FAMILIENLEXIKON/LESSICO FAMIGLIARE

Natalia Ginzburg spürt mit scheinbarer Leichtigkeit den Untiefen der eigenen Familie nach

Nach dem Sturz Mussolins besetzten die Deutschen Italien und hatten – bevor die Alliierten sich Stück für Stück den Stiefel hinaufkämpften – genügend Zeit, ihre Mord- und Folterprogramme zu verwirklichen. Wo der italienische Faschismus viele Feinde kannte, hatte er doch kein explizit biologistisch-rassistisches Programm, wie es dem deutschen Nationalsozialismus inhärent war. So setzte in Italien mit der Besatzung durch die Deutschen eine fürchterliche Welle von Brutalität und Gewalt ein, der neben Hundertausenden jüdischer Mitbürger auch Regimegegner und „Staatsfeinde“ – also Intellektuelle, die sich dem Totalitarismus entgegen stellten – bedrohte. Eines der Opfer dieser Welle war der Schriftsteller und Journalist Leone Ginzburg. Er war mitverantwortlich für den Aufbau des Enaudi-Verlages, jenes 1933 gegründeten Hauses, welches schon in den letzten Kriegs-, erst recht in den Nachkriegsjahren und bis weit hinein in die 70er das Geistessleben der Italienischen Republik mitprägen sollte. Seine Ehefrau war Natalia Ginzburg, Tochter des berühmten Biologieprofessors Giuseppe Levi, der sich – wie seine drei Söhne – als Sozialist verstand. Er hatte sich früh gegen das Regime des ‚Duce‘ ausgesprochen, war einige Male in Haft genommen und auch ins Gefängnis geworfen worden. Während er und seine Söhne, Natalias Brüder, jedoch mit dem Leben davonkamen, erlitt Leone Ginzburg so schwere gesundheitliche Schäden durch die Folter der Gestapo, daß er daran verstarb.

Dies sollte als Vorlauf genügen, umso besser ist dann der Ton von Natalia Ginzburgs wohl berühmtestem Buch, FAMILIENLEXIKON (Original erschienen 1963) , einzuschätzen. Denn dieser Ton ist zunächst ein leichter, fast kindlicher: Eine entschlackte Sprache, bar aller Schnörkel, Verzierungen oder Verkomplizierungen. Dafür deskriptiv, mit einem stilistisch kaum aufzuspürenden Sinn für die Ironie und die Wechselwirkungen des Alltäglichen. Sie beschreibt – ohne dabei allzu genau auf Zeitangaben zu achten, so daß man sich auf diesen schmalen 160 Seiten ein ums andere Mal neu zurechtfinden und nachrechnen muß, wo man sich in der Zeit zwischen den späten 20er und den späten 50er Jahren, in etwa der Zeitraum, den das Buch umfasst, befindet – das Leben im Hause Levi, den despotischen, meist unfreundlichen Vater, der nicht nur die Freunde und Bekannten der Familie, sondern auch gern deren Mitglieder zu „Eseln“ und deren Taten zu „Simpeleien“ erklärt, womit er seine umfassende Verachtung all dessen zum Ausdruck brachte, was sich nicht mit den klaren, exakten Einheiten und Kategorien naturwissenschaftlichen Zugriffs erfassen und klassifizieren ließ.

Ginzburg gelingt es, diese eher beiläufigen, alltäglich-banal anmutenden Beschreibungen so aufzuladen, daß ein wahres Panorama des italienischen Bürgertums in den Jahren der Diktatur entsteht. „Lexikon“ ist dabei schon ein genau gewählter Begriff, denn der Leser droht auf den ersten 50 Seiten geradezu unterzugehen im Wust der Namen von Verwandten, Bekannten, Freunden und Kollegen der einzelnen Familienmitglieder. Der Leser lernt die Eigenarten und Marotten der Freunde der Familie und des Hauses kennen, die Familienmitglieder sowieso, wobei die Brüder recht verschieden stark beschrieben werden. Ohne sich in Interpretation zu verlieren, lange Erklärungen abzuliefern oder ihre Figuren psychologisch auszudeuten, gelingt es der Autorin, die Menschen ihres Lebens zu beseelen, sie dem Leser lebendig vor Augen erstehen zu lassen.

Ginzburg erklärt in ihrem kurzen Nachwort, daß sie ganz bewußt auf ihre alte „Angewohnheit“ des Fabulierens beim Schreiben eines Romans verzichtet habe, um sich – sprachlich so einfach, wie irgend möglich – der Realität dieser Familie und ihrer diversen Ausläufer, dem herrschenden Ton alltäglichen Sprechens und dem Klein-Klein alltäglichen Tuns und Handelns zu widmen, dabei so unverfälscht es gerade geht zu beschreiben, wie diese Familie sich entwickelte in den Jahren des Regimes und der Besatzung. Brillant löst sie sich dabei von jedweder Form gekünstelter Sprache, von der Romansprache, von der artifiziellen Sprache fiktionalen Schreibens. Zunächst mutet das fast naiv an in den Beschreibungen, alles wirkt etwas (zu) leicht, die sachte Ironie, die dem Text unterlegt ist, läßt die Dinge geradezu schwebend in ihren Entwicklungen wirken. Doch ändert sich der Ton durchaus mit fortschreitender „Handlung“ und man spürt, wie sich dann eben doch die Lage veränderte. Erst recht, als die Deutschen das Land besetzten. Ohne daß man auch hier genau bestimmen könnte, wo es kippt und die Autorin die Schrecken ihrer Zeit doch in die Zeilen – mehr noch zwischen die Zeilen – gleiten und sich breit machen läßt, beschleicht den Leser irgendwann ein ungutes, unterschwelliges Gefühl. Ein Gefühl des Bedrohtseins, der Bedrohtheit. Und man bekommt das auch anhand der Figurenzeichnung mit. War es eben noch lustig, Vaters Schimpfkanonaden zu folgen, werden diese mit einem Mal – schleichend – zu einem Ausdruck tiefer Verzweiflung, der Hilf- und auch Ratlosigkeit.

Um dies auch den deutschen Leser spüren zu lassen, bedarf es einer feinen Übersetzung und dazu sei an dieser Stelle die Arbeit der Übersetzerin Alice Vollenweider erwähnt, der es gelingt, die Nuancen des Ginzburg’schen Schreibens, die gleitenden, eben schwer zu erfassenden Übergänge vom Leichten in die Abgründe der Verzweiflung hervorragend ins Deutsche zu übertragen. Überhaupt sei dem Wagenbach Verlag gedankt um die Verdienste, den deutschen Leser an den Werken all dieser Autoren der italienischen Nachkriegsjahre, die auch diese Seiten bevölkern – Gadda, Ginzburg, Pavese – teilhaben zu lassen.

Von der eigenen Trauer, so schreibt Natalia Ginzburg im Nachwort, von der eigenen Verzweiflung, habe sie nicht berichten wollen, da ihr sonst ein Verlust der Mitte, der Balance ihres Werks verloren gegangen wäre. Man muß das schließlich so akzeptieren. Man wird belohnt mit den herrlichen Beschreibungen eines Reigens der unterschiedlichsten Personen und Figuren des (nord)italienischen Geisteslebens, doch findet man von der Autorin selbst wenig in diesen Zeilen. Als sei sie nichts als eine stille Beobachterin gewesen, scheint sie hinter den eigenen Worten und Formulierungen zu verschwinden, geist- und schemenhaft wandelt sie durch die Seiten und wirkt dem Geschehen doch seltsam enthoben, distanziert. Man mag das auf den Schmerz des Verlustes (und die Art des Verlustes) zurückführen, schade ist es dennoch. Nur – es schmälert die Lust am Text natürlich keineswegs. Auch 60, bald 70 Jahre nach der großen Zeit der italienischen Nachkriegsliteratur, lohnt es dieses Lexikon zur Hand zu nehmen und sich mit der Lebens- und Geisteswelt federführender Protagonisten zu konfrontieren.

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