THE FOUNDER

John Lee Hancock feiert, relativ ungebrochen, den amerikanischen Traum vom unbegrenzten Unternehmertum

Der eher erfolglose Vertreter für Milchshaker Ray Kroc (Michael Keaton) wird stutzig, als ein Burger-Joint in San Bernardino, Kalifornien, gleich acht seiner ansonsten wenig begehrten Maschinen ordert. Neugierig nimmt er den weiten Weg von Illinois nach Kalifornien auf sich, weil er wissen will, womit er es zu tun hat.

In Kalifornien angekommen, wird er Zeuge eines neuartigen Systems, Speedy genannt, mit dem es den Brüdern Dick (Nick Offerman) und Mac (John Carroll Lynch) McDonald gelungen ist, ihre Kundschaft extrem schnell bei gleichbleibend hoher Qualität mit Hamburgern, Softdrinks und Pommes Frites zu versorgen. Bereitwillig erzählen sie Ray von ihrem Werdegang, den Rückschlägen, ihren etlichen Versuchen, die richtige Aufteilung einer funktionierenden Küche und deren Abläufe für ihr Speedy-System zu entwickeln und schließlich zeigen sie ihm auch die von Dick entworfenen goldenen Bögen, die sie eigentlich als Wahrzeichen ihres Unternehmens geplant hatten.

Ray begreift, daß er es hier mit einer brillanten Neuerung zu tun hat. Er schlägt den Brüdern vor, in ein Franchise-Unternehmen einzuwilligen. Doch die konservativen McDonalds, klassischer Mittelstand, denen an der Qualität ihrer Produkte und der unternehmerischen Seriosität mehr gelegen ist als am schnellen Profit, sind eher skeptisch. Dick hatte selbst schon entsprechende Ideen, die aber allesamt an mangelnder Kontrolle und damit nachlassender Qualität in den eiinzelnen Filialen scheiterten. Schließlich bekommt Ray sie soweit, ihm die Franchise-Rechte zu überlassen. Allerdings sichern die Brüder sich erhebliche Mitspracherechte und überlassen ihrem neuen Kompagnon nur geringe prozentuale Anteile am Gewinn der neuen Läden.

Ray wirft sich mit großem Enthusiasmus in seine neue Aufgabe, sehr zum Unbill seiner Gattin Ethel (Laura Dern), die seine diversen Ideen und Versuche, geschäftlich erfolgreich zu sein, schon lange begleitet. Um die erste Filiale zu eröffnen, verpfändet Ray schließlich sein Haus, ohne Ethel dies mitzuteilen, da er ansonsten kein Geld von der Bank bekommt. In seinem Golfclub findet er erste Franchisenehmer, die allerdings wenig Begeisterung zeigen, als es darum geht, den Standard ihrer Filialen zu überwachen. Da die Brüder McDonald eine sehr genaue Vorstellung von den Speisen haben, davon, welche Produkte sie verkaufen wollen und unter welchen Bedingungen, gerät Ray in Bedrängnis. Er überlegt sich ein neues Konzept, indem er in Schulen, Klubs, Kirchen und Vereinen vornehmlich Ehepaare gewinnt, die mit eigenem Geld eine jeweilige Filiale erstellen und vor Ort die Abläufe, die Organisation und die Einhaltung der McDonald´schen Reinheitsgebote überwachen.

Nun expandiert das Unternehmen zwar schnell, doch Ray, der mit etlichen Ideen für Neuerungen – Sponsoring durch große Firmen wie Coca-Cola, deren Waren natürlich dann in den Läden auch angeboten werden müssen, billigere Produkte, Lagerräume für verderbliche Lebensmittel – immer wieder an den skeptischen Brüdern, vor allem an Dicks Widerstand, scheitert, verliert zusehends Geld. Seine prozentualen Anteile reichen oftmals nicht einmal, seine geschäftlichen Ausgaben zu decken. Doch auch hier weigern sich die Brüder beharrlich, nachzuverhandeln. Ray habe dem Vertrag zugestimmt, nun solle er sehen, wie er klar kommt.

Schließlich legt die Bank ihre Hände auf sein Haus, was zu einem schweren Konflikt mit Ethel führt. Als Ray wütend aus der Bank stürmt, wird er von dem Finanzfachmann Harry Sonneborn (B.J. Novak) angesprochen, der durch Zufall Ohrenzeuge von Rays Auseinandersetzung mit seinem Bankberater wurde. Harry erklärt Ray, wie er seinen Anteil an dem Unternehmen nicht nur erhöhen, gar massiv ausbauen kann, sondern wie es gelingen könnte, das ganze Unternehmen zu übernehmen: Ray solle die Grundstücke, auf denen zukünftige Filialen entstehen, kaufen und an die Franchisenehmer verpachten, statt diese selber das Land kaufen zu lassen. Er sei nicht länger im Hamburger-Business, er sei im Immobilien-Business.

Ray gründet also ein eigenständiges Unternehmen, mit dem es ihm gelingt, nach und nach die Macht über die Kette zu übernehmen und die Brüder, die lediglich die Rechte am Konzept, ansonsten aber nur ihr eigenes Lokal in San Bernardino besitzen, zurückzudrängen. Er lernt durch einen seiner Franchisenehmer Joan (Linda Cardellini) kennen, die ihn auf weitere gute Ideen bringt und in die er sich verliebt. Während er auf geschäftlicher Ebene schließlich den Durchbruch schafft und die Brüder mit einem Trick seines Anwalts aus dem Unternehmen drängt, indem sie ihm für knapp 3 Mio Dollar die Rechte am Konzept und am Namen überlassen, verlangt er privat von Ethel die Scheidung, um Joan, die ihn als mutigen Unternehmer bewundert, heiraten zu können.

Als Dick ihn bei einer letzten Begegnung fragt, was er eigentlich haben wolle, da offenbart ihm Ray, daß es der Name gewesen sei. McDonald´s – das sei der All-american-name, mit dem sich jeder identifizieren könne. Dies sei, mehr als alles andere, mehr noch als das Speedy-System oder die Bögen, seine Vision gewesen. McDonald´s.

Schließlich untersagt er Dick und Mac die Nutzung ihres eigenen Namens und eröffnet genau gegenüber von ihrem Lokal sein eigenes, womit er die Brüder in den Konkurs treibt.

Anders als das ideologisch komplizierter veranlagte Europa, hatten die Amerikaner nie ein großes Problem damit, ihre Aufsteigergeschichten als Heldensagen zu verkaufen. Ob die Rockefellers oder die Kennedys, ob Andrew Carnegie oder selbst der mittlerweile den amerikanischen Präsidenten darstellende Donald Trump – all diese Multimillionäre stehen im amerikanischen Pantheon ganz vorne, Trump vielleicht etwas weniger weit vorn. So wird es kaum verwundern, wenn auch die Geschichte von Ray Kroc, dem Mann, der McDonald´s in der Form, wie wir es kennen, einst erfand, von John Lee Hancock als eine erzählt wird, die zwar Brüche, Widerstände und vor allem eine gnadenlose Skrupellosigkeit aufweist, letztendlich jedoch die eines Gewinners ist.

In ausgezeichneten Dekors und Settings, in manchmal brillanten Bildern und mit der Unterstützung der wunderbaren Schauspielkünste eines hervorragenden Ensembles, inszeniert Hancock in THE FOUNDER (2016) den Aufstieg des Unternehmens von den Anfängen in einer Burgerbude in San Bernardino, Kalifornien, zu jenem Unternehmen, das heute weltweit operiert und – laut Abspann – tagtäglich ein Prozent der Weltbevölkerung „ernährt“. Er konzentriert sich dabei vor allem auf die Anfänge, als der Vertreter für alles Mögliche, Ray Kroc, das sogenannte Speedy-System, das die Brüder McDonald für ihren Hamburger-Joint in der kalifornischen Provinz entworfen haben, und das eine schnelle Bedienung bei hoher Qualität garantiert, entdeckt und begreift, daß man es vor allem in Franchises – also unter einem Markennamen in immer gleich aussehenden, überall im Land verteilten Geschäftsstellen – zum Einsatz bringen sollte. Kroc, den Michael Keaton fast erratisch als Getriebenen darstellt, muß gegen allerhand Widerstände – zu allererst den der namengebenden Brüder, die wie Archetypen des „guten, alten Mittelstands“ wirken, dann den der Banken, diverser Rechtsmittel und nicht zuletzt der eigenen Ehefrau – eine Vision durchsetzen, die sich, das wissen wir als Publikum des Jahres 2016, zu einem modernen Wirtschaftssystem ausweiten sollte, nach dem heute nicht nur unzählige Fast-Food-Ketten, sondern auch Schmuckläden, Bekleidungs – und Lebensmittelkonzerne funktionieren.

Kroc ist immer auf der Suche nach Ideen und möchte Erfolg haben und wird so auch als ein typischer Amerikaner dargestellt, der soziales Prestige, Profit und persönliches Glück in Einklang bringen möchte, sich dabei aller Methoden, die der Rechtsstaat ihm bietet, bedient und im Fall der Fälle  ohne allzu viele Zweifel am eigenen Tun vorgeht. Hancock zeigt durchaus, wie er die Brüder zwar nicht direkt übers Ohr haut, aber in dem Moment, in dem sie seinem Expansionsdrang, seiner Rationalisierungslust und seinem Interesse an Neuerungen im Wege stehen, gnadenlos ausbootet. Er zeigt, wie er seine von Laura Dern wunderbar gespielte Gattin abserviert und auch nicht davor Halt macht, einem Geschäftspartner die Frau auszuspannen. Michael Keaton, der den hohen Standard seines Könnens so unterschiedlichen Filmen wie der satirischen Komödie BIRDMAN (2014), einem Drama wie SPOTLIGHT (2015), aber auch einem Remmidemmi-Blockbuster wie SPIDER-MAN: HOMECOMING (2017) zur Verfügung stellt, vermag es, Kroc Ambivalenz zu verleihen, es gelingt ihm, diesen Mann zugleich sympathisch wirken zu lassen und doch so zu geben, daß der Zuschauer begreift, er wird sich durch nichts und niemanden aufhalten lassen, koste es, was es wolle. Da weder Buch noch Regie sonderlich daran interessiert sind, diesen Mann psychologisch zu erklären, liegt es allein in Keatons Spiel, all die Facetten auszukundschaften, die Kroc ausmachen. Und das gelingt ihm grandios.

Die Inszenierung selbst allerdings wirkt unentschlossen. Nicht schwarzhumorig genug, um kritische Distanz zu seinem Sujet einzunehmen, aber zugleich dramatisch nicht so aufgeladen, daß wirkliche Spannung aufkäme, bleibt THE FOUNDER irgendwo im Ungefähren zwischen reiner Verehrung für den Visionär, Mitgefühl für jene, die die „neue“ Zeit nicht begreifen und gnadenlos auf der Strecke bleiben, und einer Feier des reinen Americana. Denn damit hat man es hier im Kern zu tun: Americana. Wer die amerikanischen Highways kennt, wer je das Gefühl erfahren (sic!) hat, nach Stunden auf einer schnurgeraden, staubigen Straße einen Strip  zu erreichen und dort die wohlvertrauten Icons der U.S.-Ernährungskultur zu erkennen, die das Immergleiche im Andern versprechen, also eine Hauch von Zuhause, der weiß  um die Anziehungskraft des Neonlichts, der bunten Leuchtreklamen, des Widerspruchs von natürlichem Sonnenuntergang und der künstlichen Beleuchtung, die wie ein Licht in der Nacht wirken. Kroc erklärt es an einer Stelle genau so: Da seien die Kreuze auf den Kirchen und die Flaggen auf den Gerichtsgebäuden; dies seien die Zeichen, die man überall in Amerika fände. Die goldenen Bögen von McDonald´s, so seine Idee, brächten dies zusammen und stünden somit für das moderne, säkulare Amerika, wo die Familie sich trifft, nicht nur sonntags, sondern an sieben Tagen in der Woche. So schwelgt John Schwartzmans Kamera in Bildern eben dieser Bögen als Icons in the night, sich grell abhebend von der Schwärze der amerikanischen Nacht. Sie schwelgt in Bildern des alten Highway 66, der 1954 noch eine von nur drei großen Ost-West-Verbindungen gewesen ist, er nimmt das Land nahezu gierig auf, die Berge, das Grün der östlichen Staaten und das Graugelb der Weiten des Westens. Wir sehen etliche alte Drive-in-Burger-Joints, wir sehen die alten Hochburgen des Midwest-Kinos, die Drive-In-Cinemas, wir bekommen etliche elegante Clubs und Vorstandsetagen in dunklen Tönen und weiße Kirchen und wehende Flaggen, schöne alte amerikanische Wagen und wunderbar zusammengestellte Ausstattungen geboten. Hier feiert einer ganz klar das Land, aus dem er stammt und das er ganz offensichtlich liebt. Daß dabei Geschichtsvergessenheit regiert, nimmt er in Kauf, ja, sie wird geradezu als notwendig für die Prosperität dieser spezifischen Gesellschaft betrachtet.

Auf dieser Ebene funktioniert der Film dann auch am besten. Doch weder als Sozialstudie, noch als Kapitalismuskritik oder gar als Kritik an den ökologisch verheerenden Folgen dessen, was gerade McDonald´s zum Standard erhob, kann THE FOUNDER überzeugen. Und will es augenscheinlich auch nicht. Letztlich ist dies die Feier derer, die sich durchsetzen, die Feier des amerikanischen Unternehmergeistes, der alles aus dem Weg räumt, was den eigenen Aufstieg behindert. Hier zeigt Hancock auch am ehesten noch eine gewisse Ambivalenz des Systems, denn die Brüder McDonald gängeln den Enthusiasten Kroc, solange sie die Oberhand haben, durchaus. Ihre Weigerungen, seinen Ideen zu folgen, zeigen Wirkung, ein zusehends verzweifelter Ray wird immer unwirscher und unfreundlicher gegenüber seinen Geschäftspartnern. Kapitalismus als Verdrängungswettbewerb, in welchem der gewinnt, der gerade sein Ohr am Puls der Zeit hat. Rays Gnadenlosigkeit gegenüber den Brüdern, sobald dann er die Macht besitzt, wird zwar nicht als Rache inszeniert, hat aber durchaus Züge einer Vergeltungsmaßnahme. Allerdings – einmal mehr Keatons darstellerischer Leistung geschuldet – ahnen wir, daß Ray so oder so, auch bei weniger Widerstand seiner Geschäftspartner, keine Rücksicht auf deren Befindlichkeiten, Zweifel oder moralischen Skrupel genommen hätte. Schließlich legt er ihnen diese seine Skrupellosigkeit expresis verbis sogar dar. Nie wird der Film so deutlich, wie in jenem Moment.

Wo Robert Zemeckis mit FORREST GUMP (1994) zumindest ansatzweise eine ätzende Komödie über eine Gesellschaft gelang, in der noch der größte Trottel es mit etwas Glück, Gleichmut und der gegebenen Naivität des Glaubens an Amerika und den viel beschworenen amerikanischen Traum weit bringen kann, weist Hancock den gebrochenen Blick zurück, verwahrt sich gegen den satirischen Zugriff, gibt den Verlierern zwar Raum, verkneift sich aber auch nicht eine gewisse Bloßstellung derer, die zu langsam, zu moralisch, zu skrupulös sind, ja, gibt sie gelegentlich gar der Lächerlichkeit preis. So charmant jene Szenen sind, in denen die stolzen Brüder Ray davon erzählen, wie sie auf einem Tennisplatz wieder und wieder die Küche aufzeichneten und ihre Belegschaft Kaltübungen der Abläufe proben ließen, um die beste Anordnung der diversen Maschinen und ihrer Abläufe zueinander zu finden, so distanziert – und damit auch kalt – ist jenes Bild, in dem die Brüder hilflos mit ansehen müssen, wie ihr Namenszug vom Dach ihres Lokals entfernt wird.

So weiß man nie, was dieser Film eigentlich will. Nach knapp zwei Stunden Laufzeit sind wir Zeuge eben einer dieser amerikanischen Heldensagen geworden, die in Ermangelung von Recken und Rittern, Königshäusern und Fürstenstürzen immer schon gern auf die Pioniere des Kapitalismus rekurriert und diese zu modernen Rittern – Glücksrittern eben – erhoben haben. Seltsam leer bleibt man im Kinosessel zurück, begeistert von den Bildern, berührt von der Ensembleleistung und befreit von allem allzu Kritischen, das gerade der europäische Blick auf eine solche Saga evoziert.

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