STREULICHT

Deniz Ohde bietet in ihrem Debutroman Einblicke in ein bundesdeutsches Jugendleben in den 90er Jahren

Auf Seite 253 liest man schließlich den Satz, der vielleicht als Schlüssel zum Debutroman von Deniz Ohde taugt: Von den Seitenrändern aus habe ich auf die Welt geblickt. Genau diesen Blick vermittelt sie in STREULICHT (erschienen 2020) ununterbrochen. Eine Außenseiterin, die auf die Welt blickt.

Ohde, die sich laut Wikipedia zunächst vor allem auf Blogs literarisch versucht und diese Versuche meist dann abgebrochen hat, wenn sie zu viel Aufmerksamkeit generierten (was durchaus sympathisch wirkt), verfügt über ein hohes Sprachniveau, um eine Geschichte zu erzählen, die leider wenig Neues oder Aufregendes zu bieten hat. Es ist wohl ihre eigene Geschichte. Eine Geschichte aus dem bundesdeutschen Jugendalltag der 90er Jahre.

Die namenlose Erzählerin ist Tochter einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters, wodurch sie eine Sonderstellung erhält, irgendwo zwischen den Welten. Sie wächst (wahrscheinlich) im Umland von Frankfurt auf, in einem namenlosen Kaff, das von einem Industriepark beherrscht wird. Hier geht sie zur Schule, hat mit Sophia und Pikka zwei enge Freunde, versucht, ein normales Teenagerleben Mitte der 90er Jahre zu führen, stößt aber immer wieder an Grenzen. Grenzen, die einerseits durch ihre Herkunft gezogen werden, aber auch durch innerfamiliäre Konflikte, denn der Vater scheint nicht nur ein Alkoholproblem zu haben, sondern auch ein notorischer Sammler zu sein, nichts kann er wegwerfen. Die Mutter verlässt irgendwann das gemeinsame Heim, kehrt aber nach dem Tod des Großvaters zurück und bemüht sich, die Familie noch einmal zusammen zu halten. Ein Unterfangen, das mit ihrem Tod endet. Die Erzählerin leidet unter schulischen Schwächen, schmeißt die Schule schließlich, begibt sich später auf den zweiten Bildungsweg, holt ihr Abitur nach und studiert – offenbar geisteswissenschaftliche Fächer – an einer Universität, die mindestens 300 Kilometer von daheim entfernt sein soll, damit sie sich dem häuslichen Zugriff entziehen kann.

Viel Wahrscheinlichkeit, wenig Konkretes. Streulicht, das ist diffuses Licht, ein Licht, in dem die Dinge uneindeutig erscheinen können. So gesehen ist dies ein passender Titel für das Buch. Denn wirklich nah kommen wir dieser jungen Frau nicht. Was sie erzählt, bleibt häufig im Vagen, oft unklar, einiges wird erwähnt, ohne benannt zu werden. Sie hat einen „geheimen“ Namen, bei dem sie kein Dehnungs-I spricht (was auf den realen Namen der Autorin verweist, deren Namen aber eben auch dem französischen Denise entsprechen könnte); sie wird in jungen Jahren mit dem (Zitat) „K-Wort“ konfrontiert, was ihr erstmals ihre Herkunft verdeutlicht; zwischen Vater und Großvater herrscht eine seltsame Allianz, die der Leser jedoch nie tiefer durchdringen kann. Selbst die Mutter, der Ohde ein Kapitel widmet und deren Herkunft aus der Osttürkei thematisiert, aus der sie als junge Frau nahezu geflohen ist, bleibt für den Leser seltsam distanziert und unfassbar. Überhaupt bleiben sämtliche Figuren außerhalb der Erzählerin blass und uneindeutig. Weder die Eltern noch die Freunde werden dem Leser als eigenständige Personen vorgeführt, sondern radikal nur in Bezug auf die Ich-Erzählerin beschrieben. Dadurch entsteht ein Gefühl der Abgesondertheit, eine weitere Grenze zwischen ihr und der Welt. Etwas scheinbar Unüberwindliches.

Ohde findet für all das oftmals sehr gelungene Sprachbilder, allerdings fehlt eine Reflexionsebene, die über die reine Beschreibung hinausweist. Bis eben jener Satz vor den Augen des Lesers erscheint, der oben zitiert wurde. Denn mit einem Mal kommen die Ebene der Erzählerin und die Wahrnehmung des Lesers zur Deckung. So präzise und treffend die Sprache ist, so alltäglich aber ist das Berichtete. Man versteht nicht, was es eigentlich ist, was hier berichtet werden soll, was die Autorin umtreibt. Nimmt man den Begriff des „Blogs“ ernst, hat man es mit einem Netz-Tagebuch zu tun. Ein Tagebuch ist meist ein Medium der Selbstreferenz, eher nicht dazu geeignet, von Dritten gelesen zu werden (es sei denn, man ist Thomas Mann und der eigenen Bedeutung mehr als bewußt, dann schreibt man seine Tagebücher sicher mit Blick auf spätere, posthume Veröffentlichung). Genau so wirkt diese Prosa an vielen Stellen: Selbstreferenziell, wobei die Dringlichkeit des zu Berichtenden der Autorin klar vor Augen steht, es aber nur selten gelingt, diese Dringlichkeit auch dem Leser zu vermitteln. Meist nämlich erscheint dies alles wie eine ganz typische deutsche Jugend. Schwächen in der Schule, das Sitzenbleiben, die Trennung von Freunden, das Gefühl, abgeschnitten zu sein. Das Spezifische ihrer Situation glimmt hier und da einmal auf, doch hat man den Eindruck, daß es im Grunde keine wirkliche Rolle spielt in diesem Leben. Vielmehr scheinen die Probleme des Vaters massiven EInfluß auf den Werdegang der Tochter zu haben. Und diese Probleme sind zwar ebenfalls äußerst spezifisch, doch sind sie völlig unabhängig von Herkunft oder Abstammung. Mehr und mehr erscheint er wie ein Mann, der sich in einem „kleinen“ Leben eingerichtet, sein Auskommen mit seiner Arbeit gefunden hat, die er vor allem auf Nachtschichten erledigt, wo er Bleche beizt; ein Mann, der sich zwischen Alkoholrausch und Erinnerungen bewegt und dabei zu verlieren droht. Und der maximale Distanz zur Welt sucht – ein Unterfangen, das auch die Tochter (und Erzählerin) umzutreiben scheint.

Das Problem des Romans ist es vor allem, daß all diese Themen schon Hundert-, wenn nicht Tausendfach beschrieben und abgehandelt wurden. Sowohl die von Migrantenkindern, als auch jene von Kindern mit schwierigen Elternhäusern. Alkoholiker, Depressive, Gleichgültige als Eltern – sie alle haben seit den 70er Jahren unendlich viele Auftritte in der deutschen Literatur gehabt, vor allem in der Jugendliteratur und der „Problemliteratur“. Ohde kann dem wenig bis nichts Neues hinzufügen. Man liest sich Seite um Seite durch diese diffuse, streuende Erzählung und es geschieht, was nicht geschehen sollte: Erst bekommt man Mitleid, dann geht einem das Erzählen auf die Nerven. Denn eines ist dieser Roman leider nicht – frei von Weinerlichkeit. Die Lehrer, die Professoren, die Eltern, die Freunde – jeder bekommt sein Fett weg, jeder ist irgendwie mitverantwortlich für das Wesen und Sein dieser Erzählerin. Durch Unterlassung, mangelnde Aufmerksamkeit, Ignoranz. Dabei bleiben die meisten dieser Figuren, vor allem Lehrer und Dozenten, reine Funktionsträger. Sie haben entweder zu viel mit sich selbst zu tun oder aber bringen kein Verständnis auf für die besondere Situation dieser jungen Frau. Da zwischen der Ich-Erzählerin und der Autorin nahezu kein Abstand entsteht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich hier jemand seinen Frust auf literarischem Niveau von der Seele schreibt.

STREULICHT ist, wie erwähnt, ein Debutroman. Man will nicht zu hart mit einer Debütantin ins Gericht gehen, will nicht zu hart urteilen. So bleibt nach diesem Roman die Hoffnung, daß Deniz Ohde sich von der eigenen Geschichte lösen, sie transzendieren kann, dabei ihre sprachliche Wucht und Vielfalt beibehält und zukünftig Gegenstände, Sujets findet, die es ihr ermöglichen, adäquat zu erzählen. Dieser Erstling bleibt ein interessanter Versuch, wenn auch ein auf der Strecke von 285 Seiten leider eher nicht geglückter.

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