DER NEVADA-MANN/THE NEVADAN – Ein exemplarischer B-Western

Zum Genrekino: Geschichte, Wirkung, Faszination IV

Tom Tanner (Forrest Tucker) entflieht bei einem Gefangenentransport den Marshals. Auf der Flucht sieht er sich von einem ihm Fremden verfolgt, der nicht zur Posse des Marshals zu gehören scheint. Er stellt den in einem Tweedanzug durch die Prärie reitenden Andrew Barclay (Randolph Scott) und zwingt ihn, die Kleider zu tauschen. Barclay, der behauptet, sich in der Wildnis verlaufen zu haben und gehofft habe, der andere könne ihm den Weg weisen, wirkt auf Tanner so naiv, daß er ihm einen Job anbietet. Barclay willigt ein.

Die beiden reiten in ein Städtchen und Tanner steuert die Bank an. Dort erpresst er mit Waffengewalt die Herausgabe eines Dokuments, dem er das genaue Versteck des Postkutschenraubs entnehmen kann, für den er verurteilt wurde. Er und Barclay verlassen die Stadt und werden unterwegs von den Brüdern Jeff (Frank Faylen) und Bart (Jeff Corey) angehalten, die von dem Papier wissen und es haben wollen. Als die Situation brenzlig wird, hat Barclay plötzlich eine Waffe in der Hand. Es gelingt ihm, Tanner davon zu überzeugen, die entwaffneten Männer nicht zu töten, sondern sie in die Stadt zurücklaufen zu lassen.

Abends lernt Tanner die Karte auswendig und verbrennt sie dann. So will er sicher gehen, daß Barclay ihn nicht ausschaltet und allein die 250.000$ in Gold einstreicht, die im Versteck warten. Barclay suggeriert, auch er lebe ein gefährliches Leben und sei möglicheerweise ebenso auf der Flucht, wie Tanner selbst. Der haut in der Nacht ab, Barclay folgt ihm jedoch unauffällig.

Da Barclay weiß, daß Tanner Mulis braucht, um das ganze Gold aus dem Versteck zu schaffen, reitet er zur Farm von Karen Galt (Dorothy Malone). Dort tauscht er sein lahmendes Pferd gegen ein frisches, wobei ihm Karens Männer einen üblen Streich spielen indem sie ihn auf „Thunder“, ein besonders wildes Pferd, setzen, das er aber zu bändigen weiß. Er verspricht, zurückzukommen und sein Pferd abzuholen. Er reitet weiter in das Städtchen Twin Forks, wo Edward Galt (George Macready), Karens Vater, als Eigentümer des Saloons, des Hotels und anderer Geschäfte einer der Honoratioren der Stadt ist. In seiner Bar trifft Barclay auf Tanner, der ihn aber verleugnet. Galt lässt Barclay zu sich bringen und verhört ihn. Auch Galt ist bewusst, wer Tanner ist und auch er will an das Gold, einfach weil er Reichtum mag, wie er es später seiner Tochter gegenüber ausdrückt. Als Barclay standhaft behauptet, Tanner, bzw. die Lage des Goldes nicht zu kennen, lässt Galt ihn von den Brüdern Jeff und Bart, die sich bei ihm eingefunden und ihm von dem Schatz erzählt haben, sowie seiner rechten Hand Sandy (Jock Mahoney), zusammenschlagen.

Mit seinem Kompagnon, dem Sheriff der Stadt, den er einweiht, heckt Galt ein Komplott aus: Der Sheriff soll nachts in Tanners Hotelzimmer  eindringen und dem Schlafenden die Pläne stehlen. Als Sheriff Merrick (Charles Kemper) den Plan ausführen will, folgt Galt ihm und sorgt im entscheidenden Moment dafür, daß Tanner erwacht und auf den ihm unbekannten Einbrecher schießt. Der Sheriff stirbt – Galt verliert seinen einzigen Mitwisser und kann zugleich Tanner festsetzen lassen. Doch Barclay, der nur ein Zimmer weiter nicht schlafen konnte, hat alles beobachtet. Er befreit Tanner aus dessen mißlicher Lage und sichert sich dafür dessen Zusage, die Hälfte des Goldes zu bekommen. Nach einer wilden Verfolgungsjagd quer durch die Stadt gelingt es den beiden, dem wütenden Mob zu entkommen. Galt und seine Männer folgen ihnen.

Barclay reitet zu Karens Ranch, wo Galts Tochter glaubt, es mit zwei Räubern zu tun zu haben. Doch Barclay, dessen Tarnung schon damit aufzufliegen drohte, als er seine Reitkünste auf „Thunder“ zeigte, gibt sich nun als das zu erkennen, was er ist: Ein U.S.-Marshal, der sich an die Fersen des bewusst freigelassenen Tom Tanner geheftet hatte, damit dieser ihn zu dem Versteck der Beute führt. Deshalb auch braucht Barclay Tanner frei. Karen verspricht zu helfen und stattet die Männer mit frischen Pferden aus. Sie machen sich auf zum Versteck in der alten Mine in den Bergen.

Galt und seine Männer verfolgen sie und finden die Pferde, die Barclay und Tanner zurückließen, als sie mit den Mulis das letzte Stück des Weges in Angriff genommen haben. Galt erkennt sie als sein Eigentum und stellt Karen zur Rede. Diese weiß nicht, daß ihr Vater nach dem Gold giert und erklärt ihm, wohin die beiden Männer geritten sind. Doch kaum hat Galt die Informationen, fordert er die Brüder und Sandy auf, ihm zu folgen, sie würden Barclay und Tanner stellen und töten. Karen begreift, was ihr Vater im Schilde führt und will Barclay in seinem Versteck warnen. Sandy folgt ihr und führt Galt dort hin. Als sie eintreffen, werden sie beschossen und feuern zurück. Schließlich müssen sie feststellen, daß es Karen war, die Barclay und Tanner einen Vorsprung verschaffen wollte. Sie wurde bei dem Schußwechsel mit ihrem Vater verletzt und Sandy wird beauftragt, sie zur Ranch zurück zu bringen. Galt und die Brüder verfolgen Barclay.

Unterwegs zur Ranch gibt Karen dem Pferd die Sporen und reitet Sandy in wildem Galopp davon. Der nimmt die Verfolgung auf und fast kann er sie stellen, als ein Ast seinen Weg kreuzt und ihn aus dem Sattel hebelt. Karen, voller Verachtung für ihren vollkommen der Gier anheim gefallenen Vater, kehrt um und folgt den Männern.

An der Mine kommt es derweil zu einer Schießerei, bei der Jeff getötet wird. Galt, der Barclay in einen Hinterhalt locken will und dafür auch Bart zu opfern bereit ist, wird von Karen gestellt. Sie will noch einmal von ihm wissen, wie es sein kann, daß ein Mann von seinem Reichtum und seiner Position nie genug haben kann? Galt zeigt noch einmal seine ganze Verkommenheit, wird dann aber durch eine Kugel von Barclay getötet. Der und Tanner stehen sich nun in der Mine gegenüber, wo sie das Gold gefunden haben. Es kommt zur finalen Auseinandersetzung, bei der etliche Stützbalken zertrümmert werden und nach und nach die ganze Mine enstürzt. Es ist Barclay, der den verschütteten Tanner rettet und nach draußen bringt.

Barclay, der Tanner mittlerweile verraten hat, daß der nur „mit Genehmigung“ frei gekommen ist, steigt mit seinem Gefangenen in die Postkutsche, um ihn ins Gefängnis zurück zu bringen. Karen, die versonnen der Kutsche nachblickt, erklärt, sie wisse, daß er zurück kommen werde.

Die Fans des Westerngenres haben meist ganz eigene Präferenzen. Der eine mag ausschließlich den klassischen Western der Vorkriegszeit, der die Verteilung von Gut und Böse der Farbe der Hüte, die die Protagonisten tragen, überließ; der nächste zieht den Western der 50er Jahre vor, der gemeinhin als „erwachsen“ galt, weil die Psychologie der Figuren besser ausgeleuchtet wurde und der durchaus auf seine eigene Geschichte und sein Sujet reflektierte; einige mögen ausschließlich die großen Epen, mit teuren Budgets und strahlenden Stars; andere ziehen den kleinen, sogenannten B-Western vor, der ganz eigene Stars und eine ganz eigene Ästhetik hervorbrachte und manches Mal außergewöhnliche Kraft entwickelte.

Manche dieser B-Western gelten heute als Klassiker und Vorzeigeexemplare eines Genres, das oft tot gesagt wurde und doch immer wieder fröhliche Urständ´ feiert. Seiner Herkunft nach ist der Western immer ein reines B-Genre gewesen. Seine Wurzeln liegen in den sogenannten ‚Serials‘, also seriell hergestellten Abfolgen des Immergleichen – der Held rettet wahlweise eine Ranch, einen Treck oder eine Frau, jagt Banditen und legt ihnen das Handwerk oder wird selber unschuldig verfolgt und muß sich im Ablauf eines Zyklus´ reinwaschen. Diese ‚Serials‘ brachten ebenfalls ihre  eigenen Stars hervor – Tom Mix, William S. Hart waren die wohl bekanntesten Namen des frühen Stummfilmwestern – und einer von ihnen, der ehemalige Stunt-Reiter Marion Mitchell Robinson, wurde von einem der frühen Regisseure dieser Gattung, John Ford, in dessen STAGECOACH (1939) – ein Film, der den Western erstmals in die Gefilde des großen A-Movies führte – unter dem Namen John Wayne zu einer der Ikonen des klassischen Hollywood befördert. Doch erst die Grenzgänger  der 1940er und der 50er Jahre – Schauspieler wie Joel McCrea, Randolph Scott oder Audie Murphy – , die zwar große Produktionen stemmen konnten, deren Namen aber nie die Zugkraft der A-Listen-Stars erreichten, konnten wirklich eigenen Ruhm erlangen.

Heute sind gerade Filme wie der legendäre Ranown-Zyklus, der sieben Filme umfasst, die heute alle als Vorzeigefilme ihrer Gattung gelten, kaum mehr als die B-Western wahrnehmbar, die sie ursprünglich einmal waren, weil die Zeit, die Fans und die Wissenschaft ihnen seit ihrer Veröffentlichung einen Kultstatus verliehen haben. Doch gerade anhand der Western eines Schauspielers wie Randolph Scott kann man Wohl und Wehe des B-Western hervorragend verfolgen. In seinem Oeuvre findet sich nahezu kein Film, der heute wirklich zu den ganz großen Klassikern des Hollywoodfilms gezählt wird, mit THE LAST OF THE MOHICANS (1936) hatte er allerdings einen Schritt in Richtung A-Riege der Stars getan, trug er den damals sehr erfolgreichen Film doch erstmals allein. Doch die Zeit hat auch diese frühe Klassikerverfilmung vergessen und ihr keinen bleibenden Platz im Pantheon der ewigen Klassiker beschert. Und Beiträge wie Fritz Langs WESTERN UNION (1941) oder Rowland V. Lees CAPTAIN KIDD (1945) gelten heute zwar als herausragende Beiträge zu ihren jeweiligen Genres, doch letztlich ist es allein Henry Kings JESSE JAMES (1939), der als damals schon deutlich große, teure Produktion galt und aus Scotts Gesamtwerk als Film für die Ewigkeit heraussticht. Und eben die sieben Filme des Ranown-Zyklus, die alle in Zusammenarbeit mit Budd Boetticher entstanden. Sie alle wurden zwischen 1956 und 1960 unter typischen Bedingungen des B-Western hergestellt, sie waren billig, wurden vergleichsweise schnell hergestellt und deuteten mit ihren Laufzeiten zwischen 70 und 80 Minuten an, daß sie für Double-Bills, Doppelprogramme an Samstagnachmittagen und in Autokinos, produziert worden waren.

Will man die ganze Bandbreite dessen, was B-Western ausmacht, ermessen, bietet sich gerade ein Vergleich mit jenen Filmen an, die Scott in den 50er Jahren unter der Regie anderer, durchaus renommierter Regisseure drehte, die teils auch in den Details überzeugen, manchmal auch wirklich durchdachte Stories präsentieren und doch in ihrer Gesamtheit den Vergleich mit den Boetticher-Scott-Kollaborationen nicht bestehen können. Gordon Douglas´ THE NEVADAN (1950) ist ein Paradebeispiel für genau diese Filme. Schon sein Titel stellt ihn in eine Reihe großer Western – THE VIRGINIAN (1929) ist nur ein Beispiel für jene Filme des Genres, die im Titel Herkunft und daran gekoppelt eine gewisse Mythologie des Helden transportieren. Mit Randolph Scott und Dorothy Malone gönnt sich die Produktion einen beliebten männlichen Hauptdarsteller an der Grenze zur A-Riege der Hollywoodstars und eine etablierte Aktrice des B-Movie-Adels. Regisseur Gordon Douglas weist die Expertise eines gewieften Routiniers auf, der sich in ganz unterschiedlichen Genres Meriten erworben hatte, dem nachhaltiger Ruhm aber vor allem mit dem Monster-Sci-Fi-Horror THEM! (1954) zuteil werden sollte. Hier, in THE NEVADAN, liefert er in teils billig wirkenden Studiokulissen und in selten wirklich überzeugenden Außenaufnahmen eine wirkliche Routinearbeit ab.

Der Plot erzählt umständlich eine Verfolgungsgeschichte, die alleine deshalb aufgezogen wird, um die verschwundene Beute eines Postkutschenraubs sicher zu stellen. Um die Story überhaupt über eine Laufzeit von ca. 80 Minuten vorantreiben zu können, werden ebenso umständlich eine Reihe von Personen eingeführt, die ihrerseits an den 250Tausend Dollar in Gold aus dem Raub interessiert sind, und denen der von Scott gegebene Andrew Barclay, dessen eigene Absichten lange im Dunkeln bleiben, nur in die Quere kommen kann. Daß in der schönen, von Malone durchaus selbstbewußt gespielten, Karen Galt Barclays Herzensdame ausgerechnet die Tochter seines eigentlichen Widersachers ist, erhöht zwar das dramatische Potential, wirkt aber – wie nahezu alle Wendungen der Story – wie aus dem Lehrbuch für Western-Plots abgeschrieben. Eine klassische Geschichte um den ehrhaften Marshal, der einen Banditen verfolgt, wobei der Clou eingebaut wird, daß die Flucht des Banditen von den Behörden geplant ist; ein Schurke, der zwar ausreichend schurkisch wirkt, daß wir ihm alle möglichen Missetaten zutrauen, zugleich aber noch ehrlich und erdverbunden genug scheint, damit der Held ihm folgt, wobei der Film sich Mühe gibt, uns lange im Unklaren zu lassen, mit wem wir es bei diesem Herrn im Anzug – einzige Extravaganz, die THE NEVADAN sich erlaubt – eigentlich zu tun haben; mit Malones Karen Galt eine Frau, die aufregend genug ist, daß wir Barclays Interesse verstehen und last but not least gibt es mit ihrem Vater Edward Galt einen zweiten Bösewicht, der sich, wie so oft im Western, als der eigentliche Unhold entpuppt, auch, weil er eben nicht „ehrliche Arbeit“ mit Gewehr und Revolver verrichtet, sondern seine Handlanger die Drecksarbeit für sich erledigen lässt.

Gerade dieser letzte Twist, der dennoch so typisch ist für den Western in seiner mittleren Phase, stellt THE NEVADAN als typisches Produkt seiner Zeit aus – ambivalent, vielleicht unentschieden und zugleich mit der Fähigkeit und Kraft, scheinbar widersprüchliche Standpunkte zu integrieren. Denn  in Scotts Saubermann-Darstellung eines U.S.-Marshals wird das Hohelied des starken Staats gesungen, zugleich schwingt hier aber in der Figur des gierigen und in seiner Gier über Leichen gehenden Edward Galt die genretypische Kapitalismuskritik mit. Galt ist bereits reich, ihm „gehört“ die Stadt. Er ist Vater einer wunderschönen jungen Tochter, die allgemein beliebt ist und man sollte meinen, das könnte reichen für ein erfülltes Leben. Doch Galt erklärt es seiner Tochter: Er wolle mehr, immer mehr. In den einfachen Erklärungsmustern des Western beweist das die Schlechtigkeit des Menschen und daß er immer schlechter wird, je mehr er hat. Zugleich beruft sich THE NEVADAN – ebenfalls exemplarisch – darauf, daß er besserungsfähig ist, der Mensch. Der Bandit Tanner wird von Barclay gerettet und erneut inhaftiert. In der Schlußszene des Films werden wir Zeugen, wie er sich geradezu fröhlich und sehr bereitwillig in seine Strafe fügt. Indem der Film Tanner und Barclay die meiste Zeit als Kollaborateure zeigt, nimmt er eine ambivalente Haltung ein und übererfüllt doch die Schemata des Western-Genres.

Das Genre lebt davon, vorgefügte Muster, Figuren, eine eigenen Grammatik zur Verfügung zu stellen, die es erlauben, sich in scheinbar gleichen Bahnen doch immer unterschiedlich zu bewegen. Die besten Western bestätigen und unterlaufen diese Genreregeln zugleich. Dehnt man die Strukturen, die man vorfindet, zu weit, endet man schlimmstenfalls in der Parodie, bleibt man stur in vorgegebenen Mustern, wird Langeweile produziert. Edelwestern haben hier ein anderes Level und können sich mehr „erlauben“, doch auch der B-Western wird sich immer wieder beweisen müssen, daß er Grenzen sprengen darf. THE NEVADAN erlaubt sich mit Barclays Aufzug – er trägt einen Anzug, einen ungewöhnlichen Hut und macht eher den Eindruck eines englischen Gentleman (und im Westernvokabular somit den, ein „Greenhorn“ zu sein) – und seinem Auftritt, macht er Tanner doch weis, er folge ihm, weil er sich in der Wildnis verloren habe und die nächste Stadt suche, eine kleine Extravaganz, die aber genutzt wird, uns deutlich zu suggerieren, wann aus Spaß Ernst wird. Dann nämlich tritt Scott plötzlich in einer knarrenden Lederjacke auf und wir wissen, was (und wem) die Stunde geschlagen hat. Das Greenhorn-Image, das wir natürlich schnell durchschauen, dient nur dazu, Tanner zunächst in Sicherheit zu wiegen. Das gelingt, bietet dieser Barclay ja recht schnell die Beteiligung an dem Bankraub an, aus dem Tanner lediglich die Pläne für das Versteck mitnimmt und diese verbrennt, nachdem er sich die darauf verzeichnete Route eingeprägt hat. Tanner glaubt, in dem vermeintlichen Greenhorn einen nützlichen Idioten gefunden zu haben; doch auch die Männer auf Karens Ranch lassen sich täuschen und setzen Barclay auf das wildeste Pferd – ein Topos des Westerns, um das Verhalten gegenüber Fremden zu symbolisieren – und erwarten, daß er in hohem Bogen im Staub landet – daß dann ausgerechnet er derjenige ist, der das Pferd zu zähmen versteht, nimmt seiner Tarnung natürlich schon gehörig den Effekt.

Was THE NEVADAN vielleicht ungewöhnlich wirken lässt, ist das Maß an Humor, das er bietet. Neben Barclays Aufzug und Scotts Art, den Marshal in dieser Verkleidung zu spielen – oft ironisch, Scott hatte durchaus komödiantisches Talent, was aber in früheren Filmen wie dem Musical ROBERTA (1935) an der Seite von Fred Astaire mehr zum Tragen kommt – , sind es Nebenfiguren, die für Auflockerung sorgen. Manchmal scheinen sie allerdings dem Panoptikum eher lustiger Western wie den Fuzzy-Filmen zu entstammen. Es gibt ein paar liebenswert gezeichnete, wie die beiden Stallknechte auf Karens Farm, die Barclay auf einen Gaul namens „Thunder“ setzen, was ihre hämischen Absichten schon hinreichend verdeutlichen sollte, dann sind da die Brüder Jeff und Bart und ihr nachhaltiger Streit, ob eine gewisse Rosie Bart nun liebe oder, wie sein Bruder ihm immer wieder versichert, „nur eine Dirne“ sei. Vor allem aber ist es Sandy, Edward Galts Faktotum, der sich im Laufe der Handlung als derart tumber Tor entpuppt, daß schon das zeitgenössische Publikum gelacht haben dürfte. Anfangs bedrohlich mit seinen schwarzen Handschuhen und dem Willen, Barclay wirklich Schmerz zuzufügen, wandelt sich seine Figur zu einem wahren Pechvogel, dem Douglas es nicht erspart lächerlich zu wirken, indem er von Galt immer wieder in den Senkel gestellt wird oder bei der rasant fotografierten Verfolgungsjagd mit Karen an einem überstehenden Ast hängen bleibt und brutal dem Sattel enthoben wird. Gordon Douglas gönnt sich also in diesen Momenten eine Verletzung der Genreregeln, aber in einem Rahmen, der sie hochachtungsvoll auch bestätigt. Denn Douglas weiß eben auch ganz genau, wann er das Tempo anziehen, die Zerstreuungen hinten anstellen und die Action beginnen lassen muß.

Kameramann Charles Lawton jr., im Western durchaus beheimatet und später Kameramann bei drei der Ranown-Filme, bieten sich hier keine wirklich spektakulären Motive. Der Film wurde fast komplett in den Bergen rund um Los Angeles gedreht; die besten Aufnahmen entstanden in den Alabama Hills, die die schneebedeckten Hänge und Gipfel der Ausläufer der Rocky Mountains als Hintergrund bieten. Davon macht Lawton dann ausgiebig Gebrauch. Doch wie in vielen B-Western überkommt den Zuschauer in allzu vielen Szenen der Eindruck, genau diese Allee und jene Lichtung bereits etliche Male gesehen zu haben. Denn auch die Alabama Hills standen vielen B-Western als Außendrehort zur Verfügung. Dennoch gelingen Lawton hier stimmungsvolle Aufnahmen. Die Kulissen sind vergleichsweise billig, es gibt eine momentweise rasant gefilmte Flucht aus der Stadt in einem offenen, von einem Gespann gezogenen Wagen, der allerdings drei Mal dieselbe Kreuzung passiert, nur jedes Mal aus einer anderen Perspektive, aus einer anderen Straße kommend gefilmt. Die häufigen Nahaufnahmen und ‚amerikanischen Einstellungen‘ deuten ebenfalls auf ein niedriges Budget hin, halten Kamera und Regie doch alle Bildmomente enorm effektiv, selten, daß nicht unmittelbar die Handlung betreffende Bilder bspw. rein atmosphärisch eingesetzt werden.

Es spricht gerade  für die Effizienz und auch die Klasse des Studio Systems, daß es immer wieder in der Lage war, unter recht engen Rahmenbedingungen eine Kreativität freizusetzen, die dann bei aller strukturellen Vorgabe oft originelle Ergebnisse zeitigte. THE NEVADAN kann dafür sowohl als positiver wie negativer Beleg herangezogen werden. Einerseits mit genügend extravaganten Einfällen ausgestattet, um durchaus als originell durchzugehen, scheitert er dann aber doch an einem Zuviel an Routine und seriellem Einheitsbrei. Randolph Scott und Dorothy Malone sind gut aufgelegt und bieten solide Leistungen, doch dann fällt die Qualität des Ensembles deutlich ab. Ob Forrest Tucker als Tanner oder George Macready als Edward Galt – man hat andere Schauspieler in vergleichbaren Rollen einfach zu oft viel besser agieren sehen, als daß hier je ernsthaft ein Gefühl dafür aufkommen könnte, die Sache könne für Scott/Barclay schief laufen. So wartet man allzu früh darauf, welche Wege Douglas einschlägt, um an ein erwartbares Ziel zu kommen: Tanner muß dingfest gemacht werden, Galt muß seiner gerechten Strafe – im Western gleichbedeutend mit dem Tod – zugeführt und Barclay und Karen zueinander geführt werden. Unterwegs lässt sich der Regisseur allerhand einfallen, um uns bei der Stange zu halten, aber auch diese Einlagen an Spektakel sind eben routiniert gedreht und mit sichtbar niedrigem Etat produziert. Einige der Actionszenen wirken allzu schnell heruntergedreht, das Gerangel zwischen Barclay und Sandy in Galts Büro ist einer zünftigen Westernschlägerei gar unwürdig, so offensichtlich geben sich alle Beteiligten Mühe, einander nicht wirklich zu verletzen. Ebenso ist der Shoot-out am Ende kaum auf Höhe der damaligen Standards. Ein paar Kugeln pfeifen, hier und da spritzt das Gestein auf, nothing to write home about. Wenn sich Barclay und Tanner dann in der langsam zusammenbrechenden Mine den finalen Kampf liefern, werden wir allerdings ein wenig entschädigt, hier hat sich die Produktion nicht lumpen lassen, hautnah werden wir Zeugen des dramatischen Einsturzes.

THE NEVADAN wird niemanden hinter dem Ofen hervorlocken, der damit nicht entweder Erinnerungen an lang vergangene Samstagnachmittage in staubigen Vorstadtkinos evoziert oder verregnete Sonntagnachmittage der Kindheit auf der Couch in Verbindung bringt. Selbst unter den Scott-Western der aufkommenden Dekade muß man ihn zu den schwächeren Titeln zählen, zu durchsichtig die Story, zu wenig überzeugend die Figuren und noch weniger überzeugend ihre Darsteller. Interessant wird er als Beispiel, als Beleg für eine Distanz, die der B-Western zu seinen edleren Verwandten für die abendliche Hauptvorstellung einnimmt. Man kann an ihm gut die Produktionsbedingungen ablesen, denen diese Kategorie Western (damals stellten sie das überwiegende Segment an B-Movies, dicht gefolgt von Science-Fiction-Filmen und den Film Noirs) unterworfen war. Ebenso zeigt er die Vermarktungsstrategie, die B-Western begleiteten, indem man wenigstens einen Namen auf dem Plakat hatte, der für Qualität bürgte und zog. Erst im Laufe der Dekade entwickelte der B-Western eine eigene Riege an „Stars“ wie George Montgomery, Audie Murphy, Lex Barker oder Jeff Chandler, denen teils durchaus auch der Sprung in die A-Liga gelang, ihr eigentliches Betätigungsfeld jedoch hier gefunden hatten. Viele von ihnen hatten ihre eigene Fangemeinde und waren frühe Kultstars. Exemplarisch steht THE NEVADAN für das Meer durchschnittlicher B-Ware des Westerngenres, aus dem dann echte Perlen wie der erwähnte Ranown-Zyklus, ein Film wie Robert Wise´ BLOOD ON THE MOON (1948) oder Jack Arnolds NO NAME ON THE BULLET (1959) herausstechen, sich geradezu abheben konnten. Und doch steht THE NEVADAN auch exemplarisch für die bereits erwähnte Effizienz des Studio Systems.

Dieses so oft verdammte und sicher in seinen Grundzügen unfaire System war in der Lage, eine enorme Bandbreite an Themen abzudecken, einen hohen Output an qualitativ immer wenigstens Mindeststandards entsprechender Ware zu garantieren und sich dabei immer wieder neu zu erfinden, Ideen zu integrieren, zunächst Fremdes aufzugreifen und so zu verarbeiten, daß es sich scheinbar nahtlos dem Regelwerk der Traumfabrik unterwarf. Ein Film wie Gordon Douglas THE NEVADAN erinnert uns daran, daß man neben all den atemberaubenden Ideen und Geschichten, die das Kunstkino uns bietet, seine Ursozialisation filmischer Grammatik und Sehgewohnheiten von den uns oft anonym erscheinenden Köpfen hinter so unscheinbaren Produktionen wie dieser erfahren hat. Das Genrekino wird sich am Ende immer durchsetzen, weil es in seinen besten Momenten wenig braucht, um uns maximal in Staunen zu versetzen. Und selbst in seinen schwächeren Momenten, wie hier, kann es uns immerhin für 80 Minuten damit fesseln, daß wir uns fragen, wie es unserem Helden gelingen wird, seine Aufgabe zu bewältigen und die Holde zu freien. 80 schwerelose Minuten lang.

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