JOE COUNTRY

Ein weiterer Fall für das Team um Jackson Lamb...oder was davon noch übrig ist

Das Schöne an Serien ist ja, dass man einmal Liebgewonnenem immer wieder begegnet und doch auch immer wieder neu. Mit jedem neuen Fall für Jackson Lamb begegnen wir also den noch Lebenden der vorangegangenen Fälle – River Cartwright, seiner einzigen Freundin Louisa, dem Computer-Nerd Roddy „The Rodster“ Ho, Catherine Standish, ihres Zeichens Sekretärin des legendären Lamb und trockene Alkoholikerin, und natürlich dem Meister selbst – und ihren diversen Marotten, die man mittlerweile fast liebgewonnen hat. Und natürlich erfreut man sich immer wieder aufs Neue an Jackson Lambs unfassbaren Gemeinheiten, Beleidigungen und Unflätigkeiten, mit denen er seine Untergebenen überzieht, quält und provoziert – allesamt Agenten des MI5, des britischen Inlandsgeheimdienstes, die irgendwo auf ihrem meist noch recht kurzen Karriereweg Mist gebaut haben und dafür ins Slough House, einer fast vergessenen Außenstelle, verbannt wurden. Natürlich delektiert man sich an Lambs Art auch und gerade deshalb, weil sie in jeder Hinsicht so herrlich unkorrekt ist und dem Leser damit den Eindruck vermittelt, er könne endlich mal hinter all den herrschenden Tabus frei auflachen. Denn Jackson Lamb ist nicht nur in allen die Spionage betreffenden Angelegenheiten gnadenlos analog und also vorgestrig, sondern auch hinsichtlich jedweder Correctness, ob politischer, kultureller oder gesellschaftlicher Natur. Er ist ein sich zumindest zutiefst reaktionär gebender Mann des kalten Krieges. Tiefstes Mittelalter.

JOE COUNTRY (2019; Dt. 2023), zumindest nach der Zählung der deutschen Ausgaben bei Diogenes Band sechs der Reihe, bietet wieder eine Menge dieser Gemeinheiten, denn Lamb versucht herauszufinden, weshalb River Cartwrights Vater plötzlich wieder auftaucht und die Beerdigung des Großvaters seines Edel-Domestiken stört. Immerhin war der alte Mann eine Legende des Dienstes. Und um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, braucht Lamb die Ideen der ihm Ausgelieferten. Und so lässt er sie ein ums andere Mal antreten und ihre Ideen ausbreiten, gibt sich derweil seinen Flatulenzen hin und trinkt, rülpst und raucht eine nach der anderen, denkt sich eine Beleidigung nach der anderen aus und braucht die Ansichten und Meinungen der anderen vor allem, um den eigenen Denkapparat am Laufen zu halten. Nur, um dann zu beschließen, sie loszuschicken und sich Rivers Nemesis zu stellen – was Kollegin Louisa sowieso schon tut, da sie Urlaub genommen hat, um nach dem Sohnemann ihres ehemaligen Kollegen und Liebhabers Min Harper zu suchen. Und ganz zufällig kreuzt sich ihre Suche nach dem Jungen mit der ihrer Slow-Horse-Mitleidenden nach Frank Harkness, Rivers altem Herrn. Am Ende dieses Falles scheiden einige, von denen man das kaum geglaubt hätte, aus der Serie aus und Mick Herron entpuppt sich im Umgang mit seinem Personal als ähnlich gnadenlos, wie es Jackson Lamb mit dem seinigen ist. Wobei die Schnittmengen ja erstaunlich groß sind.

Wie so oft, sind weniger die Story oder gar der Plot wesentlich; vielmehr sind es die einzelnen Szenen, in die der Autor seine Figuren stolpern lässt, es sind die Dialoge und Lambs Zwiegespräche mit Catherine Standish oder – in diesem Fall etwas weniger – mit Diana Taverner, jener Dame, der es mittlerweile mittels diverser Intrigen gelungen ist, sich an die Spitze des MI5 zu putschen. Wo sie u.a. mit dem ehemaligen Innenminister und ihrem Gelegenheitsliebhaber Peter Judd – unschwer als Karikatur von Boris Johnson zu erkennen – konfrontiert wird, der seinerseits nicht unwesentlich an der Entwicklung des aktuellen Falles beteiligt ist, darüber hinaus jedoch etwas plant, was Lady Di, wie Taverner etwas despektierlich für alle Beteiligten genannt wird, einerseits zutiefst erschreckt, andererseits in seiner Perfidie aber auch fasziniert. Und das einige Wendungen für kommende Fälle für Jackson Lamb verspricht. Der seinerseits scheint ja eh der einzige Geselle im gesamten Dienst ihrer Majestät zu sein, der Taverner unerschrocken entgegentritt. Allerdings kommt mit dem Verbindungsmann zur Regierung Oliver Nash nun eine Figur hinzu, die ebenfalls wenig bis keine Angst vor der Geheimdienstchefin zu haben scheint. Man darf gespannt sein.

Herron entledigt sich in diesem, wie es scheint, Übergangsfall einiger Figuren, die er entweder nicht (mehr) mag oder mit denen er nicht mehr viel anzufangen weiß (wobei dies in einem Fall wirklich schade ist), legt aber zugleich eine ganze Reihe von Spuren und Lunten für zukünftige Entwicklungen. Wie so oft, ist das Schema auch diesmal schnell zu durchschauen: Zunächst konzentriert sich alles auf London und das Slough House, es gibt viele Szenen in den Büros, Roddy Ho tritt, zum Glück, mitsamt seiner, meist leicht anrüchigen, Fantasien etwas in den Hintergrund, wir folgen Lady Di in einige der gehobenen Londoner Clubs, bevor sich die Handlung dann ins Außen verlagert. In diesem Fall ist das Außen Wales, also tiefste Provinz, zumindest aus dem Blickwinkel Londons. Herron gelingt der Tanz auf dem schmalen Grat, seinem Publikum Lacher zu entlocken und diese zugleich tief im Hals ersticken zu lassen. Seine Meisterschaft wird immer deutlicher, seine Lust an der politischen Inkorrektheit, am Politthriller, aber auch an der Satire, der Conditio Humana und mehr noch am menschlichen Scheitern und der Komik, die darin steckt, treten immer deutlicher zutage und sind ansteckend.

So bleibt als einzige Kritik zu erwähnen, dass es an der Zeit wäre, dem geneigten Leser mehr über Jackson Lambs Hintergrund zu erzählen, ein paar seiner sicherlich zahlreichen Geheimnisse zu lüften und der Figur etwas mehr Tiefe zuzugestehen. Diese deutet sich ja immer wieder an und wir erahnen anhand einiger Momente, in denen Herron von seiner harten Beschreibung abweicht und Lamb schwach oder zumindest schwächelnd zeigt, dass hinter dieser extrem zynischen Fassade ein Mensch steckt, der entweder tiefe Verletzungen erlitten hat, oder aber sehr, sehr viel Schuld auf sich laden musste. Es deutet sich in den Hinweisen auf Lambs Schaffen während des Kalten Kriegs an, dass letzteres wohl der Fall sein dürfte. So wäre es spannend, mehr über ihn und seinen Hintergrund zu erfahren.

Aber wem steht es schon zu, einem Autor Tipps zu geben, wie er seine Figuren zu behandeln hat? Eben! Deshalb kann man nur gespannt darauf warten, wie es weitergeht mit Lamb und seinen Lämmchen und welche Wendungen Herron seinem Publikum noch bieten wird. Immerhin hilft ein Blick in die Wikipedia, um festzustellen, dass es da mindestens noch zwei Romane und einige Novellen mit dem widerlichen Antihelden in der Hauptrolle gibt. Man darf also gespannt sein…

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