FLUCH DER VERLORENEN/HORIZONS WEST

Eine Fingerübung von Budd Boetticher mit einem hervorragenden Robert Ryan

1865 kehren Dan (Robert Ryan) und sein Bruder Neil (Rock Hudson) Hammond gemeinsam mit Tiny McGilligan (James Arness), ehemals Vorarbeiter auf der Ranch der Hammonds, aus dem Krieg auf die väterlichen Ländereien zurück. Vater Ira (John McIntire) ist froh, seine Jungs und seinen Vorarbeiter gesund zurück zu bekommen, seine Frau Martha (Frances Bavier) einfach glücklich, daß alle noch leben.

Schnell aber wird klar, daß Dan eigene Pläne hat. Während Ira bereits die kommenden Viehtriebe plant, bei denen seine Söhne selbstredend Führungspositionen übernehmen sollen, will Dan lieber schnelles Geld mit Spekulation verdienen. In Austin, wo sie auf dem Heimweg Halt gemacht haben, ist Dan bewusst geworden, daß mit dem frischen Geld aus dem Norden, den Investitionen, die Männer aus Chicago oder New York in den Süden bringen, schnell Reichtum zu generieren ist. Ira verabscheut dieses „unehrliche“ Geld. Harte, ehrliche Arbeit, so soll man seinen (bescheidenen) Wohlstand verdienen.

Dan hat aber einen weiteren Grund, weshalb die Stadt ihn anzieht: Dort hat er Lorna Hardin (Julia Adams) kennengelernt. Sie ist die Ehefrau von Cord Hardin (Raymond Burr), der einer der führenden Rancher in der Umgebung der Stadt und somit auch einer der Großkopferten in der Stadt ist. Durch den Bürgermeister Frank Tarleton (Tom Bowers), einen Freund seines Vaters, gelangt Dan an einen Platz an Hardins Pokertisch, wo die Elite ihre Runden spielt. Schnell wird klar, daß Hardin und Dan einander nicht sonderlich leiden können. Dummerweise verliert Dan 5.000 Dollar an Hardin und muß einen Schuldschein ausschreiben.

Dan wurde von Tarleton auf eine Kolonie von Männern hingewiesen, die sich in einem trockenen Flußbett niedergelassen haben. Es sind Versprengte des Krieges, Deserteure, einige Outlaws. Dan reitet nachts in das Lager und kann die Männer von sich überzeugen. Wenn sie sich ihm anschlössen, dann sei ihnen ein gewisser Wohlstand sicher. Er ließe niemanden im Stich. Vor allem die Fürsprache von Dandy (Dennis Weaver) hilft Dan, die Männer hinter sich zu bringen. Dandy diente im Krieg unter Dan, der damals den Rang eines Majors bekleidete.

Der Haufen beginnt eine Reihe von Viehdiebstählen. Das geklaute Vieh bringen sie in den Süden, auf mexikanisches Territorium. Dort residiert General Escobar Lopez (Rodolfo Acosta), der Dan das Vieh abkauft. So kommt er tatsächlich schnell zu einer Menge Geld. Doch ist es bei Weitem nicht das, was Dan vorschwebt. Der will ein Imperium. Dan hat sich mittlerweile einige Flirts mit Lorna geleistet und beide wissen, daß sie einander begehren.

Dan will Lornas Gatten die Schulden bezahlen. Dadurch bringt er den Rancher darauf, daß seine 3 Viehfarmen bereits mehrfach überfallen wurden, die der Hammonds und ihrer Freunde jedoch noch nie. Daraus schließt Hardin – nicht zu Unrecht – daß Dan hinter den Diebstählen steckt. Woher, so seine Überlegung, sollte er sonst so schnell das Geld haben?

Hardin und seine Männer überfallen Neil und nehmen ihn mit auf Hardins Ranch. Dort foltern sie ihn, um aus ihm herauszupressen, was er über Dan und dessen Machenschaften weiß. Doch Neil weiß nichts. Er erträgt die Prügel. Lorna wird auf die Geschehnisse aufmerksam und informiert Dan. Der reitet zur Ranch und stellt Hardin. Dans Männer haben sich angeschlichen und so können Hardin und seine Männer überwältigt werden.

Hardin geht Dan frontal an und wirft ihm seinen Verdacht vor. Dan fordert Hardin zum Kampf auf. Als Dan die Schlägerei zu gewinnen droht, will einer von Hardins Handlangern diesem einen Revolver zuschieben, was Dan die Möglichkeit gibt, Hardin zu erschießen.

Nachdem er einen Freispruch durch Richter Dobson (Raymond Greenleaf) vor Gericht erwirkt hat, erklärt Dan Lorna offen seine Liebe. Sie erwidert. Dan legt ihr seine Pläne dar, wie er sein Imperium zu begründen gedenkt und auch, wie er dabei vorgehen will. Es ist ihm mit der Hilfe des Richters, der ihn zuvor freigesprochen hatte, gelungen, Lücken in Kaufverträgen aufzudecken und Schuldscheine aufzukaufen, deren Schuldner er dann unter Druck setzt, ihm ihr Land zu überschreiben.

So wachsen Dans Macht, sein Einfluss, die Größe seines Landes stetig an. Bürgermeister Tarleton sieht nur noch eine Möglichkeit, zu Recht und Ordnung zurückzukehren, er will in Washington beantragen, daß die Texas Rangers – eine Art freiwillige Polizeitruppe – wieder eingesetzt werden. Tarleton setzt Neil als Marshal ein.

Dan will Tarletons Reise verhindern und setzt ihn gemeinsam mit Dandy unter Druck. Als der Bürgermeister sich nicht einschüchtern lässt, erschießt Dandy ihn.

Tarletons Witwe hat deutlich die Stimmen der Männer vernommen, die ihren Mann vor dessen Haustür abgefangen haben, und kann Dan somit identifizieren. Doch erneut wird der Richter tätig und weist in diesem Fall die Klage ab. Ein Ohrenzeuge sei nicht überzeugend. Diesmal aber sind die Menschen in Austin nicht bereit, die Willkür in Kauf zu nehmen. Sie wollen Dan kurzerhand aufhängen, was Neil mit seinen Hilfssheriffs zu verhindern weiß.

Da das Gefängnis nicht sicher erscheint, schickt Neil Dan mit Tiny in den Keller der Kapelle. Dort sei es sicher. Dan aber gelingt es, Tiny, der ihm nach wie vor vertraut, zu überlisten und erschießt ihn kurzerhand, um zu entkommen.

In der Stadt kommt es zu einer wilden Schießerei zwischen Dans Männern und den Bürgern. Dabei wird Dandy tödlich verwundet. Dan hingegen kann gen Süden entkommen und nach Mexiko reiten, in die Obhut von General Escobar Lopez.

Hier wollen Ira und Neil Dan stellen, festnehmen und zurück in die USA bringen. Er soll sich einem ordentlichen Gericht stellen. Doch Dan beweist einmal mehr, daß er abgebrühter als sein Vater und der Bruder ist. Er entwaffnet sie und erklärt ihnen, daß er bereit wäre, auch gegen sie vorzugehen, wenn es ihm nütze. Sie sollten sich also von ihm fernhalten.

Er führt sie auf die Straße. Dort hat sich einer der Farmer, die von Dan um ihr Land gebracht wurden, mit Lorna versteckt. Die hatte er entführt und gezwungen, ihm Dans Aufenthaltsort preiszugeben. Sie will Dan warnen, doch es ist zu spät: Der Farmer schießt Dan nieder. Er stirbt in Lornas Armen, versichert ihr aber zuvor seine Liebe und bittet seinen Vater um Vergebung für seine Taten.

Im darauf folgenden Frühjahr schauen Martha und Neils junge Frau Sally (Judith Braun) zu, wie Ira und Neil zu ihrem ersten Trieb aufbrechen, der nach Abilene führen soll, wo es eine neue Verladestation für Vieh gibt.

Budd Boetticher selbst war nicht sonderlich überzeugt von seinem Film HORIZONS WEST (1952). Er sei, so der Regisseur, zu unreif gewesen, ein solch großes Thema, wie der Film es nutze, zu bearbeiten. Kann man so sehen. Es geht letztlich um psychisch Kriegsversehrte und Brudermord, also nahezu biblische Themen. Dennoch, so Boetticher, sei er stolz, daß Rock Hudson, Dennis Weaver und Raymond Burr alle ihre ersten Karriereschritte in diesem Film getan hätten. Und ganz besonders lobt er den Hauptdarsteller Robert Ryan, der ihm geholfen habe, den Film zu vollenden[1]. Vielleicht sollte man bei einer Würdigung des Films also mit diesem beginnen?

Robert Ryan gehörte – ähnlich wie Sterling Hayden – zu jenen Hollywood-Stars, die in ihrer Zeit sehr präsent waren, die Filme tragen und bestimmen konnten, die aber dennoch nie in die höchsten Sphären von Hollywoods Himmel emporsteigen konnten. Letztlich blieb Ryan eine Figur des B-Films. Er hatte in etlichen ‚Film Noirs‘ gespielt, dabei mit einigen Größen unter den Regisseuren Hollywoods zusammengearbeitet und kam mit HORIZONS WEST zurück zum Western, dem er zuvor nur einen einzigen Besuch abgestattet hatte, was sich hernach allerdings ändern sollte. Hier spielt er einen von zwei Brüdern, die gemeinsam mit einem Freund nach dem Bürgerkrieg auf die elterliche Farm zurückkehren. Doch anders als der von Hudson gespielte Neil Hammond, und anders als der von James Arness gegebene Vorarbeiter Tiny McGilligan, will Dan Hammond nicht nur den väterlichen Betrieb weiterführen. Durch den Krieg verbittert und sich vor allem der Kürze des Lebens nun voll bewusst, will Dan Hammond schnell hoch hinaus. Ein Imperium soll es sein. Und nachdem er den bei seiner Rückkehr führenden Imperialisten von Texas getötet und dessen Frau gefreit hat, baut er sich also ebenso rücksichtlos wie skrupellos ein Imperium auf. Gegründet auf gestohlenem Vieh und der Einschüchterung seiner Nachbarn, die ihm nach und nach ihr Land abtreten. Da braucht es schließlich Vater und Bruder, um den Mann in die Schranken zu weisen.

Boetticher, der später in seinen berühmten Ranown-Western gemeinsam mit Randolph Scott wesentliche Beiträge zum Genre liefern sollte, inszeniert dies alles recht eng, temporeich und mit einem ordentlichen Maß an Action. Charles P. Boyle fängt die dafür nötigen Bilder ein – stimmungsvoll, farbenfroh und lebendig betont er immer wieder die Schönheit der Landschaft. Allerdings wurde der Film nicht on location in Texas, sondern im kalifornischen Hinterland gedreht. Dennoch oder gerade deshalb wartet er mit sehr schönen Landschaftsaufnahmen auf. Allerdings, und dies ist bezeichnend für HORIZONS WEST, spielt ein Großteil der Handlung in Innenräumen, in ausladenden Dekors und prachtvoll ausgestatteten Räumen. Denn diese Männer sind alle davon überzeugt, zu höherem berufen zu sein und kleiden sich gern und oft in jenen Anzügen, wie sie für die Ostküste typisch gewesen sind. Auch in Texas – der Film spielt im Umland von Austin – hält nach dem Krieg also langsam die Zivilisation Einzug. Der Konflikt zwischen den Brüdern, der das eigentliche und grundlegende Thema des Films sein sollte, kommt dabei allerdings etwas zu kurz. Und so spannend Boetticher das Drehbuch von Louis Stevens auch angeht, hat er recht, wenn er diesen Aspekt des Films als schlecht gemacht betrachtet. Denn im Grunde schauen wir einfach einem ausgesprochen machtbewussten und eben äußerst skrupellosen Mann dabei zu, wie er gegen den Willen der eigenen Leute das Imperium aufbaut, von dem er geträumt hat.

Es ist tatsächlich Robert Ryans Verdienst, daß der Film funktioniert. Er trägt ihn und verleiht Dan Hammond eine recht komplexe Charaktermischung aus Bitterkeit und der Angst, das Beste im Leben zu verpassen. Und zugleich begreifen wir, daß dieser Mann scheinbar immer schon ein Getriebener gewesen ist, der für sich mehr im Leben erwartet, als der väterliche Betrieb ihm bieten könnte. Neben Ryan verblasst Rock Hudson fast; weder ist seine Figur sonderlich ausgearbeitet, noch hat sie die nötige Leinwandzeit, um einen bleibenden Eindruck beim Zuschauer zu hinterlassen. Andere Gegebenheiten müssen wir hinnehmen, selbst, wenn sie unmotiviert wirken. So spielt Julia Adams die Frau des Ranchers Hardin, den Raymond Burr als korrupten, brutalen und ebenfalls skrupellosen Machtmenschen gibt. Sie liebt ihn nicht, das sehen wir ein. Aber daß sie sich sofort in den nächsten korrupten, brutalen und skrupellosen Machtmenschen verliebt, will dem Zuschauer nicht recht einleuchten. Vielleicht hat die Frau einen Hang zu diesen Typen? Mag sein. Das Drehbuch gibt Ryan/Dan allerdings die Möglichkeit zu beweisen, daß er kein ganz so schlechter Mensch ist, wie sein Gegenspieler es war. Denn als er niedergeschossen wird und in Adams Armen stirbt, versichert er ihr nicht nur seine echte Liebe, sondern seinem Vater auch, daß ihm sein Handeln letztlich leidtäte. So bleibt dies ein ambivalenter Charakter, einer, wie Ryan ihn fürderhin noch einige Male spielen sollte.

HORIZONS WEST war und ist ein B-Picture, wie sie die 50er Jahre gerade im Western-Genre zu Hunderten hervorbrachten. Einige davon sind heute Klassiker, andere vergessene Perlen,  viele von ihnen sind einfach schlechte Filme, oft langweilig. Boetticher, der schon einige Erfahrung als Assistant Director und Regisseur von Abenteuer-, Western- und Kriminalfilmen gesammelt hatte, mag hier noch geübt haben. Einige Jahre später begann er die erfolgreichen Filme mit Scott zu drehen und konnte seine ganze Meisterschaft der reduzierten Story in einer rudimentären Landschaft ausbreiten. Er arbeitete auch hernach mit Robert Ryan zusammen, auch Rock Hudson gehörte später zu den Schauspielern, mit denen er wieder zusammenkam. Und er setzte gerade ihn in SEMINOLE (1953) sehr gut in Szene. Hier, in HORIZONS WEST, weiß er nicht viel mit der Figur und ihrem Auftritt anzufangen und kann dem Schauspieler insofern auch nichts mit auf den Weg geben, was ihn die Rolle besser ausfüllen ließe.

So bleibt HORIZONS WEST in gewisser Weise eine Fingerübung seines Regisseurs. Er stellt sicher eine der stärksten Leistungen von Robert Ryan aus. Und es ist einer jener Western, die den Beginn jener Epoche markierten, die man später den „psychologischen“ oder „erwachsenen“ Western nennen sollte. Ein Werk, das zumindest die Psyche seiner Hauptfigur sehr ernst nimmt und ausleuchtet. Hinzu kommt, daß hier der Bürgerkrieg eine wesentliche Rolle spielt, als daß er nicht nur als Hintergrund genutzt wird um Konfliktlinien zwischen Protagonist und Antagonist zu definieren, wie es häufig im Western der Fall war, sondern das Verhalten der Hauptfigur bestimmt. Hinzu kommt, daß hier die Hauptfigur selbst ein zwielichtiger Charakter ist, eine Nuance, die Boetticher sich sicherlich vom ‚Film Noir‘ abgeschaut hat und die damals eher untypisch für einen Hollywood-Film gewesen ist. So hat man es hier mit einem Kleinod des B-Western zu tun, gespickt mit kleinen Fehlern und dennoch spannend und unterhaltsam und voller subkutaner Hinweise darauf, wohin der Western sich in den kommenden zehn Jahren entwickeln würde.

 

[1] Vgl. Hembus, Joe: DAS WESTERN-LEXIKON. München/Wien, 1995; S.207.

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