TIM & STRUPPI UND DAS GEHEIMNIS DER LITERATUR/TIM AND THE SECRET OF LITERATURE

Tom McCarthy untersucht einen der berühmtesten Comics des 20. Jahrhunderts

Den nie sonderlich comicbegeisterten Deutschen wurden der „rasende Reporter“ Tim und sein ihm treu ergebener Hund Struppi, deren gemeinsamer Freund Käpt´n Haddock, Professor Bienlein und die Agenten oder Detektive oder Polizisten Schulze und Schultze im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu ihren liebsten gezeichneten Figuren. Vermarktet als Abenteuergeschichten mit meist komischen Einschlag, bewundert für den klaren Strich, die geschlossene Umrandung und die detaillierten und enorm präzisen Bilder und gepriesen für die fast literarisch anmutenden Charaktere der Figuren, entging dem gemeinen Leser meist, daß die Bildgeschichten des Belgiers Hergé durchaus mehr subtile, manchmal mehr, manchmal weniger skrupulöse Botschaften und ideologische Propaganda verbreiteten, als man es gemeinhin von einem Comic, der bis weit in die 1990er Jahre hinein grundlegend als Kinderlektüre identifiziert wurde, erwarten würde.

Daß Hergé beispielsweise Menschen dunkler Hautfarbe meist, wenn nicht immer, einen gewissen kindlichen Charakter verpasste, daß in diesen Geschichten ein gewisser europäischer Kulturimperialismus des 19. Jahrhunderts wenn nicht gelobt, so doch heimlich fortgeschrieben wurde, daß hier die Welt gnadenlos aus eurozentrischer Perspektive betrachtet wird und natürlich alles Linke, jedweder Kommunismus und selbst Liberalität eher skeptisch bis abweisend betrachtet werden – das fiel schon auf, selbst Kindern. Daß Hergé aber zum Beispiel auch antisemitische Klischees bediente, hätte zumindest jedem halbwegs Gebildeten und mit den Abseitigkeiten der jüngeren deutschen Geschichte Vertrauten auffallen können. Der Autor – doch diese „Spitzfindigkeiten“, wie seine treuen Anhänger es nannten, wurden erst vergleichsweise spät, in den 1970er und vor allem den frühen 80er Jahren bekannt – hatte früh nicht nur klar antisowjetische (was vielleicht nachvollziehbar gewesen sein mag in den 1930er Jahren) Cartoons geliefert (Tims allererstes Abenteuer führte den nie berichtenden Reporter, die, so McCarthy, „Nulllinie des Charkters“, in die Sowjetunion, wo dieser aller Gräuel der Bolschewiki und aller traurigen Schicksale der Kulaken ansichtig wird) sondern schloß sich auch der Zeitschrift ‚Le Soir‘ an, die nach der Besetzung Belgiens das Sprachrohr der deutschen Besatzer wurde und somit auch üble antisemitische Propaganda verbreitete, die auch aus Hergés Feder floß.

Die Freundschaft zu dem Chinesen Tschang, der ihm vor allem für das Album DER BLAUE LOTUS eine Schnelleinführung in chinesische Geschichte, Bräuche und Sitten verpasste, ließ Hergé differenzierter über Kolonialismus und Imperialismus denken, was sich schließlich auch in den Bänden niederschlagen sollte, die während des Krieges und der Besatzungszeit entstanden. In diesen Alben kann man auch eine Abkehr erkennen, die den Zeichner und Geschichtenerfinder immer kritischer gegenüber dem Nationalsozialismus erscheinen ließ. Nach dem Krieg und mit immer mehr Kenntnissen dessen, was unter den Nazis wirklich passiert war, rückte der Autor spürbar weiter nach links, ohne dabei wirklich je den linken Rand touchiert zu haben. Ob diese Bewegung wirklicher Überzeugung, reinem Kalkül oder einer schwer definierbaren Mischung aus diesen und anderen Gründen – Scham beispielsweise – geschuldet war, ist bis heute umstritten. Fakt ist und bleibt, daß, sobald sich Literatur- und Kulturwissenschaftler mit dem, was gemeinhin neben den Asterix-Heften der Franzosen René Goscinny und Albert Uderzo als „bester Comic aller Zeiten“ betrachtet wird, zu beschäftigen beginnen, eine ganze Reihe ebenso hässlicher wie faszinierender Seiten des Werkes zutage treten.

Nun ist es ja ein Hobby der kritischen Kulturwissenschaftler, Anerkanntes und Beliebtes zu beschmutzen oder in Frage zu stellen, bekommt man mit dieser Methode doch garantiert die meiste Aufmerksamkeit (das führt soweit, daß Historiker des Mittelalters mitunter behaupten, selbiges habe gar nicht stattgefunden – sozusagen die ‚ultima ratio‘ der Aufmerksamkeitsbeschaffung: Die eigene Profession abzuschaffen oder für inexistent zu erklären). Doch bleibt an Hergés Werk eben wahrlich vieles hängen, ob einem das als alter Fan aus Kindheitstagen nun gefällt oder nicht. Umso schöner, wenn sich ein anderer alter Fan aus Kindheits- und Jugendtagen daran macht, das Werk noch einmal neu unter die Lupe zu nehmen, dabei aber auch Schichten, Ebenen und Abzweigungen bedenkend, die nicht zwangsläufig zu den politisch und ideologisch belasteten Seiten führen, diese jedoch auch nicht außer Acht lassend, sondern vielmehr neue Zusammenhänge herstellend und damit durchaus neue Blicke auch auf die belasteten Seiten eröffnend.

Der britische Publizist, Romanautor und Künstler Tom McCarthy, ausgestattet mit dem postmodernen Instrumentarium französischer Provenienz, mit strukturalistischen und poststrukturalistischen Theorien zu Dekonstruktion und Dessemination, mit semiologischen Kenntnissen und voller Lust daran, diese so spielerisch wie möglich anzuwenden, unternimmt genau diesen Versuch. Er nähert sich dem Werk – der Titel seines Buches TINTIN AND THE SECRET OF LITERATURE deutet es an – als ernstzunehmender Literatur und ruft Roland Barthes als seinen Zeugen auf, daß genau diese Volte möglich ist. Sich an Barthes theoretischen Konzepten aus dessen Analyse von Balzacs SARRASINE orientierend, versucht McCarthy zunächst nachzuweisen, daß Hergé Balzacs Roman wohl kannte und dessen Grundstruktur in vielerlei Hinsicht für die Ausbildung seines Figuren- und Geschichtenkosmos nutzte. Von diesem Fundament aus untersucht McCarthy eben diesen Kosmos.

Er spürt gewissen wiederkehrenden Elementen in den einzelnen Heften nach – die Nutzung von Karten und Codes, geheime Gänge und Räume, die Krypta als allegorisches Mittel, Familienstrukturen oder Stimmen und Geräuschen als Doppelungen, Fälschungen und Irrungen – und spürt so nach und nach einer verdeckten Struktur nach, die das gesamte Werk durchzieht. Interessant wird es immer dort, wo Leben des Autors und die Geschehnisse und auch die abenteuerübergreifenden Entwicklungen im Werk eng miteinander korrespondieren. Hergé, der zeitlebens mit der Idee spielte, selber ein inoffizieller Abkömmling des belgischen Königshauses zu sein, dessen Name ein Spiel mit Initialen ist, die Möglichkeiten solcher Überlegungen andeuten, lässt die Freunde Tim und Haddock über zwei Alben hinweg auf eine gewundene Spurensuche gehen, bis sie wieder am Ausgangspunkt, dem Schloß Haddocks, anlangen und endlich lernen, die Zeichen richtig zu lesen. Und diese Zeichen deuten auf ein ähnliches Schicksal des ewig unglücklichen, ewig fluchenden Mannes hin. Das Lesen von Zeichen, die Spurensuche, Geheimnisse als solche zu erkennen, zu verfolgen und aufzudröseln (zu zerstören) entspricht natürlich dem Medium, das sich vollkommen auf die Entschlüsselung mehr oder weniger abstrahierender Zeichen verlässt. Der Comic bietet dafür immer dann ganz eigene Lösungsmöglichkeiten, wo es ihm gelingt, entweder das Korsett herkömmlicher Narrative zu sprengen oder aber seine Story mit eben dem aufzuladen, was ihn bestimmt: Zeichen. Auch hier zieht McCarthy eine Verbindungslinie zu Balzacs kurzem Band. Der große französische Meister war ein visueller Mensch, er weiß mit seiner Sprache wahre Fresken sozialer Räusche entstehen zu lassen. So spielt in SARRASINE eine Statue eine wesentliche Rolle und damit auch die Frage der Repräsentation: Der Zirkelschlag zu Roland Barthes und den ihm folgenden Theoretikern der französischen Schule. Denn „Repräsentation“ – als sprachliches Zeichen, Symbol, als Metapher, Klischee oder einer anderen der unendlich vielen Möglichkeiten ihres Erscheinens – ist ein Schlüsselbegriff (post)strukturalistischer Theorie. Es ist schlußendlich ein Nachdenken über Wirklichkeitserscheinung und Wirklichkeitswahrnehmung. Hergé liefert seinen ganz eigenen Beitrag dazu.

Natürlich stößt McCarthy bei seiner mal seriös wissenschaftlich-hermeneutischen Standards folgenden, manchmal selbstvergessen vor Lust an der Beschreibung und am wilden Denken übersprudelnden Studie auch auf jene schon besprochenen düsteren Seiten in Hergés Leben, allerdings ordnet er sie, ohne irgendetwas herunter zu spielen, nicht als ideologisch gefestigte Überzeugungstaten ein, sondern eher als opportunistische Handlungen eines noch jungen Mannes ein, der erste Erfolge hat und sich diese nicht nehmen lassen will. Ohne sich auf allzu viel Psychologisierung einzulassen, zeichnet McCarthy das Bild eines oft unsicheren Mannes, der sich auch seines Könnens erst allmählich bewusst wurde, der dann aber fast eifersüchtig über sein Werk wachte, anders als die Erschaffer von Asterix auch keine Weiterführung über seinen Tod hinaus wollte und es nicht einmal fertig brachte, die Namen seiner Co-Zeichner auf oder in den Heften zu erwähnen, obwohl er mit zunehmender Popularität einen ganzen Stab Mitarbeiter und Zeichner beschäftigte, der sich um die Rohzeichnungen, um Recherche und Ausarbeitung bspw. immer neuer Autotypen und anderen technischen Geräts, um Hintergründe und einzelne Figuren kümmerte. Ein Opportunist mit einer Sonderbegabung möchte man meinen, doch McCarthy urteilt nicht. Es geht ihm allein um die Faszination an der Spiegelung von Leben und Werk ineinander, aber darüber hinaus auch einfach um die Spurensuche im Werk, die Lust am Lesen dieses Werkes auf ganz unterschiedlichen Ebenen und um das Aufdecken geheimer, verdeckter, gar vergessener Zusammenhänge. Zeichenspiele.

Das liest sich flott und macht Spaß. Die Freude, McCarthys manchmal schon gewagten Gedankengängen zu folgen und sich immer wieder davon überraschen zu lassen, daß sie aufgehen, wird ein wenig dadurch geschmälert, daß er manchmal die Grenze zwischen seinen jeweiligen Objekten nicht mehr klar zieht, man also nicht immer weiß, spricht er über Balzac?, oder doch über Hergé? Hinzu kommt eine zunächst ob ihrer Detailtreue erfrischende, dann irgendwann enervierende Lust am Beispiel, wobei McCarthy problemlos über Albumgrenzen hinwegspringt, ohne den Leser davon zwangsläufig in Kenntnis zu setzen. Befand man sich eben noch bei den JUWELEN DER SÄNGERIN, findet man sich am Ende des gleichen Absatzes im ARUMBAYA-FETISCH wieder. Da geht mit dem Autor dann durchaus schon mal die reine Lust der Beschreibung dessen, was er so mag, durch. Es fällt auf, daß Inhalt und strukturelle Form der Narrationen des Gesamtwerkes hervorstechen, Hergés Zeichenstil, der möglicherweise in seiner Umschließungsmanie auch auf einen Zwangscharakter hindeutet, bei McCarthy jedoch weitaus weniger Raum einnimmt. Doch McCarthy weiß sich vielleicht auch zu bescheiden und nicht über einen Umfang hinaus zu wachsen, der dem Gegenstand irgendwann nicht mehr angemessen wäre. Ein feiner Band, diese literaturwissenschaftliche Untersuchung eines der wichtigsten Comicbände des 20. Jahrhunderts. Macht Lust, sich das ganze Werk sukzessive noch einmal vorzunehmen. Macht süchtig.

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