DIE RECHTSCHAFFENEN MÖRDER

Ingo Schulze spürt den Verwerfungen im Dresdner Bürgertum nach

Der Autor Ingo Schulze lässt in seinem jüngsten Roman DIE RECHTSCHAFFENEN MÖRDER (2020) den Schriftsteller Schultze (mit t) eine Legende erzählen: Die Legende vom Antiquar und (zeitweiligen) Buchhändler Norbert Paulini, der sich in den 70ern in  Dresden ein Antiquariat aufbaut. Schon seine Mutter träumte davon und trug in den 60er Jahren mit Hilfe ihres Mannes, Norberts Vater, eine Unmenge an gebrauchten Büchern zusammen, die die Wohnung verstopften, auf denen der kleine Norbert als Säugling schon schlief. Dies ist der Grundstock, auf dem Paulini schließlich seinen Handel gründet. Doch ist dies kein gewöhnlicher antiquarischer Handel, denn Paulinis Liebe zur Literatur, vor allem der deutschen des 19. Jahrhunderts, lässt ihn die Bücher auch schon mal für ganz kleine Münze weitergeben, wenn er spürt, daß der, der das betreffende Buch – oder auch eine Gesamtausgabe – wirklich begehrt. So entsteht in seinem in einer Altbauwohnung untergebrachten Antiquariat nach und nach auch ein Salon, eine zutiefst bürgerliche Institution, die der DDR und ihren staatlichen Institutionen, wie bspw. der Staatsicherheit, bis zu deren Ende trotzt. Paulini selbst sieht sich als unpolitischen Menschen, die Zeitläufte interessieren ihn wenig und so wundert er sich erst recht, als nach der Wende seine Kunden ausbleiben. Aus den unterschiedlichsten Gründen: Die einen erfahren, daß seine Frau und die Mutter des gemeinsamen Sohnes, Stasimitarbeiterin gewesen ist und allerhand – angeblich nur Nutzloses – an die Behörde weitergegeben hat; andere genießen die neue Konsumwelt; Bücher werden billiger, auch als neue Ausgaben – die Gründe sind vielfältig, für Norbert Paulini jedoch sind sie so oder so existenzbedrohend.

Der Autor Schultze ist einer der Kunden bei Paulini, er liest auch in dessen Salon, und er ist es, der dem Antiquar und dessen Antiquariat ein Denkmal setzen will. Doch je tiefer er vor allem in Paulinis Leben und Geschichte nach der Wende eindringt, desto fremder wird ihm dieser, bis er bei einem seiner letzten Besuche feststellen muß, daß Paulini offenbar ins rechtsextreme Lager abgedriftet ist. Erschwerend in diesem Verhältnis kommt hinzu, daß Schultzes Freundin auch ein Verhältnis zu Paulini unterhält. Und dann sind beide plötzlich tot – sowohl der Buchhändler, als auch Lisa, die Frau, in die sowohl Paulini als auch der Erzähler Schultze verliebt sind.

Schulze, Ingo Schulze, erzählt dies aber erst im zweiten Teil seines in drei Teile zersprengten Romans. Die „Legende“ bricht mitten im Satz ab, als der Autor Schultze (mit t) von der Polizei nach seinem Verhältnis zu Paulini und Lisa befragt wird. Im ersten – dem längsten – Teil des Romans DIE RECHTSCHAFFENEN MÖRDER tritt der Autor Schultze (mit t) nur gelegentlich als Ich-Erzähler in die (eigene) Erzählung ein. Das lässt sich allein deshalb nicht vermeiden, weil er Teil der Geschichte des Antiquariats und des Salons und ein Stammkunde war. Nun, im zweiten Teil des Romans, reflektiert Schultze auf das, was er geschrieben hat: Daß er den „falschen“ Ton gewählt haben könnte, eben jenen fast märchenhaften Ton einer „Legende“, daß er Paulini zugleich zu fassen bekommt und ihn doch nie „richtig“ charakterisiere; daß ihm der Buchhändler in gewisser Weise fremd geblieben sei; daß Paulini in seiner unpolitischen Blase eben auch immer indifferent gegenüber der Gesellschaft gewesen ist, eine arrogante Haltung eingenommen habe, die sich über weltliche Dinge erhoben, die sich als außen stehend definiert habe. Schultze ist sich weder sicher, ob er dies alles richtig vermittelt, noch, ob es rechtens ist, überhaupt so über den Buchhändler zu schreiben. Immerhin warnt Paulini Schultze bei ihrer letzten Begegnung, fast könnte man sagen: er droht ihm. Denn Paulini hat von Schultzes Versuch über das Antiquariat erfahren – durch Lisa.

Auch dieser zweite Teil des Romans DIE RECHTSCHAFFENEN MÖRDER reißt plötzlich ab, im dritten, dem kürzesten Teil des Textes, tritt uns dann Schultzes Lektorin entgegen, die sich fragt, ob ihr Schützling der Mörder von Paulini und Elisabeth Samten, genannt Lisa, sein könnte. Doch Aufklärung bringt auch dieser abschließende Teil nicht. Stattdessen trifft die Lektorin auf Paulinis Erben, einen Tschechen, der sich schon um das Antiquariat gekümmert hatte, nachdem Paulini – der im Elbhochwasser 2002 große Teile seiner Bestände verlor – Dresden verlassen und sich in die ländliche Gegend der sächsischen Schweiz zurückgezogen hatte. Und wieder erhält der Leser neue Facetten dieses Norbert Paulini, die dennoch nicht erklären können, wie aus einem belesenen, der Aufklärung und dem deutschen Idealismus verpflichteten Leser – denn das ist Paulini in allererster Linie: Ein Leser – ein Wutbürger mit rechtsextremen Tendenzen werden konnte.

Ingo Schulze hat – das erklärt er selbst – vor allem ein Buch über Bücher geschrieben, eine Liebeserklärung „an das Papierbuch“. Das ist ihm zweifelsohne gelungen. DIE RECHTSCHAFFENEN MÖRDER strotzt nur so von intertextuellen Bezügen, natürlich vorwiegend zur deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Ingo Schulze hat aber auch einen Roman darüber geschrieben, wie man einen Roman schreibt, bzw. ihn vielleicht nicht schreiben sollte. Vielleicht sollte man eher keine „moderne“ Legende verfassen, den Gegenstand der Erzählung damit in eine künstliche Distanz setzen und damit auch einer gewissen Verantwortung entziehen. Und Ingo Schulze hat den Versuch unternommen, das Psychogramm eines jener Menschen zu liefern, die sich – trotz bürgerlichen Hintergrunds, trotz gewonnener Freiheiten nach der Wende – seit den 2010er Jahren in Straßenbewegungen wie der Dresdner PEGIDA zusammenrotteten und vor allem ein unglaubliches Wut- und Hasspotential zur Schau trugen. Hass gegen einzelne Politiker, Hass gegen Ausländer, vor allem muslimischen Glaubens, und Hass gegen das System, das scheinbar zu viel versprochen und zu wenig davon gehalten hat.

Dieses letzte Anliegen gelingt Ingo Schulze allerdings am wenigsten. Dafür bleibt dieser Norbert Paulini zu ungreifbar, ist auch als Figur der DDR schon zu unsympathisch, wird aber eben auch nie so erfasst, daß seine Rechtsdrift für den Leser nachvollziehbar würde. So muß man in seiner eigenen Interpretation doch wieder auf all die Erklärungen, auch die Klischees zurückgreifen, die die einschlägige Presse, die TV-Medien und etliche ratlose Bücher mit Erklärungen seit nunmehr fast zehn Jahren liefern. Man füllt die Lücken auf, die Ingo Schulze lässt – was an sich ein gelungener Zug der Konstruktion des Romans ist, andererseits eben genau der Spekulation Tür und Tor öffnet, der wir uns doch alle nicht mehr hingeben wollten, um nicht zu schnell und zu indifferent zu urteilen.

Am besten hingegen gelingt Ingo Schulze die Liebeserklärung an die Literatur in ihrer herkömmlichen Form, dem „Papierbuch“. Das macht Spaß und ist für Kenner der deutschen Literatur auch eine wahre Fundgrube von offenen und versteckten Zitaten. In dieser Liebeserklärung an den deutschen Roman steckt natürlich auch eine Liebeserklärung an das Bürgertum, das Bürgerliche selbst, an den Gedanken der Aufklärung – Paulini ist auch ein aufmerksamer Leser der deutschen Idealisten, aber auch der Romantiker sowie Nietzsches und Schopenhauers – und den damit einhergehenden Verpflichtungen gegenüber dem republikanischen Gedanken. Es ist aber auch – Schultze (mit t) verweist auf seine späte(re) Begegnung sowohl mit der Frankfurter Schule, als auch mit den französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten – eine Mahnung an das, was die Aufklärung, möglicherweise, immer schon in sich trug: eine negative Dialektik. Wenn aus einem belesenen und die Literatur, das Denken so hoch wertschätzendem Mann wie Norbert Paulini, aber auch aus einem Schriftsteller wie Schultze (mit t), ein kleinlicher, aus Eifersucht hassender Mensch werden kann, wie sollte es dann nicht zur Erregung, ja Empörung, jener kommen, die sich – möglicherweise über weniger Bildung verfügend – auf den Straßen als Mob zusammentun und sich gegen vermeintliche Unterdrückung zur Wehr setzen?

Der Schriftsteller Ingo Schulze gibt seinem Text damit natürlich auch einen weiteren, ganz anderen Bezug, einen Bezug, der sowohl literarischer Natur ist, als auch politischer, und der die Grenze zwischen Fiktion, Erinnerung und einer herrschenden Wirklichkeit fließend, durchlässig macht. Im Jahr 2008 erschien das Großwerk DER TURM des Autors Uwe Tellkamp. Tellkamp beschreibt ein sich in eine Art innere Emigration zurückgezogen habendes Bürgertum, das im Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch die DDR mehr ausgesessen hat, als daß es sie begleitet, gar erlebt hätte. Der Roman galt als Sensation, wurde gelegentlich in Bezug zu Thomas Manns BUDDENBROOKS gesetzt und bescherte seinem Autor die Reputation eines deutschen Großschriftstellers, der den maßgeblichen Roman zur jüngsten deutschen Vergangenheit geschrieben habe. Tellkamp, sechs Jahre jünger als Ingo Schulze, ebenfalls aus Dresden stammend, hat seitdem einen interessanten Weg eingeschlagen, den man aber als politisch aufmerksamer Leser seinen früheren Werken als durchaus eingeschrieben wahrnehmen konnte. Mittlerweile steht er in den Reihen jener eher rechts anzusiedelnden Intellektuellen, gerade in den neuen Bundesländern, die eine angebliche Meinungsunterdrückung anmahnen, behaupten, in Deutschland fände eine „Umvolkung“ statt, bei der das „deutsche Volk“ gegen eine überwiegend muslimische und dadurch angeblich leichter zu steuernde Bevölkerung ausgetauscht werden solle und die zudem vielfach der Überzeugung sind, mittlerweile habe die Bundesrepublik den Status einer Diktatur, mindestens der DDR vergleichbar, erreicht.

Ohne daß Tellkamp oder sein Werk je erwähnt würden, korrespondiert Ingo Schulze in DIE RECHTSCHAFFENEN MÖRDER mit DER TURM, indem er Paulini ebenfalls mehrfach den Weißen Hirschen aufsuchen, ihn dort sogar eine Affäre mit einer Professorengattin haben lässt, die durchaus eine der Figuren aus Tellkamps Roman sein könnte. An anderer Stelle wird mit Manfred von Ardenne eine Dresdner Koryphäe erwähnt, die auch bei Tellkamp eine gewisse Rolle spielte. Paulini, Schulzes Held oder Anti-Held, man kann da durchaus geteilter Meinung sein, ist einerseits nach den Vorstellungen der DDR ein Außenseiter, hält aber – ohne selbst wirkliche bürgerliche Ambitionen zu hegen – bürgerliche Werte der Bildung etc. aufrecht. Dennoch steht er in Bezug zu Tellkamps der Wirklichkeit entweichendem Bürgertum. Einige der Figuren aus jenem Werk könnten Gäste in Paulinis Salon, Kunden seines Antiquariats gewesen sein.

Es entsteht also ein dichtes Geflecht aus Anspielungen und Querverweisen. Bleibt die Frage, ob das alles Spaß macht. Ingo Schulze, ein genauer Beobachter der Wende- und Nach-Wendezeit, der es immer verstanden hat, seinen präzisen Blick durch eine präzise Sprache zu vermitteln, der „Simple Stories“ – so der Titel eines seiner frühen Werke – in einer scheinbar einfachen Sprache zu erzählen verstand, der damit Menschen eine Sprache gab, die selbst in jenen Jahren nach der Wiedervereinigung selten ein Sprachrohr hatten, also jene, die irgendwie versuchten, den Kopf über Wasser zu halten, durch die schweren Zeiten zu kommen, dieser Ingo Schulze erzählt auf fast 200 der insgesamt 318 Seiten eben jene „Legende“ des „Aufrechten“ Norbert Paulini. Dann stellt er diese Erzählung in Frage und trifft dabei den Kern dessen, was sich der Leser selbst schon gefragt hatte: Ist das so richtig? Kann man das so erzählen? Natürlich kann man, darf man, soll man auch, wenn man es so für richtig hält. Aber offenbar war Schulze sich da selbst nicht ganz sicher. Denn irgendwie wirkt das alles etwas trivial, in seiner Distanzierung auch sehr entrückt. So sind die wirklich interessanten Teile des Romans jene letzten knapp 120 Seiten, in denen das Geschehen reflektiert wird, ohne daß wir je wirklich Aufklärung über die Charaktere und die Vorkommnisse erhalten. Zwei Menschen kommen zu Tode – durch einen Freitod? Durch einen Doppelmord? – und damit wird das Geschehen auf eine Art dramatisiert, die dem Psychogramm im Wege steht, wie sie auch dem Versuch, etwas über die Menschen zu erfahren, die schon in der DDR anders waren und dieses Anderssein in die „neue Zeit“ mit einbrachten.

So entsteht da ein Roman vor den Augen des Lesers, der einen seltsam unberührt lässt, dessen Protagonisten dem Leser seltsam entfremdet bleiben und damit ab einem Punkt der Erzählung auch gleichgültig sind. Man bleibt ratlos gegenüber dieser Geschichte. Ratlos gegenüber Norbert Paulini, ratlos gegenüber dem Schriftsteller Schultze (mit t) und auch ratlos gegenüber dem, was Ingo Schulze nun eigentlich erzählen wollte. Denn über die gesellschaftspolitische Entwicklung Dresdens sagt dies alles nur wenig aus, wenn überhaupt. Und einen Roman zu schreiben, nur um einen anderen Roman in seiner Märchenhaftigkeit zu entblößen, kann nicht wirklich sein Anliegen gewesen sein.

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