IN A VALLEY OF VIOLENCE

Ein kleiner, dreckiger B-Western

Paul (Ethan Hawke) kommt in das Nest Denton geritten. Er will seinem Pferd Wasser geben und Futter für seiner Hündin Abbie besorgen. Im Saloon wir der von Gilly (James Ransone) angemacht, den er abblitzen lässt. Gilly fordert ihn auf der Straße zu einer Schlägerei heraus, die Paul, der das Kämpfen offenbar gewohnt ist, schnell zu seinen Gunsten entscheidet.

Im Hotel bittet Paul die junge Mary-Ann (Taissa Farmiga) um heißes Wasser für ein Bad. Sie ist von dem Fremden sofort angetan. Ihre Schwester Ellen (Karen Gillan) teilt ihr hingegen mit, was der ihrem Verlobten – Gilly – angetan habe.

Als Paul wieder zur Rezeption kommt, erwartet ihn der Marshal Clyde Martin (John Travolta). Dieser ist Gillys Vater und zudem ist Gilly sein Deputy. Martin versteht, daß sein Sohn – wohl nicht zum ersten Mal – Streit angefangen hat, weist aber daraufhin, daß die besondere familiäre Konstellation besondere Maßnahmen erfordere. Paul soll die Stadt verlassen.

Nachts schlägt Paul sein Lager in der Prärie auf. Er unterhält sich, wie meistens mit Abbie, die eine kluge Hündin ist und ihrem Herrchen u.a. Feuerholz zusammen sucht. Mit ihr beratschlagt sich Paul, der eigentlich nach Mexiko will, und ihr hat er auch versprochen, das Töten aufzugeben.

Clyde Martin untersagt derweil seinem Sohn und dessen Kumpeln Harris (Toby Huss), Roy (Larry Fassenden) und Tubby (Tommy Nohily), Paul zu verfolgen. Martin hat anhand von Pauls Gewehr erkannt, daß der zu einer als besonders brutal bekannten Kavallerieeinheit gehört hat, aus der er entweder entlassen wurde oder desertiert ist. So oder so weiß Martin, daß diese Einheit fürchterliche Massaker an Indianern begangen haben soll.

Dennoch überfallen Gilly und die andern nachts Pauls Lager. Gilly tötet Abbie und schließlich stürzen die Männer Paul eine Schlucht hinab. In der Annahme, er sei tot, nehmen sie seine Sachen und sein Pferd an sich und reiten davon.

Paul erwacht, als er von fürchterlichen Erinnerungen an seine Zeit in der Army geplagt wird. Ein Ast hat seinen nicht allzu tiefen Sturz aufgehalten. Er rappelt sich auf und kehrt in die Stadt zurück. Unterwegs trifft er auf das Haus, in dem Mary-Ann und Ellen wohnen. Mary-Ann ist dabei, Wäsche aufzuhängen und freut sich, Paul wieder zu sehen, dem sie am Vortag zum Abschied ein Bild von sich zugesteckt hatte.

Doch Paul weist ihre Annäherungen zurück. Er sei ein Killer, habe Frau und Kinder verlassen, weil er ihnen bei dem, was er andern angetan habe, nicht mehr unter die Augen treten könne. Mary-Ann besteht darauf, daß jeder Mensch zur Umkehr bereit sein könne. Sie bietet ihm schließlich sogar an, ihm bei seiner Rache zu helfen. Paul lehnt ab und reitet in die Stadt.

Sehr shcnell verschafft er sich ein Bild darüber, welcher der Kerle, die ihn überfallen haben, sich wo aufhält. Er tötet Roy, während der ein Bad nimmt, indem er ihm die Kehle mit einem Rasiermesser durchschneidet. Ellen findet den Toten und ruft Gilly und den Marshal herbei. Martin versteht sofort, daß sie es hier wirklich mit einem zu allem entschlossenen Killer zu tun haben, der vor nichts zurückschreckt. Er weist Gilly an, sich um die Frauen zu kümmern, weil er seinem Sohn nicht zutraut, es mit Paul aufnehmen zu können. Harris soll mit einem Gewehr auf ein Dach klettern und dem Marshal und Tubby Rückendeckung geben.

Harris wird auf dem Dach von Paul überrascht. Dieser will ihn zwingen, den Marshal und Tubby zu erschießen, sobald sie sich auf der Straße blicken lassen. Harris, der schon in Pauls Lager und auch später gegenüber Martin zu deeskalieren versucht hatte, weigert sich und wird von Paul, obwohl er um sein Leben bettelt, erschossen.

Im Marshal-Büro gibt Martin weitere Anweisungen, wie sie vorgehen sollten, doch Tubby weigert sich. Er sei kein Killer und es täte ihm leid, was geschehen sei. Martin bittet ihn mehrfach, vom Fenster wegzugehen, er brauche seine Hilfe nicht. Doch Tubby folgt auch dieser Anweisung nicht und wird von Paul durchs Fenster erschossen.

Der Marshal versucht, Paul in einen Dialog zu verwickeln. Paul teilt ihm mit, daß er von Martin nichts wolle, aber Gilly töten werde. Beide Männer versichern einander, daß sie den jeweils anderen töten würden, sollte der sich ihnen in den Weg stellen.

Gilly legt sich inzwischen im Hotel mit Mary-Ann an, da er sie verdächtigt, Paul helfen zu wollen. Ellen, die verhindern will, daß Gilly auf die Straße geht, sagt ihm, daß sie schwanger sei. Gilly interessiert das nicht.

Derweil beschließt Martin, mit Paul weiter zu verhandeln. Als Paul auf der Straße erscheint, stellt er sich ihm in den Weg und redet beschwichtigend auf ihn ein. Das Töten müsse aufhören. Doch Paul will nicht hören. Auch Gilly erscheint nun und die beiden Männer zielen aufeinander, nur getrennt durch den Marshal. Schließlich fangen beide an, wie wild aufeinander zu feuern. Marshal Martin wird von etlichen Kugeln durchsiebt und stirbt auf der Straße.

Paul, selber getroffen, zieht sich in den Stall zurück. Gilly folgt ihm. Paul stellt dem anderen Mann eine Falle und prügelt ihn mit einem Stiefel mit Sporen. Gilly bettelt um sein Leben. Paul lässt erschöpft von ihm ab. Gilly nähert sich ihm mit einem Messer und wird hinterrücks von Mary-Ann erschossen.

Ein Priester, dem Paul zuvor zweimal in der Steppe begegnet war, kommt in die Stadt. Paul weist ihn darauf hin, daß der Ort voller Sünder sei und es viel für ihn zu tun gebe.

Der Western erlebt im neuen Jahrtausend eine Renaissance und hat seitdem einige gute bis sehr gute Beiträge hervorgebracht. Vielleicht sollte man ihm dann auch zugestehen, daß manchmal Werke entstehen, die sich zu den Großproduktionen wie OPEN RANGE (2003) oder dem jüngeren HOSTILES (2017) verhalten, wie der B-Western der 50er Jahre zu den großen, „erwachsenen“ Western wie WARLOCK (1959) oder HIGH NOON (1952). Man nimmt einen oder zwei Stars, setzt sie in ein vergleichsweise billiges Setting, baut eine vergleichsweise plumpe Story um sie herum und dreht einen schnellen, dreckigen kleinen Film. In etwa so verhält es sich mit IN A VALLEY OF VIOLENCE (2016).

Regisseur Ti West, zuvor eher mit Horrorfilmen der B-Liga aufgefallen, hatte mit Ethan Hawke und John Travolta zwei Stars zur Verfügung, die ihre Rollen gut ausfüllen, auch wenn man sich nach Ansicht des Endergebnisses fragen muß, ob Hawke wirklich die richtige Besetzung für die Rolle des traumatisierten, einsamen und letztlich extrem brutal agierenden Paul gewesen ist. Travolta vermag seiner eher kleinen Rolle als Marshal eines verschlafenen Kaffs irgendwo in Arizona allerdings durchaus etwas abzugewinnen und es gelingt ihm, diese Figur als letztlich  interessanteste des Films zu gestalten.

Der Plot ist denkbar einfach: Ein Mann kommt in eine Stadt, der lokale Rowdy legt sich mit ihm an und da er der Sohn des Marshals ist, kann er sich so einiges rausnehmen. Der Fremde erweist sich als überlegen, wird vom Rowdy gedemütigt, woraufhin er in die Stadt zurückkehrt und die, die er als seine Feinde ausmacht, gnadenlos tötet. Eine einfache Rachegeschichte, wie Tausende von Western durch alle Dekaden sie zuvor erzählt haben. Ti West fügt dieser Geschichte nichts Neues hinzu, außer einem gerüttelten Maß  an Gewalt. Da er aber schon im Vorspann seinen Referenzrahmen – den Italowestern nach Leone – deutlich preisgibt, da sein Film nur so von Zitaten strotzt – angefangen von HIGH NOON bis zu einem Werk wie FIRECREEK (1968), selbst ein B-Movie mit zwei alternden Stars als Kassenmagnet –  kann man dem Regisseur schwerlich vorwerfen, es an Originalität mangeln zu lassen. Hier hat sich offensichtlich ein Fan einen lang gehegten Wunsch erfüllt und ist in dem Genre tätig geworden, das er verehrt. Und wenn man bereit ist, dies gelten zu lassen, erweist sich Ti West als erstaunlich sattelfest.

Vielleicht mangelt es dem Film an der nötigen Wucht, um die Motive der Handelnden überzeugend auszustellen. Daß der von James Ransone gespielte Rowdy Gilly schon in seinem ersten Auftritt mehr oder weniger der Lächerlichkeit preisgegeben und damit als ein Aufschneider entlarvt wird, mag noch hinreichende Begründung sein, weshalb er meint, sich nach der Demütigung durch den Fremden Paul, grausam rächen zu müssen. Daß jedoch die Tötung von Pauls Hund als Grund reichen soll, damit dieser in die Stadt zurückkehrt und u.a. einen Familienvater tötet, der zuvor deutlich das Verhalten von Gilly und dessen Kumpels kritisierte und zudem um sein Leben bettelt, ist nur schwer zu vermitteln. Paul trägt ein Geheimnis mit sich – er war offenbar ein Indianerkämpfer und an Massakern an ganzen Stämmen beteiligt, was Marshal Clyde anhand seines Gewehrs erkennt – , doch da dieses Geheimnis, wie vieles in diesem Film, eher Behauptung bleibt, als daß es gezeigt wird oder irgendwie glaubwürdig zum Ausdruck kommt, bleibt auch Pauls Wut und Unberechenbarkeit reine Behauptung. Es mag am Budget liegen, daß generell viel geredet und wenig gezeigt wird in diesem Film, womit die These bestätigt wäre, daß es sich um ein eher der B-Riege zuzurechnendes Werk handelt.

Es mag aber auch einfach an Ethan Hawke liegen, dessen stärksten Darstellungen immer dann erfolgen, wenn er Neurotiker spielen darf. Den schweigsamen, in sich gekehrten, traumatisierten Mann – eine Rolle, wie Randolph Scott oder James Stewart sie klassisch auszufüllen wussten – nimmt man ihm nicht wirklich ab. Da hilft es auch nicht, wenn man West unterstellen wollte, hier Rollenklischees gegen den Strich zu bürsten. Um solch eine Behauptung aufzustellen, müsste der ganze Film sehr viel bewusster Klischees unterwandern. Stattdessen changiert er ein wenig. Denn in jenen Szenen, in denen Paul im Saloon von Gilly angemacht wird, könnte man noch meinen, Buch  und Regie – für  beides zeichnet Ti West verantwortlich – wollten eine durchaus komische Ebene in den Film einziehen. Zu übertrieben ist Ransomes Spiel und zu überdreht werden die Nebenfiguren drum herum dargestellt. Travoltas Auftritt ist ebenfalls zumindest mit einem humoristischen Unterton angereichert, wenn er Paul erklärt, er wisse, daß sein Sohn ein Großmaul sei, aber da er eben sein Sohn und zudem Deputy sei, müsse er, Clyde der Marshal, eben besondere Nachsicht walten lassen. Doch spätestens, wenn Gilly und seine Kumpel Pauls Lager überfallen, seinen Hund töten und auch ihm nach dem Leben trachten, ist der Spaß vorbei. Und der Furor der Rache, den Paul schließlich entwickelt, ist nur noch grausam und brutal. Ein wenig entsteht der Eindruck, als wisse West und mit ihm sein Film nicht ganz genau, wohin die Reise eigentlich gehen soll.

Doch wie die meisten guten B-Movies, weiß uns auch IN A VALLEY OF VIOLENCE durchaus etwas mitzuteilen. Denn spätestens in jener Szene, in der Paul und Gilly wild aufeinander schießen und der Marshal, der zu vermitteln und dem Töten Einhalt zu gebieten versucht, im Kreuzfeuer nahezu zerfetzt wird – ein Duell, daß West aus extremer Vogelperspektive und somit stark verfremdend filmt – kommt ein Männerbild zum Vorschein, das wenig Positives zu bieten hat. Diese Kerle sind alle voller Wut. Der eine schämt sich für das, was er getan hat, der andere für die Dinge, die er nur behauptet, aber eben nie getan hat. Einige sind des Lebens müde, wie es für den Marshal der Fall zu sein scheint, andere eher gelangweilt. Da die Stadt Denton – genannt das „Tal der Gewalt“ – ein wahres Drecksloch ist, verlassen und verwittert, seit, wie Mary-Anne Paul mitteilt, die Silbermine geschlossen ist, kann man verstehen, daß hier für junge Menschen nichts mehr zu holen ist. Daß ein Mann wie Clyde, dem ein Bein fehlt, der mit einer Stützschiene durch die Straßen humpelt, sich hierhin zurückziehen mag – verständlich. Für einen Kerl wie Gilly muß sich Denton wie ein Gefängnis anfühlen.

Doch vor allem sind diese Männer brutalisiert und haben keine anderen Konfliktlösungen parat, als Gewalt. Da mögen die Frauen reden, so viel sie wollen, da mag ein Mann wie Marshal Clyde Martin – wenn auch zu spät und aus den falschen Gründen – erkennen, daß das Töten keine Lösung sein kann, nichts und niemand kann aufhalten, was Gilly und Paul sich in den Kopf gesetzt haben. Und die Gewalt, die diese Männer dann entfachen, wirkt fast kathartisch. Zugleich zeigt sich in dieser Gewalt ihre ganze Dysfunktionalität. Mary-Ann möchte von Paul geliebt werden, obwohl der ihr Vater sein könnte und zudem irgendwo Frau und Kinder hat, ihre Schwester Ellen liebt Gilly – oder sie liebt das, wofür ein Aufschneider wie er steht. So werden Männer zu Projektionsflächen für Frauen, die im Grunde weg wollen, und Frauen zu Nutzgegenstände für Männer, die mit sich selbst nicht klar kommen – Ti West schreibt seinem Film diese Ebene durchaus ein und spielt sie dann lustvoll aus.

Doch bei aller Analyse sollte man ihm nicht zu viel unterstellen. IN A VALLEY OF VIOLENCE ist ein unterhaltsamer, schneller und brutaler Western, der dem Genre huldigt und dabei in bester postmoderner Manier ein Feuerwerk an Zitaten zündet, das Westernliebhabern allemal Spaß bereiten dürfte. Viel mehr will er nicht sein und viel mehr ist er dann auch nicht. Viel mehr sollte man aber auch nicht erwarten, dann wird man nicht enttäuscht und stattdessen knappe zwei Stunden gut unterhalten. Wie es eben die Aufgabe guter B-Movies ist.

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