DEAD ZONE/THE DEAD ZONE

Vielleicht die gelungenste Verfilmung eines Romans von Stephen King?

Johnny Smith (Christopher Walken) ist Lehrer durch und durch. Er und seine Freundin Sarah (Brooke Adams) unterrichten in der Kleinstadt Castle Rock in Maine. Nach einer Abendveranstaltung bringt er sie heim, will aber lieber nicht über Nacht bleiben, „gewisse Dinge spart man sich lieber für später auf“, sind seine Worte. Doch auf der Heimfahrt verunglückt Johnny schwer und fällt ins Koma.

Fünf Jahre vergehen, dann wacht er auf. Noch im Krankenhaus macht er erste Erfahrungen mit einer Gabe, die möglicherweise immer schon in ihm schlummerte, sich nun aber voll entfaltet: Er kann bei Berührung mit anderen deren Vergangenheit, manchmal ihre Zukunft sehen oder aber, daß Dinge geschehen, die diese emotional sehr berühren. In diesem Fall kann er gerade noch dafür sorgen, daß die kleine Tochter der Krankenschwester, die er berührt hat, aus dem brennenden Haus der Familie gerettet wird.

Johnnys Eltern nehmen ihn bei sich auf und nach und nach erholt er sich von seiner langen Abwesenheit. Doch muß er lernen, daß fünf Jahre eine lange Zeit sind und sich vieles ändert. So hat Sarah geheiratet und ein Kind. Er findet sich schweren Herzens damit ab und nach und nach gelingen ihm einige Rettungstaten und Hilfen für andere. So merkt er schnell, daß sein Arzt Dr. Weizak (Herbert Lom) die Schrecken des Krieges und der Judenverfolgung in Europa überlebt hat, daß dessen Mutter noch lebt, erfährt Johnny durch seine Gabe. Sheriff Bannerman (Tom Skerritt) hingegen hilft er, einen Serienmörder aufzuspüren.

Als der Industrielle Roger Stuart (Anthony Zerbe) ihn als Lehrer für seinen scheinbar autistisch veranlagten Sohn einstellt, begreift Johnny, daß es da noch mehr gibt, als reine Visionen: Stuart will mit seinem Sohn an der Spitze ein kleines Eishockeyteam aufstellen. Doch Johnny sieht, daß das Eis einbrechen wird und Kinder sterben werden – woraufhin Stuarts Sohn Chris (Simon Craig), der Johnny zu vertrauen gelernt hat, nicht an dem Spiel teilnehmen will. Es kommt wie es kommen muß – das Eis bricht ein, Simon überlebt (was Johnny nach dessen Absage ebenfalls „wusste“), einige andere Kinder kommen ums Leben.

Johnny lernt, daß es eine Zone in seinen Sichten gibt, er nennt sie „die tote Zone“ – Dead Zone – wo es keine eindeutige Sicht auf die Zukunft gibt, weil diese noch nicht entschieden ist. Also hat Johnny die Möglichkeit, Einfluß zu nehmen. Als er dem überall auf Plakaten und in Werbespots präsenten Politiker Greg Stillson (Martin Sheen) begegnet, dem auch Sarah und ihr Gatte als Wahlhelfer zugetan sind, entfaltet sich vor Johnnys innerem Auge ein ganzes Panorama des Schreckens: Stillson wird es schaffen, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden und wird in dieser Funktion einen Nuklearkrieg auslösen. Johnny beschließt, Stillson zu töten. Zwar gelingt ihm das nicht, doch entreißt der Kandidat Sarah das Kind, um sich zu schützen. Der sterbende Johnny kann noch sehen, wie das Foto, das davon geschossen wurde, Stillsons Karriere beenden wird. Dann stirbt er in den Armen der weinenden Sarah.

1979 veröffentlichte Stephen King seinen sechsten Roman DEAD ZONE, bereits vier Jahre später wurde dieser verfilmt. Zu jenem Zeitpunkt gab es noch nicht die Schwemme an King-Verfilmungen, aber immerhin hatten sich mit Brian de Palma, George A. Romero und Tobe Hooper drei aufstrebende und Aufsehen erregende Jungfilmer und mit Stanley Kubrick bereits ein echter Meister an Kings Werken versucht. Mit recht gemischten Resultaten, muß man sagen. Und im selben Jahr wie die vorliegende Verfilmung von DEAD ZONE (1983), erschienen mit CUJO (1983) und John Carpenters CHRISTINE (1983) gleich zwei weitere Versuche, King für die Leinwand zu adaptieren. David Cronenberg wusste also, daß er sich ins Gedränge wagt, wenn er sich auf diese erste Auftragsarbeit seiner noch jungen Karriere einließ. Was dann aber dabei heraus gekommen ist, ist einerseits die möglicherweise beste Verfilmung eines Buchs des Autors, andererseits der bis dato untypischste Film dieses Regisseurs, den Dominik Graf in seinem wunderbar zu lesenden Aufsatz dazu in Marcus Stigleggers Buch DAVID CRONENBERG dessen „erwachsensten“ Film nennt.

Man mag zu solchen Äußerungen stehen, wie man will, wahr ist, daß Cronenberg aus einem schwierig zu visualisierenden Thema einen ruhigen, unaufgeregten und seine Konflikte sehr ernst nehmenden Film schuf, der nahezu zwei Stunden lang zu fesseln vermag, ohne allzu aufdringlich zu wirken. Er selber sagte dazu, er habe „das Buch wegschmeißen müssen, um Stephen King gerecht werden zu können“. Da ist etwas dran, denn die Handlung wurde gestrafft und gerafft, vieles, was das Buch King-typisch ausspielt und was bei ihm viel von der Atmosphäre ausmacht, deutet der Film lediglich an. Auch hat Cronenberg nicht das Americana-Feuerwerk gezündet, das die meisten Regisseure abfackeln, wenn sie King verfilmen. Cronenbergs Maine liegt in Ontario, wo der Film gedreht wurde; es ist ein ruhiges, immer winterliches Maine, das landschaftlich die Ruhe und das Tempo des Films aufnimmt, widerspiegelt und ergänzt. Castle Rock ist ein ebenfalls ruhiges Städtchen, kaum sieht man Leute auf der Straße, nichts passiert hier. Nur wir, die Leser von Stephen King, wissen, daß diese Stadt das Böse anzieht wie ein Magnet das Metall.

Ebenfalls 1983 legte David Cronenberg die Medienkritik und Mediendystopie VIDEODROME (1983) vor, ein Film, der gemeinhin als der Referenzfilm des Regisseurs betrachtet wird, als ein Fixpunkt in dessen Oeuvre. Und sicherlich erfüllt er in weitaus höherem Maße das, was man von einem „Cronenberg-Film“ erwartet: Er ist undurchschaubar, er ist blutig bis zur Ekelgrenze, er bietet offene und lose Enden und erzählt uns – wie es der Meister so oft in seinen Werken tut – von Metamorphose und Verwandlung, speziell davon, wie „das neue Fleisch“ entsteht. THE DEAD ZONE kann man, will man ihn unbedingt in Cronenbergs Werkschau verorten, als einen Ausblick sehen, der bereits auf die späteren Filme, die Filme nach THE FLY (1986), verweist. Denn mehr und mehr begann sich Cronenberg für die Veränderungen des Geistes/im Geist zu interessieren, weniger für die Bebilderung, die konkrete Darstellung der Transformationen des Körperlichen.

Johnny Smith erlebt, wie sein Geist transformiert, weiter wird, sich über das Hier und Jetzt erhebt – allerdings nicht, wie jedermanns Geist, über das Hier und Jetzt der Erinnerung und der Vorfreude, des Pläneschmiedens, sondern über die Zukunft jedes Menschen, schließlich die ganze Welt umfassend. Eine schwere Bürde, ein Fluch, vielleicht. Das stellt der Film auch so dar, doch anders als in seinen frühen Filmen, kann sich Cronenberg diesmal auf die Hilfe, nein, besser: kann sich Cronenberg diesmal auf das Können eines echten Könners verlassen. Christopher Walken spielt diesen Johnny nahezu perfekt vom anfänglich schüchternen Sonnyboy, der sein Mädchen verhalten küsst, zum geplagten, zerfurchten Mann, der schließlich eine Entscheidung treffen muß, die einem Selbstmord gleichkommt. Man nimmt Walken diesen Mann Szene für Szene genau so ab.

THE DEAD ZONE ist in vielerlei Hinsicht interpretierbar – daß wir unserem Schicksal nicht entgehen können, wäre ebenso eine mögliche Interpretation, wie das Gegenteil hinein zu lesen; man könnte das Ganze auch als eine coming-of-age-Geschichte begreifen, denn der Johnny, der uns anfangs vor seiner Klasse begegnet und ihnen Washington Irvings THE LEGEND OF SLEEPY HOLLOW als kommende Lektüre in Aussicht stellt, ist ein jungenhafter Kerl, viel mehr als der gezeichnete Mann, der schließlich bereit ist, einen Mord zu begehen; es ist auch schlicht eine Meditation über die gern gestellte was-wäre-wenn-Frage, wie unser Leben verlaufen wäre, hätten wir hier und da andere Entscheidungen getroffen, aber auch die, wie die Weltgeschichte verlaufen wäre, wenn jemand z.B. Hitler getötet hätte. Würden wir Hitler töten mit unserem heutigen Wissen? Eine gern und häufig gestellte Frage im Konjunktiv.

Dem Film gelingt es, offen zu bleiben, diese Fragestellungen dennoch anzureißen und auch bis zu einem gewissen Grad abzuhandeln, ohne dabei zu versuchen, sonderlich literarisch zu sein. Cronenberg ist ein in der Wolle gefärbter Filmemacher, der genug von Literatur versteht, um zu begreifen, was Film leisten kann und was nicht. So ist mit THE DEAD ZONE der vielleicht ungewöhnlichste Film von David Cronenberg entstanden, der aber dennoch gut zu unterhalten, der mit seinem ruhigen Timing, seiner stillen Erzählweise zu überzeugen weiß. Und der zu den besten Schauspielerfilmen gehört, die Cronenberg vorgelegt hat. Zugleich ist ihm aber auch eine der besten Stephen-King-Adaptionen gelungen. Denn Cronenberg erliegt weder der Gefahr, das Werk eins zu eins auf die Leinwand bringen zu wollen, noch, die Schauwerte zu strapazieren. Indem er auch auf die allermeisten möglichen Effekte verzichtet (und für das brennende Bett im Kinderzimmer der Krankenschwester schon angefeindet wurde), keine Spezialeffekte einbaut, minimal Blut oder Gewalt zeigt und alles über Dialoge, Blicke und die Atmosphäre entstehen läßt, baut sich die Spannung äußerst subtil auf. Fast subkutan – um den Begriff hier einmal zum Zwecke zu entfremden – entfaltet sich unter der Oberfläche des Films eine zweite Spannungsebene, die nie wirklich hervorbricht, nie auch nur primär genannt wird und dennoch den eigentlichen Antrieb des Films darstellt. Das ist äußerst fein gewoben, das ist teils meisterlich.

King hat oft kein Glück gehabt mit den Verfilmungen seiner Bücher, mit THE DEAD ZONE jedoch kann er zufrieden sein. Gerade weil der Film nicht so laut daher kommt, wie die meisten Werke nach King.

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