SEABISCUIT – MIT DEM WILLEN ZUM ERFOLG/SEABISCUIT

Ein Feel-Good-Movie aus den dunklen Tagen der Depression

Die USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Charles S. Howard (Jeff Bridges) sattelt vom Fahrradhändler auf Autos um und wird damit nach und nach ein reicher Mann. Er findet eine Frau, heiratet und wird Vater eines Sohnes. Die Familie zieht auf ein großes Anwesen, in dessen Stallungen Howard seinen Fuhrpark unterbringt.

Tom Smith (Chris Cooper) ist ein Cowboy, der sich als Pferdebändiger, aber auch als Hufschmied verdingt. Er lebt in den Weiten der Prärien des Westens und bleibt gern für sich.

Im kanadischen Alberta wächst der junge Red Pollard (Toby Maguire) als Sohn einer gebildeten Familie auf, entwickelt sich vor allem aber zu einem hervorragenden Reiter.

1929 kommt es zum Börsencrash und das Land versinkt in der „großen Depression“. Es gibt kaum noch Arbeit, vor Armenküchen bilden sich lange Schlangen, Männer stehen um billigste Jobs an, Kinder hungern, Frauen bemühen sich, die Familien irgendwie zusammen zu halten.

Red wird von seinem Vater bei einem Pferdetrainer zurück gelassen. Er weiß, daß der Junge eine große Gabe hat, in seinem Umgang mit den Tieren.

Tom verdingt sich auf diversen Farmen, reist aber schließlich als Hobo auf einem Güterzug gen Westen.

Howard und seine Frau, die von der Krise weitestgehend unbehelligt geblieben sind, machen eine Kurzreise. Während sie fort sind, verunglückt ihr Sohn tödlich. Howards Frau kann dem Schmerz nicht standhalten, Schließlich verlässt sie ihren Mann. Der verliert nahezu alle Lebensfreude. Er sucht sein Heil in langen Reisen. Auf einem dieser Trips trifft er in Mexiko die junge Marcela (Elizabeth Banks), die ihm ein wenig Lebensmut zurückgeben kann. Die beiden verlieben sich und heiraten.

Red arbeitet auf Rennbahnen und führt dort die Pferde zur Schau vor. Nebenbei verdingt er sich als Preisboxer und lässt sich für 2 Dollar K.O. schlagen. In ihm gärt eine ungeheure Wut.

Marcela überredet ihren Mann, in Pferde zu investieren. Da dieser kaum Ahnung von den Tieren hat, sucht er nach einem Fachmann, der ihn beraten und sich kümmern kann. Bei einem Kauf wird Howard Zeuge, wie Tom den Besitzer eines Pferdes bittet, dieses nicht zu erschießen, obwohl es lahmt. Er übernimmt es für kleines Geld. Howard fragt ihn, weshalb er das getan habe und Tom antwortet, er verstünde nicht, weshalb man ein ganzes Leben wegwerfen solle, nur weil es ein wenig beschädigt ist. Howard engagiert Tom als seinen Berater und Vorarbeiter.

Bei ihren diversen Besichtigungen von Pferden, die für Howard auch Rennen gewinnen sollen, sieht Tom einen Hengst namens Seabiscuit. Das Tier ist störrisch und widersetzt sich seinen Pflegern, die es für faul halten. Es will nicht rennen und hat offenbar einen stark ausgeprägten eigenen Willen. Doch Tom erkennt in ihm einen Sieger. Howard kauft das Pferd auf Toms Hinweis hin.

Es wird auf einem Gestüt untergebracht, auf dem auch Red arbeitet. Tom sieht, wie Red sich ohne Furcht mit gleich  mehreren Männern anlegt und auch vor Prügeln nicht zurückschreckt. Tom meint, in dem Jungen eine ähnliche Wut und einen ähnlichen Willen zu erkennen, wie sie Seabiscuit auszeichnen. Auf Toms Bitte hin, stellt Howard Red ein und dem gelingt es wirklich, Seabiscuit zu bändigen und aus einem angeblich faulen und auf Verlieren getrimmten Tier einen Sieger zu formen.

Nach anfänglichen Problemen, dem Tier wirklich eine Siegermentalität zu verinnerlichen, beginnen der eigentlich zu große Jockey und das von allen als zu klein betrachtete Pferd, Rennen zu gewinnen. Im Westen erringt Seabiscuit einen gewissen Ruhm. Doch Tom ist der Meinung, es müsse sich mit den Besten messen – und das beste Pferd in Amerika ist War Admiral, ein großer, stattlicher Hengst, der dem Millionär Sam Riddle (Eddie Jones) gehört und bereits alle wichtigen Rennen an der Ostküste und im Süden gewonnen hat.

Howard will Riddle locken und setzt ein Preisgeld von 100.000 Dollar für den Sieger eines Rennens der beiden aus. Riddle interessiert das nicht. Für ihn ist die Westküste unwichtig, da dort keine Rennen von Rang stattfinden.

Derweil verliert Red ein Rennen. Wie sich herausstellt, ist er auf einem Auge blind. Eine Folge seiner Boxkämpfe. Da er dies verschwiegen hat, traut Tom ihm nicht mehr und will einen anderen Jockey einstellen. Er denkt an Reds Freund George Woolf (Gary Stevens). Doch Howard widersetzt sich dem. Warum, so fragt er Tom, solle man ein ganzes Leben wegwerfen, nur weil es ein wenig beschädigt sei? Tom gibt nach.

Howard fährt gen Osten, um Riddle zu überreden, dem Rennen endlich zuzustimmen. Auch aus der Masse der Rennliebhaber wird der Ruf immer lauter, War Admiral müsse sich dem Duell stellen, sonst seien das Pferd und sein Besitzer Feiglinge. Howard stimmt schließlich zu, stellt aber knallharte Bedingungen. Er setzt die Länge des Rennens fest, besteht darauf, daß mit einer Glocke gestartet wird, nicht mit einer Startmaschine, was Seabiscuit nicht gewohnt ist, und fordert schließlich, das Rennen auf seiner Hausstrecke auszutragen. Howard stimmt allen Bedingungen zu.

Tom sieht War Admiral beim Training zu und versteht, daß er und Red Seabiscuit anders trainieren müssen, ihm ein ganz neues Rennverhalten verpassen müssen, wenn sie gewinnen wollen. War der Hengst bisher ein Pferd, der es gemächlich angehen ließ, um dann auf den letzten Runden das Feld aufzumischen, muß er nun das Rennen von vorne bestreiten, will er gegen seinen enorm starken Gegner eine Chance haben. Die drei nehmen die Aufgabe an und trainieren unter anderem nachts, damit Seabiscuit keinen Ablenkungen ausgesetzt ist und zudem mit einer Alarmglocke, auf die sie ihr Pferd derart eichen, daß es sofort losrennt, wenn es sie hört.

Das Rennen wird schließlich für den 1. November 1938 angesetzt. Das ganze Land ist in nervöser Spannung, das Duell der beiden Pferde wird zu einer Angelegenheit von nationaler Bedeutung. Seabiscuit wird von vielen Menschen gerade im Westen als ein Symbol für Hoffnung und für den Mut, nicht aufzugeben, betrachtet. Dennoch stehen die Wetten zugunsten von War Admiral.

Das Training macht gute Fortschritte. Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Start, da kommt es in den Stallungen, wo Howard, Marcela, Tom, Red und der Hengst eingemietet sind, zu einem furchtbaren Unfall. Red bricht sich das Bein so schwer, daß die Ärzte der Meinung sind, er werde nie wieder reiten können.

Howard will das Rennen absagen. Doch Red, der weiß, wie hart Seabiscuit trainiert hat, will nicht, daß das Pferd auf seine große Stunde verzichten muß. Er bittet Howard, George Woolf zu fragen, ob der an seiner Statt reiten würde. Woolf sagt sofort zu. Er trainiert mit Seabiscuit und bekommt von Red allerhand Tipps, wie er das Pferd führen sollte.

Das Rennen findet also statt. Millionen sitzen an den Radiogeräten, die das Rennen übertragen, kommentiert von dem beliebten Moderator „Tick Tock“ McLaughlin (William H. Macy). Seabiscuit mit George Woolf gewinnt.

Woolf nimmt Reds Platz in Howards Gestüt ein und siegt weiterhin mit Seabiscuit. Red lebt derweil als Innvalide und Rekonvaleszent auf Howards Farm.

Bei  einem Rennen erleidet Seabiscuit einen Bänderabriss in einem Vorderlauf. Die Ärzte sind der Meinung, es sei besser, das Tier einzuschläfern. Doch sowohl Tom als auch Howard weigern sich. Sie bringen Seabiscuit auf die Farm und dort stehen sich das bandagierte Pferd und sein immer noch vergipster früherer Reiter gegenüber.

Red beginnt mit einer selbstgebastelten Schiene wieder zu reiten. Er und Seabiscuit machen lange Ritte durch das Umland der Farm. Dabei kommt es zu einer Situation, in der Seabiscuit sich erschrickt und losgaloppiert. Red begreift, daß der Hengst einfach das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiedergewinnen muß, seine Verletzung aber offensichtlich vollständig ausgeheilt ist.

Woolf testet das Pferd, das Red wieder fit gemacht hat. Howard will, daß Woolf mit Seabiscuit wieder antritt. In Santa Anita findet ein wichtiges Rennen statt. Doch Red reklamiert den Start für sich. Howard ist jedoch der Meinung, daß Red nicht reiten könne. Bei einem Arztbesuch wird Red erneut diagnostiziert, kein Rennen mehr bestreiten zu können. Doch Red, Woolf selbst, Marcela und Tom überzeugen Howard schließlich, daß das Rennen Red zusteht. „Tick Tock“ McLaughlin beobachtet bei einem Training, daß Seabsicuit wirklich wieder an den Start geht und gibt die Sensation in seiner Radioshow bekannt.

So gehen Red und Seabiscuit in Santa Anita an den Start und gewinnen das Rennen mit Längen Vorsprung.

Einer der beliebtesten und ältesten Topoi in Hollywood – im Grunde durch alle seine Epochen – ist der des Underdogs, der sich gegen alle Widrigkeiten und trotz mannigfacher Rückschläge immer wieder zurückkämpft und schließlich einen bedeutenden Triumph genießt. Die vielleicht erfolgreichste Underdog-Story, die Hollywood je hervorgebracht hat, dürfte Sylvester Stallones Boxersaga ROCKY (1976) sein, die im Laufe der Jahre etliche Nachfolger erhielt und nach wie vor sehr beliebt ist. Die Idee, eine solche Story auf ein Tier zu übertragen – vor allem, wenn es eine reale Vorlage für eine solche gibt – ist also naheliegend. Regisseur und Drehbuchautor Gary Ross nutzte dafür die Geschichte des Rennpferdes Seabiscuit, das in den Zeit der „Großen Depression“ während der 1930er Jahre zu einem Wahrzeichen und Symbol für Durchhaltewillen, Widerstand und schließlich einen triumphalen Sieg wurde.

SEABISCUIT (2003) ist ein schöner, hervorragend fotografierter, ebenso gut gespielter und für alle Altersklassen geeigneter Film, der dem Zuschauer mehr als einmal eine Träne in die Augenwinkel treiben dürfte. In Ausstattung, Kostümen, Set Design und etlichen Details mit einer ungeheuren Liebe gestaltet, entführt der Film sein Publikum überzeugend in jene Jahre, in denen die USA unter fürchterlichen Erschütterungen litten. Arbeitslosigkeit in Folge des Börsencrashs 1929, Massenverelendung, Hunger, Landflucht, Verödung weiter Landstriche des Mittelwestens und eine allgemein resignative Haltung in weiten Teilen der Bevölkerung führten zu einem echten Niedergang der Gesellschaft. Erst der demokratische Präsident Franklin Delano Roosevelt fand Mittel und Wege – nicht alle davon legal, nicht alle demokratischen Gepflogenheiten entsprechend – , um mit groß aufgelegten Investitionsprogrammen und einem unerschütterlichen Glauben an seine Landsleute und deren Kraft die Nation schließlich wieder aufzurichten und zu alter Wirtschaftskraft zurück zu  führen. Das ist der Hintergrund, vor dem Ross seine Story erzählt und den er wesentlich in seine Geschichte einbaut.

Dabei nahm sich der Drehbuchautor Ross große künstlerische Freiheiten sowohl im Ablauf der Geschehnisse, als auch in der Zeichnung seiner Figuren. Im Kern erzählt er seine Geschichte anhand dreier Männer – des Jockeys Red Pollard, des Pferdetrainers Tom Smith und des Autohändlers Charles S. Howard – deren Schicksale zunächst im Einzelnen geschildert werden, bevor sie aufeinander zulaufen und, eng verbunden mit dem Pferd, miteinander verwoben werden. Ross gibt sich Mühe, gerade die Leben von Pollard und Smith anhand der damaligen Bedingungen zu beschreiben. Der eine verdingt sich als Mädchen für alles bei diversen Rennbahnen, nebenbei boxt er in Kneipenkämpfen für kleines Geld, der andere ist im Grunde ein Cowboy, der schließlich als Hobo auf Zügen gen Westen reist, um wie so viele damals in Kalifornien sein Glück zu suchen. Pollard wurde von seinen Eltern einem Pferdehändler angedient, als die Familie aufgrund der Verwerfungen verarmt und nicht mehr alle Kinder ernähren kann. Smith ist der klassische einsame Wolf, der für sich bleiben will, am besten mit Tieren kann und ein großes, weites Herz für diese hat. Allein Howard bleibt von den wirtschaftlichen Entwicklungen weitestgehend verschont, erleidet aber einen persönlichen Schicksalsschlag, als sein Sohn stirbt und ihn aufgrund dieses Ereignisses seine Frau verlässt. So kommen in Ross´ Darstellung der Geschehnisse drei tief in der Seele verletzte Männer zusammen, Männer aus vollkommen unterschiedlichen Schichten und mit gänzlich unterschiedlichen Hintergründen, die mit und durch das Pferd Seabiscuit geheilt werden.

Das Pferd selbst schildert Ross ähnlich: Von seinen vormaligen Besitzern verkannt, trotz einer sehr guten Abstammung, wird es geschlagen, zum Verlieren getrimmt und schlecht behandelt. Seabiscuit wird als ein rebellisches Tier dargestellt, ein Tier, das sich seine Freiheiten nicht nehmen lassen will und durch diese Charakterisierung ein den Männern  entsprechendes Wesen erhält. Pollard wird von Toby Maguire als zorniger junger Mann dargestellt, der sich nichts sagen lassen will, der sich gegen die Gesellschaft ebenso zur Wehr setzt, wie gegen seine späteren Gönner. Smith ist in dem Trio der durch das Leben geschulte, gelassene ältere Mann, der den Jungen aber versteht. Howard, ein Selfmade-Millionär, ist ein Optimist, der seine Lebensfreude durch den Tod des Sohnes zu verlieren droht und erst durch die Liebe einer neuen Frau wiederfindet. Alle drei sind Stehaufmänner, Widerständler in einer Gesellschaft, die Verlierern scheinbar wenig verzeiht und kaum Chancen gibt, wieder auf die Beine zu kommen. Diese Eigenschaften spiegeln sich in Seabiscuit, der mit der richtigen Ansprache und Behandlung zu einem Gewinner wird.

Den Regeln und Konventionen entsprechender Filme folgend, muß natürlich ein Antagonist aufgebaut werden. In SEABISCUIT ist dies der Hengst War Admiral, der dem Geschäftsmann Samuel Riddle gehört. Howard will sein Pferd unbedingt gegen War Admiral rennen lassen, wird von Riddle aber als Emporkömmling ohne echte Ahnung von Pferden nicht ernst genommen. Also muß Howard ihn solange bearbeiten, bis das Rennen zustande kommt. Doch kurz bevor es stattfindet, erleidet Pollard bei einem schrecklichen Unfall etliche Brüche in einem seiner Beine. Also springt sein Freund George Woolf ein und gewinnt das Rennen schließlich. Der Film berichtet dann weiter, wie sich Pollard wieder zurück kämpft. Nachdem auch Seabiscuit eine Verletzung erlitten hat, müssen die beiden langsam wieder Tritt fassen, bis sie auf die Rennbahn zurück kehren können. Natürlich ist auch diese Rückkehr triumphal.

SEABISCUIT erfüllt alle Bedingungen dessen, was man gemeinhin als Feel-Good-Movie bezeichnet. Es sind Filme, die den eben geschilderten Mustern folgen, den Zuschauer durchaus zu Tränen rühren wollen, ihm aber niemals zuviel zumuten. Es sind oft Underdog-Geschichten, die in wirtschaftlich oder politisch prekären Zeiten angesiedelt sind und immer die Botschaft vermitteln, daß der einzelne es schaffen kann, wenn er nur genug Willen und Hoffnung besitzt. Generell ist daran auch nichts auszusetzen. Daß die Macher solcher Filme, gerade wenn sie sich, wie im gegebenen Fall, auf „wahre Begebenheiten“ berufen, meist an den Stellschrauben ihrer Geschichte drehen müssen, damit alles so passt, wie es ein solcher Film verlangt, liegt allerdings nahezu auf der Hand. Gerade die Geschichte von dem Rennpferd, das sich gegen alle Hindernisse durchsetzt, ist eine in Amerika relativ bekannte Story. Seabiscuit erlangte Berühmtheit weit über die Gemeinde der Pferde- und Rennliebhaber hinaus. Seine Geschichte diente schon in den 30er Jahren vielen als Hoffnung, daß man auch wieder auf die Beine kommen kann, wenn man einmal ganz unten angelangt ist. Ross baut all diese Begebenheiten in seinen Film ein. Er lässt eine Over-Voice die Geschichte erklären, er blendet immer wieder Originalaufnahmen der betreffenden Zeit ein und zeigt die Härten der Depression gerade in der ersten halben Stunde seines Films deutlich. Allerdings niemals so, daß es den Zuschauer allzu sehr deprimiert. Und genau das ist das Problem mit Feel-Good-Movies: Sie dürfen nicht zu resignativ, nicht zu deprimierend sein, sie dürfen die Realität niemals zu realistisch zeigen. Sie müssen bei aller Härte immer auch „das Gute“ durchscheinen lassen. Solidarität und Hoffnung und Zuneigung und Mitgefühl.

Das ist ein schmaler Grat, bedenkt man, daß die ‚Große Depression‘ auch eine Zeit war, in der es zunächst gerade an Solidarität mangelte, wenn man bspw. an die sogenannten Okies denkt. Okies wurden jene Landflüchtigen genannt, die – zunächst aus Oklahoma, später dem gesamten Mittleren Westen – auf der Suche nach Arbeit und Unterkunft und auf der Flucht vor der enormen Bodenerosion, die weite Teile ihrer Heimat veröden ließ und verwüstete, gen Kalifornien strömten. Dort fanden sie meist aber nur Ablehnung, Ausbeutung und oft genug blanke Gewalt. John Steinbeck erzählte davon eindringlich in seinem Roman THE GRAPES OF WRATH (DIE FRÜCHTE DES ZORNS; 1939), den John Ford 1940 kongenial verfilmte.  Auch ein Film wie Hal Ashbys BOUND FOR GLORY (1976) berichtet davon anhand der Geschichte des Folksängers Woody Guthrie. Gary Ross malt ein weitaus milderes Bild jener Jahre. Seine Geschichte erlaubt ihm dies natürlich auch. Da sie auf den Rennbahnen und in Pferdeställen spielt, nicht auf den Obstplantagen im kalifornischen Hinterland, muß er die Gewalt, die bspw. gegen Gewerkschaftler eingesetzt wurde, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpften, nicht zeigen. So gerät die ‚Große Depression‘ in SEABISCUIT zu einem Gesellschaftsbild, das den Eindruck vermittelt, hier hätte eine Nation in schweren Zeiten zusammengestanden und sich gemeinsam aus eben jener Depression herausgekämpft. Sie wird zu einer Blaupause, vor der sich das Land aufrichten und sich seiner selbst und seiner besseren Eigenschaften und Charakterzüge vergewissern kann. Ross verklärt.

Diese Verklärung teilt er mit Filmen wie FRIED GREEN TOMATOES (AT THE WHISTLESTOP CAFE) (1991), einem der großen Feel-Good-Movies der 90er Jahre. Dort wurde eine recht milde Darstellung des Ku-Klux-Klan geboten, dem man im Kontext des Films mit Mutterwitz und etwas Mut beikommen könne. Man kann das grundlegend kritisieren, man kann aber natürlich auch argumentieren, es sei besser, auch schwierige Themen so aufzubereiten, daß sie ins Bewußtsein der Zuschauer gelangen, ohne dort direkt Verheerungen anzurichten. Es bleibt eine offene Diskussion. Sicher ist: SEABISCUIT erzählt eine weniger giftige Geschichte als FRIED GREEN TOMATOES, er begibt sich auf weit weniger dünnes Eis, er nutzt auch das Zeitkolorit geschickter. Es gelingt ihm, eine versöhnliche Geschichte zu erzählen, die das Publikum nie überfordert, ja im Grunde nicht einmal fordert, er tut dies in einer nahezu konventionellen Erzählweise, er bietet jede Menge gefühlige Momente und ist schlicht herausragend gemacht.

Die für das Art Design, die Ausstattung und Kostüme verantwortlichen haben fantastische Arbeit geleistet, die Details sind hervorragend – ob Autos, Gebäude oder Interieurs, die Produktion scheute offenbar keine Kosten, um dem Film einen genauen Look zu verpassen. Bei einem Budget von rund 87 Millionen Dollar sollte man natürlich gute Leistungen erwarten dürfen, doch hier werden sie übererfüllt. Der für die Kameras verantwortliche John Schwartzman fängt dies alles brillant ein, Die Bilder von den Rennen, den schwitzenden Pferdeleibern, der spritzenden Erde, aber auch jene von den staubigen Straßen Kaliforniens, aus den Weiten des Mittelwestens, die Ansichten der eleganten Wagen, die Charles Howard fährt und im Kontrast die oft wackligen und arg gefährdeten Laster der Heimatlosen – das alles wird edel und erlesen präsentiert. Vor allem die kräftigen Körper der Pferde in vollem Galopp sind eine wahre Freude. Der Film hat aus sich selbst heraus wenig Action zu bieten, sieht man von den Rennen und Pollards Unfall ab – doch dem Schnittmeister William Goldenberg gelingen wirklich brisante Montagen, die gerade  die Rennen zu echten Spektakeln, reinen Schauwerten machen. Randy Newman unterlegt das Ganze  mit einem manchmal zwar arg pathetischen, gelegentlich  gar süßlichen Soundtrack, der aber im Kontext des Films funktioniert und die Geschichte angemessen unterlegt.

SEABISCUIT ist einer jener Filme, in denen man schwelgen kann. Man sollte  sich ihm hingeben, sich seiner Emotionen nicht schämen und es einfach genießen, sich in eine andere, fremde, vergangene Zeit entführen zu lassen. Filme wie dieser sind einfach dazu gemacht, uns daran zu erinnern, daß das Kino immer noch der Ort der Träume ist. Man sollte keine historischen Lehrstunden erwarten, sondern bereit sein, eine große Geschichte anzunehmen. Dann erfüllt der Film,. so konventionell er manchmal auch sein mag, genau diese Kunst der Entführung in weite Welten jenseits der Realität. Bei aller berechtigten Kritik, ist das einfach großes Kino.

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