DIE HERRIN VON THORNHILL/FAR FROM THE MADDING CROWD

Thomas Hardys Roman als Melo in atemberaubenden Bildern

Bathsheba Everdene (Julie Christie) ist eine junge Frau voller Lebenslust. Sie lebt bei ihrer Tante auf deren bescheidenen Hof. Eines Tages trifft sie Gabriel Oaks (Alan Bates), einen Schäfer, der nahbei lebt. Die beiden bändeln ein wenig an, flirten miteinander. Gabriel macht Bathsheba schließlich einen Heiratsantrag, den diese jedoch ablehnt.

Kurz darauf wird Oak von einem fürchterlichen Schicksalsschlag getroffen: Einer seiner Hunde versteht die Unruhe der Herde falsch und treibt sie nachts über eine Klippe in den Tod. Oaks verliert damit seine gesamte Lebensgrundlage. Um die Schulden zu bezahlen, muß Oaks seinen kleinen Hof aufgeben.

Derweil erbt Bathsheba überraschend den Hof, eher das Anwesen, ihres Onkels. Es ist Thornhill, dessen Herrin sie nun ist.

Bathsheba ist entschlossen, das Handwerk eines Gutshofbesitzers zu erlernen, wozu sie zunächst ihren Angestellten und Untergebenen klarmachen muß, daß sie mit harter Hand führen kann und sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt, nur, weil sie eine Frau ist. Auch am Markt für Weizen und Korn muß sie sich zunächst durchsetzen, ist es doch sehr ungewöhnlich, daß eine Frau hier ein- und verkauft.

Auch Oak, der sich mittlerweile als Landarbeiter verdingt, kommt in die Gegend, in der Thornhill liegt. Er trifft eher zufällig auf Bathsheba, die ihn als Schäfer einstellt, da sie weiß, wie gut er arbeitet und daß man sich auf ihn verlassen kann. Doch fühlt sie sich durch seine schroffe und oft unverblümte Art auch herausgefordert.

Bathsheba erregt bald das Aufsehen einiger Männer. Darunter Mr. William Boldwood (Peter Finch). Boldwood ist ein eingefleischter Junggeselle, ein Hagestolz. Ihm gehört das neben Thornhill größte Anwesen der Gegend, er gilt als erfahrener und gerechter Landherr, Bauer und Arbeitgeber.

Aus einer Laune heraus schickt Bathsheba Mr. Boldwood einen Valentinsgruß. Darauf die Aufforderung „Marry Me“. Boldwood, der nie auch nur im Entferntesten daran gedacht hatte, zu heiraten, verliebt sich sehr ernsthaft in die junge Frau. Doch als er ihr einen Antrag macht, weicht Bathsheba aus und vertröstet ihn. Allerdings plagt sie auch das schlechte Gewissen, hatte sie doch eigentlich nur einen Scherz machen wollen.

Auf Thornhill geht das Leben weiter. Bathsheba gerät immer wieder mit Oak aneinander, schließlich entlässt sie ihn. Doch als ihre Schafherde krank wird, weil die Tiere von einem giftigen Unkraut gefressen haben, ist nur Oak in der Lage, zu helfen. So stellt Bathsheba ihn erneut ein. Ddurch wächst seine Machtposition.

In der Gegend ist eine Garnison der königlichen Kavallerie stationiert. Hier dient Sergeant Troy (Terence Stamp), ein Aufschneider und Frauenheld. Er ist mit Fanny Robin (Prunella Ransome) liiert, die er aus finanziellen Gründen nicht heiraten kann. Als sie jedoch schwanger wird, ist er bereit, sie zu ehelichen. Fanny vertut sich am Tag der Hochzeit und erscheint nicht rechtzeitig zur Trauung, was ihr Troy so übelnimmt, daß er die Hochzeit absagt. Kurz darauf lernt er Bathsheba kennen und beginnt einen Flirt mit der jungen Herrin von Thornhill.

Bathsheba, die ein fast freundschaftliches Verhältnis zu Liddy (Fiona Walker), einem ihrer Hausmädchen, pflegt und auch ansonsten vertrauten Umgang mit den Angestellten und Arbeitern des Anwesens pflegt, erfährt von diesen, daß Troy ein Schwerenöter ist, ein Hallodri. Dennoch verliebt sie sich in ihn und gibt seinem Werben schließlich nach. Die beiden heiraten, was sowohl Oak als auch Mr. Boldwood mit Argwohn beobachten.

Schnell zeigt sich, daß auf Troy wenig Verlaß ist. Bei einem Fest zum Erntedank will er zugleich die Hochzeit mit Bathsheba nachfeiern und gibt großzügig Brandy aus, obwohl seine Gemahlin ihn mehrfach bittet, dies nicht zu tun. In dieser Nacht zieht ein Sturm auf und Oak, der nicht an der Feier teilnehmen wollte, tritt in die Scheune und erbittet die Hilfe von fünf Männern, damit er die Heuernte vor dem Regen schützen kann. Troy lehnt dieses Ansinnen ab, er wolle jetzt feiern und an diesem Tag solle niemand arbeiten. Oak versucht im peitschenden Regen, zu retten, was zu retten ist. Bathsheba, die wie die übrigen Frauen von Troy aus der Scheune verbannt wurde, weil er nun nur noch mit Männern trinken wolle, sieht Oaks Bemühungen und eilt hinzu, um ihm zu helfen. Gemeinsam gelingt es ihnen, das Schlimmste zu verhindern.

In der Folge zeigt sich, daß Sergeant Troy vollkommen ungeeignet zum Führen eines bäuerlichen Anwesens ist. Zudem geht er weiterhin seinem normalen Zeitvertreib nach: Er spielt, wettet bei Hahnenkämpfen und verjubelt Bathshebas Geld im Suff. Seine oft hochtrabende Art und sein durchaus gehässiges Wesen tragen zu Unstimmigkeiten unter den Arbeitern bei, was Troy allerdings egal ist.

Derweil kommt Fanny, die nach der rüden Zurückweisung durch Troy aus dem Landkreis verschwunden war, zurück in die Gegend. Sie ist offensichtlich schwanger und von körperlicher Schwäche gezeichnet. Sie nimmt Kontakt zu Troy auf, der ihr helfen will, sie allerdings auf den nächsten Tag vertröstet. Anstatt ihr zumindest eine Bleibe im Stall anzubieten, schickt er sie in die Regennacht hinaus und erklärt ihr, wo er sie anderntags treffen will.

Doch Fanny überlebt die Nacht nicht. Krank und schwach bricht sie an einer Kirchenpforte zusammen. Der schnell herbeigerufene Arzt kann nichts mehr ausrichten. Allerdings trifft Fannys Tod – und der des Kindes, von dem unklar ist, wer der Vater war – Troy härter, als er es erwartet hätte. Er lässt den Sarg mit Fannys Leichnam und dem ihres Kindes nach Thornhill bringen. Oak, der sieht, wie der Sarg ankommt, wischt im letzten Moment die Aufschrift „…and child“ weg, die unter Fannys Namen angebracht war. Oak will nicht, daß Bathsheba erfährt, daß Fanny überhaupt schwanger war.

Bathsheba ist befremdet, daß Troy so um die junge Frau trauert. Als sie sich abends dem Sarg nähert, sieht sie, daß etwas weggewischt wurde. Sie ahnt, worum es geht und bricht den Sarg auf und findet darin die tote Fanny, die ihr totes Kind im Arm hält. Bathsheba begreift, daß Troy ihr nie wirklich gehört hat. Während sie tief betrübt und voller Mitleid für die arme Frau damit beginnt, die Leiche mit Rosen zu schmücken, die Troy ihr geschenkt hatte, taucht dieser auf und bricht verzweifelt am Sarg zusammen. Auf Bathshebas eindringliche Bitte, ihr zu sagen, daß er immer nur sie geliebt habe, gibt er zu, daß dies mitnichten der Fall sei. Im Gegenteil, so erklärt er voller Emphase, wären seine Gefühle für sie nicht einmal ein Bruchteil dessen, was er für Fanny empfunden habe. Er kümmert sich um ein Grab für Fanny, das er höchst selbst dekoriert, dann verschwindet er. Lediglich seine Kleidung findet sich am Strand. Entweder, so die Annahme, habe er sich selbst umgebracht oder sei Opfer eines Schwimmunfalls geworden.

Die Zeit geht ins Land. Mr. Boldwood beginnt erneut, um Bathsheba zu werben. Er ringt ihr das Versprechen ab, sie in sechs Jahren, sollte sich ihr Mann bis dahin nicht eingefunden haben, zu ehelichen. Erneut hält Bathsheba ihn hin. Doch schließlich ist die Zeit gekommen, um sich ehrlich zu machen. So gibt sie Boldwood das geforderte Versprechen.

Boldwood, der völlig unerfahren ist im Umgang mit Gefühlen und vor allem der Liebe, erklärt sich gegenüber Oak, von dessen eigenen Gefühlen gegenüber Bathsheba er nichts ahnt. Er gesteht Oak ein, daß er nicht wisse, wie man seine Gefühle im Zaum hielte, nicht ihr Opfer würde. Er sei ein Verstandesmensch.

Boldwood besucht gemeinsam mit Bathsheba einen Jahrmarkt, der in der Gegend seine Zelte aufschlägt. Hauptattraktion ist eine Theateraufführung im großen Zelt, in der die Abenteuer des rebellischen Straßenräubers Dick Turpin erzählt werden. Es ist kein geringerer als Sergeant Troy, der diese Rolle spielt. Er hat seinen „Badeunfall“ offenbar gut überstanden. Troy erkennt Bathsheba und Boldwood sofort, während diese nicht ahnen, wer sich hinter der Maske des Banditen verbirgt. Lediglich während eines fingierten Fecht-Kampfes mit Soldaten meint Bathsheba ihren ehemaligen Gatten zu erkennen, der ihr einst an einem schönen Tag im Moor die wesentlichen Fechthiebe gezeigt hatte.

Nach einiger Zeit gibt Boldwood ein großes Fest zu Ehren von Bathsheba. Er will sie offiziell als seine Verlobte in die Gesellschaft einführen. Doch bevor er dies verkünden kann, taucht unvermittelt Sergeant Troy auf und fordert Bathsheba auf, mit ihm zu kommen. Sie wehrt sich, will sich nicht von Troy einfach mitnehmen lassen, als sei sie sein Besitz. Bevor die Szene hässlich wird, ertönt ein Knall. Boldwood hat Troy mit einem gezielten Schuß ins Herz getötet. Bathsheba bricht verzweifelt weinend über Troys Leichnam zusammen.

Boldwood wird in Haft genommen. Bathsheba versucht, ihren Alltag so gut es geht weiter zu leben. Eines Tages trifft sie Oak, der ihr erklärt, daß er kündigen werde, da er gen Kalifornien ziehen will, wo er sein Glück zu machen hofft. Bathsheba bittet ihn, zu bleiben, nie habe sie seine Hilfe so gebraucht wie in diesem Moment. Oak grinst und erklärt ihr, sie kenne den Preis für sein Bleiben. Denn es gebe nur einen einzigen Grund für ihn, zu bleiben: Er wolle jeden Tag an ihrer Seite aufwachen.

Daraufhin heiraten die beiden und Oak wird neuer Herr auf Thornhill.

John Schlesinger dürfte dieser Tage vor allem für MIDNIGHT COWBOY (1969), seinen Beitrag zum ‚New Hollywood Cinema‘, und den Thriller MARATHON MAN (1976) bekannt sein. Daß er ein Regisseur gewesen ist, der in den unterschiedlichsten Genres zuhause war, daß er ganz unterschiedliche Themen zu behandeln wusste, ist wahrscheinlich eher in Vergessenheit geraten. Er schuf mit SUNDAY BLOODY SUNDAY (1971) einen der ersten und wesentlichen Filme, die sich ernsthaft und differenziert mit Homo-, respektive Bisexualität auseinandersetzten und hatte zuvor mit der Thomas-Hardy-Verfilmung FAR FROM THE MADDING CROWD (1967) bewiesen, daß er auch die große, epische Leinwand und die anspruchsvolle Literaturadaption beherrscht.

FAR FROM THE MADDING CROWD, 1874 erschienen, war Thomas Hardys erster wirklicher kommerzieller Erfolg und zudem das erste jener Werke, die schließlich als die „Wessex-Romane“ berühmt werden sollten, da sie in dem fiktiven County Wessex angesiedelt waren, welche Hardy seiner Heimatregion Dorset nachempfunden hatte. Das ländliche südwestliche England des viktorianischen Zeitalters findet bei Hardy seine literarische Reflektion. Hardy verstand es, soziale Belange in psychologisch genau beobachteten Figuren und deren Beziehungen untereinander zu verdeutlichen. Zugleich lieferte oft emotional aufgeladene Geschichten, die man durchaus als Blaupause für das Melodrama bezeichnen kann. Die Hauptfigur dieses Romans, Bathsheba Everdene, kann getrost als eine der großen, ja wegweisenden Frauenfiguren der Literatur des 19. Jahrhunderts betrachtet werden. Ähnlich wie Gustave Flauberts Madame Bovary oder Theodor Fontanes Effi Briest, ist auch Bathsheba Everdene – ungeachtet der Tatsache, daß sie alle von Männern erdacht und ausgeformt wurden – eine Frauenfigur, die neu, die emanzipiert war.

Bathsheba ist eine starke Person, eine Frau, die sich das Recht herausnimmt, selbst ihre Lebensentscheidungen zu treffen, eine Frau, die mit ihren inneren und äußeren Widersprüchen lebt, eine Frau, die zudem das Recht einfordert, eine Bindung, also eine Ehe, aus ihren ganz ureigenen Gründen einzugehen, nicht nach gesellschaftlichen, sozialen oder ökonomischen Aspekten, sondern, wenn möglich, aus Liebe. Bathshebas Problem ist schließlich auch nicht, einen geeigneten Mann zu finden, sondern die Liebe zu erkennen, wenn sie ihr begegnet. Sie ist in Hardys Konzeption keine unfehlbare Figur, im Gegenteil. Der Autor schildert sie mit all ihrer Ambivalenz, in tiefe innere Zweifel verstrickt und durchaus voller Fehler. In jugendlichem Leichtsinn, im Überschwang, beginnt sie ein Speil mit den Männern, macht dem Hagestolz Mr. William Boldwood schöne Augen, ohne zu begreifen, was ihr Scherz – eine Valentinskarte, auf die sie „Marry Me“ geschrieben hat – bei dem Junggesellen auslöst, weist den Schafhirten und Verwalter Gabriel Oak auf seinen Platz, da er nach dem von ihr angetretenen Erbe von Thornhill, einer größeren Farm im County, nicht mehr ihrem Stand entspricht, und heiratet schließlich den Sergeanten Troy, einen Draufgänger und Hochstapler, der sich eigentlich der jungen Fanny Robin versprochen hatte und diese dann, obwohl sie schwanger ist, sitzenlässt.

Bathsheba Everdene ist – als literarische Figur – hochkompliziert, ausgesprochen widersprüchlich und voller großer und kleiner Fehler. Hardy gelingt es aber, sie psychologisch genau zu zeichnen und die Entwicklung, die die zunächst sehr junge Frau durchläuft, nachvollziehbar und verständlich zu machen. Hardy könnte man getrost auch deshalb als den Urvater des Melodramas bezeichnen, da er seine psychologisch immer sehr genau beschriebenen Figuren in oft überlebensgroße Szenerien und Szenarien setzte, in denen sie, oft von Sturm und Regen in den entscheidenden Momenten begleitet, brutale und meist auch nicht mit einem Happyend gesegnete Schicksale erleiden mussten. Die Genauigkeit erreichte Hardy nicht zuletzt dadurch, indem er den inneren Bewegungen seiner Figuren, ihren Reflektionen und Selbstgesprächen folgte und den Leser damit an ihren Entwicklungen teilnehmen ließ. Literatur in ihrer ureigenen Erscheinungsform eben.

Schlesingers Film, das sei vorab gesagt, kann dieser Vielfalt und Differenz der Figuren nicht gerecht werden. Er kann die oft typischen Probleme der klassischen Literaturverfilmung nicht vermeiden. Das Drehbuch von Frederic Raphael vereinfacht, es greift gewisse, sehr offensichtliche Aspekte der Protagonisten heraus und konzentriert sich in diesem Falle auf die Liebeshändel der wesentlich Beteiligten. Dabei vereinfacht es aber auch die Figuren selbst. Gabriel Oak, manchmal bärbeißig, manchmal zugänglich von Alan Bates gespielt, entspricht im Film dem klassischen Heroen. Er ist stolz, er ist ein Macher, der im rechten Moment weiß, was zu tun ist. Hardy hatte ihn durchaus so angelegt, doch in Bates´ Interpretation geht all das Grüblerische, das die Figur eben auch aus- und glaubwürdig macht, nahezu komplett verloren. Sergeant Troy bleibt zwar der Blender, der er ist, auch im Roman, doch wird er durch Terence Stamp vielleicht zu greifbar, zu eindeutig und damit zu einem Klischee. Peter Finchs Boldwood kommt noch am nächsten an sein literarisches Vorbild heran. Er ist ein Gentleman, ein eigentlich eingefleischter Junggeselle, er ist ein erfolgreicher Farmer, der seinen Hof mit zwar harter, doch gerechter Hand zu bestellen weiß und seine Angestellten so behandelt, daß diese ihn ehren. Nur in emotionalen Angelegenheiten ist Boldwood ebenso unerfahren wie ungeschickt und wird durch den vermeintlichen Zuneigungsbeweis einer jungen Dame völlig aus der Bahn geworfen, verliert seine Souveränität und schließlich fast sein Leben.

Diese Männer sind auch bei Hardy schon als gewisse Prototypen angelegt und vertreten verschiedene männliche Eigenschaften, die allerdings in der Literatur, der Sprache, erst recht in Hardys poetischer Sprache, weitaus differenzierter wirken, als wenn man ihnen eine Gestalt verleiht und ihre Handlungen in filmische Eindeutigkeit gießt. Hardy allerdings – und Raphaels Drehbuch bemüht sich immer wieder, vor allem in den Dialogen, diesen Aspekten des Romans gerecht zu werden – bricht das Klischee, das zu seiner Zeit womöglich noch gar keines war, immer wieder auf. Nachdem es zu spät ist und Fanny tot, sehen wir einen wirklich vor Trauer vergehenden Sergeant Troy, der allerdings seiner Wut, auch seiner sozial bedingten Wut, keinen entsprechenden Ausdruck verschaffen kann und sie unkontrolliert gegen Bathsheba richtet. In diesen Kapiteln beobachtet Hardy sehr genau männliches Verhalten, vor allem irrationales männliches Verhalten.

Schlesingers Film hält sich eng an die Vorlage, fügt dem Geschehen nichts hinzu, gibt Hardys Geschichte recht genau wieder. Doch setzt Schlesinger mehr auf das Epische, denn auf die Psychologie der Figuren. So entwickelt sein FAR FROM THE MADDING CROWD sich zu einem astreinen Liebesreigen, die sozialen Konflikte werden eher gestreift und nur dort stärker hervorgehoben, wo sie zur näheren Motivation der Personen herangezogen werden müssen. Troys sozialer Aufstieg durch die Hochzeit mit Bathsheba ist ein wesentlicher Aspekt der Figur, die an früherer Stelle gegenüber Boldwood erklärt, er, Troy, sei zu arm, um zu heiraten. In Bezug auf Gabriel Oak wird der soziale Aspekt hingegen kaum bis gar nicht betont. Dafür verwendet Schlesinger sehr viel Zeit auf jenen Schicksalsschlag, der Gabriel erst in die missliche Lage bringt, sich als Landarbeiter oder Mäher verdingen zu müssen, obwohl er eigentlich eine Farm führen kann. Jene Szenen, in denen Gabriels Hund die Schafsherde irrtümlich über die Klippen in den Tod treibt, gehört zu den aufregendsten des Films.

Und der ist nicht arm an aufregenden Szenen und Einstellungen. Drei Jahre, bevor er selbst den Regiestuhl erklimmen sollte, stand Nicolas Roeg für John Schlesinger hinter der Kamera. Viel von seiner sehr gelungenen, oft faszinierenden Atmosphäre verdankt der Film Roegs Arbeit. Er etabliert in der ersten halben Stunde des Films, die uns die Protagonisten oft im Außen zeigt, entweder in der Landschaft oder aber im und am Hof, die grundlegende Stimmung. Wessex erscheint hier wahrlich „far from the madding crowd“, was in etwa “fern der hektischen Menge“ bedeutet, also abseits der Städte, vor allem Londons, wo die Moderne schon um sich greifen mag. Hier, im Ländlichen, folgt das Leben den natürlichen Gegebenheiten, hier herrscht ein gemächlicher Rhythmus, dem Roeg mit einerseits gewaltigen, epischen Bildern und langsamen Schwenks über die weiten Landschaften, das Moor, die Küstenwiesen, entspricht, andererseits aber auch mit gelegentlichem Einsatz der Handkamera, die uns dann entweder einen subjektiven Blick bietet oder aber nah an die Arbeiter herangeht und damit das Schaffen auf einem Landgut einfängt, konterkariert und damit betont.

Hier muß man das Land kennen und verstehen, wofür stellvertretend Gabriel Oak steht. Er begreift, wann ein Sturm aufzieht und weiß, daß die Sicherung der Ernte wichtiger ist, als eine Nacht zu feiern oder ausgelassen zu sein. Dieses Land ist gewaltiger als seine Bewohner und ihnen immer überlegen. Roeg spielt mit dem Betrachter, wenn er anfangs nicht die Horizonte nutzt und sie in Kontrast zu dem saftigen Grün der Wiesen und Felder setzt, sondern dem Himmel oftmals nur einen schmalen, fast vergessenen Streifen am oberen Bildrand lässt und die Figuren damit in diese Landschaften hineinsetzt und darin sehr verloren wirken lässt. Erst später im Film lässt Roeg mehr Himmel in die Bilder einsickern, dieser ist dann allerdings nicht strahlend und sonnig, sondern von dunkel dräuenden Wolken bevölkert, die immer das Unheil schon verkünden, das dann über die Protagonisten hereinbricht. Und Roeg gelingt es so, das Land zugleich grandios, erhaben und bedrohlich wirken zu lassen. Hier sind die Menschen den Unbilden der Natur ausgeliefert.

Am eindrucksvollsten und am nächsten bei sich und seiner Geschichte ist Schlesingers Film wohl in jenen Momenten, in denen das Alltagsleben und seine gelegentlichen Unterbrechungen inszeniert werden. Mehrfach sind wir Zeugen der Unterhaltungen in der Küche des Anwesens, wir sehen das Gesinde bei der Arbeit, wir hören den Klatsch und Tratsch, der über die Herrin und ihre jeweiligen Verehrer erzählt wird. Schlesinger hat entweder sehr passende Charakterdarsteller, eher aber Laien gecastet, wodurch diese Szenen sehr authentisch wirken. Man sieht die Härte des Lebens in diesen Landstrichen, auf einem Hof, in den Gesichtern, man ahnt die Armut, aber auch den Stolz dieser Menschen. Auch das Fest, das Sergeant Troy in einer Scheune für alle Angestellten des Hauses und des Guts gibt, ist ein solcher Moment des Films. Voller Detailgenauigkeit und Liebe zur Ausstattung, wirkt die bäuerliche Gesellschaft ausgesprochen authentisch.

Und über allem thront Julie Christie als Bathsheba Everdene. Sie ist ungeheurer präsent und es gelingt ihr immer wieder, einer Figur, die vom Drehbuch weitaus eindimensionaler angelegt ist als ihr literarisches Vorbild, einzuschreiben, was diese auch ausmacht oder ausmachen könnte. In ihrer Darstellung schwingt immer dieses Mehr mit. Daß die Film-Bathsheba oft wie eine etwas hysterische und launische junge Dame anmutet, die mit dem Feuer spielt und dann nicht mehr weiterweiß, ist dem Drehbuch geschuldet, nicht Christies Darstellung. Ihr nimmt man die Härte, die diese Figur eben auch ausmacht, das Unbedingte, das Hardy ihr eingeschrieben hat, den Lebensmut und den Willen, in einer Welt zu bestehen, die von Männern für Männer entworfen ist, absolut ab. Jene Szenen, in denen sie sich auf dem Getreidemarkt durchsetzt und den Herren, die sie nicht ganz ernst nehmen, zeigt, wo Bartel den Most holt, gehören mit zu den schönsten des Films. Und auch diese Momente glänzen zudem durch eine ausgesprochen genaue Ausstattung. Und durch Humor. Auch der ist Teil des Films. Der vermeintlich verstorbene Sergeant Troy, der in einem Wanderzirkus in einer Theatervorstellung Dick Turpin gibt, dabei immer um seinen angeklebten Schnurbart besorgt, da er Gefahr läuft, durch seine Gattin und deren Begleiter, Mr. Boldwood, die im Publikum sitzen, entdeckt zu werden, ist eine solche Szene, in der Detailgenauigkeit und Humor zusammenkommen und sich entfalten können.

Hans Schifferle beschreibt FAR FROM THE MADDING CROWD in seinem Begleittext zur Cinemathek-Edition der Sueddeutschen Zeitung als ein Produkt der Swingin´ Sixties und macht darauf aufmerksam, daß Christie und auch Terence Stamp zum Pop-Jet-Set jener Dekade gehörten, ihre Rollen also bereits mit einem bestimmten Image aufluden. Gerade Stamps Bild des sexy man passt sehr gut zu der Rolle des eitlen und hochtrabenden Sergeant Troy. Dieser Soldat, der ein Lebemann sein will, wie so viele Figuren der britischen Literatur aber auch an seinem Stand und dem Unvermögen, diesen zu leugnen oder zu überwinden einerseits, den sozialen Bedingungen und Maßstäben seiner Zeit andererseits scheitert, muß schließlich etwas haben, was Bathsheba ihn dem aufrichtigen Gabriel Oak und dem aufrichtig liebenden und ansonsten so oder so als bessere Partie geltenden Mr. Boldwood vorziehen lässt. Christie ihrerseits war seit ihrer Rolle der Lara in DOCTOR ZHIVAGO (1965) ein echter Star des internationalen Kinos und des Swingin´ London der 60er Jahre im Besonderen. Sie hatte zuvor bereits zweimal mit John Schlesinger gearbeitet, was ihr den Oscar für die beste Hauptdarstellerin in DARLING (1965) eingebracht hatte. Vielleicht erklärt dieses gegenseitige Vertrauensverhältnis, weshalb der Regisseur ihr so viel Raum für ihre eigene Interpretation der Rolle ließ. So bekommt Bathsheba einen Glamour-Faktor, der sie als Erscheinung schon ihrer Umgebung enthebt.

Ob man Schifferles Urteil, der Film sei ein Spiegel seiner Zeit, zustimmen mag, sei jedem Betrachter selbst überlassen. Bei all der Akkuratesse, die bei der Ausstattung aufgewandt wurde, den Nebendarstellern, die offensichtlich glaubwürdig, authentisch, die Landbevölkerung des 19. Jahrhunderts darstellen sollen mit all den Unreinheiten der Haut, den Falten und sonstigen sichtbaren Zeichen der Härten dieses Lebens in rauer Umgebung und anstrengender Arbeit, lässt doch darauf schließen, daß Schlesinger eben einen authentischen Film wollte. Wahr ist natürlich aber auch, daß die Grundthematik der Geschichte Themen der 60er Jahre spiegelt, unter anderem das Verhältnis der Geschlechter zueinander. In einer auch im Roman wesentlichen Szene, in der Sergeant Troy Bathsheba zu beeindrucken hofft, führt er ihr bei einem „Rendezvous“ die wichtigsten Hiebe, Stiche und Streiche mit dem Säbel vor, dann simuliert er, einem Kinde gleich, einen Angriff der Kavallerie, die mit gezückten Schwertern in die gegnerischen Reihen einbricht. Im Buch der Versuch, mit soldatischem Eifer eine Frau zu beeindrucken, nimmt Roeg die Szene mal in extremer Nahaufnahme, dann in ebenso extremen Totalen auf. Schnitt und Montage konstruieren daraus dann eine psychedelisch anmutende Folge von Umschnitten, Ransprüngen und Distanz, fast Verwirrung. Wir sehen Bathsheba zwar beeindruckt, von ihrem sich produzierenden Galan aber auch offensichtlich unter Druck gesetzt und ein wenig befremdet. Ihre Frage, ob der Säbel scharf sei, erwidert Troy fast herablassend, dies sei natürlich nicht der Fall, nur um später zunächst eine Raupe, die über ihre Bluse kriecht, mit der Spitze der Waffe zu entfernen und ihr dann eine Locke abzuschneiden.

Troys Charakter – er ist ein Spieler, ein Stutzer, ein Blender – verdeutlicht sich hier einerseits, allerdings macht Liebe bekanntlich blind, weshalb Bathsheba dies kaum zu erkennen in der Lage ist; andererseits drückt sich in der Aggressivität seiner Handlung natürlich auch ein patriarchales Prinzip aus. Troy er-sticht sie symbolisch, er spießt sie auf, was natürlich eine sexuelle Konnotation hat. Der Mann beherrscht die Frau, sie gehört ihm – gängige Ansichten in der viktorianischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Und betrachtet man es genau, verhält sich Mr. Boldwood in seiner zuvorkommenden, gelegentlich auch charmanten Art nicht viel anders. Nie würde er sich zu solch vulgären Handlungen herablassen, wie Troy sie aufführt. Doch ist sein jahrelanges Werben um Bathsheba eben doch auch von typisch männlichen Ansichten geprägt, was eine Frau zu tun und zu lassen habe. Beide Männer können nicht verstehen, daß diese Frau unabhängig sein will, sich nicht in Konventionen verstricken mag und einen eigenen, freien Willen besitzt. Gabriel Oak allerdings ist von anderem Kaliber: Als er gewahr wird, daß ein Sturm aufzieht, ihm aber keiner der anderen Arbeiter des Anwesens helfen will, nimmt er den Kampf gegen die Naturgewalten alleine auf. Bathsheba beobachtet ihn bei seinen verzweifelten Versuchen, die Ernteballen abzudecken, damit sie nicht den Regenmassen zum Opfer fallen. Sie eilt herbei, um zu helfen – und Gabriel nimmt diese Hilfe sofort an. Sie arbeiten zusammen, sie sind in diesem Moment ein gleichberechtigtes Team. Doch auch er wird Bathsheba am Ende des Films seinen Willen aufzwingen, indem er sie nahezu erpresst, ihn zu heiraten, wenn er bleiben und nicht nach Kalifornien auswandern soll, wie er es eigentlich vorhatte.

Zweimal also heiratet Bathsheba Everdene in FAR FROM THE MADDING CROWD. Ein weiteres Mal hat sie einem Mann – Mr. Boldwood – die Ehe versprochen, wenn auch auf sein ewiges Drängen hin. Daß sie die Ehe so verzweifelt zu wollen scheint, so sehr, daß sie letztlich auch bereit ist, mindestens einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt, kann als abschätzig gegenüber weiblicher Unabhängigkeitsbemühungen betrachtet werden. Als wolle Hardy im Grunde sagen, daß, gleich was sie behaupten, Frauen letztlich doch unter die Knute des Mannes wollen. Doch keineswegs ist dem so. Bathsheba Everdene unterliegt natürlich den Zwängen ihrer Zeit und natürlich mag sie es, begehrt zu werden – und warum auch nicht? Sie ist unerfahren und sich ihrer Gefühle nicht sicher, doch liebt sie Sergeant Troy, auch wenn dies eine stürmische, eine jugendlich entflammte Liebe sein mag. Nach dem Tod Fannys muß sie begreifen, was es bedeutet, eben nur zweite Wahl gewesen zu sein, wenn nicht gar eine reine Wahl der Vernunft, die ein Soldat getroffen hat, um sich sozial und finanziell besser zu stellen. Aber auch die reine Tatsache, daß sie zweimal heiratet, stellt eben auch ihre Unabhängigkeit aus. Und mehr noch ist es ihre jeweilige Wahl: Nicht den angesehenen und allseits beliebten Mr. Boldwood erhört sie, sondern ihr Herz fliegt einem schneidigen Kavalleristen zu. Und dann einem Landarbeiter, der sich in seiner stoischen Ruhe so oder so immer sicher war, die einzig richtige Wahl für sie gewesen zu sein.

Raphaels Drehbuch und Schlesingers Regie heben sehr auf die Liebeshändel ab und betonen das melodramatische Moment dieser Geschichte. Das sollte man ihnen allerdings nicht zu sehr zum Vorwurf machen, da sich natürlich genau dieser Aspekt der Story hervorragend für einen epischen Film eignet. Es ist schade, daß sie sich andere, mindestens ebenso wesentliche Aspekte der Geschichte haben entgehen lassen, bzw. sie lediglich etwas verschämt andeuten. Mit Nicolas Roegs Bildern und der ausgreifenden Erzählweise bleibt nach nahezu zweieinhalb Stunden Laufzeit dennoch ein eindringliches Filmerlebnis. Auf 35 Millimeter an Originalschauplätzen in Dorset und Wiltshire gedreht, später auf 70 Millimeter kopiert, beweist John Schlesinger hier, daß er das große Format, daß er klassisches Filmerzählen beherrscht. Emotional, witzig, schicksalsschwanger, melodramatisch – FAR FROM THE MADDING CROWD ist bei aller Kritik, die man üben kann, ein immer noch fantastisches Filmerlebnis.

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