LOLITA

Nabokovs Jahrhundertroman?

Kann es sein, daß gewisse Autoren, die zu den Klassikern der modernen Literatur gerechnet werden, diesen Status eher ihrer zeitgenössischen Wirkung denn ihrem wirklichen literarischen Talent verdanken? Und ist es Kulturblasphemie, wenn man beispielsweise Vladimir Nabokov dessen bezichtigt? Seine LOLITA zählt bei gewissen Großkritikern ja ebenso zum Kanon des 20. Jahrhunderts, wie Thomas Mann oder James Joyce. Die selben Kritiker tun sich allerdings schwer, wenn es um Robert Musil oder Thomas Pynchon geht, was möglicherweise ein Beleg für die eingangs geäußerte These wäre. Denn ein Pynchon spricht ein vollkommen anders geprägtes und sozialisiertes Publikum an, als dies noch Thomas Mann tat – oder Nabokov.

Liest man die LOLITA heute, so liest man natürlich einen aufsehenerregend gescheiterten Film von Stanley Kubrick mit, man liest die gesamte popkulturelle Relevanz, die die Figur der „Lolita“ in den nunmehr über sechzig Jahren seit Ersterscheinen des Romans durchlaufen hat, und vor allem liest man einen Berg an Diskursbeiträgen mit, die man zwar nie im Leben alle gelesen, die man als Literaturinteressierter aber immer irgendwie wahrgenommen hat. Wenige Bücher des 20. Jahrhunderts werden solche Aufmerksamkeit aus den unterschiedlichsten Fakultäten, Wissenschaften und von Kulturtätigen erhalten haben. Angefangen beim Skandal, den das Buch 1955 und in den Folgejahren seines Erscheinens ausgelöst hat, über die diversen Auseinandersetzungen, ob man es hier mit echter Liebe, reiner Pädophilie, reeller Sexualität, bitterstem Kindesmißbrauchs oder Altmännerphantasie zu tun hat, über Fragen danach, wie ein solcher Angriff auf den guten Geschmack und die Konventionen, ergo „die Gesellschaft“, einzuordnen sei und ob Kunst denn nun „alles“ dürfe oder ob Zensur nicht doch von Fall zu Fall geboten sei, bis hin zu den rein literaturwissenschaftlichen Fragestellungen danach, ob dies nun Beschreibung, ein erotischer Fiebertraum, eine Phantasie oder gar eine reine Projektion sein könnte? Es wurde untersucht, ob der Hauptprotagonist vielleicht nur ein böses Spiel mit seinen Lesern treibt; es wurde untersucht, wie Nabokovs Technik, den subjektiven Bericht eines Täters zu liefern, in Bezug auf den Autor einzuordnen sei; daraufhin wurde die Frage aufgeworfen, ob Autor und Erzählstimme identisch sind oder ob der Autor völlig hinter seiner Schöpfung ‚Humbert Humbert‘ verschwindet; es wurde gestritten, ob der Roman Ausdruck der Moderne oder schon postmodern sei; es wurde literaturwissenschaftlich, feministisch, sexualwissenschaftlich und auf mindestens ein Dutzend weitere Arten über den Roman geforscht und promoviert, habilitiert und editiert.

Kann man einen solchen Roman eigentlich unvoreingenommen lesen?

Man kann. Begegnet man Nabokovs Roman einfach zunächst als einem Text, muß man sich bereits nach zehn Seiten eingestehen, es sprachlich mit einem der ausgefeiltesten Werke zu tun zu haben, die man je las. Daran kann alle Empörung und alles Angeekeltsein beim Lesen des Romans nichts ändern. Man mag auf den ersten sechzig Seiten immer wieder denken: Nein, bis hierhin und nicht weiter – man liest dann eben doch weiter. Und dafür zeichnet die Sprache verantwortlich. Selbst in der Übersetzung erliegt man der Sprachmacht dieses Wortmagiers. Und so geht man ihm schon hier in die Falle: Die Ästhetik der Sprache betört derart, daß man die moralischen Skrupel gegenüber der Selbstherrlichkeit des Geschilderten ablegt und somit zum Voyeur des Berichteten wird. Es ist der Bericht eines Mörders, der aufgefordert wurde, für die Geschworenen seine Sicht der Dinge darzulegen. Und dieser Mann, der sich ‚Humbert Humbert‘ nennt, tischt dem atemlosen Leser die skandalöse Geschichte um die Liebe eines Mannes zu einer Minderjährigen, einem zwölfjährigen Mädchen, auf. Er hält sich kaum zurück in seinen Beschreibungen und man erahnt, weshalb der Roman in seiner Zeit das Prädikat „pornographisch“ angehängt bekam. Wobei alles, was hier beschrieben wird weit davon entfernt ist, pornographisch zu sein. Der Leser, der von vornherein mit voyeuristischen Absichten diese Seiten öffnet, kommt sicherlich nicht auf seine Kosten.

Beginnend in der Heimatstadt von Dolores Haze, wie das Phantasiegeschöpf „Lolita“, das der Erzähler vor uns auferstehen lässt und das sich doch immer wieder aus den Kadern seiner Projektionen befreien und eine Eigenständigkeit behaupten kann, in ihrer Realität heißt, führt die Reise dieses ungleichen Paars dann auf zwei ausgedehnten Reisen kreuz und quer durch die USA. Es ist die Entwicklung der Beziehung dieses Paars, die elementar von Lolitas Entwicklung als Pubertierende abhängt. Wobei Humberts eigentliche Sehnsucht der Stillstand ist: Eine ewig zwölfjährige „Nymphe“ – oder, wie er zu sagen pflegt, ein „Nymphchen“ – immer willig zu seiner Verfügung. Solches lässt ihn träumen von Kindern und Enkeln, die alle irgendwann das richtige Alter erreichen. Doch Humberts fieberhafte Überlegungen, größenwahnsinnigen und endlos egozentrischen Elogen der eigenen Großartigkeit ex negativo kulminieren in einem Mord ab dem Moment, da die Realität sich in die Phantastereien einmischt. Daß Lolita – anders als jenes verführerische Kindmädchen, das ab nun mit dem Begriff der „Lolita“ assoziiert werden sollte – eine eigene Meinung, einen Willen hat, erwachsen wird, sich einen Fluchtplan überlegt und anschließend ein „normales“ Leben fristet, beleidigt Humberts Narzissmus maximal. Was außer Mord bleibt Humbert Humbert? Er, der weiß, wie weit er bereits außerhalb der Gesellschaft steht, nimmt einen letzten Sprung und vollzieht den radikalen Bruch, den symbolischen Ausstieg aus der Gemeinschaft. Er tötet.

Nabokovs Kunst besteht darin, diese Figur und all ihre Perfidie durch sich selbst, aus sich selbst heraus dem Leser real werden zu lassen. Und das gelingt ihm keinesfalls mit den intimen Andeutungen, die mal mehr, mal weniger plump daherkommen. Es sind die Beobachtungen und seine unmittelbaren Reaktionen darauf – die natürlich nie unmittelbar sind – , die Humberts Bericht so lebensnah und authentisch wirken lassen. Wie er seine ganze Verachtung gegenüber einem ihm fremden Land ausstellt, immer auch, um von sich abzulenken. Es dienen ihm seine rhetorischen Fähigkeiten, seine Bildung und Sprachfähigkeiten, einen Schleier über das zu breiten, was wirklich zwischen ihm und Dolores Haze vorgegangen ist. Und fast wirkt es, als bräche sich in ihm etwas wie Gewissen oder wir Furcht Bahn, Furcht vor Konsequenzen, die vorzustellen er sich nicht erlaubt. Literarisch hat das natürlich eine Klasse, die niemals in Frage steht und es ist Seite für Seite, Satz für Satz nachzuvollziehen, weshalb der Roman bei Erscheinen Skandal und Sensation in einem war. Man versteht sofort, was ihn groß macht und Humbert an die Seite anderer großer Monster der Weltliteratur stellt – von de Sade oder einigen Protagonisten bei Thomas Bernhard und gar bis zu Bret Easton Ellis´ AMERICAN PSYCHO – und denkt doch zugleich darüber nach, ob dies alles nicht auch eine Erscheinung seiner Zeit war.

Die U.S.A. hatten bereits mit Henry Miller einen Furor sexueller Befreiung erlebt. Die 1950er Jahre jedoch waren erneut von moralischer Enge und Rigorismus geprägt. Miller musste das Verbot seiner Werke hinnehmen, andere hatten nicht mehr Glück mit einem offenen Umgang mit der Sexualität. Nabokov wagt den maximalen Skandal: Die Sexualität in seinem Roman ist nicht schön oder nett, sie ist nicht einmal etwas als „natürlich“ Hinzunehmendes. Sie ist – so gewollt von allem Anfang an – bedrohlich und scheinbar erst aufregend, wenn sie zerstört und unterwirft. Allerdings stellt Humbert diesen Aspekt seines Triebes als etwas zwar leider unumstößliches jedoch nebensächliches dar. Es mag also gut und gern sein, daß LOLITA seinen enormen Erfolg bei den Kritikern und den Lesern seiner Zeit auch dem Umstand verdankt, mit echten Tabus zu spielen und den Leser zu verführen, alle moralischen Bedenken über Bord zu werfen und sich mit einem Pädophilen, mit einem amoralischen, ja momentweise lustvoll sich dem eigenen Bösen – dem als „böse“ Wahrgenommenen – Hingebenden gemein zu machen. Das ist fraglos eine lietrarische Leistung für sich.

Stellt sich die Frage: Würde das alles auch heute noch wirken, wie es einst wirkte? Wahrscheinlich lautet die Antwort „ja“, denn auch, wenn man Aufbau und Verlauf des Werkes kritisieren mag, weil das ganze Unterfangen romantechnisch doch gewaltig ins Schlingern gerät, auch wenn man sich moralisch angeekelt fühlt und das Buch alle zwanzig Seiten an die Wand werfen mag, die Sprache, die sich hier entfaltet, ist so er-lesen, daß sie sich immer und zu allen Zeiten durchzusetzen wüsste.

Man mag das alles inhaltlich ablehnen oder gar verwerflich finden. Daß man es hier mit hoher literarischer Qualität zu tun hat, sollte vollkommen außer Frage stehen. Eben doch Kanon-Literatur.

2 thoughts on “LOLITA

  1. Michael C. sagt:

    Meisterhaft finde ich nicht nur die Sprache Nabokovs, sondern auch seine Fähigkeit, rein literarische Texte zu produzieren, die sich um Erwartungshaltungen der Leserschaft nicht nur einen Teufel scheren, sondern als Vexierspiel diesen bewusst einen Strich durch die Rechnung machen.
    In deiner Review wird sehr deutlich, wie wir als nachgeborene Leser versuchshalber dem Roman diese und jene Schublade anzupassen versuchen, sicherlich auch in der Hoffnung, eine Lesart zu entwickeln, die uns den skandalösen Inhalt verarbeiten hilft.
    Fast jedem Leser drängt sich – meist schon nach wenigen Seiten – die Frage auf: Darf man so (etwas) schreiben – denn verführerisch ist nicht nur Dolores, verführerisch ist in erster Linie Nabokovs Sprache -, soll ich das lesen?
    Dass LOLITA ein Skandalbuch werde würde, war Nabokov klar, war sicherlich kalkuliert. Aber dass sich ein Roman, der höchsten Ansprüchen gerecht wird, bis heute nicht aus dem Schatten dieses Vorwurfs befreien konnte, dass im Gegenteil trotz zunehmender Liberalisierung in den meisten Lebensbereichen der Vorwurf der Pädophilie LOLITA für viele immer noch und gerade wieder zum Schmuddelbuch macht, dem Zensur und Verbot recht geschähen: das verwundert mich (und auch wieder nicht).
    Es stellt sich das Unbehagen ein, der Leser würde Humberts verwerfliche Neigungen teilen, sofern er nicht rechtzeitig empört gegen den Text aufbegehrt.
    Dass die provozierten Reaktionen nachvollziehbar sind, zugleich aber die Frage nach der literarischen Freiheit aufwerfen; dass Nabokov die Antwort darauf bewusst schuldig bleibt und der Nachwelt überlässt: darin liegt für mich neben der sprachlichen Qualität die große Faszination dieses Romans, der für mich zu den herausragenden Büchern seiner Zeit zählt.

  2. Gavin Armour sagt:

    Hallo Michael!

    Danke Dir für den Kommmentar. Ich bin da bei Dir, obwohl es mir zunächst ebenfalls so ging, daß ich tiefgreifende Abscheu vor dem zu Lesenden empfand. Doch man kann sich, wenn man eben auch liest, weil man sich an Sprache ergötzen will und allein schon in ihr ein Zuhause findet, der Sprache eines Nabokov (und seiner kongenialen Übersetzer, muß man wohl sagen) schlicht nicht erwehren.

    Was mich allerdings, sozusagen as Fußnote zu Deinen Überlegungen, ebenfalls interessiert, ist die Frage, wieso wir (also „der Leser“/“die Leser“) einmal bereit sind, uns die größten Unsympathen als „Helden“ vorsetzen zu lassen (Bsp: Patrick Bateman in Ellis AMERICAN PSYCHO; jüngeren Datums Max Aue in Littells DIE WOHLGESINNTEN), ein andern Mal genau dies nicht akzeptieren – wie im Falle Humbert Humbert. Ich glaube nicht, daß es nur mit der Art des Verbrechens zu tun hat (was könnte grausiger sein, als die Art von Verbrechen, die der SS-Mann Aue begangen hat?), sondern eben an der Sprache selbst. Nabokov bietet eben auch ein geniales Portrait des „Monsters in der Gestalt des Gebildeten“ und seine Sprache überführt Humbert all dessen Schrecklichkeiten umso mehr. Und wir müssen uns (oder: Unser Wollen) in Humberts Bildung und seinem Geist erkennen.

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