus den Gesellschaften der „Kaninchen“ und der „Bären“ besteht – die einen wie die andern Mutationen einstmaliger Hippiekommunen, die zusehends verwildert und regressiert sind. Die junge Frau namens Phoebe, die uns die Geschichte erzählt, verliebt sich schnell und wild in den Detektiv und folgt ihm in die gefährliche Wüste. Dort wird sie nicht nur fündig, was ihr Ziel – die junge Arabella – betrifft, sondern sie entdeckt in sich auch atavistische Anwandlungen, die sie zu einem Mitglied eben jener „Kaninchen“, eine weitestgehend matriarchale Gesellschaft, und schließlich sogar zur Mörderin werden lassen. Phoebe trifft auf höchst seltsame Gestalten, Barbaren der Postmoderne, kaltblütige Mörder und jede Menge Junkies, und muß einige Abenteuer bestehen, bevor sie ihren Charlie Heist – so der Name des wilden Detektivs – in die Arme schließen kann, auch wenn diese Beziehung bis zur letzten Seite prekär bleibt.

Lethems Ich-Erzählerin bedient sich einer meist schnoddrigen Sprache, lässt keinen – meist ironischen, gelegentlich sarkastischen, seltener zynischen – Spruch aus und stößt dabei zunächst alles und jeden vor den Kopf. Sie muß aber auch lernen, daß sie in einer Umgebung, in der Kondensstreifen am Himmel, Feuer in der Nacht und bestialisch ermordete Jugendliche, die zeichenhaft auf Berghöhen angeordnet werden, weitaus mehr Aussagekraft und Symbolwert haben, als das gesprochene oder gar geschriebene Wort. Umgeben von Zivilisationsverächtern, Apokalyptikern und Propheten der letzten Tage, die die Atombombe als Metapher begreifen, prallt die gelernte New Yorkerin immer wieder an die Grenzen ihrer Profession und deren Werkzeug – der Sprache. Natürlich ist es nicht ohne Ironie, wenn ein Schriftsteller der Sprache ein so einschränkendes Urteil ausstellt, zugleich aber die Zeichenhaftigkeit der Natur, der Elemente und aller möglichen menschgeschaffenen Erscheinungen fast filmisch herausstellt. So bleibt der Leser auch lange im Unklaren, ob er es hier mit einem grundironischen Werk zu tun hat, oder ob das, was ihm da geboten wird, alles ernst nehmen soll.

Daß Phoebes Schnoddrigkeit zunächst oft verunglückt und auch wenig witzig wirkt, mag sicherlich auch der Übersetzung zuzuschreiben sein, man wird diesen New Yorker Slang, diesen Sound der Hipster und Upper Class People kaum adäquat ins Deutsche übertragen können. Doch ist sie in Anbetracht dessen, was die Heldin hier teils erleben muß, auch nicht kohärent. Die Geschichte entwickelt sich zusehends in ein wirkliches Abenteuer, sie wird härter, auch brutaler, und entbehrt nicht gewisser tragischer Momente. Und so fragt sich der Leser zusehends, was Lethem eigentlich erzählen will, denn ein Krimi, wie der Titel vermuten ließe, ist dies nicht. Ein literarisches Vexierspiel, wie der deutsche Titel mit Anleihen an Roberto Bolaños Roman DIE WILDEN DETEKTIVE evoziert, ist dies aber auch nicht. Wohl kann man gewisse Verwandtschaften erahnen, bspw. zu Autoren wie Kurt Vonnegut, Richard Brautigan und anderen, doch bleibt das eben eher Ahnung denn Gewißheit. Die Verspieltheit und auch Abgehobenheit der Story, das Changieren zwischen beißender Ironie und brutaler Realitätsanalyse verweist letztlich immer nur auf sich selbst.

Es scheint Lethem vor allem darum zu gehen, eine Gesellschaft abzubilden, die einen Menschen wie Trump hervorgebracht und mit ungeheurer Macht ausgestattet hat; eine Gesellschaft, deren verschiedene Parteien sich gespalten, kompromißlos und auf verschiedenen Seiten eines nahezu unüberwindlichen Grabens gegenüber stehen, dabei immer verschrobener werden und schließlich zum Äußersten bereit sind, um ihre Ansichten und Meinungen als die alleingültigen durchzusetzen. Aber auch eine Gesellschaft – Phoebes häufige Verweise auf Songs, Filme und Fernsehserien jüngeren Datums legen dies nahe – die sich aus den Niederungen einer Popkultur speist, in der Fakten und Fiktionen nahtlos ineinander übergehen und die ihre ganz eigenen, prägenden Metaphern und damit auch Wirklichkeiten schafft. Phoebe kehrt irgendwann in ihre Welt – das gehobene New Yorker Milieu der Kreativen, der Medienschaffenden und Künstler – zurück und findet hier vor allem Ignoranz, Abgestumpftheit und Desinteresse vor. Einzig die Demonstration, die sich wenige Tage nach Trumps Wahlsieg in den Straßen der Metropole des 20. Jahrhunderts bildet, macht ihr Mut. Doch für Phoebe, die in ihrer Liebe auch sich selbst gefunden zu haben scheint, kommen diese Zeichen eines Erwachens zu spät. Sie bricht wieder auf, um ihren Geliebten in der Wildnis zu finden und aus den Fängen der „Bären“ zu befreien.

Lethem schreibt als Mann aus der Sicht einer Frau, was an sich schon meist keine gute Idee ist. Aber er bastelt sich hier ein psychologisch wenig glaubwürdiges Wesen zusammen, das es gar nicht erwarten kann, den Körper ihres Geliebten mit ihren sprachlich nun ja eher nutzlosen Lippen abzutasten und zu bearbeiten, die sich zwar ihre Angst eingesteht, zugleich aber bereit ist, sich auf jedes noch so verrückte Abenteuer einzulassen und sich schließlich einer nie näher definierten Übermacht, einer feindlichen Armee der Nacht zu stellen und sie mit Hilfe eines verwahrlosten Kindes zu besiegen. Psychologisch ebenso unglaubwürdig sind hier alle anderen Figuren, was aber im Kontext dann keine Rolle mehr spielt. Man muß eben akzeptieren, es hier weitestgehend mit Menschen, Figuren, Pappkameraden zu tun zu haben, die sich ja ganz bewusst aus den mit menschlichen Werkzeugen analysierbaren  Strukturen verabschiedet haben. Dysfunktionalität als Norm. So neu ist das nicht.

Trotz all dieser Kritik muß man Lethem zugestehen, daß sein Roman einen seltsamen Sog entwickelt und man doch wissen will, wie es weiter geht und zu welchem Ende das Ganze kommt. Er findet zwischen einigen verunglückten manchmal doch auch beeindruckende Bilder und Metaphern, und es ist ihm bei allem Sarkasmus, der den Text grundiert, doch anzumerken, daß es ihm bitter ernst ist. Und vielleicht hat er ja recht, daß gewollte Unernsthaftigkeit, Sarkasmus und Ironie die letzten Mittel sind, dieser Welt und ihren Bewohnern zu begegnen, will man nicht vollends verrückt werden.

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