SUCH A FUN AGE

Ein weitestgehend klug konstruierter Roman über alltäglichen Rassismus, der sein Versprechen jedoch nicht halten kann

Eine junge – schwarze – Frau feiert mit ihren Freundinnen, der Abend ist fortgeschritten, Alkohol geflossen. Da klingelt das Smartphone in Miras – so der Name der Hauptfigur in Kiley Reids Debutroman SUCH A FUN AGE (Original erschienen 2019; Dt. 2021) – Handtasche. Es ist ihre momentane Hauptarbeitgeberin, Alix Chamberlain. Bei den Chamberlains ist Mira als Babysitterin angestellt. Ob sie bittebittebitte kommen und auf die kleine Briar, genannt Bri, aufpassen könne, es sei etwas passiert, das Mädchen müsse für eine Stunde aus dem Haus. Mira erklärt sich einverstanden und macht sich – begleitet von ihrer besten Freundin – auf den Weg zu den Chamberlains. Sie nimmt ihren Schützling in Empfang und geht mit ihr in einen nahegelegenen Supermarkt. Dort kommt es zu einem Zwischenfall: Der Wachmann, von einer besorgten Kundin alarmiert, bezweifelt, daß das – weiße – Mädchen freiwillig mit zwei schwarzen Frauen zu dieser nachtschlafenden Zeit in einen Supermarkt ginge. Bis Mira ihren Arbeitgeber informiert hat und dieser eintrifft, um die Situation aufzuklären, erleben Mira, ihre Freundin und der Leser einen Akt nicht ganz so offensichtlichen, nicht ganz so eklatanten Rassismus´. Zum Glück, denkt der Leser, gibt es da diesen – weißen – Mann, der die ganze Situation mit seinem Handy filmt. Doch Mira lehnt es strikt ab, mit dem Film an die Öffentlichkeit zu gehen oder die Supermarktkette gar zu verklagen. Ihrem Wesen entsprechend, will sie nur so rasch wie möglich wieder ihre Ruhe haben und keinen großen Aufriß um das Geschehen machen. Zumal sich die Situation schließlich aufklärt und die Beteiligten sich bei ihr entschuldigen.

Diese Ausgangslage nutzt Autorin Reid, um eine klug konstruierte, in sich schlüssige Parabel über den Rassismus jener zu erzählen, die sich selbst niemals als rassistisch betrachten würden, im Gegenteil: Die Chamberlains verstehen sich als jenem aufgeklärten, modernen, urbanen und vor allem liberalen Teil der amerikanischen Gesellschaft zugehörig, der als progressiv und fortschrittlich betrachtet wird. Vielleicht möchte die Internet-Bloggerin und Influencerin Alix Chamberlain deshalb so unbedingt mit Mira befreundet sein. Schließlich gibt es auch in ihrem Freundeskreis Schwarze, sie verortet sich in dieser Hinsicht natürlich auf der moralisch richtigen Seite. Allerdings merkt sie nicht, daß sie sich ihre Haltung vor allem leisten kann – weil sie in der Lage ist, einer Babysitterin einen vernünftigen Lohn zu zahlen, während sie selbst, auch durch den guten Job ihres Mannes abgesichert, zu den Privilegierten gehört und sich kaum Gedanken darüber machen muß, wie eigentlich die übrigen neun Zehntel der Bevölkerung leben, wie deren sozialen und ökonomischen Bedingungen aussehen, wie es sich anfühlt, in prekären Verhältnissen zu arbeiten und zu wohnen. So wird unter anderem Alix einziger Besuch in Miras bescheidener Bleibe zu einem echten Kulturschock für die aus wohlhabendem Hause kommende Lady.

Reid gelingt das Kunststück, das Thema Rassismus aus einem anderen, für viele Amerikaner allerdings wahrscheinlich viel typischeren Blickwinkel zu betrachten, als viele jener in den letzten Jahren entstandenen oder wiederentdeckten Romane schwarzer Autoren. Sowohl in der Zeit als auch im Spiegel wurde der Roman wohlwollend rezensiert. In beiden Rezensionen wurde explizit darauf aufmerksam gemacht, daß hier – vielleicht erstmals – die Rassismus-Frage mit der Klassenfrage gekreuzt würde. Ein Urteil, das man an sich schon anzweifeln kann, spielt die Klassenfrage doch auch bei Autoren wie Gloria Naylor oder Toni Morrison, aber auch in älteren Werken, wie bspw. dem hochgelobten THE STREET von Ann Petry, das erstmals 1946 erschien, immer schon eine Rolle. Mehr aber fällt auf, daß „Klassenfrage“ eine Differenz beschreibt, die hier gar nicht gegeben ist. Denn eher als eine ökonomische Frage, ist hier eine psychologische Problematik beschrieben. Sicherlich entspringt diese dem sozialen Status der Protagonisten, doch definiert sie sich auf der Ebene des schlechten Gewissens, bzw. der vermeintlichen Abwesenheit von Vorurteilen und Verurteilungen.

Mira hadert mit ihrem Leben. Sie wird fünfundzwanzig und fristet ihr Dasein durch Aushilfsjobs. Sie entstammt einem Mittelstandshaushalt, der Vater ein Handwerker, die Mutter Festangestellte. Sie hat das Studium abgebrochen, weil sie keine wirkliche Lust auf Theorie verspürt, weiß aber auch nicht wirklich, was sie eigentlich beruflich wie privat erreichen will. Ihre Freundinnen haben ihre Ausbildungen und Studien längst abgeschlossen, sie wechseln gerade in ihre ersten echten Jobs – mit Sozialversicherung, Renten- und Urlaubsgeld. Diese jungen, urbanen schwarzen Frauen nagen keineswegs am Hungertuch, sie kämpfen aber auch keine gesellschaftspolitischen Kämpfe. Sie sind lebenslustig und lebenshungrig und genießen es, jung zu sein. Man geht aus, man nimmt Männer mit nachhause und ist auch einem Joint oder einer Linie Koks hier und da nicht abgeneigt. Gewalt – häusliche oder die der Straße – spielt in keinem Moment des Romans eine Rolle, wird nicht erwähnt oder thematisiert. Hier gibt es keinen Konflikt zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat, eher wird eine Differenz zwischen der oberen und der unteren Mittelschicht thematisiert.

Da Mira als Figur jedoch so charakterisiert wird, wie Reid dies tut, muß man am ehesten davon sprechen, daß eine vielleicht etwas unreife junge Frau ihr Schicksal, in eher prekären Verhältnissen zu leben, selbst gewählt hat und auch an keiner Stelle des Romans den Eindruck vermittelt, sich vom Leben an den falschen Platz gesetzt zu sehen. Diese junge Frau möchte eigentlich nur ihre Ruhe haben und sich in Ruhe überlegen, was sie mit ihrem Leben anzufangen gedenkt. Fast wirkt sie ein wenig passiv. Nicht nur dem Leben selbst gegenüber, sondern auch den Situationen und Konflikten, mit denen sie sich konfrontiert sieht. Denn verschärft wird die Situation dadurch, daß der Mann, der den Vorfall im Supermarkt gefilmt hat, Interesse an Mira entwickelt und sie datet. Die beiden werden trotz eines Altersunterschieds von acht Jahren ein Paar. Zwar wundert sich Mira darüber, daß Kelley, so der Name des Herrn, sich fast ausschließlich mit Schwarzen zu umgeben scheint, doch wirklich interessieren oder gar umtreiben tut sie diese mögliche Fetischisierung schwarzer Menschen nicht. Bis sich herausstellt, daß auch Alix Chamberlain eine Geschichte mit eben diesem Kelley hat, der einst mit ihr die Schulbank drückte, für einige Wochen ihr Freund war und sie – zumindest aus ihrer Sicht – fürchterlich demütigte.

Kiley Reid konstruiert geschickt und mit einem gewissen, manchmal durchaus schwarzen Humor eine Situation, in der die junge Mira zwischen alle Fronten gerät. Von ihrer wohlhabenden weißen Arbeitgeberin umworben – wobei Alix immer weniger vor echten Übergriffigkeiten zurückscheut – und zugleich verliebt, wird sie zu einem Spielball von Kräften, die sie zunächst nicht versteht und die sie, wenn sie ehrlich ist, ebenfalls nicht sonderlich interessieren. Wirklich berührt wird sie nur in ihrem Verhältnis zu dem kleinen Mädchen Briar, das als schwierig gilt, bei dem Mira aber vor allem eine unbändige Phantasie wahrnimmt, die ihr imponiert und die sie mag und fördert. Als die Situation derart eskaliert, daß sie ihre Arbeitsstelle aufgeben und sich klar von Alix distanzieren muß, ist der Verlust Briars für sie ein wirklicher Schmerz.

Sicher, das ist alles eben konstruiert, jede Figur steht an dem exakt für sie gedachten Platz am Ausgangspunkt dieser Story. Und doch gelingt es, hier bestimmte, spezifische psychologische Gegebenheiten aufzuzeigen. Eine weiße Oberschicht, die nicht nur vom schlechten Gewissen geplagt ist, sondern die sich zugleich – als besonders woke geltend –auch ein wenig schmücken will mit ihrer offenen Art allem und jedem gegenüber. Mira wirkt in Alix´ Leben bald wie eine Trophäe, wie eine Urkunde, die sie als sozial und ethnisch liberal ausweist, ihr eine gewisse Credibility verschafft. Eine Vereinnahmung, die Mira sich eine gewisse Zeit lang durchaus gefallen lässt. Erst Kelleys längst vergangene Geschichte mit Alix, deren Rachsucht und die Methoden, die sie anwendet, um ihren Willen durchzusetzen, öffnen Mira die Augen und lassen sie sich schließlich lösen und sogar einen eigenen Weg im Leben finden.

Reid erzählt also von einem komplizierten, spezifisch amerikanischen Konflikt, und sie tut dies mit viel Verve und Geschick. Allerdings begeht sie einige Fehler (Anfängerfehler?), die ihrem Roman den letzten Lorbeer verwehren. Denn alle diese Figuren sind trotz der geschilderten Konflikte flach, ohne echte Tiefe, nicht wirklich authentisch. Und was am meisten erstaunt: Die schwarze Mira bleibt dabei von allen am blassesten, während die weißen Alix und Kelley noch am ehesten überzeugen (wobei an dieser Stelle eine ganz eigene Diskussion darüber entstehen könnte, wie ein schwarzer und wie ein weißer Rezipient des Romans dies beurteilt). Reid verfällt aber auch in der Charakterisierung dieser Figuren in eine ungeheure Beschreibungswut. Ganze Absätze beschäftigen sich mit Alix Chamberlains Aussehen, den Klamotten, die sie trägt, den angesagten Marken, die sie zur Schau stellt. Die Figur wird weniger durch ihre Gedanken und Handlungen definiert, als durch ihr Erscheinungsbild. Das mag funktionieren, solange die Leser affin sind mit all diesen Markenbeschreibungen, sobald ein Leser mit all den Namen und Bezeichnungen nur wenig anzufangen weiß, muß er sich eben Absätze lang durch böhmische Dörfer arbeiten – und all die Aufreihungen verfangen nicht.

Das ist die große Schwäche dieses Romans. Diese Protagonisten sind Abziehbilder. Nicht einmal Klischees, sondern reine Abziehbilder einer Wirklichkeit, die eben nur in einem ganz gewissen, spezifischen Ausschnitt präsentiert wird. Vieles hier ist reine Behauptung, doch sinnlich oder emotional erfahrbar sind diese Figuren und ihre verschiedenen Lebenswelten nur gelegentlich. Zu funktional, zu gezielt auf ihre Position im Geschehen zugeschnitten kommen sie daher. Und immer wieder werden Konflikte angedeutet, die nicht unmittelbar mit dem Kern der Erzählung korrespondieren (und manchmal eben doch, wie bspw. der Anlaß für Alix späten Anruf bei MIra), Interesse wecken, dann aber fallen gelassen werden. So zeigt der Roman dauernd das Potential, das in ihm steckt, das aber nie wirklich ausgeschöpft wird.

Am Ende der Lektüre bleibt eine durchaus schnell und eindringlich erzählte Geschichte um einen rassistischen Konflikt und was er in den Beteiligten auslöst – wobei es interessant ist, daß Mira und ihre Freundinnen das rassistische Element zwar wahrnehmen, jedoch nicht wirklich dadurch berührt wirken – ohne aber den Leser emotional zu fordern oder mit dessen eigenen Widersprüchen zu konfrontieren. Am ehesten noch könnten sich weiße Leser ertappt fühlen, wenn ihre eigene Rechtschaffenheit aufgedeckt und vorgeführt wird und sie eigene Positionen hinterfragen müssen. Doch ist das Ganze dafür dann wieder zu thesenhaft.

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