KÖNIGSALLEE

Hans Pleschinski lässt den späten Thomas Mann an einem Wochenende in Düsseldorf auf Spuren seines Lebens treffen

1954 – der fast achtzigjährige Thomas Mann und seine Frau Katia sind auf einer seiner letzten Lesereisen, die sie auch nach Düsseldorf führt. Dort soll Mann im Schumannsaal aus seinem neuesten Roman, dem FELIX KRULL vorlesen. Begleitet werden sie von ihrer Tochter Erika, die vor allem dafür Sorge zu tragen hat, daß es dem großen Meister bequem und genehm ist. In Düsseldorf steigen sie im Breidenbacher Hof ab, eines der ersten Häuser der Stadt, direkt gelegen an der Prachtmeile der Stadt, der Königsallee. Zur selben Zeit trifft auch Klaus Heuser hier ein, Thomas Manns große Liebe und das Vorbild für den Joseph in Manns großer Josephstetralogie. Dieser hat seinen jungen Geliebten Anwar, einen Indonesier, bei sich. Beide wollten eigentlich bei Heusers Eltern im Linksrheinischen, dem heutigen Meerbusch, absteigen, fliehen jedoch vor Heusers Eltern, die dieser nahezu 18 Jahre nicht gesehen hatte, da er in den 30er Jahren nach Asien ausgewandert war. Nun also befinden sich die ehemals Liebenden Thomas Mann und Klaus Heuser im selben Hotel, was sofort Erika Mann auf den Plan ruft, die Heuser aufsucht und bittet, sich vom Vater fernzuhalten, der würde eine neuerliche Begegnung nach all den Jahren emotional nicht mehr durchstehen. Heuser gibt sich zurückhaltend und willigt nicht weiter in Erikas Wünsche und Forderungen ein. Auch Erikas Taufpate und frühere Freund des Autors, der Schriftsteller und Dozent Ernst Bertram wird vorstellig und bittet Heuser, für ihn ein gutes Wort bei Mann einzulegen, da dieser ihn ob seiner Verstrickungen in die Machenschaften der Nationalsozialisten kaum mehr empfangen dürfte. Und schließlich tritt der Sohn Golo Mann an Heuser heran, um bei ihm darum zu bitten, dem Vater das eigene Werk, eine Abhandlung über Amerika, nahezubringen.

Und so wird der Leser Zeuge dieser zwei Tage in Düsseldorf, die so nie stattgefunden haben, die der Autor Hans Pleschinski jedoch sprachgewandt und sprachgewaltig, ganz offensichtlich geschult an den Werken seiner Hauptfigur und mit viel Lust daran, dessen Stil und Duktus zu imitieren (und nicht nur seinen), beschreibt, als wäre es so und nur so passiert. Das ist vor allem eine Art germanistische Verneigung vor dem vermeintlichen Großmeister deutscher Literatur im 20. Jahrhundert, allerdings mit so viel Lust und Spaß am Fabulieren und mit sehr, sehr viel Kenntnis der Figuren, ihrer Bedürfnisse und Lebensumstände ausgestattet, daß es eben keine Seminararbeit geworden ist. Allerdings eben auch kein Werk, das zwingend etwas mitzuteilen hat. Wer sich auf diese knapp 400 Seiten einläßt, sollte sowohl Lust an deutscher Literatur und Literaturgeschichte mitbringen, als auch an Klatsch und Tratsch. Man sollte jedoch keine tiefergehenden Erkenntnisse über die Figuren erwarten. So, wie Thomas Mann hier geschildert wird, so stellt man sich den „letzten Bürger“ schon auch vor.

Was das Buch dann aber dennoch über die reine Fingerübung, das stilistische Spiel erhebt, sind die zwar manchmal fehlerhaften (Bölkinger- statt Bolkerstraße), doch in ihrem Zeitkolorit wohl gut recherchierten Schilderungen der Stadt, die, entgegen allgemeiner Ansicht, Opfer heftiger Bombenangriffe war. Pleschinski läßt die Stadt und auch deren Bewohner glaubhaft auferstehen, wenn er – manchmal auch nur schemenhaft – deren Lebensumstände vor, während und nun, nach dem Krieg umreißt, wenn er die auch fast zehn Jahre nach Kriegsende immer noch von Bombenruinen und -lücken gekennzeichneten Straßen der Düsseldorfer Innenstadt beschreibt. Es sind manches Mal gerade diese Passagen, die das Buch dann doch über nur wohlfeiles Gesummse erheben. Denn die Begegnungen Heusers mit seiner Vergangenheit ist doch recht oberflächlich ausgefallen, daran gibt es wenig zu deuten. Wenn Mann und Heuser schließlich aufeinander treffen, ist das zwar berührend, doch es generiert auch keinen Mehrwert an Erkenntnis in Bezug auf diese beiden so unterschiedlichen und dennoch sehnsuchtsvoll miteinander Verbundenen.

Die fast theaterhaften Auf- und Abgänge Erikas und Bertrams und schließlich die teils zähe, teils hervorragende Szene mit Golo im Goldenen Ring am Burgplatz – einem der zentralen Plätze der Düsseldorfer Altstadt – muten an, als wolle der Autor diesen Figuren unbedingt genau das gönnen: Auftritte. Und zudem dienen sie v.a. dazu, die persönliche Geschichte Manns mit der Entwicklung Deutschlands zu verbinden, was leider da langatmig gerät, wo z.B. Golo Mann, der hier noch ein Suchender ist, jemand der seine Bestimmung noch nicht gefunden hat, die hundert Jahre Geschichte bis heran ans Dritte Reich Revue passieren läßt und auszudeuten sucht. Das ist bekannt, ebenso wie seine Suche danach, als Autor zu reüssieren, der eben nicht mit dem Vater in Konkurrenz stehen muß.

Pleschinski gelingen immer wieder Szenen, die atemberaubend sind – beispielhaft sei das achte Kapitel mit dem bezeichnenden Titel „Das siebte Kapitel“ genannt. Hier führt der Autor uns Mann vor, wie dieser aus Träumen langsam an die Oberfläche des Wachens aufsteigt, sein Leben, sein Werk an sich vorbeiziehen läßt und zugleich das Alter reflektiert und das, was es einem nimmt. Dies sind die Momente, die das Buch momentweise wirklich zu „großer“ Literatur werden lassen. Umso unverständlicher, daß es ihm immer wieder passiert, daß eigentlich spannende Szenen, Szenen, die Potential für Konflikt und Auseinandersetzung haben, seltsam blutleer anmuten. Das wäre der eine wirklich strenge Kritikpunkt.

Hans Pleschinski ist ein hochinteressanter Roman gelungen, dem es nicht nur gelingt, eine der zentralen Figuren der jüngeren deutschen Literaturgeschichte zum Leben zu erwecken, sondern zugleich auch diese Zeit einzufangen, der des beginnenden Wirtschaftswunders, des „Hurra, wir leben noch!“ und gleichzeitig unterschwelligem Unwohlseins ob all dessen, was nach und nach hochkam an Erkenntnis über die 12 „dunklen“ Jahre, die man so gern aus dem Gedächtnis gestrichen hätte.

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