HERSCHT 07769

Ein radikaler und sehr beunruhigender Außen- und Ausblick auf die Entwicklungen in Deutschland

Man kann sich ja noch so sehr für Literatur interessieren und begeistern – irgendein Autor, der angeblich seit Jahren und Jahrzehnten gefeiert wird als Teil der Weltliteratur geht einem doch immer durch die Lappen. Da liest man eine Rezension in der Zeitung und denkt, och, das klingt interessant, dann besorgt man sich das Buch, fängt an es zu lesen, ist gepackt, beginnt, sich mit dem Autor zu beschäftigen und entdeckt einen Backkatalog, der es in sich hat.

László Krasznahorkai ist so ein Autor, der diesem Rezensenten bisher nicht aufgefallen war. Das wird sich ändern ab nun. Es war eine Besprechung von HERSCHT 07769 (Original erschienen 2021; Dt. 2021), welche die Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein Ungar, der einen Blick auf die deutsch-deutschen, vielleicht eher auf die ostdeutschen Verhältnisse wirft. Das ist interessant, allein deshalb, weil es immer guttut, wenn diejenigen, die zu lange im eigenen Saft schmoren, zu viel Selbstbeschau betreiben – ein Vorwurf, den sich die bundesdeutsche Gesellschaft nun einmal gefallen lassen muß, betrachtet man die Regalkilometer an Studien und Analysen zur deutschen Befindlichkeit, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, zur AfD und denen, die sie unterstützen, zum Riss, der durch dieses Land, durch diese Gesellschaft zieht usw. – Input von außen erhalten. Denn der Blick von außen, man könnte sogar sagen: Der fremde Blick, kann einiges geraderücken, entzerren, Blickachsen verrücken und Perspektiven erweitern. All das gelingt Krasznahorkai in seinem Roman.

Der zunächst seltsam anmutende Titel, der im Original derselbe ist, bezieht sich auf die Hauptfigur, Florian Herscht, der in einem Kaff namens Kana in Thüringen lebt. Florian ist ein Tor, ein Einfallspinsel, der die Dinge so nimmt, wie sie ihm begegnen. In einem Heim aufgewachsen, wurde er von einem Mann, der allseits nur als „Boss“ tituliert wird und in eben jenem Kana der wortführende Nazi ist, zwar nicht adoptiert, jedoch unter seine Fittiche genommen und der einen „wahren“ Patrioten aus ihm zu machen gedenkt. Florian hinterfragt dessen Motive nicht, er ist ihm einfach dankbar. So, wie er Frau Ringer, der Bibliothekarin in Kana, dankbar für ihre Freundlichkeit und Zuwendung ist, Arthur Köhler dankbar ist, der eine Wetterstation im Ort betreibt und ansonsten VHS-Kurse zur Physik gibt und maßgeblich dafür verantwortlich ist, daß Florian sich in quantenphysikalische Fragen eindenkt, die ihn dazu bringen, den Zufall des Seins als solchen derart zu fürchten, daß er unter dem Absender „Herscht 07769“ Briefe an die Kanzlerin zu schreiben beginnt, denn die müsse sofort den „Sicherheitsrat“ einberufen, um dringlich etwas gegen die bevorstehende Apokalypse zu unternehmen. Die nämlich trete laut Florian ein, wenn ein einziges Antimaterieteilchen zu viel existiere – was seiner Meinung nach, jeden Moment eintreten könne.

Eine Handlung im engeren Sinn bietet Krasznahorkai seinen Lesern allerdings nicht. Über einen Zeitraum von etwas mehr als zwei Jahren verfolgen wir die Ereignisse in Kana, die sich zuspitzen, als immer mehr Zeichen eines drohenden Untergangs, zumindest einer einschneidenden Veränderung sich mehren. Wolfsrudel tauchen in der Gegend auf und greifen unbescholtene Bürger an, ausgewählte Bach-Gedenkstätten werden mit Wolfs-Graffiti geschändet, welche der Boss – Inhaber einer Reinigungsfirma, bei der auch Florian für kleines Geld arbeitet – mit größter Akribie zu entfernen sucht, ist dieser brutale, gewalttätige und von tiefem Antisemitismus getriebene Mann doch zugleich ein Liebhaber des Barock-Meisters. Eine Liebe, die nach und nach auf Florian übergeht. Im Laufe des Romans häufen sich dann Anschläge und Angriffe, es gibt immer mehr Todesfälle, einige gewaltsam, andere natürlicher Ursache. Und Florian muß schließlich begreifen, mit wem er es da eigentlich zu tun hat. Denn der Boss und seine Handlanger, die sich in einem Haus treffen, das sie Burg 19 nennen, sind offenbar für den Tod zweier Menschen verantwortlich, die Florian viel bedeutet haben. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt wird aus dem Tor, aus dieser Figur, die ihre Vorbilder in der deutschen Literatur hat, eine Art atavistischer Racheengel, der eine Rückverwandlung in die reine Kreatur vollzieht und in dieser Erscheinung mindestens so gnadenlos agiert, wie sein früherer Mentor.

Doch ist es Krasznahorkai ganz offensichtlich nicht darum zu tun, hier eine spannende Handlung, gar einen Krimi o.ä. zu erzählen, den Leser auf Spuren zu führen und dann mit neuen Erkenntnissen zu schockieren. Dies ist ein Gesellschaftsroman, wenn man so will, das Portrait eines Dorfes und seiner Bewohner, dessen Stärken – obwohl man der Handlung durchaus gespannt folgt und auch daran interessiert ist, wie sich die Dinge entwickeln, auch wenn einige Spuren ins Leere führen – vor allem in den Zwischentönen liegen. Denn all diese Figuren – neben den bisher genannten kommen noch etliche weitere im Buch vor – sind mit Liebe und Hingabe charakterisiert, sind genau beobachtete und in all ihren Nuancen und Eigenarten erfasste Vertreter einer Gesellschaft (im Kleinen), die den Boden unter den Füßen verliert, deren Gewissheiten abhandenkommen, die sich immer verunsicherter fühlt und nicht mehr weiß, was richtig, was falsch, was rechts, was links, oben und unten ist.

Das ist sprachlich brillant, weil oft in Nebensätzen ganze Sichtweisen umrissen werden. Und man sollte den Begriff „Nebensatz“ hier sehr genau und wörtlich nehmen, denn der gesamte Roman, ausgebreitet auf knapp 409 Seiten, umfasst genau einen Satz. Oh Gott, mag da mancher denken, Experimentalliteratur, nein danke! Doch das wäre fahrlässig, da das alles trotzdem sehr gut zu lesen ist. Man kann über solche literarischen Versuche geteilter Meinung sein, zumal hier die Interpunktionen sehr gut mitzulesen sind und die Form somit durchaus hinterfragt werden kann. Doch ist es der Übersetzerin Heike Flemming gelungen, den Flow dieses einen, sehr, sehr langen Satzes, seinen Rhythmus und den Takt, der ihm zugrunde liegt, perfekt einzufangen und wiederzugeben. Das ist kongeniale Arbeit.

Krasznahorkai bietet das Bild einer Gesellschaft, in der eigentlich niemand mehr – auch Florian Herscht nicht – gut wegkommt. Eine verunsicherte Gesellschaft, die beginnt, Zeichen zu deuten und auszulegen, die etwas bedeuten können – oder eben auch nicht. Wie die Quantentheorien zu Materie und Antimaterie und den Zufall, denen die Teilchen unterliegen, zumindest soweit Florian dies versteht, scheint auch diese Gesellschaft losgelöst von sich selbst zu flottieren. Dabei wird hier nichts entschuldigt oder gar relativiert. Der Boss und seine Handlanger sind üble Burschen. Nur sind sie eben keine Abziehbilder, keine Stereotypen, denen der Autor eine traurige Backgroundgeschichte anklebt, wie es bspw. Juli Zeh in ihrem letzten Roman ÜBER MENSCHEN (2021) getan hat, wo sie ebenfalls einen Nazi auftreten lässt und irgendwie sich bemüht, Sympathien für diesen Mann zu empfinden und dem Leser zu vermitteln. Krasznahorkai hat keine Sympathien für diesen Nazi mit seiner Bach-Liebe. Eher schon zeichnet er eine böse Karikatur jener Männer, die einst KZ betrieben und abends Hausmusik machten, gebildete Menschen, die sich der Barbarei hingaben. Aber Krasznahorkai hat eine große Sympathie für Bach und dessen Musik und es gelingt ihm, diese zwar nicht zu beschreiben (was er auch gar nicht erst versucht), aber sehr wohl, ihre Wirkung spürbar zu machen. Denn die erfasst auch Florian, dessen zusehende Verwahrlosung nur in diesem zutiefst zivilisatorischen Akt konterkariert wird.

Kana – der biblische Bezug ist da, wird vom Autor aber nicht übermäßig strapaziert – wird so zum Abbild eines Deutschlands im mittlerweile schon fortgeschrittenen 21. Jahrhundert, diesem Koloss in der Mitte Europas, der, ob er will oder nicht, immer eine Bezugsgröße für die ihn umgebenden Länder ist und bleiben wird. Doch da sind zu viele, die sich mit den Entwicklungen einfach abfinden, die die Augen und ihre Türen verschließen, die nicht sehen wollen, was allzu augenfällig wird und das Tun, die Tat, die gerade von rechts so gern propagiert wird, denen überlassen, die in ihrem Tun dann maßlos werden. Das gilt für den Boss und seine Leute ebenso, wie es für Florian gilt, der in seinem Rachebedürfnis weder Freund noch Feind kennt und in reinem Furor um sich schlägt.

Es ist erstaunlich, wie genau Krasznahorkai die Bedingungen in Deutschland kennt. Die mangelnde organisatorische und institutionelle Versorgung auf dem Land, die Parteienlandschaft, die Billigläden und den Blick jener, die nach der Wiedervereinigung erst begeistert und dann immer enttäuschter waren. Es gelingt ihm nahezu perfekt, den Geist dieser Menschen einzufangen. In den Besprechungen zu seinen früheren Büchern wird immer wieder darauf verwiesen, daß er ein Apokalyptiker sei und ein wenig ist davon auch hier zu spüren, auch wenn die Hinweise – Anschläge in Erfurt und Jena bspw. – wie ein Hintergrundrauschen zwar erwähnt, jedoch nie näher erläutert werden. Es trägt maßgeblich zur Atmosphäre dieses Romans bei und sorgt dafür, daß die Unsicherheit, die Verunsicherung, auf jeder Seite zu spüren ist.

HERSCHT 07769 ist wahrlich ein brillanter und zutiefst verstörender Roman, der genau jenen Außenblick – mal als Farce getarnt und mit sarkastischem Witz dargeboten, mal tieftraurig und emotional wirklich zehrend – bietet, von dem weiter oben die Rede war. Ein Buch, das unbedingt gelesen werden sollte von denen, die den vermeintlichen „Riss“, der dieses Land und seine Gesellschaft durchzieht, besser verstehen wollen und zugleich daran interessiert sind, das, was da vor sich geht, zu reflektieren und, ja, auch das, zu verarbeiten.

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