DIE JUNGEN WILDEN/THE YOUNG SAVAGES

John Frankenheimers zweiter Spielfilm als Regisseur überzeugt sowohl als Sozialdrama, wie er als Kriminalfilm und als Gerichtsdrama funktioniert

In Spanish Harlem wird ein junger Mann puertoricanischer Herkunft auf offener Strasse von drei italienischen sogenannten Rude Boys getötet. Die Täter werden sofort erfasst und auf ein Polizeirevier verfrachtet, wo sie der Staatsanwalt Hank Bell (Burt Lancaster) erstmals vernimmt. Es ist ihm wichtig, daß die Verfahrensregeln eingehalten werden, weshalb er die Verdächtigen auf verschiedenen Revieren verhören lassen will, da einer von ihnen unter dem gesetzlichen Mindestalter für Straftäter liegt. Zudem stellt Bell schnell fest, daß er es bei dem jungen Randolph (Larry Gates), der sich ihm gegenüber besonders rebellisch und unpfleglich benimmt, mit dem Sohn einer alten Liebe zu tun hat. Mary Di Pace (Shelley Winters) beschwört Bell, nicht einfach den Anschuldigungen der Angehörigen zu folgen, doch ihr Sohn gibt sich besonders brutal und nimmt die Schuld auf sich, viermal auf das Opfer eingestochen zu haben. Bells Frau Karin (Dina Merrill) weist ihren Mann mehrmals darauf hin, daß die Dinge oft nicht so einfach liegen, wie sie zunächst scheinen. Zudem, so sagt sie ihm, ist es widerlich, für halbe Kinder die Todesstrafe zu fordern. Selber ist Karin eine Soziologin, die sich mit den Gettos und ihren Bewohnern beschäftigt hat und die Verhältnisse kennt. Bell selber jedoch stammt aus Harlem und vertritt die Meinung, daß man es aus eigener Kraft aus den Fängen des Gettos schaffen müsse, muß sich dann aber der Tatsache stellen, in einem Land zu leben, in dem auch er seinen Namen lieber angliziert hat, als beim italienischen Bellini zu bleiben. Nun stellt Bell nach unc nach eigene Recherchen an und mit einem Mal ist das Opfer incht mehr der reine, unbefleckte Junge und die Mörder sind auch nicht mehr nur böse Jungs, sondern alle Beteiligten bekommen nach und nach eine Persönlichkeit, man versteht die Handlungen besser. Als es schließlich zur Verhandlung kommt, gelingt es Bell mit der Hilfe des Getöteten, zwischen den drei Tötern zu differenzieren. Und Randolph wirkt plötzlich auch nicht mehr hart, brutal und rebellisch, sondern verloren, klein und ängstlich…

1961 erschienen, kann man THE YOUNG SAVAGES (1961) gut in jenen Kanon von Filmen einreihen, die Hollywood seit Mitte der 1950er Jahre mit dem Aufkommen einer Garde neuer Regisseure produzierte und die sich weitaus mehr der sozialen Wirklichkeit der USA widmeten, als Hollywood das – abgesehen von den Warner Bros. Studios – je zuvor getan hatte. Elia Kazan hatte mit ON THE WATERFRONT (1954) einen Prototyp geliefert, wie man spannend, durchaus unterhaltsam und dennoch klaren Blickes auf soziale Mißstände blicken konnte, ebenso gab es eine Reihe von Filmen, die sich mit Themen wie Rassismus, Diskriminierung oder Jugendkriminalität beschäftigten. Richard Brooks BLACKBOARD JUNGLE (1955) ist das Paradebeispiel für letztere. Der vorliegende Film steht in eben dieser Tradition.

THE YOUNG SAVAGES ist eine Harold Hecht-Produktion, womit der Film im weitesten Sinne auch von Burt Lancaster mitproduziert wurde, der sich bereits seit 1948 mit Hecht und James Hill in der Firma Hecht – Hill – Lancaster in einer Produktionsfirma zusammengetan hatte. Neben allerhand Unterhaltungsfilmen, zeichnete die Firma aber auch immer wieder für „schwierige“ Themen verantwortlich – MARTY (1955) ist eines der besten Beispiele dafür – und somit passte der Stoff, den Edward Anhalt auf der Grundlage eines Romans von Ed McBain (A MATTER OF CONVICTION) entwickelt hatte, recht gut in das Anforderungsprofil. Burt Lancaster selber übernahm die Rolle des harten Staatsanwalts Hank Bell, der, selber aus den Slums von Harlem stammend, wenig Mitleid mit seinesgleichen zeigt und auch halbe Kinder mit harter Hand zu bestrafen bereit ist.

Betrachtet man einen Film wie THE YOUNG SAVAGES heute, springen die didaktischen Mätzchen natürlich sofort ins Auge. Dennoch ist zu konstatieren, daß der Film sich große Mühe gibt, zu differenzieren und seine Anliegen nicht zu dick aufzutragen. Was als Sozialdrama mit kriminalistischem Einschlag beginnt, entwickelt sich im letzten Drittel der gerade einmal knapp 100 Minuten Spielzeit zu einem Gerichtsdrama, das dann die Möglichkeiten bietet, Bells Entwicklung, seine psychische Wandlung vom Hardliner zum differenziert, liberal denkenden Menschen moderner Prägung, nachzuvollziehen und auszustellen. Viel ist im Film von sozialem Elend die Rede, davon, wie menschenverachtende Bauten eben auch nur menschenverachtende Menschen hervorbrächten. Dina Merrills Rolle als Mrs. Bell, die offensichtlich Soziologie studiert und lauter „neumodische“ Ideen hinsichtlich sozialer Bedingungen hat, diese Rolle gibt es im Grunde nur, um Lancaster einen Antagonisten entgegen zu setzen, mit dem er die Entwicklungen des Falles besprechen kann, um in dieser Reibung seine eigenen Entwicklung voranzutreiben. Und es ist genau diese Entwicklungsbewegung, die Bell beschreibt, um die es dem Film geht.

Dank eines Schauspielers wie John Davis Chandler kann man eine Eröffnungssequenz inszenieren, wie Frankenheimer, dessen zweiter Film dies erst war, sie inszeniert: Wenn die Rude Boys sich ihren Weg durch die Straßen bahnen, dazu David Amrams jazziger Soundtrack ein Gefühl für Großstadt, Hitze und Hektik erzeugt, wissen wir als Zuschauer, daß gleich etwas schreckliches passieren wird. Und so kommt es dann ja auch: Ein in unseren Augen vollkommen Unbescholtener, dazu noch ein blinder Junge, wie wir später erfahren, wird eiskalt von den drei Angreifern niedergestochen. Die Halbstarken sind schnell gefasst, der Staatsanwalt, Bell, der die Gegend kennt, will schnelle Ergebnisse und deshalb auch, daß alles mit rechten Dingen vor sich geht. Man mag sich der Jungen derb annehmen, daß sie – auch in der Art, wie sie sich geben – vom Publikum sofort als notorische und trotzige Rüpel, kurz als Täter, wahrgenommen werden, versteht Frankenheimer brillant zu vermitteln und hat seine Zuschauer damit natürlich exakt, wo er sie haben will. Derart manipuliert und eingenommen, stehen wir natürlich  hinter Bell und seinen Methoden und neigen schnell dazu, Mrs. Bells Einlassungen als typisch weiches Sozialgeschwätz der Liberalen abzutun. Bell vermittelt uns eindringlich, wie hart es ist, dort aufzuwachsen, wo auch er aufwuchs und dann stellt er sich selbst als Beispiel dafür aus, daß man es mit Willen und Selbstdisziplin auch schaffen kann, den Fängen des Gettos zu entkommen. Daß Bell seinen Namen von Bellini in das englisch/irisch klingende Bell geändert hat, untergräbt jedoch seine Autorität, beweist es doch, daß auch er weiß, daß man eben nicht nur mit eisernem Willen dem Getto entkommen kann, sondern eine gewisse Trickserei immer dazu gehört. Zudem verweist dieses im Film mehrmals erwähnte Detail auf den Minderwertigkeitskomplex, der gewissen ethnischen Minderheiten ob der Behandlung, die sie in ihrer neuen Heimat erfuhren, innewohnt.

Nach und nach entblättern sich die Zwischentöne, zeigen sich die Grauzonen, in denen nicht mehr eindeutig zuzuordnen ist, wer zu den Tätern, wer zu den Opfern zählt. Daß aus Opfern schließlich oftmals Täter werden, uns ist das eine Binsenweisheit, die 1961 erst langsam ins Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit sickerte. Es waren Filme wie der schon erwähnte BLACKBOARD JUNGLE, IN COLDBLOOD (1967), den ebenfalls Richard Brooks auf der Grundlage des Bestsellers von Truman Capote realisierte, und sogar die WEST SIDE STORY (1961) nimmt sich, bei aller Melodramatik, des Themas erstaunlich differenziert, sprachlich ambitioniert und musikalisch auf der Höhe seiner Zeit an. Hollywood, zuvor mit einem maßvoll sozialem Gewissen ausgestattet, entdeckte in jenen Jahren nach dem 2. Weltkrieg und zu Beginn der 60er, als Bürgerrechtsbewegung und Liberale sich aufmachten, die sozialen Verhältnisse des Landes neu zu ordnen, dies vollkommen neue inhaltliche Feld für sich.

Burt Lancaster galt gemeinhin als Linker in der Traumstadt, es wundert also nicht, wenn sich seine Produktionsfirma solcher Themen annahm. Viele seiner Filme aus diesen Tagen sind geprägt von kritischem und sozialem Bewusstsein. Schon SWEET SMELL OF SUCCESS (1957) wies in die Richtung, THE UNFORGIVEN (1960) setzte sich im Gewand eines Western mit Rassismus auseinander, ELMER GANTRY (1960) war eine beißende Satire auf übersteigerte Religiosität, JUDGMENT AT NUREMBERG (1961) eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust und der jüngeren Geschichte und BIRDMAN OF ALCATRAZ (1962) ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit im Strafvollzug, A CHILD IS WAITING (1963) schließlich, eine Zusammenarbeit mit dem Independent-Regisseur John Cassavettes, deutete an, daß Lancaster ernsthaft im „Kunstkino“ angekommen sein könnte – was er im Jahr drauf mit dem Engagement für Luchino Visconti in IL GATTOPARDO (1963) bewies. Danach wurden seine Filme wieder konventioneller, oft auch seichter, man denke nur an den verunglückten Westernspaß THE HALLELUJAH TRAIL (1965). Mitten zwischen all den aufregenden, neuen und hintersinnigen Werken also THE YOUNG SAVAGES.

Wie SWEET SMELL OF SUCCESS bedient sich auch dieser Film stilistisch bei Elementen des Film Noir, setzt zudem – an Originalschauplätzen in Spanish Harlem und anderen Locations in New York gedreht – auf einen hohen Grad an Authentizität und genauer Personen-, wie Milieuschilderung. Aufregend bleibt der Film bis zum Schluß und der plötzliche Schwenk vom realistischen, harten Sozialdrama mit kriminellem Einschlag, zum Gerichtsdrama, funktioniert erstaunlich gut und baut noch einmal vollkommen neue Spannung auf. So kann der Film neben seinen Anliegen auch einfach als spannender Unterhaltungsfilm mit hervorragender Besetzung überzeugen. Kritisch könnte man natürlich genau diese Besetzung betrachten, denn hier tritt eine ganze Riege einglischer, englischstämmiger und mit deutlich englischem Akzenten Ausgestatteter als Italiener auf, was sie nicht unbedingt glaubwürdig in ihren Rollen wirken lässt. Doch ist dies Jammern auf hohem Niveu, bedenkt man, wie vielschichtig es Anhalts Buch gelingt, verschiedene Aspekte – jugendliche Gefallsucht, Rassismus, Lebensbedingungen im Getto, traditionelle Werte als Hemmer und Hindernis auf dem Weg zur Wahrheit etc. – ineinander fließen zu lassen und dabei heraus zu arbeiten, wie all diese gemeinsam Auslöser, Verstärker, Grund und Anlaß gewesen sein können, daß es zu einer schrecklichen Tat kam. Dabei gelingt es Buch und Film zudem, diese Tat niemals zu verharmlosen und dennoch differenziert darauf zu blicken. Das macht THE YOUNG SAVAGES duechaus zu einem Ausnahmefilm in seiner Zeit und unter seinesgleichen.

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