MISSION PFLAUMENBAUM

Jens Wonneberger lauscht in die Stille der ostdeutschen Provinz

Was wir gelernt haben in Folge der immer harscher werdenden Auseinandersetzungen um Abgehängte, Wutbürger und neue Völkische in den letzten Jahren, ist, daß wir es nicht nur mit einem Konflikt zwischen Ost und West, zwischen rechts und links, Alt und Jung zu tun haben, sondern auch und vor allem mit einem Konflikt zwischen den weltläufigen Metropolen und ländlichen Räumen. Und in diesen ländlichen Räumen leben nun, angeblich gerade im Osten, sprich: den neuen Bundesländern, viele Abgehängte, Wütende und völkisch Denkende, die oft zumindest rechts wählen. „Integriert erst mal uns!“ soll einer jener Sätze gewesen sein, die gern in der Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland gefallen sei. Jens Wonneberger nimmt uns in seinem Roman MISSION PFLAUMENBAUM (2019) mit in jene ostdeutsche Provinz, irgendwo rund um Dresden, wo sich die oben beschriebenen Phänomene wohl gut beobachten lassen. Und er versucht, den Phänomenen auf seine ganz eigene Weise auf den Grund zu gehen.

Kramer, ein Bibliothekar, reist, offenbar aus Dresden, wo er lebt (und wo auch Jens Wonneberger zuhause ist), ins Umland, um seine Tochter Justine, genannt Tine, zu besuchen. Die ist mit ihrem Mann auf eben solch ein Dorf gezogen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Man nutzt den Bus, der nur selten fährt, und es braucht seine Zeit, bis man seinen Bestimmungsort erreicht. Und ist man einmal da, fühlt man sich sehr, sehr weit von Irgendwo. Zwischen Kramer und seiner Tochter läuft es nicht gut, es herrscht eine gewisse Sprachlosigkeit, unter anderem, weil die Tochter dem Vater auch Jahre und Jahrzehnte nachdem es passiert ist die Trennung von der Mutter vorhält – obwohl die, laut Kramer, damals die treibende Kraft gewesen sei. So umschleichen sich die beiden, sprechen in Codes, die sich schon in Justines Kindheit und Jugend herausgebildet haben, eine gewisse Blödelei, in deren Hermetik Außenstehende nicht eindringen können. Auch nicht Hans-Günther, Justines Gatte, der sich in den zwei Tagen, die Kramer im Haus von Tochter und Schwiegersohn weilt, eher wortkarg gibt. So verbringt der Leser dieses Wochenende mit diesen drei Menschen.

Und mit Rottmann, einer Art Faktotum des Dorfes, der sich direkt nach Kramers Ankunft an dessen Fersen heftet und auch in den kommenden Tagen wie gerufen jedes Mal zur Stelle zu sein scheint, sobald Kramer das Haus verlässt. Rottmann erzählt und erzählt – vom Dorf, den Menschen, dem Kriegsende, den Jahren in der DDR. Und er meckert. Deutet an, was alles schief läuft im Lande – die Flüchtlinge, die Fremden, die Treuhand, die Wessis, die hier übernommen hätten undundund. Kramer hört zu, zunächst widerwillig, dann interessiert und schließlich bringt ihn Rottmanns Redefluß zur Reflektion des eigenen Lebens, eigener Erwartungen und Versäumnisse. Wie man 89 demonstriert hat, wie man hoffte, eine offene und gute Zukunft auch für das eigene Kind zu schaffen – und wie viele dieser Träume irgendwo unterwegs zerschellt und verloren gegangen sind.

Jens Wonneberger wird in MISSION PFLAUMENBAUM – der Titel ist nichtssagend und steht auch eher für einen Aufbruch, den der Roman möglicherweise bereithält, nicht aber beschreibt – auf eine hintersinnige Art politisch. Politisch in dem Sinne, etwas wie nebenher einzufangen, das mittlerweile in weiten Teilen der (ostdeutschen?) Bevölkerung virulent scheint. Zugleich bleibt sein Text aber auch vage, seltsam unbestimmt, distanziert gegenüber seinem Gegenstand, seinen Personen. Manchmal fast poetische Beschreibungen der Landschaft und des Dorfes wechseln mit ebenso direkten und in ihrer Direktheit wenig zurückhaltenden Passagen des Sprechens dieses Mannes, Rottmann. Ein Mensch, der in seinem Redefluß nicht nur Geschichte und Geschichten generiert, sondern der darin auch die eigene Wahrhaftigkeit, das eigene Da-Sein manifest werden lässt. Reden als Ich-Erfahrung.

Es fällt auf, daß sonst niemand im Text vorkommt. Was ist das für ein Dorf? Da leben Justine und ihr Mann, beide Stadtmenschen, die, wie so viele momentan, ihr Glück in der Einsamkeit des Ländlichen suchen, ein Haus am Dorfrand gekauft haben und sich einzurichten versuchen. Und da lebt Rottmann, zumindest sagt er es. Sein Haus erleben wir nie, er taucht auf, wie ein Gespenst, und er verschwindet auch genauso wieder. Ansonsten wirkt dieses Dorf wie ausgestorben, ein Museum der Vergangenheit, in dem die manchmal tragischen, manchmal belanglosen Geschichten konserviert sind. Die Zeit steht still und nichts passiert. Und auch die neuen Bewohner werden dieses Dorf nicht mit neuem Leben füllen, hat es den Eindruck. Hans-Günther, der „irgendwas“ mit IT macht, hat ein „Projekt“, über das er sich ausschweigt, welches er aber definitiv auch von zuhause aus bearbeiten kann. Justine kümmert sich um den Garten, in dem der abgestorbene Pflaumenbaum thront und lediglich den Tauben als Sitzplatz dient, sie kümmert sich um das Haus, den Alltag. Die Vereinzelung dieser beiden ist geradezu greifbar in diesem Text. Und auch zu Kramer scheint niemand eine echte Beziehung aufzubauen oder gar zu pflegen. Und umgekehrt scheint auch Kramer keine wirkliche Beziehung zu Tochter und Schwiegersohn zu empfinden und diese auch nicht zu wollen. Nach der ersten Nacht im fremden Bett sucht er bereits nach Ausreden, weshalb er vorzeitig wieder abreisen muß.

Wonnebergers Nicht-Ort scheint der maximale Gegenentwurf zu Juli Zehs Dorf Unterleuten aus ihrem gleichnamigen Roman zu sein. Scheint jener Ort ganz gegenwärtig und geradezu exemplarisch sämtliche Konflikte zu beinhalten, die am Anfang dieses Textes genannt wurden – bis auf den politischen, denn Rechte, gar Neo-Nazis, kommen bei Zeh nicht vor, was man ihr durchaus anrechnen kann, da sie damit den Fokus gerade auf anderes legt, das in den Empörungswellen hinsichtlich der Rechtsrucke gerade in den neuen Bundesländern oft unterzugehen droht und doch viel wesentlicher sein könnte – so scheint es in diesem Dorf keine Gegenwart mehr zu geben. Nur eine ewige, abgeschlossene Vergangenheit, deren Chronist dieser Paul Rottmann ist. Eine Reichskriegsflagge an einem Vereinsheim, die Kramer ungemein ärgert, weist als einziges Detail auf ein gegenwärtiges Leben hin – und diese Flaggen, die man mittlerweile in viel zu vielen Gartenkolonien im Osten wie im Westen sieht, stehen ja selbst für etwas Vergangenes, etwas Untergegangenes.

MISSION PFLAUMENBAUM, dessen Titel so seltsam komödiantisch anmutet, als habe man es mit einem dieser Freitagabendfilme im Ersten Programm zu tun, die für seichte Unterhaltung und reine Zerstreuung sorgen sollen, entpuppt sich als ein leiser, geradezu stiller Text, der zugleich aber sehr genau hinhört. Wonneberger achtet auf die Zwischentöne, die in den Erzählungen Rottmanns zum Ausdruck kommen, er achtet auf die Sprache dieses Mannes, aber auch auf die, mit der ein Mensch wie Kramer darauf reagiert. Wonneberger lässt seinen Protagonisten grundlegend ihre Würde, auch und erst recht diesem Alten, der den Wert der Dinge noch zu schätzen weiß. In ihm kulminieren all die verlorenen Erfahrungen eines Lebens, die nicht mehr gefragt sind in einer Zeit, in der es letztlich egal ist, wo man lebt, weil man „irgendwas mit IT“ macht und immer an irgendeinem „Projekt“ arbeitet, ganz egal, wo man sich gerade befindet. Kramer, der Bibliothekar, der in einem kleinen Büro mit Blick auf einen Hinterhof arbeitet und demnächst in den Keller des neuen Bibliotheksgebäudes umziehen wird, erkennt da durchaus etwas Eigenes in diesen Erzählungen. Er liebt die Bücher, die echten, die, die Staub ansetzen und deren Seiten vergilben. Und genau solch ein Buch ist Rottmann – auch er wirkt verstaubt mit seinen Geschichten aus den letzten Kriegstagen und seinem Beharren auf dem Wert der Arbeit, bspw. der der Weber, die hier einst lebten und schafften.

Wonneberger lauscht aber auch der Natur und beobachtet sie. Die Vögel, den Schwung der Bäume und wie sich das Licht verändert, wenn der Tag zur Neige geht. Er lauscht in die Stille des abendlichen Dorfes hinein und auf das Geheul in der Ferne, das von einem Hund, aber auch einem Wolf stammen könnte. Oder ist es einfach nur ein Laut aus der Vergangenheit? Und wie wir als Leser in diesen Text hineinlausche, so entsteht irgendwann der Eidnruck, daß da möglicherweise etwas auch uns lauscht – der Text und durch ihn dieses Dorf und durch das Dorf die Geschichte? Die Zeit selbst, vielleicht?

Und dazwischen immer wieder die dröhnende Stimme des Alten, der immer genau zur rechten Zeit am rechten Ort erscheint, um Kramer noch ein wenig mehr von der Geschichte des Dorfes zu erzählen. Und in Kramer natürlich auch den richtigen Zuhörer erahnt. Die Geschichte lehrt uns, wer wir sind. Die Gegenwart lehrt uns, was uns fehlt. Vielleicht. Rottmanns Ressentiments werden nie übergriffig, Wonneberger spielt sie nicht aus und erlaubt es dem Leser nie, den Alten abzutun als „typisch“. Das ist kein „typischer“ Pegidist, kein „typischer“ alter, weißer Mann mit „typisch“ schlechter Laune. Rottmann ist ein Produkt dieses Dorfes, er ist ein Produkt der Zeit und der Zeitläufte. Und mag er sich in der Gegenwart auch verrannt, gar verloren haben, in ihm ist etwas lebendig, das tot wirkt.

Hier wird die ostdeutsche Provinz auf andere Art zum Leben erweckt, als es Juli Zeh und auch andere in den vergangenen Jahren getan haben, auch anders, als bspw. Dörte Hansen, die in einem Buch wie ALTES LAND (2015) die westdeutsche Provinz beobachtet. Wonneberger blickt liebevoll und zugleich distanziert auf diese Landschaft und ihre(n) Bewohner. Und man spürt eine gewisse Skepsis, ob in dieser Provinz noch etwas gedeihen kann. Vielleicht muß sie erst wieder naturalisieren, um auf Dauer wieder eine Heimat – egal für wen – zu werden?

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