SLADE HOUSE

David Mitchell weiß dem Genre der Vampir- und auch dem des Geisterhausromans nicht wirklich Neues hinzuzufügen

Geisterhäuser und Vampire – sind diesen Mythen und Topoi des klassischen Grusels überhaupt noch neue Facetten abzugewinnen? Der Brite David Mitchell versucht es zumindest in seinem jüngsten Werk SLADE HOUSE (erschienen 2015). Daß es Mitchell durchaus gelingen könnte, sollten seine früheren Werke – vor allem CLOUD ATLAS (2004) und THE THOUSAND AUTUMNS OF JACOB DE ZOET (2010), mit denen er seinen Weltruhm begründete – bewiesen haben. Ein Meister der fantastischen Literatur, der Fabulierlust, der begeisternden Geschichten und hochkomplexen Plots den einen, gilt Mitchell anderen allerdings als ein Autor, der mangelnde Kohärenz hinter allerlei formalen Spielereien zu verstecken weiß. Vor allem ein Meister der langen Form, legt der Autor mit SLADE HOUSE einen vergleichsweise schmalen Band mit gerade einmal 237 Seiten vor. Und vielleicht ist es gerade einer Geisterhausgeschichte angemessen, nicht allzu ausschweifend zu erzählen, da die Klassiker des Metiers eigentlich  bewiesen haben, daß die Würze in der Kürze liegt. Gruselgeschichten, erst recht Geistergeschichten, sollten sich nicht zu sehr ausbreiten, sollten pointiert und auf den Punkt erzählt sein und vor allem sollten sie sich nicht in Wiederholungen ergehen, selbst, wenn das Wesen des Geistes und der Wiedergängers die ewige Wiederholung ist.

So freut man sich also auf die Lektüre des Romans, immerhin aus der Feder eines der momentan führenden Autoren, die Genre, Unterhaltung und Weltliteratur zusammen zu führen verstehen. Und ist umso erstaunter, daß Mitchell dann doch eben jene Fehler begeht, die oben noch beschrieben wurden. Es ist nicht zuviel verraten, wenn man den Plot kurz umreißt: Alle neun Jahre erscheint in einer unscheinbaren Gasse in einer namenlosen Stadt in England eine eiserne Pforte, hinter der sich dem, der sie durchschreitet, das titelgebende Slade House mit seinen umliegenden Gärten, wundervollen Pflanzen und allerhand Getier offenbart. Hier residieren Norah und Jonah, ein Geschwisterpaar mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Um unabhängig zu bleiben, sind sie doch Kinder einer gewissen Schule schwarzer Magie, benötigen sie in regelmäßigen Abständen die Energie fremder Seelen. Doch müssen es bestimmte, auserwählte Seelen sein, die zu finden die Geschwister eben jene neun Jahre Zeit haben. Und so wird der Leser in fünf längeren Kapiteln Zeuge, wie die Opfer ins Haus gelockt werden, wie sich ihnen dort Welten auftun, die ihren geheimen Wünschen und Träumen entsprechen und wie sie schließlich allesamt Opfer jener Seelenvampire werden. All diese Opfer, von denen der Roman erzählt, stehen in einem direkten oder indirekten Zusammenhang, und so erfüllt sich nach und nach Norahs Prophezeiung, daß man zu anderen, neuen Mitteln wird greifen müssen, will man aufrecht erhalten, was man in weit über einhundert Jahren aufgebaut hat. Denn auch der abgefeimteste Vampir hat bekanntlich seine Feinde und findet früher oder später seinen Meister.

Die Grundidee von Mitchells Roman ist durchaus vielversprechend. Das Geisterhausmotiv mit jenem des Vampirs, der hier ausnahmsweise mal kein Blut saugt, zu kombinieren, ist ein gelungenes Konstrukt, aus dem sich vielerlei Stränge und Wege des Erzählens kreieren  lassen. Umso erstaunlicher, daß der Autor sich darauf beschränkt, in vier von fünf Kapiteln im Grunde immer wieder die gleiche Geschichte mit lediglich wechselndem Personal zu erzählen. Erst im letzten Abschnitt kommt wirklich Bewegung in die Handlung und es entwickelt sich sowohl diese als auch die Zeichnung der Charaktere. Doch kaum geschieht dies, ist der Roman auch schon zuende – mit einem klitzekleinen Türchen für eine etwaige Fortsetzung. Mitchell gibt sich redlich Mühe, seinen Vorbildern zu huldigen, und so besteht ein Element der Lektüre sicherlich darin, diese Vorbilder – angefangen bei ALICE IM WUNDERLAND, über DRACULA, diversen Geistergeschichten, bis hin zu Anleihen bei modernen Autoren wie Stephen King und vor allem Clive Barker, und bei allerhand Filmen – zu entdecken und zu sortieren.

Ebenso gibt Mitchell sich Mühe, Atmosphäre zu schaffen. Seine Beschreibungen des parkähnlichen Gartens, des Interieurs des Hauses, das sich jedem Besucher anders darstellt, bis hin zur Charakterisierung des ungewöhnlichen Geschwisterpaars sind meist gelungen und immer dicht, durchaus auch gruslig und erzeugen Spannung. Doch leider gelingt ihm dies weniger bei der Beschreibung der jeweiligen Opfer. Da die einzelnen Kapitel aber vor allem diesen gewidmet sind, fallen die Klischees und die klischeehaften Beschreibungen und Attribute dieser Figuren umso mehr ins Gewicht. Was stark beginnt – der junge Nathan und seine Mutter folgen einer Einladung bei Lady Grayer und werden die ersten Opfer, deren Schicksal uns beschrieben wird – wird spätestens im dritten Kapitel und der dritten Wiederholung der Vorgänge im unheimlichen Haus ermüdend. Da hilft auch nicht, daß Mitchell seine Protagonisten jeweils aus der subjektiven Sicht von den Begebenheiten erzählen lässt. Wir ahnen, daß all diese Menschen mit all den besonderen Seelen schließlich ihren Häschern nicht werden entkommen können.

Mag es daran liegen, daß diese Menschen für sich genommen oftmals schon seltsam anmuten, meist nicht sonderlich sympathisch sind und ihre Motive zwar nachvollziehbar, dennoch eher schwach ausfallen – man empfindet wenig bis kein Mitleid mit ihnen, ist eher gespannt, was sie nun im Haus und im Angesicht ihres schrecklichen Schicksals erwartet, als daß man mit ihnen fieberte oder gar um sie bangen würde. So schleppt sich der doch eher kurze Roman dahin und zur Mitte drängt sich der Eindruck auf, daß auch David Mitchell nichts bahnbrechend Neues zum Genre eingefallen ist, was dann mit ungewöhnlicher Erzählperspektive und erneut allerlei Mätzchen  in Konstruktion und erzählerischer Form wett gemacht werden soll. Wenn das Ganze dann zu seinem Ende kommt und endlich jemand beweist, daß auch einem Seelenvampir beizukommen ist, ist man als Leser allerdings derart ermüdet, daß einen auch dies eher kalt lässt und man froh ist, das Buch zuschlagen zu können, egal was den Geschwistern Norah und Jonah widerfährt. Nein, David Mitchell sollte sich weiterhin seinen ganz eigenen Welterkundungen hingeben, das reine Genre hingegen anderen überlassen. Vielleicht jenen Vorbildern, die er mal so offenkundig, mal subtil zitiert und die es alle miteinander doch besser können.

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