ELMER GANTRY

"Gott ist im Geschäft"

Der Mittelwesten der Vereinigten Staaten während der Prohibition und frühen Great Depression: Elmer Gantry (Burt Lancaster) gibt den Handelsvertreter, läßt den lieben Gott einen guten Mann sein, hat ein Herz für Missionsschwestern, verbotene Drinks und alle fleischlichen Gelüste. Durch Zufall findet er heraus, daß man – hat man die rhetorische Begabung dazu, die er zweifelsohne besitzt – als Prediger in einem der zahlreichen Missionszelte, die durch die staubige Provinz ziehen, einen weitaus besseren Schnitt machen kann, als auf der Ochsentour von Tür zu Tür. Er schließt sich der Missionarin Schwester Sarah Falconer an (Jean Simmons), die großen Zulauf gerade in jenen Gemeinden hat, wo die Kirchen seit geraumer Zeit keine Besucher mehr haben. Arbeitsteilig predigt sie von Gottes Gnaden und Barmherzigkeit, während Gantry die Gemeinde mit Bildern der Apokalypse in Angst in Schrecken versetzt. Als Gantrys Vergangenheit ihn einholt, kommt das ganze lukrative Geschäftsmodell in Verruf…

Richard Brooks – einer jener Handwerker Hollywoods, die meist viel zu wenig Anerkennung bekamen und im Grunde doch genau dem Profil der europäischen ‚Auteurs‘ entsprach – adaptierte Sinclair Lewis´ berühmten Roman von 1927 im Geist der Vorlage mit viel Ironie als beißende Satire, inszenierte den Film mit bösem Blick als bissigen Kommentar auf die spezifischen Eigenarten der späten Erweckungsbewegungen der Depressionszeit. Brooks eigenes Drehbuch hält sich vergleichsweise eng an Lewis´ Vorlage, strafft Story und Personal  jedoch filmtauglich. Und es schuf die Gestalt des Elmer Gantry als Paraderolle für Hauptdarsteller Burt Lancaster, der dafür seinen einzigen Oscar als Hauptdarsteller gewann.

Lancasters Performance – und es IST eine Performance, ein Parcoursritt auf den schmalen Graten des Wahns – wirkt wie eine Studie in Manie, wie die Nahbeobachtung eines Getriebenen, eines Hallodri, eines Mannes, der bar jeglicher Moral alles zu seinem Nutzen zu brauchen weiß. Laut Joe Hembus´ WESTERN-LEXIKON hat der Autor Bordon Chase einst über Lancaster gesagt, dieser nehme sich grundsätzlich die Gelegenheit, seine Beißerchen in einem falschen Grinsen zur Schau zu stellen. Wenn dem so ist, dann gibt Brooks seinem Hauptdarsteller maximalen Raum, genau diese Übung zu vollziehen. Dieser Gantry in Lancasters Interpretation weiß sich jederzeit noch den übelsten Unbill zunutze zu machen. Er stolpert in einen rein schwarzen Gottesdienst? Kein Problem, mit seiner schönen Stimme singt er einfach lauter als jeder andere im Zelt und ringt damit noch den letzten Zweifel und Vorbehalt nieder; er biedert sich Schwester Falconer mit all der ihm zur Verfügung stehenden (falschen) Demut an und überzeugt sie so, ihn in ihre Show aufzunehmen; er weiß auf jede Anfeindung eine Antwort, jeden Angriff versteht er zu parieren. Und wenn die Sache letztlich doch schiefgeht? Dann ist Elmer Gantry wieder unterwegs auf den Güterzügen, zwischen den andern Hobos. Lancaster versteht es brillant, diesen Menschen mit einer überbordenden Lebensfreude auszustatten und ihn dem Zuschauer damit durchaus sympathisch erscheinen zu lassen. Aber man darf und sollte nicht übersehen, daß ihm auch die Zwischentöne perfekt gelingen, das Umschalten von überherzlichem Lachen und lautem Gegröle zu Betroffenheit, einer gewissen Niedergeschlagenheit und wenn es darauf ankommt auch zu Aggressivität. Genau dies – eine unterschwellige Aggressivität und damit möglicherweise einhergehende Gewaltbereitschaft und Brutalität schimmern durch Lancasters Spiel immer hindurch ohne je virulent zu werden.

Neben Lancasters Darstellung gelingen aber auch allen anderen Beteiligten gute bis herausragende Leistungen. Jean Simmons hat einen Moment, der beweist, daß auch sie eine der meist unterschätzten ‚leading Ladies‘ in Hollywood war. Wenn Schwester Falconer erstmals vor das „skeptische“ Großstadtpublikum tritt und sich einer ihr durchaus feindlich gesonnenen Gesellschaft aus Gewerkschaftlern, Studenten und liberalen Gruppierungen gegenübersieht, die sie angreifen, gelingt es ihr, das Zelt, ihre Widersache, ja, sogar den ihr äußerst skeptisch begegnenden und die Show begleitenden Journalisten Jim Lefferts (Arthur Kennedy) buchstäblich in die Knie zu zwingen. Und zwar gelingt ihr dies ohne ein Wort, nur mit Blicken. Simmons spielt das großartig. Es sind Szenen wie diese oder auch jene, in der ein im Schweiße seines Angesichts die Verdammnis predigender Gantry auf eine zutiefst verstörte Gemeinde niederkommt, die den Film nicht nur so glaubhaft machen, sondern die Figuren über reine Comiccharaktere, Abziehbilder und Klischees hinaushieven. Denn in Szenen wie den beschriebenen – und es gibt derer einige – verwischt vor unseren Augen die innere Motivation der Figuren. Ist dieser Gantry wirklich nur ein Blender? Ein abgebrochener Theologiestudent, der die Bibel nachweislich auswendig kann, dies ausnutzend, um auf der Klaviatur der Ängste seiner Zeitgenossen zu spielen? Oder ist da eben doch mehr, ein Surplus, eine innere Überzeugung, Überzeugtheit? Lancaster, aber auch Simmons, gelingt es immer wieder, diesen Moment einzufangen, in denen ihre Charaktere zumindest von der eigenen Fähigkeit zu Überzeugung mitgerissen werden. Glauben sie, was sie da sagen? Das spielt schlicht keine Rolle mehr – sie gehen soweit in ihrer Darstellung auf, daß sie sich selbst verlassen, vergessen, überwinden. Dann sind sie die, die sie zu sein vorgeben. In beiden Fällen sind dies hervorragende Leistungen.

Doch auch die illustre Riege der Darsteller der Nebenfiguren, die in diesem Film sehr, sehr wesentlich sind, muß erwähnt werden. Kennedy gibt den Jim Lefferts als zwar zynischen (und damit dem Hollywoodklischee eines solchen entsprechenden) doch durchaus staunenden Vertreter der Presse, der nur den Kopf schütteln kann, ob der Chuzpe, mit der Falconer und Gantry sich nehmen, was sie wollen oder zu brauchen meinen. Zu erwähnen ist auch Edward Andrews, der den Babbitt mit all dem zu großen, zu aufgeblähten Ego des Provinzfürsten gibt. Es ist eben jener Babbitt, den Sinclair Lewis schon 1922 in einem gleichnamigen Roman gewürdigt hatte. Und Dean Jagger als Falconers Adlatus William L. Morgan weiß immer im richtigen Moment von moralischer Empörung ob des vulgären Gantry zu Entzückung zu wechseln, wenn der den nächsten dicken Scheck an Land gezogen hat.

Wenn man dem Film überhaupt einen Vorwurf machen kann, denn er unterhält auf intelligente Art und Weise bei einer Laufzeit von immerhin 140 Minuten, dann ist es vielleicht das Thema selbst. Sicher, auch die 1950er und 60er Jahre sahen ein erneutes Erstarken fundamentalchristlicher Sekten und Grüppchen, doch diese anzugreifen, war 1960 sicherlich wohlfeil. Hinzu kommt, daß der Film sein kritisches Anliegen, all diesen Gruppen und Gruppierungen gegenüber immer skeptisch zu bleiben, sich nicht von Menschenfischern mit rhetorisch herausragenden Fähigkeiten einfangen zu lassen, manchmal etwas sehr laut und prätentiös herausposaunt. Doch leise ist die Sache dieses Films nicht. So gesehen passt auch das Laute, das Marktschreierische zu ELMAR GENTRY. In Zeiten, in denen einerseits eine verstörende Art von Religiosität um sich greift und den Westen damit provoziert und auch konfrontiert, in der zugleich aber auch eine Abwehrhaltung entsteht, die eine offene Diskussion kaum mehr möglich macht, nutzt ein Film wie Brooks´ aber auch, um etwas zurück zu holen in die Betrachtungen, das doch allzu schnell verloren zu gehen droht: Humor. Davon allerdings besitzt der Film eine Menge. So gesehen, sollte er unbedingt wieder betrachtet werden!

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