LUCKY

Eine Hommage, eine Huldigung, eine Verbeugung - Harry Dean Stanton ist Lucky

Eine Schildkröte wandert von rechts nach links durchs Bild.

Lucky (Harry Dean Stanton) ist ein alter Zausel, der in einem Wüstenkaff im Südwesten lebt. Er geht tagtäglich den gleichen Tätigkeiten nach: Morgens nach dem Aufstehen ein paar Yogaübungen, einen Kaffee trinken, in die Stadt wandern, wo er in Joes (Barry Shabaka Henley) Diner ein Frühstück zu sich nimmt. Er geht in der Stadt spazieren und kauft Zigaretten bei Bibi (Bettila Damas). Nachmittags löst er Kreuzworträtsel, während er im Fernsehen Spielshows anschaut und wenn ihm ein Wort nicht einfällt, nutzt er ein rotes Telefon, um jemanden anzurufen, der ihm hilft. Er liest im Wörterbuch. Abends geht er in Elaines (Beth Grant) Kneipe einen Schluck trinken, wo er seinen Freund Howard (David Lynch) trifft. Spät geht er ins Bett.

Eines Tages lädt Bibi Lucky zum Geburtstag ihres Sohnes Juan ein, es gäbe eine Fiesta.

Es sind die Angelegenheiten und kleinen Dramen, die Lucky begegnen und bewegen: Howards bester Freund, eine Landschildkröte, ist ausgebüxt und das veranlasst Luckys Freund, sein Testament zu schreiben. Der Anwalt Bobby Lawrence (Ron Livingston) will das Papier aufsetzen, doch hält Lucky ihn davon ab.

Er versucht Howard klar zu machen, daß der sich keine Sorgen machen solle: Die Schildkröte sei nun mal weg, wir sind allein und wir gehen allein. Bobby findet den Gedanken schrecklich, doch Lucky beharrt darauf, daß das Wort „Allein“ wunderschön sei: Es käme von „All“ und „Ein“. So stünde es im Wörterbuch. Diese Sicht unterstreicht Luckys Blick auf die Welt: Er ist im Grunde ein sich dessen nicht bewusster Existenzialist – und damit auch Atheist.

Lucky fordert Bobby zu einem Kampf vor der Tür auf, weil er ihn für einen Halsabschneider hält, der sich am Unglück anderer bereichere, doch Bobby will nicht und die anderen Gäste können das Schlimmste verhindern.

Eines Morgens blinkt die Zeitanzeige an Luckys Kaffeemaschine und er wirkt wie hypnotisiert. Dann kippt er um. Untersuchungen bei Dr. Kneedler (Ed Begley Jr.) ergeben jedoch keine Symptome. Lucky sei alt, sagt der Arzt, da sei es manchmal so, daß der Körper Anzeichen der Schwäche zeige. Das müsse keine tieferliegenden Gründe haben.

Lucky schläft schlecht. Die Aussagen des Arztes geben ihm zu denken. Morgens kommt Loretta (Yvonne Huff), die im Diner kellnert, bei ihm vorbei. Sie hat sich Sorgen gemacht und will schauen, ob bei Lucky alles in Ordnung ist. Die beiden schauen seine Spielshows, sie rauchen ein wenig Gras und reden wenig. Als Loretta gehen will, weil sie zur Arbeit muß, fragt Lucky sie, ob er ihr ein Geheimnis anvertrauen dürfe – er habe eine „Scheißangst“, bekennt er.

Lucky geht zu Bibis Fiesta und trifft dort Bibis Mutter Victoria (Ana Mercedes), die er sehr nett findet und der er ein Ständchen bringt.

Er trifft den alten Fred (Tom Skerritt) im Diner und die beiden Veteranen des 2. Weltkriegs erzählen sich Geschichten über ihre Erlebnisse. Fred berichtet von der Freundlichkeit eines jungen Mädchens, einer Buddhistin, die sie damals nach der Besetzung einer von den Japanern gehaltenen Insel begrüßt habe.

Im Diner begegnet Lucky auch erneut dem Anwalt Bobby Lawrence und die beiden kommen miteinander ins Gespräch. Bobby zeigt dabei, welche Angst er vor dem Alleinsein hat und Lucky versteht dessen zurückhaltende Art und seine Beweggründe besser. Bobby begreift, was den Alten umtreibt und wieso dieser die Welt sieht, wie er es tut.

Lucky schläft weiterhin schlecht. Die Gedanken an seine Sterblichkeit und daß der Zeitpunkt seines Todes wahrscheinlich nicht mehr allzu weit entfernt liegt, machen ihm weiterhin Angst.

Eines Abend erzählt  Howard davon, daß er seinen Frieden damit gemahct habe, daß sein Freund, die Schildkröte, gegangen sei. Wahrscheinlich habe diese ihre Flucht sehr lange vorbereitet und er habe das zu akzeptieren. Seine Tür stünde offen, sie könne jederzeit heimkehren.

Es kommt zu einem Disput mit Elaine, weil Lucky dabei ist, sich gegen das klare Verbot eine Zigarette anzustecken. Lucky erklärt den Anwesenden, daß sie alle schlicht im Nichts enden würden. Und daß daraus ihre Bedeutung oder Nicht-Bedeutung erwüchse. Im Grunde sei es also einerlei, was man tue. Er berührt die anderen mit seinen Worten. Dann zündet er sich eine Zigarette an, grinst und geht vor die Tür.

Anderntags wandert er wieder den Weg vom Haus zur Stadt und zurück. Vor einem gewaltigen Kaktus bleibt er stehen und mustert ihn lange. Dann lächelt er und geht weiter.

Im Vordergrund sehen wir eine Landschildkröte sich von links nach rechts durch das Bild bewegen. Auf dem Weg nach hause?

 

 

Vielleicht ist alles schon mit dem Vorspann gesagt? Da erscheint in großen Lettern der Name Harry Dean Stanton und in kleinen der Zusatz „ist“ – dann erscheint der Name des Films: LUCKY (2017). Selten hat ein Regisseur so klar zum Ausdruck gebracht, daß sein Film auch und vor allem eine Hommage, eine Verbeugung, eine Huldigung an seinen Hauptdarsteller ist, wie John Carroll Lynch.

LUCKY sollte – absehbar – der letzte Leinwandfilm werden, in dem der damals  bereits 91jährige Stanton mitwirkte. Bis kurz vor seinem Tod dauerten die Dreharbeiten und so kommt man als Zuschauer nicht umhin, die Weisheiten dieses alten Kauzes, den man da betrachtet, zwangsläufig mit dem Schauspieler in Verbindung zu bringen, der ihn darstellt. Stanton, dem interessierten und aufmerksamen Publikum seit den 60er Jahren ein Begriff, dem breiteren Publikum vor allem seit Wim Wenders PARIS, TEXAS (1984) zumindest kein Unbekannter, war einer jener begnadeten Charakterdarsteller, wie das amerikanische Kino sie immer schon, aber erst recht mit dem Aufkommen kritischerer Filme in den 60er und 70er Jahren, hervorgebracht hat. Ob Burt Young, der viel zu früh gegangene John Cazale, ob der ältere Jack Warden oder eben Harry Dean Stanton – es waren oft diese Gesichter und die Stimmen dieser Typen, ihr charakteristischen Gesten und mimischen Ausdrucksweisen, die einzelnen Filmen unverwechselbaren Charme und manchmal eine Aura verliehen. Stanton hat wenige Hauptrollen gespielt, vielleicht ist jene in Wenders´ Wüstendrama neben der in David Lynchs THE STRAIGHT STORY (1999) die einzige gewesen, die als solche bezeichnet werden kann. Er gehörte u.a. zur Stock-Company von David Lynch und mindestens sein Auftritt als ebenso ängstlicher wie neurotischer Johnnie Farragut in WILD AT HEART (1990) bleibt unvergessen. Wo er auftauchte, hinterließ er eine unverwechselbare Spur, eine Handschrift, eine Signatur und veredelte die betreffenden Filme.

John Carroll Lynch wird also seine Hintergedanken gehabt haben, als er seinen Namensvetter David Lynch als Luckys besten Freund Howard besetzte, ebenso bei der Wahl von Tom Skerritt als Fred, jenem verwitterten Kerl, dem der Alte eines Tages in seinem Stammdiner begegnet. Mit Skerritt trat Stanton gemeinsam in Ridley Scotts ALIEN (1979) auf. So wird LUCKY eben zu einer Hommage an ein Schauspielerleben. Doch ist der Film mehr, sehr viel mehr. In ruhigen, manchmal meditativen Bildern, erzählt Lynch in seiner ersten Regiearbeit eine wahrlich einfache Geschichte. Ein alter Zausel steht morgens auf, er macht seine Übungen, er geht im Diner frühstücken, er tauscht mit den Menschen, denen er in dem kleinen Kaff irgendwo im Südwesten der USA begegnet, die immer gleichen Sätze aus, er löst Kreuzworträtsel, telefoniert mit jemandem an einem roten Telefon, ohne daß der Zuschauer je erfährt, wer das ist, er trinkt abends sein Bier in immer derselben Kneipe und ist alles in allem ein zufriedener Mensch. Bis er eines Tages einfach umkippt und – als Atheist, als der er sich bezeichnet – mit der Frage nach der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert wird. Und diese Konfrontation wirft Fragen bei ihm auf.

Nichts in diesem Film ist mit Bedeutung aufgeladen, nichts wird zum Symbol, die Dinge in LUCKY stehen für sich selbst, sind Zeichen ihrer selbst, nichts weiter. Und damit unendlich viel. Lynch setzt nie zu Erklärungen an, er bietet keine Interpretationen, lässt aber gewaltigen Interpretationsspielraum, damit das Publikum sich diesem Mann annähern kann. Lynch erzählt. Ohne zu dramatisieren, ohne einen wirklichen Spannungsbogen oder sichtbare Höhepunkte, ohne sich an all die Vorgaben zu halten, die die herkömmliche Drehbuchschule à la Hollywood verlangt – Antagonisten und Turning Points und Aufteilung in Akten etc. – wirkt LUCKY wie eine mit der Kamera festgehaltenes Chronik einiger Tage im späten Leben eines ehemaligen Navy-Soldaten, der nicht weiter vom Meer entfernt sein könnte. Daß Lynch mit Meistern wie den Coen-Brüdern zusammen gearbeitet, daß er den Stil David Lynchs genau studiert hat, merkt man seinem Film deutlich an. Da gibt es in der Wiederholung Momente tiefster emotionaler Verdichtung, die doch bar aller Sentimentalität sind, gelegentlich auch einer gewissen Komik nicht entbehren. Ein Monolog von Howard, der seine Landschildkröte vermisst und den Gästen in der Kneipe verdeutlicht, wieso er dieses Tier so liebt, das Gespräch zwischen Lucky und Fred am Tresen des Diners, bei dem zwei alte Veteranen von ihren Kriegserlebnissen berichten und in wenigen Sätzen deutlich wird, wie lange zurückliegende Ereignisse ein ganzes Leben prägen können, und natürlich jene Szene, in der Lucky bei einer Fiesta eingeladen ist, die Gäste singen hört und dann selber ein Lied anstimmt, in das zunächst die Mariachi-Band, dann alle Anwesenden einstimmen, und das rein deskriptiv veranschaulicht, mit wie wenig man sehr viel erreichen und für andere tun kann, einfach so, ohne tieferen Grund. Freude machen der Freude halber. Kino-Momente, die sich einbrennen.

Das ist vielleicht Lynchs eigentlicher Verdienst: In einer Zeit, in der in CGI-Gewittern, eskapistischen Überwältigungsstrategien und immer horrenderen Budgets immer leblosere und berechenbarere Filme entstehen, dem Kino etwas von seiner Magie zurückzugeben. Vielleicht ist das Kino nicht wirklich, wie Siegfried Kracauer einst meinte, zur „Errettung der äußeren Wirklichkeit“ geeignet, vielleicht können wir den Bildern schon lange nicht mehr trauen, schon gar nicht jenen, die fiktionale Geschichten transportieren. Aber es ist sicherlich immer noch geeignet, um in der Welt Wunder zu entdecken – sei es ein fünf Meter hoher Kaktus, wie Lucky ihn in der letzten Einstellung des Films bewundert, obwohl er ihn sicher schon tausendfach gesehen hat, sei es der Schatten einer Wolke, die über das Tal zieht, sei es die Langsamkeit einer Schildkröte oder aber die Freude im Gesicht eines Menschen, für den wir die Stimme erheben, egal wie gut oder schlecht wir singen. Solche Momente auf die Leinwand zu bringen, weist dem Kino vielleicht einen Weg aus seiner selbst geschaffenen Misere. Lynch vertraut dabei – und auch das soll als Verdienst genannt sein – vollkommen seinen Darstellern. Die Kamera vollzieht hier nur langsame Bewegungen, meist bleibt sie starr und beobachtend distanziert. Selten wird sie eingesetzt, um Bewegung zu erzeugen. Es sind die Gesichter der Schauspieler, es ist die Intonation, die diese oft alten Stimmen anschlagen, es sind die Bewegungen, der Gang, mit dem Lucky die Straße entlang stakst, es sind die kleinen, unmerklichen Reaktionen derer, die zuschauen, lauschen, berührt werden, die LUCKY zu einem kleinen Wunderwerk des Kinos werden lassen.

Lucky, der beliebt ist in der Stadt, erhält Besuch von der Kellnerin des Diners, in dem er zu frühstücken beliebt, und sie schaut nur vorbei, weil sie sich Sorgen gemacht hat. Einfach so. Die beiden schauen gemeinsam seine Spielshows, sie rauchen ein wenig Pot und als  sie gehen muß, gesteht ihr der Alte, daß er eine „Scheißangst“ habe. Das ist gleichsam anti-dramatisch, vollkommen unprätentiös und sehr, sehr ehrlich. Und es berührt. Mehr, als so manche mit viel Grandezza, Pomp und Streichern inszenierte, emotional hoch aufgeladene Liebes- oder Bekenntnisszene in Hollywoods Melodramen. Es berührt mit der reinen Menschlichkeit, die zum Ausdruck kommt. Und die ein Schauspieler wie Harry Dean Stanton mit allergrößter Ehrlichkeit rüberbringen kann. Vielleicht auch und gerade, weil er selber an einem ähnlichen Punkt im Leben angelangt war, wie Lucky. Ein Mann, der dem Alter trotzt, indem er es nicht wahrzunehmen scheint, wird mit der Sterblichkeit konfrontiert und stellt sich vielleicht erstmals dem dahinter stehenden Gedanken. Die  Erkenntnisse, die er daraus gewinnt, präsentiert LUCKY ebenso wenig stilisiert, ebenso ehrlich und direkt, wie seine Bilder.

So entsteht ein Film äußerster Ruhe und großer Gelassenheit, der auch mit letzten Dingen umgehen kann, ohne diese zu dramatisieren. Vielleicht sollte Kino viel häufiger diese Wege gehen, viel häufiger diese kleinen Geschichten erzählen und sich darauf besinnen, was der Mensch im Kern ist, was ihn ausmacht. Keine Superhelden, keine Monster, keine Gebrochenen zeigen, die immer tiefste Bedrückung aufgrund schrecklichster Tiefen ihrer Seele mit sich schleppen, sondern einfach nur Wesen, die es immer so gut  machen wollen, wie es irgend geht. Menschen, die mit den ganz normalen Begebenheiten des Lebens, seinen Entwicklungen und gelegentlichen Absonderlichkeiten sich befassen müssen. Am Ende – Lucky erklärt es in einer eindringlichen Szene seinen Freunden in der Bar – am Ende verschwinden wir. Im Nichts. Wir werden allein geboren und wir werden alleine gehen. Und werden zu – Nichts. Das einmal begriffen, spielt es auch keine Rolle mehr, ob wir noch eine Zigarette rauchen und wo wir sie uns anstecken. Das einmal begriffen, können wir auch letzte Wege mit großem Gleichmut beschreiten. Wir brauchen keine Angst zu haben.

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