ICH BEICHTE/I CONFESS

Eher Melo denn Suspense - ein ungewöhnlicher Hitchcock-Film

Erzählt wird die Geschichte des in der kanadischen Stadt Quebec sein Amt versehenden Paters Logan (Montgomery Clift), der dem Kirchenangestellten Otto Keller (O.E. Hasse) eines Nachts die Beichte abnimmt und dabei erfährt, daß Keller soeben den Anwalt Villette umgebracht habe. Das Beichtgeheimnis macht es dem Geistlichen unmöglich, sein Wissen mit der Polizei, namentlich Inspector Larrue (Karl Malden), zu teilen. Larrue sieht den Pater zufällig vor dem Haus des Toten, allerdings in Begleitung einer jungen Frau. Dabei handelt es sich um Ruth Grandfort (Anne Baxter), die Gattin eines angesehenen Politikers. Sie und Logan waren nicht nur Kinder- und Jugendfreunde, sondern sie waren auch vor dem Krieg ein Paar. Als Logan aus dem Krieg zurückkam, war Ruth bereits verheiratet, traf sich dennoch mit ihrem alten Freund und wurde bei diesem Treffen von Villette überrascht und anschließend erpresst. All dies schildert sie Larrue und dem Staatsanwalt, um Logan zu entlasten. Sie gibt ihm auch ein Alibi für die Tatzeit. Denn mittlerweile haben zwei junge Mädchen ausgesagt, daß sie einen Priester sich vom Tatort entfernen gesehen hätten. Der Verdacht fällt auf Logan. Das Alibi platzt, als der genaue Todeszeitpunkt festgestellt wird und nicht mit der von Ruth angegebenen Zeit des Treffens übereinstimmt. Es kommt zum Prozeß, in welchem Logan weiterhin standhaft sich weigert zu sagen, was er weiß. Selbst der wahre Täter, Keller, sagt gegen ihn aus. Begleitet wird Keller von seiner Frau Alma (Dolly Haas), der er mit dem Mord, der eigentlich ein Raubmord war, ein besseres Leben, ein Leben ohne Arbeit bieten wollte. Trotz der Indizien wird Logan freigesprochen. Als er das Gerichtsgebäude verlassen will, wartet ein Mob auf ihn. Er bahnt sich einen Weg durch die Menge, die bedrohlich näher rückt. Als er fast zerquetscht wird, greift Alma ein. Keller hatte sich ihr ebenfalls anvertraut. Sie will gerade verkünden, daß nicht Logan der Schuldige sei, sondern ihr Mann, als ein Schuß fällt und sie trifft. Der nun flüchtige Keller hat sie erschossen. Er wird schließlich im Tanzsaal eines nah gelegenen Hotels gestellt, wo er einsieht, ohne Alma sein Leben verwirkt zu haben. Er fordert die Polizisten solange heraus, bis diese schießen müssen und ihn tödlich verletzen. Er stirbt in Logans Armen.

Daß der Großmeister des Spannungsfilms neben einem ausgeprägt komödiantischen Zug auch einen Hang zum Melodrama hatte, weiß man. Gerade die frühen amerikanischen Filme zeigen diesen Hang deutlich – REBECCA (1940), SPELLBOUND (1945) und in gewissem Sinne auch NOTORIOUS (1946) – geben davon Zeugnis. I CONFESS (1953) gehört zwar schon eher in die „mittlere Phase“ des amerikanischen Schaffens, dennoch ist auch dies eher ein Melodrama, als wirklich ein spannender Kriminalfilm oder gar ein Thriller.

Vieles an diesem Film ist stimmig und wenn man ihn rein wissenschaftlich betrachten wollte, dann könnte man schöne Studien zu Hitchcocks Nutzung der Kamera (v.a. der bewegten Kamera), feiner Dialoge (Das Buch stammte u.a. von George Tabori) und Symbolik anstellen. Da werden Pater Logans Qual und innere Zerrissenheit immer wieder anhand von Kreuzungen angedeutet – sowohl dem Kreuzeszeichen selbst, als auch konkreten Kreuzungen; wenn er eine Straße quert, scheint der Verkehrspolizist ihn kaum wahrzunehmen und läßt die Autokolonne bereits wieder anfahren, bevor Logan die Straße ge“kreuzt“ hat; wenn die Polizei diverse Gemeinden abklappert, um herauszufinden, welcher Priester abends beim Opfer gewesen sein könnte, zeigt uns der „gefallene“ Katholik Hitchcock eine ganze Reihe von Kirchen in dräuenden Untersichten, fast bedrohlich scheinen sie in die Kamera zu kippen. Robert Burks – ab nun Hitchcocks bevorzugter Kameramann für die kommenden Jahre – arbeitet hier zum zweiten Male mit dem Meister und liefert beeindruckende Bilder, stark strukturiert und, da in schwarz-weiß, in vollem Spiel aus Licht und Schatten. Abgerundet wird das durch sehr schöne Außenaufnahmen der kanadischen Stadt.

Zu all dem kommt eine feine Figurenzeichnung. Das trifft vor allem auf Keller zu, der nicht nur durch seinen Namen, sondern auch durch den deutschen Schauspieler O.E. Hasse klar gekennzeichnet wird als ehemaliger Feind. Wir erfahren nicht, wie das Verhältnis zwischen Keller und Logan früher war, dennoch baut sich der Eindruck auf, daß die beiden sich schon aus Logans Dienstzeit bei der Armee kennen. Ohne in die Rollen der Kellers zuviel hinein interpretieren zu wollen, muß gesagt sein, daß sie sich als Ausländer und als Angehörige eines im Krieg geschlagenen Volkes deutlich unterwürfig zeigen. Sie zeigen sich dankbar gegenüber der Kirche, Otto Keller ist aber zugleich auch der Typus des Opportunisten, der sich einmal im Leben aufschwingt, etwas „unkonventionelles“ zu tun und daraus eine seltsame, unangemessene Kraft entwickelt. Er wird Logan gegenüber fast hämisch, wenn er ihn immer mal wieder an dessen Beichtgeheimnis erinnert. Hier ist Hitchcock voll in seinem Element als Psychologe und das Drehbuch (an dem er – wie immer – massiv mitgearbeitet hatte) findet hier auch wirklich starke Momente, Situationen und Zeilen, um den Figuren gerecht zu werden. Niemand hier ist eindeutig gut oder böse. Kellers Motiv leuchtet ein und es findet sich auch in diesem Film das Motiv der Schuldübertragung, welches bei Hitchcock immer durchschimmert und hier deutlich ausgespielt wird. Daß Logan bereit ist, die Schuld anzunehmen und im Falle eines Falles auch ins Gefängnis zu gehen, um seine Pflicht zu tun und seinem Priesteramt gerecht zu werden, bietet Hitchcock eine ganz neue Perspektive auf diesen Themenkomplex.

Allerdings fangen da auch die Schwierigkeiten des Films an. Denn da wir wissen, wer der wahre Mörder ist und ab der ersten Szene praktisch klar ist, worauf der Konflikt hinausläuft, ist das Spannungsmoment des Films stark zurückgenommen. Wir müssen uns einfach nur fragen: Hält der Priester dicht? Und wenn ja, warum? Denn die von uns, die nicht katholischen Glaubens sind, werden die Wichtigkeit des Beichtgeheimnisses eher weniger (an)erkennen. Zumindest ist es schwer nachzuvollziehen, warum man bereit ist, für einen anderen ins Gefängnis zu gehen, nur weil einen berufliche Pflichten an einen Brauch binden. Montgomery Clift, der sich als schwieriger Charakter während der Dreharbeiten erwies, spielt das nahezu stoisch herunter. Das kann man für die Verzweiflung des Mannes halten, den er darstellt. Immerhin muß dieser nicht nur damit fertig werden, ein schreckliches Geheimnis zu teilen, nein, er soll sogar die Verantwortung übernehmen für etwas, womit er nichts zu tun hat; zudem muß er im Laufe der Handlung erkennen, daß seine Geliebte ihm zwar emotional noch zugetan ist, jedoch eine gemeinsame Zukunft unmöglich wurde, und das nicht nur durch seinen Beruf (und seine Berufung), sondern auch aus der Loyalität heraus, die sie ihrem Mann gegenüber empfindet. Man kann diese Stoik aber auch für das Unverständnis halten, das ein Schauspieler seiner Rolle entgegen bringt. Dabei hat der Film eine ganze Reihe hervorragender Schauspieler aufzubieten, die auch wirklich gute Vorstellungen abliefern: Da ist Karl Malden als Inspector, der zwischen jovialer Kumpelhaftigkeit und fast genervter Agressivität schwankt, da ist Anne Baxter, die der verzweifelten Frau, die zwischen ihrem Mann und einer unmöglich gewordenen Liebe steht, Glaubwürdigkeit verleiht, und da ist O.E. Hasse, der der Dringlichkeit dieses „kleinen Mannes“ und seiner „kleinen Träume“ vom schöneren Leben gerecht wird.

Da es aber, wie man es bei Hitchcock erwarten würde, selten spannend wird (und der Film wirkt auch nicht gescheitert darin, nein, Hitchcock wird das alles schon so gewollt haben), überdeckt bald der Konflikt um eine gescheiterte Liebe, eine Heirat ohne Liebe und das Opfer (sozialer Tod) für einen Mann, der seinerseits ein Opfer bringen soll, den Konflikt um den Mord. In einer langen Rückblende und der im Voice-Over erzählten Geschichte dieser Liebe, die der Krieg zerstörte, nähert sich der Film deutlich dem Melodrama an und verharrt auch darin. Es scheint schließlich, daß jeder in diesem Film wird verzichten müssen: Auf den Mann, die Frau und das Leben. Eine Ordnung scheint hier zu entstehen, in der alles falsch ist, in der alles am falsdchen Platz ist, die aber nur in dieser Falschheit aufrecht zu erhalten ist. Ein bitterer Kommentar, könnte man meinen, auf die katholische Kirche, derer sich der Meister so deutlich nie wieder angenommen und genähert hat.

Ein eher ungewöhnlicher Hitchcockfilm.

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