KOPFÜBER IN DIE NACHT/INTO THE NIGHT

John Landis entführt sein Publikum in eine komödiantisch aufbereitete Noir-Nacht in Los Angeles

Ed Okin (Jeff Goldblum) ist ein gelangweilter Ingenieur in einer Firma für Satellitentechnik. Jeden Morgen quält er sich über die immer verstopften Freeways des Greater Los Angeles, meist vollkommen übermüdet, weil er schon länger keinen Schlaf mehr findet. Sein Nachbar und Freund Herb (Dan Ackroyd), den er meist morgens zur Arbeit mitnimmt, ist der Meinung, Ed solle einfach mal nachts nach Las Vegas fliegen, sich dort die Nacht um die Ihren schlagen und so richtig einen drauf machen.

Als Ed zufällig feststellt, daß seine Frau (Stacey Pickren) ihn betrügt, er die kommende Nacht wieder wach liegt und grübelt, zieht er sich an und fährt tatsächlich zum Flughafen. Dort bleibt er aber in seinem Wagen sitzen, ratlos, was er nun wirklich tun soll. Da springt eine junge Frau zu ihm in den Wagen, sie ist auf der Flucht vor vier Männern. Die soeben ihren Begleiter getötet haben. Sie fleht Ed an, loszufahren und so bringt er sie aus dem Parkhaus und damit zunächst aus der Gefahrenzone.

Er hat es mit Diana (Michelle Pfeiffer) zu tun, die nicht mit der Sprache rausrücken will, weshalb sie verfolgt wird, Ed aber bittet sie zu ihrer Wohnung zu fahren. Dort treffen sie auf Dianas Bruder Charlie (Bruce McGill), der sie aber offenbar loswerden will. Gleiches widerfährt ihr an einer Yacht, wo sie einen Freund und Gönner zu treffen hofft. Offensichtlich ist sie nicht sonderlich beliebt bei denen, die sie zu ihren Freunden zählt.

Auf einem nächtlichen Film-Set gibt Diana ihrer Freundin Christie (Kathryn Harrold) einige Smaragde, die sie für einen Bekannten in die USA geschmuggelt hat. Christie versteckt die Steine in ihrem Mantel.

Im Laufe der Nacht kreuzen sich immer wieder die Wege des Paares mit denen verschiedener Killer und Agenten, die hinter den Smaragden her sind. Ein französischer Killer (David Bowie) bedroht Ed mehrfach, während Diana versucht, einen Kontakt zu ihrem Freund Jack Caper (Richard Farnsworth) herzustellen, dessen Yacht sie zuvor nicht betreten durfte. Sie war die Mätresse des Multimillionärs und erhofft sich von ihm Protektion.

Bei einem Besuch in Christies Haus müssen Ed und Diana feststellen, daß die Killer bereits hier waren und Christie diesen Besuch nicht überlebt hat. Doch Diana gelingt es zumindest mit einem Trick, die Smaragde an sich zu bringen.

Als es ihr endlich gelingt, zu Jack vorzudringen, muß sie feststellen, daß dieser sehr krank ist und seine Frau Joan (Vera Miles) ihn isoliert hat. Jack, der Diana immer noch liebt, gibt ihr den Ratschlag, die Smaragde zu verkaufen. Sie solle zu Shaheen Parvici (Irene Papas) gehen, die er hinter den Häschern vermutet, die Diana schon am Flughafen aufgelauert und ihren Begleiter getötet hatten.

Nach weiteren Wirrnissen, bei denen Diana zwischendurch sogar entführt wird und Ed sich anheischig macht, sie zu retten, gelingt es schließlich, eine Übergabe am Flughafen, wo alles begann, zu organisieren. Hier tauchen auch alle andern an den Smaragden Interessierten auf und es kommt zu einer wilden Schießerei, bei der schlußendlich das ebenfalls ermittelnde FBI eingreift und alle Beteiligten bis auf Diana und Ed tötet.

Die beiden werden in ein Motel gebracht, wo ihnen ein Agent der Behörde einen Koffer mit Geld übergibt. Jack hat Diana üppig abgefunden.

Ed kann endlich einschlafen, als er erwacht, hat er über einen Tag hinweg geschlafen. Diana ist weg, er findet aber zwei Geldbündel in seiner Jacketttasche. Als er nach ihr sucht, steht sie plötzlich, neu eingekleidet, vor ihm, grinst und fragt, ob er sie zum Flughafen fahren könne.

John Landis hatte seine beste Zeit als Regisseur wahrscheinlich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. In kurzen Intervallen lieferte er krachende Komödien wie THE KENTUCKY FRIED MOVIE (1977), NATIONAL LAMPOON`S ANIMAL HOUSE (1978), die unverwüstlichen THE BLUES BROTHERS (1980) und AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON (1981). Jeder dieser Filme hatte hohes Kultpotential und mindestens THE BLUES BROTHERS haben diesen Status bis heute verteidigt. Danach riss Landis` Erfolgsserie etwas ab. 1983 schob er Eddie Murphy in die Spur zum Superstar der 80er, als er ihn in TRADING PLACES (1983) die Wall Street aufmischen ließ. Im gleichen Jahr schrieb er an der Geschichte des Musikvideos mit, als er für Michael Jackson dessen THRILLER (1983) bebilderte.

INTO THE NIGHT (1985) schlug eine andere Richtung als die bisherigen Werke ein, wurde auch ein veritabler Hit an der Kinokasse und steht doch für einen Bruch im Werk des Anarcho-Filmemachers. Mit einem ordentlichen Budget und in Jeff Goldblum und Michelle Pfeiffer mit zwei aufstrebenden Jungstars ausgestattet, bot Landis auf Basis eines Drehbuchs von Ron Kostow einen Thriller mit komödiantischen Anteilen – oder vielleicht auch eine Komödie mit Thriller-Elementen, man weiß es nicht genau und die Regie scheint es auch nie genau gewusst zu haben.

Im Grunde wandelt INTO THE NIGHT auf klassischem Noir-Terrain. Ein frustrierter Mann, dessen Leben eintönig und immergleich verläuft, dessen Ehe nicht mehr befriedigend ist und dessen Arbeit ihn langweilt, trifft auf eine unbekannte, aber offenbar gefährliche Frau, die ihn bittet, ihr zu helfen, ihn ausnutzt, wegschickt, froh ist, daß er zurückkehrt und ihr schließlich aus der Patsche hilft. Gemeinsam erleben die beiden einen Trip durch die Nacht von Los Angeles, der es in sich hat. Verfolgt von vermeintlichen Agenten des persischen Geheimdienstes, diversen Schlägertrupps und einem französischen Killer, versuchen die beiden ihr eigenes Leben und einen wertvollen Smaragd, hinter dem scheinbar jeder her ist, zu retten.

Ein Plot, wie es ihn zuhauf gab – vor INTO THE NIGHT und auch danach. Landis geht es aber weniger um die Story, als um Insiderwitze, seine männliche, unter Schlafmangel leidende und daher wie somnambul durch dieses Wirrwarr wandelnde Hauptfigur und – das wohl vor allem – darum, L.A. bei Nacht in Szene zu setzen. Im Grunde scheint die Stadt der eigentliche Protagonist des Films, auch wenn die Story, so, wie sie erzählt wird, überall spielen könnte. Kameramann Robert Paynter, der zuvor schon einige Male mit Landis zusammengearbeitet hatte, fängt ein paar schöne Impressionen der nächtlichen city of lights ein.

Neonbeleuchtete Tankstellen, verlassene Diners, quirlige Film-sets, mondäne Villen, die Eleganz von Malibu und immer wieder die Boulevards vor der Dämmerung und die Freeways, die die Stadt durchschneiden. Darauf sind der Held und die ihm sich Anvertrauende in immer wechselnden Wagen unterwegs. Vom – im doppelten Wortsinn – Mittelklassewagen, über einen offenen Chevy mit „Elvis Lebt!“-Schriftzug, bis hin zu beeindruckenden Limousinen, die wie Schiffe dahingleiten, entfernt Goldblums Ed Okin sich immer weiter von seinem Zuhause, seinem Leben und der Welt, die er kennt. Und dringt immer tiefer in eine Welt des nächtlichen Americana ein, die Landis exemplarisch vorführt. Eine Welt, in der Pfeiffers Diana weit mehr zuhause ist und in der sie sich auskennt. Oder auszukennen scheint, denn in dieser Welt ist wenig, wie es scheint. Denn auch das gehört zum Konzept des Films: Abgesehen von dem französischen Killer Colin Morris, den David Bowie als freundlichen aber eiskalten Engel gibt, entpuppen sich die meisten Bad Guys des Films als komplett überforderte Idioten, was der Sache ein wenig die Spannung nimmt, ihr aber eben den komödiantischen Touch gibt. Wir bangen um unser Pärchen, aber wir müssen nicht vor Angst die Nägel bis zu den Betten abkauen. Entschädigt werden wir – wenn wir denn auf solche Spiele stehen – mit einem scheinbar unendlichen Who´s Who an Regiekollegen, die Landis in Klein- und Kleinstrollen auftreten lässt.

INTO THE NIGHT ist, man merkt es gerade an solchen Cameo-Spielereien, ein frühes Beispiel postmodernen Kinos, ein Film, der sich selbst nicht mehr ernst nimmt, seine Figuren durchaus der Lächerlichkeit preisgibt, diese Haltung zugleich mit einer Härte mischt, die dem extremen Kino der vergangenen Dekade der 70er geschuldet sein dürfte, in der Regisseure wie Sam Peckinpah, William Friedkin oder Michael Winner graphisch explizite Gewalt im Mainstreamkino etabliert hatten. Allerdings kann man an Landis´ Film auch genau studieren, weshalb vielleicht gerade das postmoderne Kino bis auf wenige Ausnahmen so schnell an Veralterung leidet.

Es ist sicher nicht gerecht, einen Film von 1985 mit den (auch technischen) Möglichkeiten des Films und der Voraussetzung von 25 Jahren zusätzlicher Drehbuch- und Storyerfahrung zu beurteilen, doch fällt gerade bei diesem Werk auf, wie heillos gestrig es wirkt, gerade an jenen Stellen, die es sich damals zugutegehalten haben mag. Die Härte auch eines „harten“ Films von 1985, der nicht gerade italienischer Provenience ist und aus der dunkelsten Ecke einer schmuddeligen Videothek gefischt wurde, ist unter dem Aspekt, was heutzutage  schon im Vorabendprogramm gezeigt wird, nicht der Rede wert. Zudem orientiert Landis sich optisch weniger an Peckinpah, Friedkin oder Winner, sondern an seiner eigenen Darstellungsweise auch von Gewalt in seinen eher parodistischen Filmen. INTO THE NIGHT wollte – auch nach den Maßstäben der 80er – eher niemandem wirklich wehtun. Es soll eine letztlich leichte Komödie sein. Und genau da ist die entscheidende Sollbruchstelle für einen Film wie diesen: Humor entwickelt sich. Nur die wenigsten Filme, die einmal als Komödie konzipiert waren, können spätere Generationen noch überzeugen. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber heute 30jährige werden nicht über jeden Film von Billy Wilder lachen, einige nicht einmal schmunzeln. Und selbst der Humor der 70er erscheint uns heute eher abgestanden und schal. Der ganze Machismo, der damals Lacher erzeugte aber todernst gemeint war, ist heute nicht einmal mehr Gegenstand der Satire. Für heutige Sehgewohnheiten ist INTO THE NIGHT viel zu langsam, in seinen Einstellungen und Bildperspektiven viel zu altbacken und was Schnitt und Montage angeht, viel zu konventionell. Vielleicht war er es schon damals. Humor wird heute jedenfalls vollkommen anders vermittelt, Action allerdings auch.

Wenn aber diese beiden filmischen Mittel schon nicht mehr funktionieren, wie soll das mit einer Garde an Filmemachern sein, die, von einigen wie David Cronenberg vielleicht, ihre Karrieren meist längst abgeschlossen haben, wenn sie denn überhaupt noch leben? Wer soll sie erkennen, wer sich an diesen Auftritten ergötzen, außer ein paar echten Aficionados? Landis´ Film mag 1985 ganz gut funktioniert haben, mittel- bis langfristig wirkt das alles aber nicht mehr taufrisch. So bleibt heute eigentlich nur, den Film wegen seiner teils wirklich schönen Nachtaufnahmen von Los Angeles und der Schauspielkunst von Jeff Goldblum und Michelle Pfeiffer zu schauen. Beide hatten ihre ganz große Karriere noch vor sich, waren aber bereits etabliert, auch wenn dies bei Pfeiffer lediglich auf ihrer Rolle und ihrer Performance in Brian De Palmas Gangsterepos SCARFACE (1983) beruhte. Goldblum hingegen blickte bereits auf eine solide, mehr als zehnjährige Zeit im Filmbusiness zurück.

Ed Okin gibt er als nahezu Unbeteiligten. Und das von Anfang an. Auch in den ersten Szenen, in denen wir seinen Alltag an der Seite seines von Dan Ackroyd gespielten Kumpels miterleben müssen, in denen er auch entdeckt, daß seine Frau ihm fremdgeht und an dessen Ende er sich schließlich in einem nahezu leeren Parkhaus am LAX, dem Flughafen von L.A., wiederfindet und sich fragt, wie es weitergehen soll oder ob es überhaupt weitergehen soll. Aber selbst hier starrt Ed eigentlich nur vor sich hin. Lange fragen wir uns, ob diese Apathie seiner Schlaflosigkeit geschuldet ist oder ob er bereits in einer veritablen Depression versinkt. Oder ist es vielleicht die Tatsache, daß Goldblum nur bedingt Lust auf die Rolle hatte. Aber man will nichts unterstellen. Jedenfalls wirkt dieser Mann bei nichts, das ihm widerfährt, sonderlich beteiligt oder emotional berührt. Er rollt bestenfalls mit seinen riesigen Augen.

Landis führt sein gesamtes Personal einmal am Ring durch die Manege, streut hier mal eine Autoverfolgung ein, dort eine wüste Schlägerei und auch einige Ballereien, die schlußendlich einen hohen Blutzoll fordern. Die Ermordung von Dianas Freundin Christie ist die mit Abstand eindringlichste und auch brutalste Szene, die der Film zu bieten hat.  Ein einziges Mal wirken die Killer hier wirklich bedrohlich – als sie zu viert eine wehrlose Frau im Ozean ertränken. Seinem Pärchen gönnt Landis allerdings ein Happy-End. Doch wirklich fokussiert ist das alles nicht. Wie bereits erwähnt, changiert der Film zwischen Komödie und Thriller, ohne sich mit sich selbst einig zu werden. Aber auch Aufbau, Rhythmus und Handlungsablauf finden nie ein einheitliches Tempo, gelegentlich wirken Szenen wahllos aneinandergereiht, der Erzählstil – auch visuell – ist eben nur konventionell. INTO THE NIGHT propagiert die Freiheit der Nacht, ohne dieses Axiom sonderlich ernst zu nehmen oder mit Leben zu füllen. In diesem Film ist nahezu alles ironisiert. Des Kleinbürgers Entfesselung scheinen wir beizuwohnen. Wenn die Geschehnisse, denen Ed Okin sich ab dem Moment, in dem Diana in sein Auto steigt, ausgesetzt sieht, ihn aber ähnlich kalt lassen, wie zuvor sein öder Alltag, beginnen wir, der Sache zu mißtrauen. Ist der Kerl schon jenseits von Gut und Böse? Berührt ihn wirklich rein gar nichts mehr? Immerhin scheint Diana ihn genug zu faszinieren, um ihr zu folgen, obwohl sie ihn wegschickt, und das sogar, obwohl er zuvor ca. zehn Mal betont hat, nun eigentlich heim zu wollen. Eines dieser kleinen Beispiele für Inkohärenz, die den Film prägt.

INTO THE NIGHT ist ein gutes Beispiel für das Kino der 80er, wo es nicht gerade Meisterwerke hervorbrachte. Es ist ein oberflächlicher Film, der in seinen besten wie in den schlechtesten Momenten genau diese Oberflächenreize spürbar macht und verherrlicht. Sind die knapp zwei Stunden Laufzeit des Films rum, hat man schon am Ende des Abspanns vergessen, worum es eigentlich ging, Ein Film wie eine Pose. Eine Pose aus längst vergangener Zeit.

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