DIE ANATOMIESTUNDE/THE ANATOMY LESSON

Alles ist Schmerz

Zuckerman steht nun in seinem fünften Lebensjahrzehnt und erleidet seit anderthalb schreckliche Schmerzen im Nacken-, Rücken- und Schulterbereich. Er kann nicht mehr schreiben, hat eine Odyssee durch die Praxen der unterschiedlichsten New Yorker Ärzte hinter sich und die einzige Lebensfreude, die ihm bleibt, ist sein „Harem“ – vier Damen, die sich reihum um sein seelisches wie körperliches Wohlbefinden kümmern, wobei drei dieser Frauen das „körperliche Wohlbefinden“ durchaus intim ernst nehmen. Zuckerman – mittlerweile ein daueralkoholisiertes Wrack, vollgepumpt mit Percodan-Schmerztabletten, Wodka und ab und an einer guten Unze Marihuana, findet als einzige Ablenkung nur die Wut auf Milton Appel, einen jüdischen Literaturkritiker, der Zuckerman hasst, ihn einen Antisemiten schimpft und damit dessen tiefgreifende Traumata – vom Vater an dessen Sterbebett verstoßen, vom Bruder des Mordes am Erzeuger per skandalträchtiger Literatur bezichtigt – erneut aufrührt. Zuckerman, so Appels Idee, solle (als Abbitte?) einen Artikel in der New York Times zu Israel schreiben. Zuckerman imaginiert sich immer tiefer hinein in seinen Hass gegen den Kritiker und als er schließlich nach Chicago aufbricht, weil er es sich in den Kopf gesetzt hat, noch einmal zu studieren – diesmal Medizin um einen „vernünftigen“ Beruf auszuüben – ist der Autor derart hinüber, daß er sich selbst in die Rolle von Milton Appel, Besitzer einer pornographischen Zeitschrift und eines Swingerclubs in New York hineinsteigert, die er auc in der windigen Stadt gegenüber einer jungen Frau beibehält und sich somit die Möglichkeit einräumt, gegen alles und jeden übergriffig zu werden, der ihm seiner Meinung nach je übel mitgespielt hat. Und so kommt es in Chicago schließlich zur Katastrophe, die für den gebeutelten Schriftsteller aber auch zur Katharsis wird – ein neuer Anfang scheint zumindest möglich…

THE ANATOMY LESSON bildet nach THE GHOST WRITER und ZUCKERMAN UNBOUND den abschließenden dritten Teil dessen, was später die ‚Zuckerman-Trilogie‘ genannt wurde. Der erste Teil war eine Rückbesinnung des Schriftstellers Philip Roth, eine Art Konsolidierung des Autors in mittleren Jahren, der frühe familiäre Konflikte und den Aufbruch seines Alter Ego Nathan Zuckerman in die Welt der Literatur behandelte; in Band zwei fand eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Erfolg und seinen Begleiterscheinungen ebenso statt, wie die Befragung des Umgangs mit jenen, die dem Autoren zum „Material“ werden, wobei der Konflikt mit dem Vater im Mittelpunkt stand, der zugleich ein archetypischer Konflikt zweier Generationen Juden in Amerika war; nun werden die Themenkreise erneut aufgegriffen und erweitert. Der Erfolg ist immer noch da, wird nun aber nicht nur auf der Ebene von Ruhm, Reichtum und den damit einhergehenden Dingen abgehandelt, sondern sowohl künstlerisch reflektiert, als auch auf der Ebene der professionellen Kritik – und somit auf der Ebene eines tiefergreifenden Zweifels. In dieser Auseinandersetzung, exemplifiziert in der Figur des Literaturkritikers Milton Appel, spielt dann auch die Reflexion auf das eigene Jüdisch-Sein erneut eine wesentliche Rolle. Doch kann der Autor Zuckerman sich nicht mehr hinter dem Vaterkonflikt verstecken, diesmal muß er sich der Sache weitaus intellektueller annehmen und themenbezogen vielleicht auch ernsthafter als bisher.

Mit dem gewohnten Witz, der Ironie und jenem Sarkasmus, der so typisch für sein Schreiben ist, seziert Philip Roth hier einmal mehr die wunde Seele seines schriftstellernden Alter Ego Nathan Zuckerman. Die Auseinandersetzung mit der eigenen „Jüdischkeit“ wird dabei einmal mehr zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familie, doch in Ermangelung der wahren Sparringspartner – beide Eltern mittlerweile verstorben und mit dem Bruder entzweit – ist es diesmal der Kritiker Appel und sein Appell an den Juden mit einer öffentlichen Stimme. So wird natürlich auch Zuckermans Auseinandersetzung öffentlicher, auf einmal geht es nicht mehr um den Sohn, der den Vater verletzt hat, sondern es geht um den Juden, der sich seiner – zumindest von anderen so wahrgenommenen – Verantwortung entziehen will. Und mehr noch als in den Vorgängerbänden, ist die Selbstbefragung hier schmerzhaft ehrlich und hinterläßt offene Wunden auf Zuckemans Seele, denn nichts hat sich geändert: Seine Nächsten trauen ihm nicht, wird ihm doch alles zu „Material“, seine Distanz zur Welt ist nach wie vor enorm, nach wie vor möchte er selber geradezu verschwinden als Person, lediglich wahrgenommen werden durch sein Schreiben. Wenn er dann in Chicago (und nicht erst da, dort jedoch mit aller Deutlichkeit) mit den (seelischen) Schmerzen anderer konfrontiert ist – u.a. denen eines alten Mannes, der den Tod seiner Frau nach 45 Ehejahren nicht verwinden kann – dann begreift er zumindest, daß es da ein „wahres“ Leben gibt, dem er sich halt immer verweigert hat: Er hat zwar drei Ehen und einen „Harem“ aus vier Damen, nachhaltig eine Familie aufgebaut hat er jedoch nicht; dem Schmerz anderer hat er sich immer lieber entzogen, als Trost zu spenden, die Begehrlichkeiten anderer – in diesem Falle die seines Vaters, der die Familie im Speziellen, die Juden generell aber ebenso durch Zuckermans Schreiben bloßgestellt sah – interessierten ihn nicht. Könnten die Schmerzen, deren Auslöser kein Arzt zu diagnostizieren weiß also auch einfach eine Strafe sein, eine sich selbst auferlegte Strafe? Schließlich muß Zuckerman nämlich auch erkennen, daß er keinen Stoff, kein Material für weitere Bücher hat – sein Schreiben war immer elementar abhängig von seinem eigenen Innern. Das aber ist nun seit über einem Jahr dauerbetäubt…

Will man der ANATOMY LESSON einerseits die höhere Relevanz zusprechen, den beiden Vorgängern gegenüber, so muß aber auch ehrlich angemerkt sein, daß dies alles – das Buch umfasst gut 150 Seiten mehr Text als THE GHOST WRITER oder ZUCKERMAN UNBOUND – weniger greift, alle Male weniger emotional angreift. Wo THE GHOST WRITER uns immerhin an dem ersten schriftstellerischen Konflikt zwischen den Generationen Zuckerman hat teilnehmen lassen, ZUCKERMAN UNBOUND auf sprachlich brillante Art und Weise vom ironischen Blick auf den vom Erfolg Gebeutelten in die Introspektion des wieder zum Sohn werdenden Mannes glitt, wird Zuckermans Beschwerde in THE ANATOMY LESSON an irgendeinem Punkt schlicht larmoyant. Dieser Mensch ist weinerlich in einem Unglück, das möglicherweise nur in seinem Kopf besteht, er ist unzufrieden mit einer Lebenssituation, um die ihn die meisten Menschen beneiden würden und zudem kommt in diesem Text ein Hass auf den Literaturbetrieb, auf die Feministinnen, auf die Liberalen, schließlich auf alles und jeden zum Ausbruch, daß das zwar – weil oft in wunderbar geschriebene Tiraden verpackt – meist lustig zu lesen ist, irgendwann aber auch grausam langweilig wird, schlicht, weil es so gnadenlos der Lebenssituation des Philip Roth entsprechen, den Durchschnittsleser jedoch nicht mehr wirklich zu erreichen vermag. So ergötzt man sich hier – und das passiert in den Vorläufern nicht ein einziges Mal – letztlich an dem gnadenlos grell ausgestellten Leid von einem, dem das Leiden anderer meist egal gewesen ist, man liest dies schadenfreudig, man wird zum Mittäter jenes Mannes, der sich da über sich selbst lustig macht, ohne daß er sich sicher ist, ob er das eigentlich will.

So bleibt THE ANATOMY LESSON  literarische Kunst auf hohem Niveau und kann doch nicht an die Brillanz der vorangegangenen Bände anschließen. Dafür fehlt diesmal der Kniff, der geniale Dreh, die Distanz und auch der letzte Wille, sich der zugrundeliegenden Problematik mit der gleichen schmerzvollen Ehrlichkeit zu nähern, die die anderen Werke der Trilogie so zwingend werden ließen.

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